Phasenweise Phrasenreise auf Allgemeinplätzchen

Text von Michael Krakow
Auf Phrasen trifft der (auch un)geneigte Hörer in der Musik, wesentlich häufiger jedoch in der alltäglichen Sprache. Ob im eher privaten Rahmen oder gerade auch auf Allgemeinplätzen, wenn dieser kleine Kalauer gestattet ist. Weshalb es den gern aus der sprachlichen Hüfte agierenden dazu drängt, annähernd permanent das zu verwenden, was der Duden als „Sentenz oder Floskel“, Wikipedia als „inhaltsleere Sprachhülse“ und Hans-Otto Schenk ungnädig als „Papageiendeutsch“ diskreditiert, erschließt sich nicht auf Anhieb.
Wer sich allerdings linguistisch den Jägern und Sammlern zurechnet, findet in jedem Fall reiche Beute. Überreich, weshalb sich dieses Embolium auf Satzanfänge, Einstiege, einleitende Auftakte zu nachfolgenden Aussagen fokussieren soll. Besonders das preußisch-imperative „Passen se auf“ erzwingt auf so ungemein unangenehme Weise Aufmerksamkeit und impliziert zudem sogleich, dass bis zu dieser harschen Anweisung keinerlei Aufmerksamkeit gegeben, somit ein eklatanter Mangel erkannt wurde sowie völlig zu recht nun eine Bringschuld eingefordert wird. Ein unverhohlen hierarchischer Einstieg, besonders scheußlich, wenn er inflationär jedem zweitem Aussagebeginn vorangestellt wird. Enttäuschend zudem, wenn der Informations- und/oder Unterhaltungswert des so pompös introduzierten nicht annähernd hält, was dieser verhieß oder nur eine faktisch arg dünne Meinung autokratisch prophylaktisch aufpolieren soll.
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In ihrer Überflüssigkeit mühelos überboten wird diese Einleitung jedoch von dem paradoxen „Ich will Ihnen mal was sagen“. Abgesehen davon, dass die angekündigte Handlung bereits mit und durch diese Ankündigung eingetreten ist (eine klassisch normative Kraft des Faktischen, vgl. „Darf ich Sie etwas fragen?“), wäre es dem Adressaten auch ohne diese ganz und gar unklandestine Warnung aufgefallen, dass ihm etwas gesagt wird. Fällt ihm dies durch mannigfaltige Gründe jedoch nicht auf, so wird er wohl auch diesen martialischen Auftakt verpassen. Diese Form des absurden Satzbeginns ist auch abgemildert in der kompakten Straßenversionen erhältlich: „Ich sag ma…“. Im herrlichen Sprach-Eldorado Ruhrgebiet lauscht man häufig auch der beliebten Pluralvariante „Wolln ma so sagen,…“.
Doch hurtig weiter in der fransigen Parade der stolpernden Phrasen. Ganz gleich, ob eine Meinung abgefragt wird oder ungefragt geäußert wird (absolut der Regelfall), so ist doch ganz wichtig, in die Proklamation einzusteigen mit dem Hinweis „Also, ich persönlich…“. Wie anders als persönlich kann man seine Sicht auf die Dinge kundtun? Ich und persönlich sind eine Dopplung wie ein weißes Schimmel (wahlweise gieriges Finanzamt, narzistischer Bayernvorstand etc.). Unpersönlich von sich selbst zu sprechen scheint nicht nur widersprüchlich, es ist es zweifelsohne.
Doch auch diese Sprachburleske läßt sich durch ein alltagstaugliches Modell ergänzen: „Wenn Sie mich so fragen“. Es versteht sich, dass diese Formulierung nicht gebraucht werden darf, wenn dem tatsächlich eine direkte Frage vorausging, da dies ihren famos schrägen Charakter zunichte macht. Alternativ kann auch die inhaltliche Verantwortung erfrischend als bloße Unterstellung retourniert werden: „Wenn Sie so wollen,…“. Auch hier wieder gilt: Nicht einsetzen, wenn der Angesprochene wirklich so will, der Reiz liegt in der lakonischen Unterstellung. Wer Ja und Nein wegen und in ihrer Klarheit vermeiden möchte, bezweifelt schlicht den Status des besprechenswerten mit dem ewig jungen „Kein Thema!“ Wirkt souverän und sagt dennoch so herrlich wenig aus.
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Die Königsklasse im Karussell der unsinnigen Satzfragmente allerdings kann erlangt werden, wenn der Wahrheitsgehalt gefühlt zweifelhaft ist. Hier nämlich wird elegant die ambitionierte Absicht bekundet: „Ich will jetzt nicht lügen“. Darf also davon ausgegangen werden, dass der Sprecher häufig lügt, sich darüber bewußt ist sowie dagegen ankämpft? Oder ist es ein verklausliertes Kompliment, da lediglich jetzt in diesem Augenblick nicht gelogen werden will, eine Hommage an den Hörenden? Der Könner aber bindet auch hier den Angesprochenen geschickt mit ein: „Lassen se mich jetzt nich lügen!“. Lassen wir den Umstand außer acht, dass es kaum möglich ist, jemanden (zumindest gesetzeskonform, sprich gewaltfrei) an unwahrheitlichen Äußerungen zu hindern, so erinnert diese Bitte um Vermeidungsunterstützung grotesk unterhaltsam an reflektiert Süchtige. Die Kontrolle, ob die Verhinderung der Lüge durch den Hörer erfolgreich war, ist überdies an Ort und Stelle selten möglich bzw. überhaupt angestrebt. Ja, ich weiß, natürlich ist klar, dass diese Phrase übersetzt bedeutet „Ich weiß es nicht genau, ich spekuliere jetzt halblaut die Wahrscheinlichkeiten und übernehme daher ungern deren Gewährleistung und bitte Sie jetzt um die Übernahme dessen“. Das aber klingt eben arg sperrig und wenig alltagstauglich. Doch Phrasen wie diese (vgl. Die Toten Hosen) zu überdenken und auf ihren Gehalt semantisch zu zerlegen, kann so wunderbar korinthisch entleerend wirken.
Tja, lasse ich es für heute gut sein und schließe dieses Embolium nun einfach ab mit Einleitungen. Bereit? Passen Sie auf, ich will Ihnen mal was schreiben. Ich für meinen Teil finde: Alles wird grün, verehrte Charismatiker. Also, wenn Sie mich so fragen, da will ich jetzt nicht lügen.
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