Inge Hörster: Depressionen sind keine Charakterschwäche

 

 

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff depressiv häufig für eine normale traurig-niedergeschlagene Stimmungslage ohne Krankheitswert verwendet (der richtige Fachbegriff dazu wäre deprimiert). Im medizinischen Sinne ist die Depression jedoch eine ernste, behandlungsbedürftige und oft folgenreiche Erkrankung, die sich der Beeinflussung durch Willenskraft oder Selbstdisziplin des Betroffenen entzieht. Sie stellt eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung dar und ist an rund der Hälfte der jährlichen Selbsttötungen in Deutschland beteiligt (Wikipedia).

Wohl keine Krankheit hat so viele Gesichter wie die der Depression: Angst, Traurigkeit, Panikattacken – um nur ein paar davon zu nennen.

Ja, auch ich hatte Depressionen. War ich ansteckend? War ich ein schlechter Mensch? Musste ich mich verstecken? Hatten meine Mitmenschen Angst vor mir? Warum immer und immer wieder diese Vorurteile?

Sehr oft sind gerade hochgradig feinfühlige Menschen von Depressionen befallen. Denkt daran, dass wir Emotionen mindestens 100 mal stärker empfinden.

Ich muss einfach einmal darüber schreiben. So viele Menschen verstehen gar nicht, was in jemandem vorgeht, der unter dieser Krankheit leidet. Denn wir leiden nicht nur unter dieser Krankheit, sondern auch unter den Mitmenschen, die meinen, dass sie einen immer wieder mit ihren „guten Ratschlägen“ bombardieren müssen, wie z.B.:

  • Reiß dich doch mal zusammen
  • Mensch, stell dich doch nicht so an
  • Du musst es nur wollen
  • Ist doch ganz einfach, mach es
  • Spring über deinen Schatten
  • Es gibt doch wohl wirklich Schlimmeres
  • Lass dir doch endlich Medikamente verschreiben.

Wenn das alles so einfach wäre, gäbe es keine Depressionen, Ängste, Panikattacken, sogar eigentlich gar keine Krankheiten mehr. Weil man sich ja einfach nur an die obigen Ratschläge halten müsste.

Ach ja?  Hast du schon einmal Angst gehabt? Angst, die dir die Kehle zuschnürt? Angst bei dem Gefühl, dass dir eine Eisenfaust das Herz herausreißt? Angst, dass du dich nicht mehr vom Sofa zur Toilette traust? Angst, dass du dich nicht traust, spazieren oder arbeiten zu gehen? Angst, an Geburtstagen, Veranstaltungen, Feiern etc. teilzunehmen?

Kannst du dir nur im Geringsten vorstellen, wie ich mich fühle? ANGST, ANGST, ANGST. Angst, dass die Nachbarn, die Freunde etc. mich meiden, weil sie wer weiß was für eine Meinung über Depressionen haben. Nein, ich bin nicht ansteckend. Vielleicht ist die Traurigkeit ansteckend, die mich von jetzt auf gleich überfällt. Dann weine ich und weiß gar nicht warum.

Sei einfach jeden neuen Tag froh und dankbar, wenn du keine Depressionen hast. Aber bitte zeige nicht mit dem Finger auf andere. Wie heißt es doch so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Weißt du, was ich tun würde, wenn du unter Depressionen leiden würdest? Ich würde dir meine Hand reichen und dir helfen. Ich würde Zeit mit dir verbringen. Ich würde dir aus der Depression heraushelfen. Zusammen würden wir die Ursachen dafür finden und diese ablösen. Genau so, wie ich es bei mir selbst getan habe.

Depression ist keine Charakterschwäche,
und schon lange keine Laune.
Sie ist eine Krankheit!

Ich habe mittlerweile verstanden, was für mich wichtig ist und absolute Priorität hat. Ich bleibe viel im Haus. Mache wenn möglich keine Termine. Vermeide Stress. Genieße meine Ruhe. Genieße vor allen Dingen die Tage, an denen es mir richtig gut geht. Ich lebe mein Leben. Ich verbiege mich nicht mehr für andere. Ich lebe mein Leben mit absoluter Achtsamkeit mir selbst gegenüber. Ich erfülle mir jetzt meine eigenen Wünsche und nicht die Erwartungen aller anderen.

Wie schön wäre dieses Leben, wenn die Mitmenschen wesentlich mehr Verständnis für diese Krankheit aufbringen könnten. Zwei/drei Freundinnen habe ich, die wirklich verstanden haben, was für mich wichtig ist. Dafür bin ich sehr dankbar.

Medikamente kommen für mich nicht infrage. Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe so viele Klienten, die ich im Alltag betreue, die schon seit Jahren Antidepressiva nehmen, meistens sogar gleich zwei/drei verschiedene Sorten. Keiner von ihnen ist seine Depressionen losgeworden. Meistens wurden sie nach Monaten sogar noch schlimmer.

Jedem sollte klar sein, dass sämtliche Krankheiten eine Ursache haben. Erst, wenn diese Ursachen gefunden und behandelt (abgelöst) wurden, dürfen sich auch die Krankheiten verabschieden. Mit Medikamenten werden diese Ursachen lediglich unterdrückt.

Mein Aufruf an alle: Lasst uns gegenseitig helfen. Schaut einmal über euren Tellerrand, da sind Menschen, die eure Hilfe – zumindest euer Verständnis – brauchen. Keiner sollte sich für seine psychische Krankheit schämen. Sie kann jeden von jetzt auf sofort treffen. Schämen sollten sich die Menschen, die diese Krankheit noch immer belächeln und Betroffene deswegen ausgrenzen oder gar verurteilen.

Genf – Die Zahl der Menschen mit Depressionen steigt weltweit rasant. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2015 rund 322 Millionen Menschen betroffen, 4,4 Prozent der Weltbevölkerung. Das waren gut 18 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. 

Für Deutschland schätzt die WHO die Zahl der Menschen mit Depressionen auf 4,1 Millionen, 5,2 Prozent der Bevölkerung. 4,6 Millionen Menschen lebten mit Angststörungen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe spricht von einer Volkskrankheit. Depressionen gehörten zu den häufigsten – und mit Blick auf die Schwere – am meisten unterschätzten Erkrankungen (Ärzteblatt)

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Inge Hörster
E-Mail: hoerster-schloss@web.de
Webseite: www.meine-aura-oase.de

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