Gesucht: Traumausstatter mit Mutausbruch

Ein Mann steht auf dem Brett eines Sprungturms und lacht ansteckend. Ein echtes Lachen, geboren aus purem Vergnügen. Die Sonne scheint auf seinen kleinen Körper und sie strahlt auch nicht minder kraftvoll aus seinem Innern. Er lässt sich fallen und nach dem Flug durch die Luft verschwindet er mit kräftigem Klatscher im Wasserbecken. Der 35jährige Nick Vujicic taucht nach einer Weile, schier platzend vor Lebensfreude, wieder über der Wasseroberfläche auf. Er ist gar nicht klein, sondern wurde ohne Arme und Beine geboren, verfügt nur über Kopf und Torso. Neben dem Schwimmen spielt Nick Golf und surft, er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Sein Geld verdient er mit Vorträgen, die er auf einem Tisch auf der Bühne voller Energie und offensichtlich überglücklich hüpfend absolviert.

Muniba Mazar kurvt im Rollstuhl in einer sehr großen, vollbesetzten Halle über die Bühne und berichtet äußerst lebendig von der Kraft des Lebens. Als Jugendliche wurde die Pakistani von ihren Eltern verheiratet, diese äußerst unglückliche Ehe endete wie gleichzeitig überhaupt ihr bisheriges Leben 2007. Ein grausiger Autounfall hat physisch so vieles zerstört in ihrem Körper, dass es ein echtes Wunder ist, dass sie überhaupt noch lebt. Sie hat einen kleinen Jungen adoptiert, reist mit ihm durch die Welt und gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in den Foren der Welt.

Die kuriose Verunglückung des jungen Samuel Koch haben viele Menschen live miterlebt, denn bekanntermaßen widerfuhr ihm dieser 2010 während einer Livesendung. Die fallbeilartige Konsequenz lautete Tetraplegie, vom Hals abwärts spürt und kontrolliert er seitdem nichts mehr. Sein Schauspielstudium führte er nach seinen langen Krankenhausaufenthalten erfolgreich zu Ende, heiratete und arbeitet heute erfolgreich in seinem Beruf auf Theaterbühnen.

Was haben diese drei Personen mit dem heutigen Kopfsalat zu tun? Nun, in deren Wortschatz scheinen Sätze zu fehlen, die zum Alltag der meisten Menschen gehören. Zum Beispiel „Das kann ich nicht, das schaffe ich nicht“ oder „Wenn ich damals dies und das getan oder gelassen hätte, wäre es anders gekommen“ oder „Jetzt ist es zu spät, es noch zu versuchen“ oder „Wenn dieses und jenes als Voraussetzung gegeben wäre, dann würde ich…“ oder „Wenn die eine Sache sich ergeben würde, wäre ich glücklich“.

Kennen Sie einen oder mehrere dieser Sätze vielleicht? Diese Aussagen sind das eigentliche Problem, die wahrhaft großen Blockierer der Traumausstattung. Nicht so sehr fehlende Gliedmaßen, verlorene Mobilität, Handicaps, fehlende Voraussetzungen wie zum Beispiel Geld. Es ist diese wohlvertraute, leise Stimme tief drinnen, die bei Herausforderungen immer wieder in uns flüstert „Das kannst Du nicht. Das schaffst Du nicht. Du bist nicht gut genug.“. Es sind so selten äußere Umstände, die uns letztlich nur als Schutzschild dienen, uns nicht den Chancen zu stellen, es nicht zu versuchen, diese Stimme ist es. Es ist der Zweifel an uns selbst, das Zaudern und die falsche Gewissheit, unvollkommen zu sein. Was das Leben uns als Möglichkeiten eröffnet, wird als turmhohe, unüberwindbare Mauer missempfunden. In uns ist alles, was es braucht. Was noch fehlt, entsteht durch inneres Wachstum. Kinder beklagen auf dem Spielplatz nicht, was an Spielgeräten fehlt. Sie spielen mit dem, was vorgehalten wird und ergänzen den Rest mit ihrer Phantasie. So lernen sie und werden stetig stärker. Diese Fähigkeit haben wir Großen (eigentlich Kleinen) uns abtrainieren lassen durch Sozialisation, Schule und Beruf, doch sie ist noch da. Nur verschüttet. Das ganze Leben ist ein Spielplatz, abseits anderen beim Spielen zuzuschauen, ist nicht der Sinn des Daseins. Die Band Tocotronic singt „Pure Vernunft darf niemals siegen“.

Der zweite große Verhinderer ist die zu recht erwartete Anstrengung. „Ich kann das nicht“ bedeutet übersetzt „Die Anstrengung, welche nötig wäre, um es schaffen zu können, ist mir zu groß“. Meine Ruhrgebietsoma sagte gern „Kann nich wohnt in der Willnich-Straße“ und damit brachte sie unprätentiös auf den Punkt, was der Punkt ist. Als wenn jemandem, den wir bewundern für das, was sie oder er beeindruckend beherrscht, dies über Nacht als Geschenk vor sein Bett gelegt bekommen hätte. Ein Geschenk allerdings hat ein jeder von uns erhalten, nämlich mindestens eine Gabe, die in uns schlummert, darauf sehnsüchtig wartet, entpackt und bespielt zu werden.

Eine sehr geschätzte Freundin von mir hat die herrlichste Singstimme, die ich mir denken kann. Ein Talent? Oh ja, ohne Frage, ein riesiges. Doch was von ihren Zuhörern aus Sitzreihen im Saal oder als Reporter selten erlebt wird, ist, dass sie auch nach Jahrzehnten der Praxis noch immer daheim so häufig übt und probt, wie es ihr möglich ist. Ohne Anstrengung gibt es keine Ergebnisse, doch beginnt alles mit einem Beginn. Den ersten Schritt zu scheuen, weil er zwangsläufig der Vorgänger von unendlich vielen weiteren ist, ist eher faul denn sinnvoll. Können Sie radfahren? Wie ist Ihr erster Versuch verlaufen, erinnern Sie ihn? Vermutlich kläglich, nicht wahr? Weshalb können Sie es heute dieser mißglückten Premiere zum Trotze? Richtig, weil Sie wieder aufstiegen und wieder und wieder und wieder. Dieses Prinzip gilt für alles im Leben, wir beginnen mit der ersten Tat. Ein Dozent berichtete kürzlich, dass er sich jeden Morgen aus einem deutsch-chinesischen Wörterbuch ein Wort heraussucht und es auswendig lernt. Ein einziges Wort. Als seine Zuhörer lachten, fügte er frech herausfordernd hinzu: „Am Ende des Jahres beherrsche ich 365 chinesische Worte. Sie auch?“. Stille im Saal. Er hat recht. Dinge entstehen dadurch, dass man sie tut. Es spielt keine Rolle, ob es am Ende perfekt gelingt, der Weg ist nach wie vor das Ziel. Jener, der langsam sein Ziel verfolgt, kommt viel weiter als der, welcher nur zögert und zaudert. Es gibt keine Verbesserungen in der Theorie, wir lernen, verbessern, verfeinern, korrigieren, entwickeln durch das Machen. Schwimmen lernt niemand auf dem Sofa. Und die Angst, es nicht gut genug zu tun? Überflüssig. Der große Trompeter Satchmo Armstrong erklärte einmal „Es wird immer Leute geben, die das gleiche tun wie ich. Und es wird immer Leute geben, die dies besser tun als ich. Aber die sind nicht ich.“ Ängste sind nicht prinzipiell schlecht, sondern im Gegenteil nicht selten äußerst nützlich. Die Angst, von einem Sattelschlepper überfahren zu werden, bewahrt uns davor, quer über die Autobahn zu schlendern, dabei auf das Smartphone zu glotzen. Lampenfieber, mein ewiger Begleiter, hilft mir, mich anzustrengen, mein Bestes geben zu wollen, fokussiert zu starten. Aber wegen ihm bliebe ich nicht in der Garderobe, es ist mein Antrieb, nicht mein Bestimmer.

Sinnvolle Ängste helfen uns, den Nachmittag zu überleben. Doch die meisten Ängste in uns lähmen uns, sind nicht nützlich, sie bremsen uns in unseren Zielen, verhindern, dass wir überhaupt an den Start gehen. Wovor eigentlich haben Sie Angst, Ihren Wunsch zu leben? Was bitte soll denn schlimmstenfalls geschehen? Dass Sie scheitern? Scheitern gehört zu unserem Leben, doch was ist am Ende des Lebensweges besser – es versucht, aber nicht geschafft, dabei jedoch viel erlebt und erfahren zu haben oder der Frage nachzuhängen „Was wäre, wenn ich es einst versucht hätte?“. Diese Frage ist tragisch, denn sie lässt sich zu diesem Zeitpunkt niemals mehr beantworten. Eine Dame, die schon Jahrzehnte in einem Hospiz arbeitet, berichtete mir, wovon Menschen sprechen, welche den unausweichlichen Tod kurzfristig vor Augen haben und noch klar sind.

Sie beklagen nie, welche Karriere sie hätten machen können, welches Auto sie hätten kaufen sollen. Nein, ihre Gedanken kreisen stets um drei Dinge: 1. Was sie bestimmten Menschen noch Liebevolles hätten offenbaren wollen. 2. Welche Ecken der Erde sie gern besucht hätten. 3. Was von ihren Talenten sie eigentlich hätten ausprobieren wollen.

Wozu benötigen wir erst gravierende Unfälle, existenzielle Lebenskrisen oder das konkret drohende Lebensende, um ausreichend Mut in uns zu spüren auszuleben, was wir im Innern sind? Das Küken zerbricht von innen seine Eierschale, welche bis dahin seine Welt bedeutet. Friedrich Nietzsche schrieb dazu „Manchesmal muss man seine Welt zerbrechen, um ein zweites Mal geboren werden zu können“. Eigentlich könnte ich es irgendwann riskieren, denken wir in couragierten Momenten. Das Leben aber kennt kein „eigentlich“. Wir tun Dinge oder wir tun sie nicht. „Eigentlich“ ist eine Kategorie des Zögerns, der Angst, nicht gut genug zu sein. Bei jeder Idee finden wir und erst recht die anderen flott zehn Gründe, worum es sehr schwierig ist, kaum zu schaffen, an sich unmöglich, geradezu verrückt. Streichen Sie all das, finden Sie stattdessen doch einmal drei Gründe, wie Ihre Idee klappen kann! Sehr wahrscheinlich wird sie in der Realisierung sich verändern, anders werden als in Ihrer Vorstellung, doch das werden Sie niemals herausbekommen, wenn Sie sich nicht erheben und mit Zuversicht anvisieren. Das Ziel ist ein erfolgreiches Leben. Dieses drückt sich für mich nicht in einer klobig-funkelnden Armbanduhr aus, nicht in dem riesigen SUV mit Sansibar-Aufkleber auf dem wuchtigen Heck, nicht in prallvollen Aktiendepots oder angesagten Prominenten im Freundeskreis.

Das größte Glück der Erde ist die Freiheit, nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben. Diese Freiheit liefert nicht Amazon, die Zahnfee oder der Weihnachtsmann, die müssen Sie sich selbst erschaffen. Vor wenigen Jahren brauchte ich einen Heizungsfachmann, da meine Anlage daheim ausgefallen war. Er kam und schwadronierte gleich darauf los. Offen gestanden ist die Wirkweise von Heizungen eines jener Themen, die mich allenfalls extrem rudimentär interessieren. Dieses Gewirr aus Leitungen, Kabeln, Schaltungen und Geräten ist mir ein böhmisches Dorf und darf es zukünftig bleiben. Diesem Mann aber hörte ich über zwanzig Minuten gebannt bei seinen Erläuterungen zu. Wissen Sie, weshalb? Er faszinierte mich, denn er liebt Heizungen. Er riss mich mit seiner Begeisterung mit, für ihn war mein Problem ein Glücksfall, er setzte seine unsichtbare Sherlock-Holmes-Kappe auf und pfiff vergnügt ein Lied, während er meine Anlage auseinandernahm, dass mir bange wurde. Er lebt, was er ist und sein will und ist zufrieden mit seinem Sein. Verfolgen Sie keinen Weg ausschließlich für andere, um deren Erwartungen an Sie zu erfüllen. Tun Sie es für sich allein. Andere müssen Sie nicht verstehen, dürfen Ihren Weg getrost als absurd bewerten. Ihr Job auf dieser Erde ist es nicht, andere zufrieden zu stellen, vertrauen Sie mir. Sie schulden aber sich selbst etwas. Dem Kind, das Sie einst waren. Nämlich, dass Sie Ihre Gaben zum Blühen bringen. Das geht nicht gilt nicht. Kinder wollen Astronaut werden, Tigerdompteur, Lokführer, Prinzessin, Tänzerin oder Profifußballer. Wir Erwachsenen lächeln dann all zu oft milde. Weshalb? Warum sollte einer dieser Berufswünsche denn nicht klappen? Wenn wir nicht daran glauben und nicht bereit sind, wirklich ernsthaft etwas von uns dafür zu geben, ist es unmöglich. Wir bestimmen selbst, was geht. Darin liegt die große Eigenverantwortung, aber dadurch auch die riesige Chance.

Nick sagte man einst, er könne niemals allein schwimmen. Er tut es aber einfach. Muniba kann keine Kinder mehr bekommen. Sie adoptierte ein Waisenkind. Im Rollstuhl Rollen spielen? Samuel tut es einfach. Was die drei schaffen, schaffen Sie nicht? Die Hürden Ihres Lebens sind größer als die von Nick, Muniba und Samuel? Wirklich? Die drei leben den Spruch „Alle sagten, das geht nicht. Dann kam eine(r), die/der wusste das nicht und machte es einfach.“

Warten Sie nicht, bis Sie vom Schicksal gerufen werden. Das Leben ruft doch schon längst nach Ihnen, hören Sie hin! Es gibt einen perfekten Moment, Ihren Traum vom Leben zu leben. Jetzt. Was ist Ihre Ausrede, es heute noch nicht anzugehen..? Es gibt keinen besseren Moment, es kommen keine optimalen Rahmenbedingungen. Denn die Dinge entstehen dadurch, dass man sie tut. Es entwickelt sich nichts durch Abwarten. Der geniale Augenblick, in dem Ihnen der Sprung wie durch Zauberhand von allein und samtweich gelingt, wird nicht kommen. Hören Sie auf, darauf zu warten. Andere entdecken Ihre Fähigkeiten, indem Sie sich zeigen.

Nelson Mandela gab uns einst das Rezept – „Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist es, dass wir über alle Maßen kraftvoll sind. Dich selbst klein zu halten, nützt der Welt nichts. Indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.“

Bringen Sie als erstes Ihrer inneren Stimme andere Sätze bei. Wie fühlt sich zum Beispiel jener an: „Ich probiere das einfach aus und schaue vergnügt, wohin es mich bringt und morgen werde ich besser sein als heute, mehr wissen. Weil ich es so will“. Na?

Der Vogel vertraut nicht dem dürren Zweig, auf dem er sitzt. Er vertraut seinen Flügeln. Entdecken Sie die Ihren, ich wette, die sind erheblich größer, als Sie ahnen. Glauben Sie ohne Zaudern an sich selbst. Das ist das ganze Geheimnis.

 

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