Spuren spüren, Sporen sparen – Wesley’s Lektion –

Vor der Scheibe der hinteren Autotür fliegen die Impressionen einer amerikanischen Großstadt vorüber. Wegen ihres vielen Grüns wird sie auch die „Smaragdstadt“ genannt (Emerald City). Alles, was es dort vom Rücksitz aus von ihr zu sehen gibt, wird aufgesaugt von den wachen Augen eines kleinen Jungen, der die Dinge auf seine eigene, grandiose Weise einzuordnen sucht. Der Tag ist gut, das Radio läuft, am Steuer lenkt die Mutter das Familienauto. Sie ist eine langjährige, sehr liebe Freundin von mir, welche vor etlichen Jahren couragiert den Sprung aus der ostwestfälischen Provinz in ein neues Leben in den Vereinigten Staaten wagte. Ihr außergewöhnlich aufgeweckter Junge auf der Rückbank heißt Wesley. Seine Gedankengänge verblüffen seine Eltern, mich und so viele andere immer wieder, seine Art des Denkens ist sehr eigen, von einer erfrischenden Klarheit und bestechenden Logik. Nun dreht Wesley seinen Kopf nach vorn und deutet auf das Radio. „Mama, warum verstehe ich das nicht?“ „Weil das französisch ist.“ „Was ist französisch?“ „Das ist eine Sprache, Du sprichst doch englisch und deutsch, das sind Sprachen.“ „Dann muss ich jetzt französisch lernen.“.

Mit seinen drei Lebensjahren hat Wesley Goethe verstanden. Der große Dichter und Denker postulierte einst

„Wer in einem Fach ein Meister geworden, soll in einem weiteren sogleich ein Schüler werden.“.

Meinem kleinen, tollen Freund in der Ferne widme ich diesen 15. Kopfsalat, denn er inspiriert mich dazu und vielleicht ja auch Sie. Heute nämlich soll es hier um das Lernen gehen. Lernen ist etwas, dessen Wichtigkeit zwar allerorten als wesentlich und wichtig wahrgenommen sowie gepriesen, als lebenslange Aufgabe erkannt wird, jedoch fälschlicherweise ins Gebiet des Mühsals und der Anstrengung verbannt ist. Warum eigentlich? Hier hilft uns dieser blitzgescheite, kleine deutsch-amerikanische Bub, stellvertretend für alle Kinder. Von ihm und ihnen können und sollten wir lernen. Und zwar die innere Haltung zum Lernen.

Das Wort „Lernen“ entstammt mutmaßlich dem gotischen „laists“ und bedeutet so viel wie „nachgespürt / einer Spur folgen“. Welch eine wundervolle Definition für den Erwerb von Wissen! Etwas zu spüren und deshalb einer Spur zu folgen, Spüren & Spur – das schmeckt nach Abenteuer, genährt aus Neugierde, innerem Drang, äußeren Reizen und der Freude am Erkenntnisgewinn. Und von einem Ziel ist da gar nicht die Rede, der Weg selbst ist das Ziel, wie wir von Konfuzius wissen. Im Lernen liegt auch eine gewisse Tragik, denn Wissen macht demütig. Wir alle kennen den Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, doch was viele bloß für ein amüsantes Bonmot halten (das wahlweise Cicero, Platon und Sokrates zugeschrieben wird), beschreibt im Kern eine wesentliche Quintessenz. Wer früh in den unteren Sprossen der Leiter des Lernens hängenbleibt, glaubt erheblich mehr zu wissen als jener, der oben steht, von dort das Land des Wissens halbwegs überblickt und wehmütig begreift, dass er es aufgrund dessen schierer Größe nicht einmal grob wird kennenlernen können. Aber allein die Kühnheit, dieses Land zu betreten, erobern und etwas davon für sich erschließen zu wollen, ist edel, nützlich, aufregend, deshalb aller Mühen wert.

So wie auch das Essen hat Lernen kein Ende, im Gegenteil, es macht Lust auf mehr und anderes! Lernen ist des Hirnes Nahrung. Es kann bewusst und ergebnisorientiert sein, aber auch beiläufig (vgl. implizit), fast zufällig erfolgen. Der Polarstern am Himmel der Kommunikation, Prof. Paul Watzlawick, überschrieb denn auch eine seiner Geschichten herrlich ironisch „Vor Ankommen wird gewarnt!“. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass dieser forsche Forscher als Kind vermutlich meinem Freund Wesley sehr ähnlich war. Den Kindern ist das Lernen immanent, sie müssen in Sachen Lernmotivation nicht aktiviert werden, da muss nichts in ihnen geweckt werden, damit kommen sie bereits auf die Welt. Es ist ihr Atomkern.

Schon Kleinkinder betrachten ihr Umfeld mit großen Augen und ausgestreckten Händen, für sie ist jedes noch so kleine Objekt spektakulär, alles wollen sie anfassen (daher das schöne Wort „begreifen“, was lernen meint), sich ihre Welt erfahrbar und vertraut machen. Kaum, dass sie zu reden beginnen, starten ihre Kaskaden an Fragen. Gibt es jemanden, der mehr fragt als ein Kind? Es gibt buchstäblich nichts, dass sie nicht interessiert, selbst Thematiken, die uns unvorbereitete Erwachsenen mitunter verlegen haspeln lassen (Tod, Sex, Krankheiten etc.). Ihrer Interessensbreite stehen wir großen Leute (besser: höher gewachsenen, groß sind wir kaum) nicht selten fasziniert gegenüber, das Leben ist der frischen Generation im wahrsten Wortsinne ein gigantischer Spielplatz. Die Spielgeräte müssen wir ihnen nicht erklären, während wir hölzern ansetzen dazu, hängen bereits die ersten Rabauken und -innen lachend kopfüber von der Rutsche. Recht so. Diesen kognitiv nimmersatten Wesen muss man Wissen lediglich zugänglich machen, ihr Forscherdrang ist schier grenzenlos, sie finden und futtern Informationen aller Art lustvoll wie Kekse, wo immer diese in Griffhöhe herumliegen.

Wie tragisch ist es da, dass ausgerechnet jene Institution, deren einzige Aufgabe darin besteht, zu lehren, es hinbekommt, das Lernen als etwas Nerviges, Ödes gar und daher nach Möglichkeit zu Vermeidendes krass umzudeuten, Lernen dergestalt zu verbiegen und zur Kärrnerarbeit zu schrumpfen. Ein Kärrner war übrigens einst ein Wagenzieher, einer der anstrengendsten Berufe seiner Zeit. Und dieses Bild passt, fortgeschrittene SchülerInnen werden gebremst vom Bildungswesen, das wie ein mit nassen Fellen überladener Wagen hinter ihrem Rücken hängt, anstatt ein beflügelnder Motor vor ihnen zu sein, der sie zieht, den zu lenken sie sich aneignen.

Was tun wir da mit ihnen? Zwischen den maximal aufgeregten, zum Bersten mit Vorfreude gefüllten Erstklässlern, die wie Pferde in der Startbox scharren und die ihre Tornister stolz tragen wie eine gut sichtbare Auszeichnung, und den lustlos und müde zu ihrem jeweiligen Bildungshaus trottenden Kindern der weiterführenden Stufen liegen wenig mehr als vier Jahre. Was geschieht bloß mit ihnen in dieser Zeit? Wie schafft Schule es, diese unbändige Energiequelle versiegen zu lassen? Das Lernen braucht das Lehren, das Grundverständnis der Aufnahme von Wissen beeinflusst die Didaktik. Sollte sie zumindest. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entzündet werden wollen“ erkannte zu Zeiten der Renaissance der französische Schriftsteller Francois Rabelais und damit liegt er noch immer goldrichtig. Doch unser zentnerschweres, mitunter erstarrtes wie erstarrendes Bildungswesen liegt nach mehreren Torpedoeinschlägen lethargisch verschanzt. Der erste Treffer ist, dass sie uns nichts mehr kosten darf, die Bildung, sie ist uns als Gesellschaft kaum noch etwas wert. Wir bezahlen jenen, die mit unserem Geld hantieren, grotesk mehr Lohn als den Erzieherinnen. Gebäude sind marode, Ausstattung unzureichend, PädagogInnen zu wenige, die Bürokratie überbordend, der politische Wahn bisweilen grotesk (vgl. G9-G8-G9). Der zweite ist die fortschreitende Ökonomisierung. Bildung und ihr Erwerb ist ein Wert an sich, dient höheren Weihen und eigentlich nicht dazu, so früh wie möglich einer effizienten Verwertbarkeit zugeführt zu werden.

Pubertierende zu nötigen, sich zügig für einen lebenslangen Berufsweg zu entscheiden und entsprechend konsequent zu präparieren, geht aus mehreren Gründen stramm am Kern vorbei und ist kontraproduktiv. Bildung ist keine Presse und Kinder sind kein Rohmetall, sie sind nicht erschaffen, um flott marktgerecht geformt zu werden. Nichts gegen die Kooperationen von Wirtschaft und Bildung, diese sind äußerst sinnvoll und sehr wichtig, doch sollte nicht der Respekt vor der Freigeistigkeit und Individualität sowie dem Agieren auf Augenhöhe in Vergessenheit geraten. Freie Lehre, freie Forschung? Das einstige Diplom ist zum stundenplanmäßig zu absolvierendem Bätschela (klingt schon scheußlich) verkommen. Geistig anreichernde Ausflüge rechts und links in andere Zweige der Wissenschaft, geschweige denn ein sich selbst ausprobieren, die eigenen Möglichkeiten entdecken, sieht unsere Bildungslandschaft kaum noch vor. Schule und Studium sind zum Korsett mutiert, Lernen ist zur straffen Karriereplanung transformiert, keine Zeit mehr für allmähliches Werden und dem Lernen als Prinzip des Lebens. Lächerlich schon allein deshalb, weil es nie zuvor mehr Lebenszeit gab! Von den 2017 geborenen erreicht jeder zweite statistisch die einhundert Jahre. Die Medizin sorgt dafür, dass sie die meisten davon recht agil (v)erleben. Was also soll plötzlich die Hektik? Mein Vorschlag (halten Sie sich fest): G10! Wenn die Pubertät ihre hormonelle Sprengkraft mit voller Wucht entfaltet, weg von der Schulbank – raus aus der Schule. Wir unterbrechen ihre Schulzeit und senden die Jugendlichen raus ins pralle Leben, lassen sie nach Gusto zwölf Monate praktische Erfahrungen sammeln, Sauerstoff in die Köpfe, Lüften des Gemüts, sich erproben und einbringen. Ein soziales, ökologisches oder was auch immer praktisches Jahr. Anschließend, mit den neuen Erfahrungen, Kenntnissen, Fertigkeiten sowie gewonnener Reife durch übertragene Verantwortung, geht es zurück in den Endspurt der Oberstufe. Was wir heute tun bzw. unterlassen, erstickt die lodernde Flamme des Lernens. Lassen wir dies nicht länger zu, holen wir uns das Lernen zurück, erobern wir die Hoheit wieder! Das lebenslange Lernen als Genuss, Inhalt sowie unabdingbare Voraussetzung sollte unbedingt wieder modern werden. Dass es nicht so ist, beweisen die minütlich öffentlich posaunten Meinungen, welche gänzlich ohne Recherche auskommen und sich ihrer Absurdität nicht mehr zu schämen brauchen, da in dichter Gesellschaft befindlich. Eine Schlagzeile genügt, um eine straffe Ansicht über komplexe Kontexte ungeniert zu krakelen. Skeptisch sein? Zusammenhänge begreifen wollen? Hintergrundkenntnisse suchen? Abwarten, um zu überlegen? Sich sachte an einen Sachverhalt heranzutasten? Keine Lust, dauert zu lang, ist zu anstrengend. Was Bild und RTL II uns in dürren Sätzen als Schlagzeilen hinwerfen, wird schon stimmen. Die anderen sind halt Lügenpresse. Wann hörten wir auf, vor dem Lärmen zunächst kritisch und akribisch Wissen zu sammeln?

Bildung und ihr Erwerb kosten natürlich Zeit und Anstrengung, doch ist ihre Erschließung zuvorderst auch Lustgewinn, Leidenschaft und persönliche Bereicherung, allesamt großartige Geschenke! Wieviele Menschen auf dem Globus wollen lernen und dürfen nicht. Wir können und wollen oft nicht. Das müssen wir wieder begreifen. Wozu ist der Mensch auf der Welt? Seine Hauptaufgabe besteht meines Erachtens darin, sich selbst stetig weiter zu entwicklen, zu entfalten, mit den individuellen Gaben, die ein Jeder in sich trägt, etwas zu erschaffen, dass ihn erfüllt. Reflexion, diese einzigartige Gabe unter den Lebewesen, welche wir nicht mehr würdigen, sie schleichend obsolet werden lassen. Und nebenbei bemerkt: Nur, wer tut, was ihm/ihr wirklich entspricht, wird in seinem Tun wirklich gut. Der benötigt kein Motivationstraining.

Achten Sie einmal darauf, wie unglaublich viel die Menschen ihrem jeweiligen Hobby widmen, wieviel sie dafür lernen, Zeit investieren (nicht ausgeben!), Geld verteilen, Anstrengungen auf sich nehmen, weite Strecken absolvieren. Für etwas, das sie niemand bezahlt! Extrinsische Motivation (von außen) ist eine Chimäre (Trugbild), man kann lediglich der intrinsischen Motivation (von innen heraus) ein Umfeld bieten, in dem sie sich entfalten kann. Pflanzen benötigen Erde, Luft und Wasser, und niemanden, der an ihnen zieht. Sie wachsen von ganz allein prachtvoll, wenn nur die Bedingungen stimmen. Menschen verhalten sich da keinen Deut anders, Lernen ist Wachstum. Kultur kommt von Cultura und das heißt Wachsen. Kultur ist (über)lebenswichtig für uns und entsteht nicht ohne das Lernen.

Tadao Ando, einer der renommiertesten Baukünstler der Welt, verließ inmitten seines ersten Tages an der Hochschule die Vorlesung mit den Worten „Hier kann ich nicht bleiben, Ihr verwässert mir meine Ideen!“. Viel später gedachte man ihm den Pritzker-Preis zu, die höchste irdische Auszeichnung für Architekten. Und dabei ist er gar keiner, denn ein halber Tag Studium befähigt nicht zum Führen dieser Berufsbezeichnung. Ein extremes Beispiel, sicher, und keine für viele empfehlenswerte Vorgehensweise. Doch die Botschaft, die sich aus dieser Haltung ziehen lässt, ist immens wichtig: Folge Deiner eigenen Spur! Auch und gerade bei Gegenwind. Warte nicht auf den kleinen Imbiss aus Wissenshäppchen von anderen, besorge Dir die Zutaten selbst, bereite sie von Hand zu.

Wer mag, lauscht bei Gelegenheit dem Text des Liedes „Du bist ein Riese, Max“ von Reinhard Mey. Das ist eine Einstellung, welche ich zutiefst teile. Denn es gibt etwas, dass ich Wesley und allen anderen Kindern aus tiefster Seele wünsche. Dass sie bis an ihr Lebensende (sich) spüren und der Spur folgen. Ihrer eigenen. Dabei immer wieder andere respektierend wie neugierig kreuzen. Dann kann etwas gelingen, dass wir heute mehr als je zuvor brauchen. „Alle Menschen werden als Originale geboren, die meisten aber sterben als Kopie“. Bitte bleiben Sie original, Kopien haben wir schon mehr als genug. Entdecken Sie das Lernen als Werkzeug, Süßigkeit und Verheißung. Wesley hat das längst geschnallt. Glaube ich. Bon voyage, kleiner Kerl!

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Des Glückes Unterpfand – Bewegliche Identität

Alles um mich erhebt sich kollektiv. Ich mitten drin, stehe ebenfalls auf. Der Affront, sitzen zu bleiben, wäre zu groß. Die sattsam bekannte Melodie, welche Josef Haydn im Jahre 1797 für den österreichischen Kaiser Franz II. komponierte, erklingt jetzt, intoniert aus vielen Kehlen. Die Rücken straffen sich, die Mienen werden ernst, Blicke starren in eine imaginäre Ferne, die rechten Hände wandern diagonal auf die gegenüberliegende Brustseite an jene Stelle, wo das Herz vermutet wird. Die Lippen spitzen sich zu jenen Zeilen, die Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland textete. Heute abend selbstredend nur die dritte Strophe, die erste gilt nach diversen Geschehnissen als nicht mehr opportun. Der aktuelle Schwerpunkt liegt auf „…des Glückes Unterpfand“ statt „…zum Schutz und Trutze“. Mentale Veränderungen in Deutschland in Mikro-Schritten. Weshalb man zur Gründung der neuen Republik damals nicht gleich auch ein neues Lied in Auftrag gab, entzieht sich hartnäckig meinem Verständnis. Stets ein feierlicher, im wahrsten Sinne staatstragender Moment, das Absingen unserer Nationalhymne. Unserer? Ich weiß nicht so recht, ob es die meine ist. Meine Arme während des Vortrages hängen jedenfalls in gerader Linie herunter, auch mein Mund bleibt passiv. Ich bringe diesen nationalschweren Pathos nicht authentisch dargeboten, obgleich ich die anderen etwas darum beneide. Alles verlässliche Demokraten, das weiß und schätze ich, doch was durchdringt sie bloß bei diesem theatralischen Musikstück, was lässt sie gefühlig schaudern bei diesem Liedgut? Melodiös unraffiniert, textlich uninspiriert, Tempo schleppend. Das ich nicht mitsinge, fällt natürlich vielen auf. Etwas später werde ich nach dem Grund meiner Verweigerungshaltung gefragt. Darüber muss ich investigativ nachdenken, tue dies noch immer, es will mir jedoch einfach keine griffige Antwort einfallen.

Die nächste Frage meines interessierten Gesprächspartners schießt dementsprechend schärfer: „Liebst Du Dein Vaterland nicht?“. Puh. Die nationale Identität, das pochende Herzthema unseres Vaterlands 2018. Es gibt inzwischen sogar eine Bewegung, die sich ausschließlich darum sorgt. Wir haben ja keine anderen Sorgen in Teutonia. Schemenhaft kann ich bei dieser Frage fast die Konturen einer Pickelhaube auf dem Haupt meines Fragestellers erkennen. Fiese Assoziation, ich weiß, zudem unredlich. Ich muss schmunzeln und überlege kurz, weshalb es Vaterland und Vater Staat, aber Mutter Erde heißt. Ist dies Ausdruck der heimlichen Angst des Patriarchen, letztlich auf dem Femininum gegründet zu sein? Diese Überlegung führt aber jetzt nicht weiter. Tja, liebe ich nun mein Heimatland oder nicht? Hier wäre zunächst zu klären, was eigentlich Heimat ist. Wie immer recherchiere ich zunächst etymologisch. Das Wort „Heimat“ leitet sich ab von „Siedlung“, also Siedeln, Ansiedeln als bewusster Akt. Dieser Ansatz hilft mir weiter. In mich hineinhorchend ergründe ich, dass ich nach dieser Definition nämlich luxuriös über gleich drei Heimaten verfüge. Die erste ist das Revier, das wuselige Land der Fördertürme, Stahlwerke und Fußballvereine, mein Pütt, meine Arbeiter-Siedlung (sic!) direkt an der Emscher. Dort wurde ich geboren, dort wuchs ich auf, dort lernte ich Rad fahren und Fußball spielen, dort schlug ich mir die Knie und wir uns gegenseitig auch mal die Lippen auf. Raue Gegend, aber immer herzhaft echt. Den Pott liebe ich, mit ihm hadere ich. Dort sagen die Leute „Es spielt keine Rolle, ob Du im Ruhrgebiet bist. Das Ruhrgebiet ist immer in Dir.“. Und das ist ohne jeden Zweifel wahr, diese Gegend prägt mich auf ewig unverblassend wie jeden, der sich dort zwischen Kokshalden (Kohle, nicht Kokain) an seine Adoleszenz herankämpfte.

Meine zweite Heimat ist meine jetzige Wohnregion, living in OWL sozusagen, welcher es gelang, in zwei Jahrzehnten zur Heimat für mich anwachsen zu können. Eine Gegend, obgleich nicht fern meiner ersten Heimat, in der die Menschen so anders sind als in meinem Ruhrgebiet. Ruhr und Lippe – beide Daseinsformen mag ich, sie lassen sich vergnüglich mixen.

Die dritte Heimat ist jene meines Wesens, nämlich Europa. Diesem kunterbunten Flickenteppich aus so vielen Mentalitäten, Kulturen und Lebensentwürfen bin ich zutiefst für immer verbunden. Region und Kontinentalbund als Basis und Überbau, Deutschland als Zwischenschicht aber ist mir sekundär. Die blaue Flagge mit dem Sternenkreis ist mein Banner im Gemüt, ehrlich gestanden erheblich mehr als Schwarz-Rot-Gold, die als Trias historisch betrachtet eines gewissen Unterhaltungswertes nicht entbehrt. Diese Farbzusammenstellung geht nämlich zurück auf die Uniformen des Lützowschen Freikorps während der Befreiungskriege 1813-1815. Diese Freiwilligenarmee, bestehend aus vielen Studenten, hatte ihre soldatische Kleidung nämlich selbst mitzubringen. Und Schwarz ist eben jener Ton, mit dem sich am einfachsten und nachhaltigsten jedes Textil auf einheitlich färben lässt. Rote Elemente wurden flink angenäht und aus Messing bestanden die Jackenknöpfe. Voilà, so entstanden unsere Nationalfarben. Diese Symbolik wiederum macht die Sache sympathisch, der deutsche Markenkern war also von Beginn an eingefärbt und angenäht. Na, wenn das die AfD erfährt.

Moment mal – Ruhrgebiet? Das ist doch Fussball, werden Sie vielleicht denken, von dort ein kurzer Gedankenweg zu unserer Nationalmannschaft! Für wen ich denn bei Länderspielen bin? Die zweite Frage an mich. Natürlich fiebre ich mit den brustbeadlerten Kickern, unsere Jungs, ich feuere sie an, bejubele jedes Tor, ärgere mich über jede der seltenen Niederlagen, sage seltsam „Wir sind Weltmeister!“, als hätte auch ich mitgespielt. Doch im Stadion bleibt bei „….für das deutsche Vaterland…“ in mir alles relativ kühl, unemotional, distanziert, während mir bei „…Und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezünd’t…“ (vgl. Glück auf, Steigerlied, 16. Jhd.) nach wie vor flott Pipi in die Augen steigt und Gänsehaut meine Arme überzieht. Da durchströmt mich Heimatverbundenheit, ja auch Stolz, ähnlich wie bei einem anderen Lied. Doch von diesem soll erst am Ende dieses Essays die Rede sein. Ein Stadion war es auch, in dem Sarah Connor vor vollen Rängen statt „Blüh im Glanze…“ vor Nervosität „Brüh im Lichte…“ schmetterte. Interessante Version, wir brühen uns eine Nation im Hellen, ein kreativer Akt der Küche.

Wer oder was also ist denn nun deutsch? Eine weithin ungeklärte Frage, die einen weiten Spielraum bietet von Nationalisten bis Anarchisten und alle dazwischen. Die direkte sprachliche Übersetzung der Kategorisierung „deutsch“ bedeutet übrigens „zum Volke gehörig“. Interessante Formulierung, wird sie doch heute zunehmend häufig als „hier geboren“ missgedeutet. Berthold Brecht schrieb einst „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht.“. Diesem Umstand trug dankenswerterweise auch Hans Haacke mit seiner großartigen Installation im Innenhof des Reichstages Rechnung. Außen an der solitären Steinburg ist bekannterweise die Widmung „Dem deutschen Volke“ über dem Portal eingemeißelt. Der Künstler schuf im Jahre 2000 ein Blumenbeet, in dem vom Dach an der Kuppel die korrektive Zeile „Der deutschen Bevölkerung“ zu lesen ist. Die verschiedenfarbige Erde stammt aus allen deutschen Wahlkreisen. Großartig, das entspricht mir und der deutschen Wirklichkeit sehr, Deutschland als Puzzle aus Mutterboden bietet Wachstum durch verschiedenste Einflüsse. Wer ist denn schon wirklich stringent ausschließlich in seiner Nationalität verwurzelt, biodeutsch bis weit in die Ahnenreihen? Eine Chimäre, man schaue sich nur Familiennamen an. Ein Team aus Wissenschaftlern bot vor kurzem an, anhand der DNS zu untersuchen, aus welchen Ecken der Welt die Vorfahren ungefähr stammten. Eine recht große Gruppe nahm neugierig teil. Das Ergebnis war verblüffend. Niemand, kein einziger der vielen Freiwilligen, trug Gene ausschließlich aus deutschen Landen in sich! Da strömte wahrhaftig jedes Areal unseres Globus als Erinnerung durch die Adern.

Es gab, gibt und wird immer Wanderbewegungen geben, die Völkerwanderung ist die Natur des Menschen seit der Kontinentaldrift, ein Normalzustand, kein singuläres Ereignis, vor dem es sich panisch einzumauern gilt. Es wurde seit den Höhlenmenschen emsig durchmischt, was viele Höhlenmenschen heutiger Prägung noch immer leugnen. Und weil wir gerade schon dabei sind: Die Arier sind seit Urzeiten ein persisch-indischer Menschenschlag, alles andere als blond, blauäugig und groß. Heimat wird also gern auch krass umgedeutet, gegen den Strich gebürstet. Ergo ist Nationalität in historischen Dimensionen betrachtet immer eine Momentaufnahme, ein Schlaglicht, beweglich und veränderlich. Der Mensch braucht Heimat zur inneren Zuordnung, aber er sollte aus der momentanen räumlichen Verortung kein Monument bauen. Das ist nur Tauben nützlich. Heimat ist jedoch nicht nur genetisch ein Mix aus Strömungen, sondern auch geopolitisch. Selbst wessen Familie seit Generationen lokal ansässig ist, dem wurde die heimische Scholle vermutlich öfter mal unter den Füßen umdeklariert. Betrachtet man die Entwicklung der Karte Deutschlands im Zeitraffer (erlebte ich fasziniert in einem Vortrag), so zeigt sich ein farbenfrohes Geflirre, ein quirliges Geblinke wie die Beleuchtung einer Jahrmarkt-Attraktion. Deutschland ist ein Konstrukt. Über einen schwer fassbar langen Zeitraum unüberschaubar viele Stämme, Fürstentümer, Königreiche, Einzelstaaten, die ständig neue Allianzen schmiedeten, wieder zerfielen, Gebiete verloren, andere hinzugewannen, sich vereinten, wieder trennten. Freund und Feind, dadurch auch Heimat, als immerfort wechselnde Etiketten. Deutschland war optisch eine stete Kirmes an Wandlung und Veränderung, kein göttlich in die Erde gefrästes, immer gleiches Hoheitsgebiet. Drin liegt unsere Stärke! Denn was also ist dieses angeblich identische Deutschsein? Halten wir tatsächlich Friesen und Franken, Bremer und Bayern, Schwaben und Sachsen, Rheinländer und Westfalen, für ein- und dieselbe Ethnie? In der Wirklichkeit fühlt sich der Kieler wohl dem Dänen näher als dem Hessen oder Badener. Wer versteht schon einen Schwaben, einen Oberbayern? Selbst unsere gemeinsame (Hoch)Sprache, lediglich zwischen Hannover und Osnabrück wirklich verwendet, wurde erst von Luther aus Pragmatismus begründet, seine gleichwohl größte Tat. Im Alltag erfreuen wir uns vergnügt und milde an unseren inländischen Unterschieden, veralbern Trachten und Traditionen, parodieren nach Herzenslust Sitten und Gebräuche, Idiome und lokale Begriffe (Brötchen, Bämmen, Schrippen usw.). Und das ist gut so! Migranten, Geschäftsreisenden und Urlaubern erschien dieses Deutschland nie als homogen, sondern eher als ein unverständliches Konglomerat aus Einzelgebieten, ein Vielvölkerstaat unter einer Fahne, im Föderalismus irgendwie vereint, eine laute Kita mit diversen Gruppenräumen. Darauf zum Beispiel bin ich stolz. Nicht auf Grenzziehung, Adler, Fahne, Hymne. Bunte Republik Deutschland, die kann ich lieben lernen. Leben wir vergnügt die Vielfalt, das Anderssein, diese von der Geschichte zusammengebastelte Union, die noch immer ungeschickt dabei ist, sich aus Uneinheitlichkeit irgendwie zu verschmelzen. Schüttelt man die Flasche (zu WM, Olympia, Schützenfest etc.), wird aus mehreren Flüssigkeiten eine Mischung, steht das Gefäß still (Alltag), trennen sich die Substanzen wieder voneinander aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichte. So sind wir, Emulsion BRD, kein Grund zur Sorge. Denn die gelassene Akzeptanz dessen ist das ungeheuer tragfähige Gegenmodell zu den verkniffen hysterischen Orbans, Erdogans, Seehofers, Trumps dieser Welt und ihren unsäglichen Dystopien. „America first“ heißt das Lied zum Untergang dieser großen Nation. Paradox, denn ausgerechnet dieses Gebilde namens USA besteht aus fast purer Einwanderung. Das -U- steht für United, nur zur Erinnerung. Das derzeit überkonnotierte „Wir“ bedingt automatisch immer „Die anderen“. Öde und beschränkend. Die Zukunftsfähigkeit eines Landes zeigt sich in der Offenheit für Einflüsse, in der Fähigkeit zu lernen, zu adaptieren, zu integrieren und sich aus diesem Dreiklang entwickeln zu wollen. Das Leben ist kein eingefrorener Block, auch eine Nation nicht, es ist eine niemals enden wollende, viskose Transformation. Wenn sie denn überleben will. Stillstand ist Rückschritt. Das Erfolgsmodell der Evolution besteht aus Koexistenz, Kooperation und Anpassung, nicht aus Isolation und Vereinzelung. Erhalt durch steten Wandel. Insofern sind die Progressiven die im Kern Konservativen, nämlich die eigentlichen Bewahrer, die begriffen, dass nichts so bleiben kann und wird. Da hilft auch keine Mauer. Ein Albumtitel von Herbert Grönemeyer lautet trefflich „Bleibt alles anders.“. Das wäre ein Titel für eine Hymne, die ich wohl mitsänge.

Liebe ich also mein Vaterland? Ich weiß es nicht. Klar ist: Ich liebe seine Menschen, seine Kultur und die grandiosen Möglichkeiten, die mein Leben in seinen Grenzen mir bietet. Das alles ist konkret, fassbar. Dem Synthetischen einer „Nation“  kann ich nur wenig abgewinnen, das ist mir zu willkürlich, zu abstrakt, zu pathetisch, zu entrückt, zu gewollt, zu bemüht. Zudem bereiste ich in meinem Leben zu viele Länder, um noch glauben zu können, dass eine Art zu Leben die einzig mögliche Matrix für alle ist. Es gibt so viele wunderschöne Ecken auf dem Globus, wo es sich sicher auch prächtig leben lässt. Meine Heimat nähme ich natürlich in mir mit, doch reicherte ich sie in der Ferne mit Andersartigem an. Doch dazu darf ich meine Herkunft nicht verklären, erheben, mystifizieren. Um meine Identität muss sich bitte keine Bewegung kümmern. Ich wurde geboren in Deutschland, dafür bin ich dankbar. Das war ein solides Glück, ein schöner Zufall, jedoch keine Leistung meinerseits, weshalb ein Begriff wie Stolz gänzlich unangebracht ist. Da halte ich es mit Heinz Rudolf Kunze, der zum Thema Heimat singt „…ich werde überall begraben sein.“. Wir machen hier vieles besser als andere Länder. Aber auch etliches schlechter. Liebe, auch die zur Heimat, ist nicht gleichbedeutend mit Kritiklosigkeit, ganz im Gegenteil. Liebe erweist sich auch und gerade im kritischen Blick, in der Skepsis, im wiederkehrenden Zweifel, im Aushalten widersprüchlicher Gefühle. Das Gegenteil ist preußische Aufopferung, widerspruchsloser Gehorsam, Zapfenstreich mit Fackeln am Brandenburger Tor. Strammstehen, ausdrucksloser Blick in die Ferne, die Hymne ergriffen, aber innerlich abwesend absingen. Meinem Wesen aber liegt die Rumba näher als der Marsch.

Ich durfte einmal einem wundervollen Moment beiwohnen. Auf einer Veranstaltung sollte die Nationalhymne abgespielt werden. Der dafür Beauftragte tippte aber daneben und es erklang versehentlich die erhabene Hymne der Giganten Beethoven und Schiller. Was habe ich mich gefreut, grandios! „…alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt. Seid umschlungen, Millionen, diesem Kuss der ganzen Welt!“. Welch prachtvoller, köstlich freudscher Fehler. Hier begannen meine Lippen das Singen eigenständig. Nach sehr wenigen Takten allerdings wurde die Freude schöner Götterfunken brachial verdrängt durch die Schwere unserer einschläfernd lahmen Nationalhymne. Da bin ich neidisch auf die französische und italienisch, da ist Pfeffer drin.

Ja, ich gestehe es. Ich liebe nicht den Staat, finde ihn nur passabel und organisatorisch nützlich, bin nicht erfüllt vom Deutschsein, werde nicht inbrünstig bei der Hymne. Aber ich liebe die Menschen hier und ich liebe es, hier zu leben. Doch leben könnte ich woanders auch, fühle mich als Weltenbürger, als Kosmopolit, dem das Karma die Zelte hier aufschlug. Eine gute Wahl. Mein Fazit: Ich bin entspannt unnational, dennoch wohlig verwurzelt. Wissen Sie was? Meine Hymne geht so: Alle Menschen werden Brüder. Oder Schwestern. Eine bunte Kette von Menschen. Ohne Strammstehen, Herzgriff und Gesang. Dafür mit Tanz, einem Lächeln und offenem Herzen. Meine Identität? Sortiert sich jeden Tag neu. Und das ist gut so. Ich habe anderes zu tun. Sie nicht auch?

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Sieben Sie Simples!

Drei Geschichten und eine dazu.

Ein gebogener Bürgersteig, rote Backsteinhäuser, Halteverbotsschilder. Irgendwo in irgendeiner deutschen Stadt. Zentral in dieser Szenerie eine schwere, silberfarbene Limousine schwäbischer Provenienz sowie direkt daneben eine beleibte Dame. Sie hält die hintere Tür des Fahrzeugs auf, trägt Kleidung, welche im Betrachter zuordnend das Bild der älteren Frau mit türkischem Hintergrund entstehen lässt, die Insignien sprechen dafür – weiter, wallender Umhang und Kopftuch. Die Unterschrift klärt uns auf. Scheinbar. Automobil und Frau stehen direkt vor einer Tafel für Bedürftige. Wie kann das sein? Jemand mit solch luxuriösem Gefährt holt sich Nahrungsmittel von einer Tafel!? Die Volksseele tut das, was sie in unseren Tagen so fürchterlich gern tut, sie kocht zügig hoch. Dieses Photo verbreitet sich im Netz wie Zellteilung in einer Nährlösung. Die Bürger und -innen sind empört, wütender Schaum auf der inneren Tapete, flammendes Zürnen im Gemüt. Da haben wir den Beweis, wir werden schamlos ausgenutzt! Tage später spielt es medial überhaupt keine Rolle mehr, dass der Leiter jener Tafel in Landau, dort wurde dieses Bild aufgenommen, uns den korrigierenden Hintergrund anbietet. Jene Dame neben der polierten Kutsche mit Stern hält die Tür für eine alte Nachbarin auf, die nicht mehr gut zu Fuß, aber auf die Tafel angewiesen ist. Sie wird regelmäßig von der Frau mit Kopftuch zu dieser Tafel gefahren, weil sie es sonst nicht dorthin schafft. Diese hilfsbereite Fahrerin wartet indes draußen, möchte selbst nichts von dort für sich. Das eben zeigt dieses Bild. Aber das wollen wir nicht mehr hören (Lügenpresse! Alternative Fakten etc.), es würde unseren wohlfeilen Zorn mit Scham durchsetzen, wir müssten revidieren, was uns an Information liebgewonnen ist. Außerdem ist längst der nächste Aufreger durch die Gazetten getrieben, nichts ist älter als die News von gestern. Das gilt auch und gerade für wahre Fake-News. Weiterlesen „Sieben Sie Simples!“

Komm, fort, Zone!

Eine über(selbstge)fällige Gegendarstellung.

Alles zerrt, von allen Seiten. Monatskalender des Fitnessclubs, Bäckerblume neben Puddingteilchen und Coaching Corners im Netz. Aus allen Richtungen hagelte es 2017 auf sämtlichen Kanälen, in grellen Farben, denselben Imperativ: „Raus aus Deiner Komfortzone!“. Diese harsche Forderung, die eigene (wie immer auch geartete) Komfortzone augenblicklich zu verlassen, gebetsmühlenartig und kraftvoll zu erheben, scheint mittlerweile in der Gilde-Präambel für Coaches verankert, als unverzichtbares Mantra, Gütesiegel und Expertise-Nachweis. Heute schon die eklige Komfortzone straff angeprangert? Ja, das erste Mal gegen halb neun. Wo? Facebook. Prima, Stempel auf das Zertifikat, Lizenz verlängert, weiter coachen.

Nehmen wir im heutigen Kopfsalat diesen hippen Appell in den Fokus, analysieren wir die Hintergründe, Intentionen, Mechanismen.

Zunächst einmal ist diese Forderung eine forsche Unterstellung, denn sie fragt nicht, ob man sich überhaupt in irgendeiner Art von Komfortzone befindet, sondern verbellt dies frech als subjektiv wahrgenommene Gewissheit und verurteilt den dortigen Aufenthalt im gleichen Atemzug als zutiefst verwerflich. Denn wäre der Verbleib in diesem kuscheligen Areal etwas Gutes, man müsste daraus nicht verscheucht werden. Also empfangen wir von uns zumeist nicht näher bekannten Experten diesen lapidaren Befehl, mal eben gefällt auf arg wackliger Mutmaßung aus der Ferne. Credo: Ich kenne Dich überhaupt nicht, aber Du bist ganz sicher so ein schlaffer Komforttyp ohne Antrieb, da empfange ich ganz müde Schwingungen. Fragwürdige Kausalität, wenn Sie mich fragen. Und zudem in seinem kernigen Duktus eine gewagte Ansage an potenzielle Kundschaft. Weiterlesen „Komm, fort, Zone!“

Über Pferde, Elefanten, Bären und Affen

Ein Pferd steht einsam und verlassen auf einem großen Parkplatz. Das Fell struppig, Kopf und Ohren hängen herunter, ein insgesamt trostloses Bild. Ein Wesen ohne Kraft und Idee, sich geduldig ergebend in die obwaltenden Umstände. Das Bemerkenswerte an dieser Szenerie aber ist, dass die Zügel des Pferdes an einen jener billigen Stapelstühle aus Plastik gebunden sind, welche allerorten für weniger als zehn Euro zu kaufen sind. Er wiegt nicht einmal so viel wie eine Flasche Wasser, ein Windhauch würde ihn mühelos fortwehen. Dieses Photo hängt an meinem Schreibtisch, ich schrieb darunter „Die meisten Grenzen existieren nur in Deinem Kopf“.

In meinem Alltag begegnen mir immer mal wieder solche„Pferde“. Menschen, die angebunden sind an einen Campingstuhl, der für sie selbst und andere zwar unsichtbar, aber durchaus zu erspüren ist, wenn man seine Wahrnehmung dahingehend schärft.
Mir fällt da eine Teilnehmerin ein, welche kürzlich mein Seminar besuchte. Eine junge, gut aussehende Dame, verheiratet, Mutter, die an diesem Tag lernen wollte, wie Kommunikation gelingt. Sie schien offen für Neues und auf den ersten Blick vom Leben gut bedacht. Es dauerte jedoch nicht lang und war nicht schwierig herauszufinden, dass sie wohl auf Anhieb nicht sehr leicht neue Pfade würde verinnerlichen können. Und dies nicht etwa, weil sie nicht intelligent genug wäre, im Gegenteil. Aber ihr Campingstuhl stand präsent im Raum, er war mit Händen zu greifen. Was immer ich auch an Inhalten anbot, sie nahm es überaus wohlwollend entgegen, erklärte jedoch stets, warum dies in ihrem Leben nicht anwendbar sei, dort nicht funktionieren könne. Ein Kapitel nach dem anderen fand ihre prinzipielle Zustimmung, passierte jedoch nicht den Schlagbaum auf der Grenze in ihr Leben, alles wurde dort abgewiesen, kein einziges meiner Axiome erhielt ein auch nur befristetes Visum in ihrem Land. Jede neue Anregung wurde routiniert abgeschmettert.

In der Mittagspause unterhielt ich mich mit ihr. Die ersten beiden Dekaden ihres Lebens hatten ihr einiges abverlangt. Das hatte, wie sollte es auch anders sein, ihre Sicht auf Menschen, ihr Agieren mit ihnen und ihre Erwartungen darauf, was ihr im Leben zustünde, entscheidend geprägt. Und so sprudelten auch die Beispiele aus ihr, weshalb nun ihr Dasein mühselig und hürdenreich sein müsse, einem kruden Naturgesetz gehorchend. Sie legte ihre in sich schlüssige Indizienkette wie ein Kartenspieler in der finalen Offenlegung auf den Tisch. Sie bewies mir vordergründig kausal, dass sie entspannter wäre sowie offener für meine Hinweise, wenn nicht ihr Umfeld ihr unablässig Stress aufzwingen würde. Dauerstreit mit dem ersten Ehepartner, lethargischer Pragmatismus mit dem aktuellen. Konflikte mit Eltern und Nachbarn, Mobbing an Arbeitsplätzen, Schwierigkeiten mit den Kindern, Auseinandersetzungen mit Behörden. Darauf müsse sie schließlich reagieren und ob der Fülle an Attacken beinahe rund um die Uhr. Abwehren, verteidigen, in beständiger Obacht bleiben. Da komme man eben nicht zu neuen Wegen. Bis zum Nachmittag dann konnte ich während meiner Dozentur beobachten, welche Struktur sich ausgehärtet hat. Diese an sich nette junge Frau bellt, bevor andere sie zu beissen überhaupt überlegen können. Ein Leben als Kampf. Diese Mechanik hatte sie internalisiert, so wie dies Pferd es als real annahm, dass es unabwendbar angebunden ist.

Der große Paul Watzlawick beschrieb in einer seiner grandiosen Geschichten, wie ein Mann inmitten eines Marktplatzes unablässig kraftvoll in seine Hände klatscht, um Elefanten fern zu halten. Auf den Hinweis, dass in dieser Region keine Elefanten leben, entgegnete der Mann überzeugt: „Natürlich nicht, weil ich ja klatsche!“. In der Welt jener Frau klingt dies so: „Also, Herr Krakow, Ihre Unterrichtsinhalte hier sind ja gut und schön und richtig, aber wenn die anderen einen doch nicht lassen!? Ich muss so sein, wie ich bin!“. Ich fragte sie unvermittelt, ob es ihr gut ginge damit. Ihre reflexhaft ausweichende Antwort lautete lakonisch, dass sie es gewohnt sei, es eben nicht anders kenne. Dies war nicht die Antwort auf meine Frage, was ich aber gut verstand. Die Zielrichtung meiner Frage tangierte den essentiellen Kern, was selten schmerzfrei bleibt. Ich konnte nun Platz nehmen auf ihrem Campingstuhl, meine Pause darauf verbringen. Die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens sind manifest in diesem Stuhl, sein Material ist aus Vergangenheit gegossen. Die anderen Pferde dürfen auf der Weide herumtollen und entspannt grasen, aber sie ist auf dem Parkplatz angebunden. Fremdbestimmt, vom Karma so für sie entschieden. Eingebunden in negativer Energie, die zuverlässig für weitere Negationen am Fließband frei Haus sorgt. Ein Kreislauf, der unglaublich wirkmächtig sein kann, weil er nicht als Wechselwirkung erkannt wird.

Es gibt einige Dinge, an die ich glaube. Eine davon ist die Erkenntnis, dass wir bekommen, was wir unbewusst bestellen. Moment mal, behaupte ich hier etwa, die Frau sei selbst schuld? Mitnichten, schon weil ich „Schuld“ für einen höchst verzichtbaren Begriff klerikaler Manipulation halte. Nein, es geht darum, dass jeder Mensch in seinen Interaktionen nicht nur Wirkung, sondern immer auch Ursache ist. Aktion und Reaktion sind ein ewiges Wechselspiel, keine Einbahnstraße. Die Anerkenntnis der eigenen Beteiligung im Heute ist das innere Losbinden vom Gestern, um wieder bewusster Bestimmer des eigenen Leben zu werden. Das kann natürlich angstbesetzt sein, denn die Übergabe der eigenen Verantwortung an ein vermeintliches Schicksal vermittelt auch Sicherheit. Das Neue ist fremd, daher ungewohnt und ungewiss, das aktuelle zwar nicht guttuend, dafür jedoch vertraut. Man entdeckt aber keine neuen Erdteile ohne den Mut, altbekannte Küsten aus den Augen zu verlieren, wusste André Gide.

Ein anderes Tier kommt mir an dieser Stelle in den Sinn. Ich sah in einem TV-Bericht einen Bären, der nach sehr langer Gefangenschaft aus einem Zirkus befreit und in ein Naturreservat ausgewildert wurde. Es brach einem als Zuschauer fast das Herz, beinahe zwei Wochen lang tappte dieses beeindruckende Tier unermüdlich in einem übersichtlichen, imaginären Rechteck den Waldboden platt. Um es herum war unendlich Raum – Wälder, Wiesen, Flüsse, ein wahres Paradies! Doch der große Braune lief nur einen rechtwinkligen Rahmen entlang, immer weiter und weiter, immer in der gleichen Laufrichtung. Sie ahnen es bereits, es war die exakte Fläche seines Käfigs. Die Metapher für Menschen springt einem geradewegs ins Gesicht.

Gestatten Sie mir bitte noch ein weiteres, dafür auch letztes Tierbeispiel. In einem Experiment wurde eine Leiter in einem Affenkäfig aufgestellt, darüber leckere Bananen aufgehängt. Natürlich sprang der erste Schimpanse flott über die Stufen nach oben, um sich den Leckerbissen zu angeln. Sobald er dies versuchte, wurden die anderen Tiere der Gruppe sogleich mit sehr kaltem Wasser abgespritzt. Innerhalb kürzester Zeit wurde jeder Affe, der an die Bananen wollte, von seinen Artgenossen wütend daran gehindert. Sie vermieden somit den unangenehmen Wasserguss. Im Laufe der Zeit wurde nach und nach ein Tier nach dem anderen gegen en neues ausgetauscht, bis schließlich kein einziger Affe der Startgruppe mehr in der neuen Truppe zugegen war, keiner von den jetzigen Tieren hatte also den Wasserstrahl je selbst erlebt. Und trotzdem wurde jeder Menschenaffe, der die Bananen ins Visier nahm, von seinen haarigen Kollegen sofort ruppig von der Leiter geholt. Keines dieser Wesen kannte den Grund für diese Vermeidung, doch befolgte sie jeder zwanghaft. Ist das nicht wieder ein Beweis für die Ähnlichkeit mit uns Menschen? Sind wir nicht ebenso, vermeiden wir nicht genau so das Wagnis des Neuen und können eigentlich gar nicht begründen, weshalb?

Unsere jeweiligen Erwartungen an Geschehnisse und Menschen beeinflussen Verlauf und Ergebnis, wir geben, ob positiv oder negativ, spezifische Energien hinein, nehmen vorweg, bevor etwas beginnt. Niemand ist durchgängig nur Opfer von Umständen, welche irgendwo in einem mysteriösen Outer Space für uns entschieden werden. Jeder kennt die Erkenntnis Albert Einsteins „Wahnsinn ist, immer das gleiche zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten“. Man kann andere Menschen nicht direkt ändern, dies steht uns auch gar nicht zu. Aber man kann ihnen Raum und Möglichkeit geben, sich uns gegenüber zu ändern und das einzig durch unsere Art, wie wir mit ihnen umgehen. Wie Menschen Dich behandeln, ist ihr Karma. Wie Du Menschen behandelst, ist Dein Karma. Und nur das zweite lässt sich ändern. Verändere in Dir und Dein Umfeld wird sich anpassen, es ist Physik. Wer nicht die Arbeit an und ich sich selbst wagt, muss auf ewig seine Außenwelt für die Stagnation beklagen, bleibt passiver Reaktor äußerer Ereignisse. Was soll passieren bei dem Versuch, eine neue Einstellung zu versuchen? Wer wagt, gewinnt! Nicht als Vorsatz für das neue Jahr. Der beste Zeitpunkt ist immer Jetzt. Heute. Hier.

Jene Teilnehmerin schließlich kam am Ende des Seminartages, als alle anderen den Raum verlassen hatten, und gab mir stumm die Hand. Ihr Blick verriet, dass eine klitzekleine Saat begonnen hatte, den hart gefrorenen Boden von unten etwas aufzubrechen. Ich wünsche ihr von Herzen, dass diese Pflanze in ihr alsbald blüht und prachtvoll gedeiht. Nicht, um meine Thesen zu stützen, ich muss nicht Recht haben um des Gewinnens willen. Nein, damit ihr Stuhl sich auflöst, sie ihr Klatschen aufgeben kann, damit sie ihr enges Rechteck Richtung freier Natur verlassen kann, damit sie sich die leckeren Bananen über der Leiter pflückt. Denn dieserart innere Gefangenschaft braucht kein Mensch. Nicht mit sich im Einklang befindliche Menschen sind permanent in den Fesseln, es ausagieren zu müssen. Ablegen! Innere Freiheit entspannt die Außenwelt. Versprochen.

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Kontaktgrinsen gegen Brückenschmerzen

Der städtische Linienbus biegt um die Mittagszeit mit Schwung in die Haltebucht, öffnet seine Türen und lässt eine Mutter mit einem Grundschulkind an ihrer Hand die wenigen Stufen ins Innere erklimmen. Die beiden setzen sich in die Reihe vor mich. Der kleine Junge plappert mit rosigen Wangen aufgeregt von seinem soeben absolvierten Schultag. So vieles scheint er neu erfahren zu haben, so vieles gelernt, so viele Abenteuer in den Pausen mit anderen erlebt. Alles sprudelt heraus aus ihm, muss unbedingt sogleich mitgeteilt werden. Unterbrochen wird sein atemloser Bericht vom Tage nur von interessanten Dingen, die er akut erblickt in jener bunten Welt, welche gerade draußen vor unseren Busfenstern in Schlaglichtern vorüberzieht und auf die er seine Mutter fasziniert hinweist. Ich lausche ihm gern, hege ein großes Faible für aufgeregte Erzählungen voller Begeisterung, ob von großen oder kleinen Leuten. Irgendwann Weiterlesen „Kontaktgrinsen gegen Brückenschmerzen“

Heute einmal anders

Heute bediene ich mich ausnahmsweise der Worte einer großartigen Dichterin statt meiner eigenen. Seht es mir nach, dieses Gedicht ist zu schön und passend, will mir scheinen. Die Verfasserin der nachfolgenden Zeilen ist die Ausnahmekünstlerin Mascha Kaléko (1907-1975). Es lohnt sich sehr, noch mehr von ihr zu lesen, eine starke Persönlichkeit mit vielen Tiefen und Facetten.

Am kommenden Sonntag gibt es dann wieder einen frischen Kopfsalat von mir, genug Ideen sammeln sich bereits an…

Herbst

Oh lebensmüdes altes Jahr!
Die Wälder stumm. Der Park entlaubt.

Bald schneit der Winter weißes Haar
auf unser sommergrünes Haupt.
Der letzte Spatz von dannen hinkt,
die Lerche in den Frühling flieht.
Und unterm Schieferhimmel singt
Melancholie ihr trübes Lied.
Nun legt der Nebel weit und breit
dem Frohsinn das Gewerbe.
– das ist gewiss die Jahreszeit,
in der ich einmal sterbe.

Herrgott, bewahr uns vor der Gicht!
Gib, daß mein Herz nicht rostet.
Um andern Reichtum bin ich nicht,
weil Geld uns zuviel kostet.
Ein kleines Feuer im Kamin
magst du mir auch noch geben,
wenn dunkle Schattenwolken ziehn

und Frost klirrt.
Und daneben,
dass ich der Schwermut trotzen kann
und nicht die Flucht ergreife:
Ein Kind im Zimmer nebenan,
Den Mann mit Buch und Pfeife.

 

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Gesucht: Traumausstatter mit Mutausbruch

Ein Mann steht auf dem Brett eines Sprungturms und lacht ansteckend. Ein echtes Lachen, geboren aus purem Vergnügen. Die Sonne scheint auf seinen kleinen Körper und sie strahlt auch nicht minder kraftvoll aus seinem Innern. Er lässt sich fallen und nach dem Flug durch die Luft verschwindet er mit kräftigem Klatscher im Wasserbecken. Der 35jährige Nick Vujicic taucht nach einer Weile, schier platzend vor Lebensfreude, wieder über der Wasseroberfläche auf. Er ist gar nicht klein, sondern wurde ohne Arme und Beine geboren, verfügt nur über Kopf und Torso. Neben dem Schwimmen spielt Nick Golf und surft, er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Sein Geld verdient er mit Vorträgen, die er auf einem Tisch auf der Bühne voller Energie und offensichtlich überglücklich hüpfend absolviert.

Muniba Mazar kurvt im Rollstuhl in einer sehr großen, vollbesetzten Halle über die Bühne und berichtet äußerst lebendig von der Kraft des Lebens. Als Jugendliche wurde die Pakistani von ihren Eltern verheiratet, diese äußerst unglückliche Ehe endete wie gleichzeitig überhaupt ihr bisheriges Leben 2007. Ein grausiger Autounfall hat physisch so vieles zerstört in ihrem Körper, dass es ein echtes Wunder ist, dass sie überhaupt noch lebt. Sie hat einen kleinen Jungen adoptiert, reist mit ihm durch die Welt und gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in den Foren der Welt.

Die kuriose Verunglückung des jungen Samuel Koch haben viele Menschen live miterlebt, denn bekanntermaßen widerfuhr ihm dieser 2010 während einer Livesendung. Weiterlesen „Gesucht: Traumausstatter mit Mutausbruch“

Malus Mali – Der neue Tarnfleckentferner

 

Herzschlag auf großer Leinwand. Aus den mächtigen Lautsprechern wummert eindringlich der Puls des Lebens, bei jedem Herzschlag aus den Membranen vibriert mein Sitzpolster. Wir sehen übergroß vor uns schweigend angespannte Gesichter auf kleinstem Raum, Oberarme seitlich gegeneinander gedrückt in dunkler Enge, vermutlich eine Art Truppentransport, die Szenerie monochrom in schwarz-oliv gehalten. Zu einem jeweils schmerzhaft dumpfen Basston eingeblendete Imperative unterbrechen in bewusst brüchiger Typographie schlaglichthaft, fordern uns Betrachter auf, jene Tapferen auf ihrer Mission zu begleiten. Slow Motion und Segmente in doppelter Geschwindigkeit gezeigt als gefilmt wechseln sich zackig ab. Ein großes Augenpaar füllt kurz das Bild, hochkonzentriert, in Zeitlupe wird sich der Schweiß mit dem Handrücken grob aus den Stirnfalten darüber gewischt. Eine aufpeitschende Musik erklingt, eine Mischung aus hüftschwerem HipHop-Rhythmus, spärlichen Fetzen von Melodie und pseudoarabischem Gesang kündet vom Ungewissen, die Gefahr ist in Windeseile beinahe körperlich greifbar. Die Hecktür des Transporters öffnet sich, Weiterlesen „Malus Mali – Der neue Tarnfleckentferner“

XY ungelöst – Dutt und Dualität

 

Mannomann, was ist mit den Kerlen los? Nach Jahrtausenden des anstrengenden Patriarchats erlaubt sich der Mann seit wenigen Jahrzehnten immer mal wieder experimentelle Ausflüge in alternative Daseinsformen. Als wolle er Urlaub nehmen von Weltherrschaft, Kriegführung und Rülpswettbewerben, schlüpft er karnevalsartig kurz mal eben in reziproke Spielarten seiner Rollenidentität. In den Siebzigern erschien er als Softie, ein kirchentagsmodellierter Du-Aufzwinger in floralornamentener Kleidung, der das Geburtserlebnis der Mutter neidvoll nachspielte, penetrant seidenweich über gewaltfreie Kommunikation fabulierte und sich insgesamt femininer zu gerieren versuchte als jede Frau.

In den Nullerjahren erschien der Metromann auf der Bildfläche, ein androgynes Wesen mit Dreitagebart, der sich die Fingernägel lackierte, Fashion zu seinem Daseinszweck erhob, somit einen eher asexuellen Nimbus versprühte und der Kosmetikindustrie cremige Träume im Absatz von Pflegeprodukten bescherte. Als Fußballer scheute er sich nicht vor dem Haarnetz, möge Ernst Kuzorra in Frieden ruhen. Weiterlesen „XY ungelöst – Dutt und Dualität“

Erlebnis-Sofa gegen Komfortzone

Haben Sie eigentlich Langeweile? Ja ja, ich weiß, eine empörende Frage, Sie haben eintausend wichtige Aufgaben fest im Fokus gleich einem überlasteten Fluglotsen mit persönlichem Kurs Burnout. An sich schade. Denn was spricht eigentlich dagegen, sich eine lange Weile zu gönnen, diese gar als Muße zu genießen? Denn Langeweile, unsere österreichischen Nachbarn bezeichnen sie gern wohlklingend als Fadesse, gilt in der Philosophie als Grundzustand der menschlichen Existenz! Langeweile jedoch scheint längst das letzte große gesellschaftliche Tabu, es misswandelte sich in unserer modernen Welt zur Brandmarkung des nicht gebraucht werden, nicht nützlich zu sein, keine wertschöpfenden Anforderungen zu erfüllen. Dabei bezeichnet die Muße, vom althochdeutschen „muoze“ abgeleitet, etymologisch sowohl Gelegenheit als auch Möglichkeit. Nur zu was? Albert Schweitzer erkannte einst „Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn seines Lebens und der Welt kommt.“. Diese Form des Taumels behindert, verhindert womöglich das so wichtige ergebnisoffene Nachdenken. Denken um des Denkens willen, ohne Anspruch auf Ertrag! Verwegene Vorstellung, ich weiß. Unsere Welt verfemt den Müßiggang (vgl. nichts tun, träge sein) gar als sinnlos, obgleich es durchaus einem höheren Sinne zu dienen vermag.

Bereits am arg frühen Morgen fordert es in einer Werbeanzeige kreischend zwangsmotivierend von mir: „Raus aus der Komfortzone!“. Doch wozu? Ich verließ doch kaum eine halbe Stunde zuvor das warme Plumeau, Weiterlesen „Erlebnis-Sofa gegen Komfortzone“

Irratio-Farm – über verständlichen Unverstand

Darf ich Sie etwas fragen? Wieviel an Ratio wohnt in Ihren Gedanken? Ratio kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Vernunft, Rechtfertigung, Begründung. Die Ratio des Menschen ist schier ohne Grenzen, sie befähigt ihn zu grandioser Entwicklung im Innern sowie äußerer Entdeckungen. Er ersann komplexe Steuerformulare, entdeckte den linksdrehenden Joghurt, installiert Webcams vor Kaffeemaschinen und erfand das Gewürzbord. Es scheint keine Grenzen zu geben für das, was der Mensch mit seinem Geist erreichen kann, im Detailreichtum der Makrowelt bis zu den Weiten des Alls. In seinem Alltag jedoch leistet sich dieses erstaunliche Wesen mit schierer Wonne ein Füllhorn an kleinen, bunten Irrationalitäten. Es scheint wie Yin und Yang, als brauchten wir Unsinniges als Balance, als Ausgleich zu unseren vernünftigen Denkweisen.

Ich schlendere durch meine schöne Stadt. Irgendwann muss ich eine Straße überqueren, stoppe an einer Ampel, neben mir tritt ein weiterer Passant hinzu. Natürlich drückte ich bereits die gelbe Anforderungstaste, die in meiner Stadt übrigens so aussieht wie ein großes, in Hüfthöhe an den Pfosten geklebtes Osterei, mein Bürgersteig-Nachbar tut es dennoch erneut. Sicher ist sicher. Traut er meiner Kompetenz Weiterlesen „Irratio-Farm – über verständlichen Unverstand“

Stuss mit lustig – über die Streit(un)lust

Sand unter den Füßen, einander fest im entschlossenen Blick, die Rutsche neben ihnen im Fokus. Eine Szenerie auf einem Spielplatz, eine Momentaufnahme, klein, dafür bedeutsam.

Wie auf der staubigen Hauptstraße eines Westerns stehen sich zwei Jungs gegenüber, die sich meiner groben Einschätzung nach kurz vor ihrer Einschulung befinden dürften. Die Jeansknie blank, die mit Comic-Helden bedruckten Shirts verdreckt, das kurze Haar zerzaust, echte Rabauken, wie man sie in meiner ruhrgebietlichen Heimat liebevoll nennen würde. Batman jr. gegen Superman jr. im Duell. Es geht ihnen um die weltbewegende Entscheidung, wer als erster den neu glänzenden Stahl hinunter sausen darf und das ist keineswegs gering schätzend gemeint, denn ihre Welt bewegt dieser Konflikt gerade sehr. Der Ton wird hitziger, die Stimmen lauter, die Beanspruchung auf den Premierenritt schärfer. Bevor diese Konfrontation jedoch zu ihrer Entscheidung gelangen kann, sind die zuständigen Erziehungsberechtigten von ihrer Bank aufgesprungen wie unruhige Pferde, wenn zum Rennstart die stählernen Gatter ruckhaft hochgezogen werden. Ein jedes Kind wird heftig zur Räson gerufen mit dem unheilvollen Imperativ „Nun streitet nicht, vertragt euch!“. Dies speist sich daraus, dass dem Streiten in unserer Kultur ein denkbar schlechter Ruf innewohnt. Zu unrecht, es ist eine schiefe Sozialisierung, welche von den Generationen weitergereicht wird wie schlechtes Kompott. In der Verweigerung der Anerkenntnis, dass Streiten menschenimmanent ist, überdies wichtige Funktionen bietet, wird der Konflikt nur vermieden, nicht gelehrt, dementsprechend nicht beherrscht.

Als wollten sie meine Theorie bestätigen, kann ich sehen, wie es in beiden Streithähnen noch immer brodelt, doch trotz ihres nicht einmal juvenilen Alters wissen beide genau, dass sie der herrschenden Ordnungsmacht unterlegen sind. Schnaubend und nur in Weiterlesen „Stuss mit lustig – über die Streit(un)lust“

Rat vom Rad parat

Irgendetwas in meinem Hinterrad knackt bei jeder Umdrehung und meine Kette verlangt nach etwas Schmierung. Vor weniger als einer Minute ist hinter mir die Haustür ins Schloss gefallen, die frische Morgenluft streicht kühl mir die letzte Müdigkeit aus den Wangen und ein einzelner Sonnenstrahl überlegt mit mir gemeinsam, ob er heute der einzige bleiben wird oder als Vorbote wärmende Geschwister nach sich zieht. Wenn ich jetzt ordentlich in die Pedalen trete, werde ich pünktlich im Vortragssaal meines heutigen Kunden eintreffen. Ein spannendes Seminar mit interessanten Teilnehmern wartet auf mich und meine Dozentur.

Da verdunkelt sich plötzlich an einer engen Kreuzung mein gesamtes Gesichtsfeld, der einzelne Sonnenstrahl wird abgeschnitten und ich muss rasch den imaginären Anker werfen, um eine Kollision zu vermeiden. Dies gelingt und durch das Unerwartete bin ich nun endgültig wach. Während sich der Qualm meiner vollgebremsten Räder wie Bodennebel verweht, starre ich aufrecht stehend direkt ins grobstollige Profil eines Autoreifens. Doch ein Auto kann dies kaum sein, seine Räder haben den Umfang meiner Reifen, sind dabei jedoch so breit wie anderthalb Gullideckel. Eine üppig verchromte Festung der Mobilität steht vor mir wie eine solide Wand, ich komme mir vor wie der kleine Würstchenverkäufer an jener Straßenkreuzung in Tokyo, der ungläubig auf den tektonischen Oberschenkel von Godzilla blickt. Aus einem der vorderen seitlichen Geschützfenster dieses Kolosses aus schwerem schwäbischen Stahl in Effektlack Schwarz blickt einer dieser eloquenten Erfolgsmänner, Modell Immobilienmakler oder selbstständiger Versicherungsvertreter, schmal beschlipst wie Markus Lanz auf mich herab und hebt entschuldigend die Hände wie der Papst beim abschließenden Segen. Sein Gesichtsausdruck nimmt eine demonstrativ erschreckte Mimik ein, um mir durch das geräuschschluckende Doppelglas sein Schuldeingeständnis pantomimisch zu signalisieren. Weiterlesen „Rat vom Rad parat“

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 5)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 5

Graue Theorie und keine Wirkung

Mit den beiden Mythen, mit denen das bedingungslose Grundeinkommen umzugehen hat, haben wir in der letzten Folge dieser Reihe bereits aufgeräumt – Fehlende Arbeitsmotivation und mangelhafte Finanzierbarkeit. Beides wurde mit Fakten deutlich widerlegt. Nun gilt es, sich die gefühlten Vorbehalte, welche genauso wie die beiden oben genannten ihre Berechtigung haben, in den Fokus zu rücken. Das eine Gegenargument heißt „Was soll das bringen?“, das andere „Realitätsfernes Gedankenspiel“.

In Ordnung, spielen wir.

Spielen wir einmal gedanklich durch, was das BGE an Effekten bedingen würde. Gut ein Drittel aller Haushalte verfügt derzeit über 100% relevantes Einkommen, was bedeutet, dass dort monatlich alles ausgegeben wird, was reinkommt. Oder anders ausgedrückt, das Einkommen reicht gerade so zum Leben. Was glauben Sie, geschieht, wenn diese Haushalte mehr Geld und dies vor allem garantiert erhalten? Diese Menschen werden zusätzliche Finanzmittel zeitnah ausgeben, schlicht und ergreifend. Für die Kaufkraft auf dem Binnenmarkt gäbe das einen unglaublichen Schub, gegen den die Umweltprämie (vulgo Abwrackprämie) im Rahmen des Konjunkturprogramms II 2009 einen allenfalls winzigen Vorgeschmack bot. Allein durch die dadurch ansteigenden Mehrwertsteuereinnahmen refinanzieren sich die Kosten für das BGE zu einem geschätzten Fünftel gleich im ersten Anlauf, was sie gar nicht müssten, wie ich in Teil 4 ausführlich darlegte. Selbstverständlich ist das Problem zu sehen, dass dann unterbezahlte, dafür sehr anstrengende Jobs zum Beispiel in der Altenpflege, bei den Berufskraftfahrern, Arzthelferinnen, Friseurinnen, Verkäuferinnen etc., an Reiz verlieren könnten. Doch liegt darin die Chance, dass die Marktwirtschaft hier endlich ihr kapitalistisches Element einfordert, dass nämlich eine angemessene Entlohnung für die Erledigung dieser wichtigen Aufgaben sorgen müsste.

Einfacher: Faire Bezahlung für anstrengende Jobs, Angebot und Nachfrage. Denn der Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung ist Rosinenpickerei, er gilt nur für „höhere“ Berufe, längst nicht mehr für die normalen Arbeitsplätze, welche chronisch unterbezahlt, dafür überlastet sind. Überhaupt würde die Arbeitswelt jenen Wandel erfahren, den sie in kurzfristiger Zukunft ohnehin brachial von uns einfordern wird. Teilzeitarbeit, flexiblere Arbeitszeitmodelle, viskosere Verteilung der vorhandenen Arbeit durch Absenkung der Arbeitszeit, Familienphasen, Erziehungs- und Pflegeleistungen, Sabbaticals, Fortbildungen uva. passten unseren deutschen Kosmos endlich an die Erfordernisse der Moderne an. Davor muss niemand Angst haben, war es denn nicht immer der Menschheitstraum, von all zu belastender Arbeit befreit zu werden? Die Mittel dafür sind doch vorhanden, so grotesk viel an Geld, dass es aberwitzig für Spekulationen mit sogenannten „Finanzprodukten“, die keiner mehr versteht, verzockt wird, um sich selbst kreist, Geld aus Geld entsteht, dem sinnvollen Kreislauf der Gesellschaft fürs hochriskante Spielen im übergroßen Stil entzogen wird. Hier ist doch bereits sinnhafte Arbeit entfernt worden, übrig blieb das hastige Hacken der Tastatur von Hasardeuren aus Gier, ohne, dass es dem Bundeshaushalt oder den Menschen im Land nützt. Die aber mit ihren Steuergeldern monströs haften, wenn es schief geht.

Der steil ansteigende Automatisierungsgrad, die Industrialisierung 4.0, zwingen uns sowieso zu raschem Umdenken. Die tradierten, zu starren, ortsgebundenen Nine-to-Five-Jobs beginnen doch bereits, obsolet zu werden und werden in Rekordzeit zu großen Hemmschuhen im Globalen Wettbewerb mutieren. Aber dieses Aufbrechen ist keine Bedrohung, werfen wir hierzu einen raschen Blick nach Dänemark. Dort liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 17,50, die Wochenarbeitszeit bei 33 Stunden und Kitas, Krankenkassen, Universitäten sind beitragsfrei. Trotzdem (oder gerade deshalb?) liegt deren Wirtschaftswachstum bei soliden 1,5% und die Dänen gelten als das glücklichste Volk des Planeten, wie eine globale Untersuchung soeben ergab.

Man kann vor Veränderungen panisch bibbern wie das Kaninchen vor der Schlange oder sich den Herausforderungen stellen und sich die Zukunft aktiv anpassen. Wer glaubt, dass uns die anderen Länder unser Wirtschaftswachstum, das auf ihren Importen aus Deutschland sowie der systematischen Absenkung unserer Sozialstandards und Reallöhne beruht (-15% seit 1980!), noch lange ohne Gegenmaßnahmen anstarren, der bekommt einiges nicht mit. Das internationale Murren wird schon stetig energischer und umfassend Unrecht haben die anderen Regierungen damit nicht. Die heilige schwarze Null des Herrn Schäuble verlangt den überhohen Preis an wachsender Spreizung der Schichten innerhalb unserer Landes und im Vergleich zu unseren Nachbarländern.

Und die schwäbische Hausfrau, als Vergleich enervierend häufig vom Bundesfinanzminister angeführt wie eine Monstranz aus Plastik, hinkt beidfüßig, denn diese tapfere Dame muss sich nicht um die Handelsbilanz kümmern, keine Schulen und Krankenhäuser unterhalten und keine Generationen außer der hauseigenen versorgen. Da (selbst generös subventionierte) Konzerne sich immer weiter größtenteils legal aus ihrer fiskalischen Verantwortung stehlen, bleiben uns zur Stabilisierung Selbstständige, der Mittelstand sowie Kleinbetriebe. Wie sieht es hier aus? Deutschland hat bekanntermaßen kaum eigene Rohstoffe, dafür gut ausgebildete Fachkräfte mit innovativer Ingenieurskunst, Erfindergeist und Gestaltungswillen. Das wir unser global wertgeschätztes Diplom dem Bachelor opferten (früher Vordiplom) und auch den Meisterstatus im Handwerk veröden ließen, lasse ich hier außen vor, um den Rahmen nicht zu sprengen.

Zum Gründergeist unseres Landes, neudeutsch Entrepeneurship, ehedem der Motor unserer strammen Wirtschaftskraft, äußerte sich Eric Schweitzer, der Präsident des DIHK, wie folgt: „Deutschland steckt in einer Gründungsmisere!“. Beachtet man, dass seit 2004 sich die Zahl unserer Start-ups um gravierende 45,8% (von 572.000 auf 310.000) verringerte, kann man ihm nicht ernsthaft widersprechen in seinem Urteil. Benannter Hauptgrund der allermeisten Gründungswilligen liegt darin, für die ersten ein bis zwei Jahre eine unbürokratische Lebensgrundlage zu benötigen, welche Kinder, Miete und sonstige Lebens(er)haltungskosten in der Startphase absichert, in der das neue Geschäft erst mühsam anlaufen muss. Ein BGE würde hier eine ungeheure Schubkraft entwickeln. Wer vermag zu erahnen, wieviel prächtige Ideen in den Schubladen schlummern und vielleicht nie das Licht des Marktes erblicken, weil wir sie nicht zu Beginn stützen, nur am späteren Erfolg beteiligt werden wollen. Die dokumentierte Existenzgründerrate von 2,9% ist gerade für unser Land, dem traditionellen Patentweltmeister, geradezu jämmerlich geworden. Haben Sie hierzu etwas im Wahlkampf gehört? Ich auch nicht. Und ein durch das BGE ansteigender Konsum sowie eine anwachsende Gründerrate spielen sich gegenseitig in die Hände. Erwerbslosigkeit nähme ab, neue Produkte und Dienstleistungen entstünden, neue Kundenschichten verlangten danach. Und unsere Handelsbilanz müsste nicht länger einbeinig auf dem Export allein herumhumpeln. Eine verlässliche Grundabsicherung setzt Potenziale frei, das weiß seit Herrn Maslow und seiner Bedürfnispyramide seit 1943 jedes Schulkind, haben wir dieses Wissen vergessen oder verdrängt? Auch unser Kulturbetrieb erführe endlich die Nachfrage, die er verdient. Wer von den Unvermögenden reckt in der dichten Schlange vor der Theaterkasse schon seinen Sozialpass in die Höhe. Das Fünftel unserer Gesellschaft, dem (vgl. Folge 1) die nötigen Mittel fehlen, nimmt schon lang nicht mehr ausreichend an Bildung und Kultur teil. Beides jedoch ist der Sauerstoff einer jeden Nation, wie August Everding es so treffend titulierte, denn nur diese Teilhabe stabilisiert unsere Demokratie. Wer wissend ist, wählt keine AfD oder noch Schlimmeres. Und höhere Besucherzahlen für Museen, Theater und sonstige Kultureinrichtungen verringerten auch Subventionsleistungen.

Kurios ist, dass das BGE beileibe keine neue Idee oder jene von abseitigen Spinnern in ihrer abgeschiedenen Denkerkammer ist. Bereits 1796 befasste sich Thomas Spence in England mit der Idee eines Grundeinkommens, nach ihm Charles Fourier in Paris 1836 in seiner Abhandlung „Die falsche Industrie“. Der liberale Ökonom John Stuart Mill entwickelte es 1856 als Soziale Mindestabsicherung weiter, 1943 griff die englische Konservative Juliet Rhys-Williams das Konzept mit ihrer „Sozialen Dividende“ auf. Mit der „Negativen Einkommenssteuer“ überzeugt 1962 der Nobelpreisträger Milton Friedman und der Deutsch-Amerikaner Erich Fromm ersann 1966 das Garantierte Einkommen. Helmut Pelzer und die überraschenden Ergebnisse im Studienauftrag der Stadt Ulm beschrieb ich bereits in der letzten Folge. Götz Werner, milliardenschwerer Inhaber der Kette dm, kämpft seit 1982 leidenschaftlich für das BGE. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus spricht sich für das Solidarische Bürgergeld aus, ebenso wie der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI, der es „Pro Bürgergeld“ nennt. Das größte Phänomen jedoch sparte ich mir bis jetzt zum Schluss dieser Aufzählung auf, es ist weitgehend unbekannt wie mit Sicherheit arg überraschend.

Die USA gelten als Mutterland des Kapitalismus, Richard Nixon (ja, genau der) ganz sicher nicht als Linker oder gar des Kommunismus als verdächtig. Ausgerechnet er und ausgerechnet in diesem Staat hätte es 1969 beinahe das BGE für alle Bürger gegeben! Es scheiterte damals an einer nur hauchdünnen Gegen-Mehrheit im Senat. Die westliche Welt stand also schon kurz vor der Umsetzung (da wir annähernd allem, was von jenseits des Atlantiks kommt, nacheifern). In den 47 Jahren seitdem geriet das BGE dort in Vergessenheit, vielleicht auch, weil Nixon Vietnam sowie ein Gebäudekomplex namens Watergate seine Amtszeit völlig zu Recht drastisch verkürzen half. Von präsidialen Geistesgrößen der Preisklasse Bush jr. / Trump verlangen wir besser keine weitreichenden Visionen.

Alles also nur graue Theorie in Sachen BGE? Nein, der Mut zu Experimenten wächst. Es gibt ganz pragmatische Versuche, Plebiszite, Modellprojekte gar. Die Volksabstimmung in der Schweiz im Juni 2016 erbrachte immerhin 22% Befürworter, für den ersten Anlauf und noch dazu in einem erzkonservativem Land ein absolut mutmachendes Ergebnis.

Von den Alpen zu den Fjorden. Das finnische Projekt Kela bietet 2.000 Bewohnern der gleichnamigen Region testweise für zwei Jahre ein garantiertes monatliches BGE von 560 Euro ohne Bedingungen. Die Höhe der Summe soll uns hier nicht verwundern, Kela in der Mitte Finnlands ist nicht London-Belgravia, die Lebenshaltungskosten in dem weitläufigen Naturland ungleich niedriger als in der Millionen-Metropole. Die ersten Ergebnisse allerdings erstaunen gleichwohl, denn die Gesundheitsausgaben sind signifikant zurückgegangen, gestiegen hingegen die Gründungsrate sowie die Anzahl der Teilzeitarbeitsplätze. Und das alles, obgleich der Start dieses Flächenexperiments im Jahresbeginn 2017 liegt. Eine weitere, sehr spannende Initiative ist privater Natur und nicht minder erfolgreich. „Mein Grundeinkommen“ sammelt via Crowdfunding so lange Geld, bis 12.000 Euro erreicht sind, welche dann einem der BewerberInnen für ein Jahr in Monatsraten á 1.000 Euro ausbezahlt wird. Diese Idee halten bislang 69.814 Menschen (Stand August 2017) für nicht so abwegig, dass sie nicht gemeinsam auf diese Weise für bislang 100 arg glückliche Bezieher gesorgt hätten. Diese bringen ihr Studium zu Ende, gehen eine Weiterbildung an oder begründen ihre Selbstständigkeit. Deren erhellende Berichte sind im Netz als eine Art stolze Rechenschaft einsehbar.

Mittlerweile hat sich auch eine eigene Partei mit 16 Landesverbänden gegründet, die sich dem BGE verschreibt, was hier keine Wahlempfehlung darstellt, sondern lediglich aufzeigt, wie die Gruppe jener kräftig anwächst, die sich mit dem Konzept auseinandersetzen. Der Wunsch nach praktischem Ausprobieren nimmt zu. Das Land Schleswig-Holstein zum Beispiel ist nicht mehr weit davon entfernt, das BGE auf den Weg zu bringen, 1.000 Euro für jeden im nördlichsten Bundesland, ALG II, Kinder- und Wohngeld, BAföG fallen dafür weg. Wir dürfen gespannt sein.

Von allen Modellen (Diltheys Flexible Auszahlhöhe, Götz Werners Basic Income Guarantee durch Konsumentensteuer, Soziale Dividende durch staatlichen Börsenfond nach Rhys-Williams und Corneo, uvm.) scheint mir die Negative Einkommenssteuer (vgl. Friedman/Pelzer) in ihrer bestechenden Einfachheit am Erfolg versprechendsten. Bis zu einer definierten Transfergrenze wird das Bürgergeld ausgezahlt, oberhalb dieser Grenze (eher eine Zone) einfach auf die zu zahlende Einkommenssteuer angerechnet. Das ist unkompliziert und betrugssicher, jede Steuerberatung und jeder Finanzamtprüfer rechnet das flott mit dem Bleistift auf dem Block aus. Vergleichen Sie das einmal mit der heute üblichen Bedürftigkeitsprüfung für das ALGII! 199.000 Widersprüche und 203.000 kostspielige wie lähmende Klagen gegen Bescheide des Jobcenters gehörten der Vergangenheit an.

Von Victor Hugo wissen wir „Nicht ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“. Und die Zeit ist reif, verehrte Leserinnen und Leser. Ist das BGE also die Lösung aller Probleme? Wissen Sie, ich bin inzwischen zu alt, um noch davon ausgehen zu können, dass es für irgendetwas eine blitzsaubere Allgemeinlösung geben könne. Auch das BGE bildet da keine Ausnahme, bietet es doch genügend Angriffsfläche, etliches noch zu Klärendes sowie mannigfaltig kleine Teufel in den Details. Was mich daran dennoch fasziniert? Das BGE stellt endlich jene Kernfragen, die im Wahlkampf 2017 wirklich keinen deutschen Politiker ersthaft interessiert haben: Wie halten wir die Spaltung unserer Gesellschaft auf, wie bremsen wir die absurde Ressourcenverteilung, wie schaffen wir ein Klima des allgemeinen Aufbruchs? Es geht mir nicht um Klassenkampf, dazu kenne ich zu viele Unternehmer und anderweitig Vermögende aus persönlichen Gesprächen. Selbst in diesen Kreisen herrscht erfrischend viel Aufgeschlossenheit bezüglich des BGE, Sie würden sich vielleicht wundern. Ich will alle erreichen, alle einbinden. Es sollte endlich begriffen werden, dass der Habende nicht überlebt, wenn seiner Kundschaft die Luft ausgeht. Ob bei uns im Einzelhandel, europaweit mit Griechenland oder global die Nordhalbkugel und die südliche. Beginnen wir bei uns, wir Deutsche können doch Aufbruch, das ist unser Markenzeichen! BGE, made in Germany.

Lassen Sie uns über die Zukunft ernsthaft und vor allem auch stichhaltig diskutieren – Weiter wie bisher oder weiter als je zuvor? Ob Sie das BGE nun begrüßen oder verdammen soll Ihre Entscheidung bleiben. Doch erfüllen Sie mir meinen aufrichtigen Wunsch und stellen Sie sich selbst und anderen in Ihrem Umfeld drei Fragen: 1. Ist unser derzeitiges Gesellschaftsmodell das einzig mögliche? 2. Ist unser Gesellschaftsmodell das beste aller denkbaren? 3. Gibt es noch ein alternatives Gesellschaftsmodell, welches besser geeignet ist, uns in Zukunft gemeinsam dieses wundervolle Land lebenswert für uns alle zu gestalten? Dies würde mir fürs Erste vollauf genügen. Reden Sie miteinander, am besten über alle gesellschaftlichen Schichtgrenzen hinweg. Bringen Sie das auf den Weg, was im politischen Kontext nicht mehr geschieht – eine Vorstellung darüber zu entwickeln, wie wir in den kommenden Jahrzehnten hier zwischen Nord- und Bodensee miteinander leben wollen. Die etablierten Parteien ignorieren diese elementare Fragestellung, die neuen belfern mit Retropie und Abgrenzung. Beides ist nicht hilfreich.

Sie sind jetzt gefragt, Sie persönlich, holen Sie sich Ihr verfassungsmäßiges Primat zurück! Herzlichen Dank dafür im Voraus für Ihr Engagement. Es lohnt sich. Die Errichtung unserer Demokratie hat einst einen unvorstellbaren Blutzoll gefordert, es ist geradezu unsere Pflicht, sie weiterzuentwickeln, finden Sie nicht auch? Der Kommunismus ist zu recht tot, der Kapitalismus stirbt gerade im Fieber. Unsere soziale Marktwirtschaft dazwischen hat sich als ausgezeichnete Lösung erwiesen, was wir im Geldrausch vergessen haben, weshalb sie inzwischen ermattet darniederliegt. Helfen wir ihr mit einer Vitamin-Infusion wieder auf die Beine. Gehen wir es an.

Ende dieser Reihe. Wenn Sie alle fünf Teile dieser Reihe als Gesamttext in einem pdf kostenlos erhalten wollen, schreiben Sie eine diesbezügliche Mail an:

kontor@mikrakom.de

 

Freuen Sie sich ab dem nächsten Monat auf die neue Kolumne von Michael Krakow:
„Michls Intermezzo – Die wöchentliche Besserwisserei“ Hier auf livinginowl.
Jeden Sonntag erfrischende Betrachtungen unserer Gesellschaft.

Herzlich verbunden

Freischaffende mögen den OWL Smalltalk.

Sich kennenlernen, schauen, was zusammen möglich ist, vielleicht sogar Freundschaften schließen. Die Teilnehmer des OWL Smalltalk – Freischaffende, Künstler, Kreative – waren mit viel Empathie und Freude dabei.

Und wollen mehr davon.

Der OWL Smalltalk wird sich zukünftig – wie gehabt in lockerer Runde – alle zwei Monate an wechselnden Orten treffen. Er darf wachsen, gedeihen und Energien freisetzen, die sonst unter der Oberfläche geschlummert hätten.

 

Kontakt zum OWL Smalltalk:
E-Mail: livinginowl@gmx.de
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Foto: Tanja Meuthen Copertino

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung? (Folge 4)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 4

Niemand wird noch arbeiten! Wer soll das bezahlen?

Mit wachsendem Geld schwindet des Menschen Lust, tätig zu sein. Reiche Menschen sind entsetzlich faul, antriebslos, unmotiviert, verbringen ihre Tage auf dem heimischen Sofa und vertändeln ihre Zeit. Blödsinn? Nun, ich führe nur eines von den beiden Hauptargumenten gedanklich weiter, gegen die das BGE zu bestehen hat. Es lautet: Geben wir jedem Menschen ohne Bedingungen eine überschaubare Summe Geldes, so wird niemand mehr arbeiten. Nach dieser Logik arbeitet keiner mehr, der bereits mehr als genug zum Leben hat, ergo betreiben alle Reichen ausschließlich Müßiggang.

Die Realität indes sieht anders aus, auch sehr wohlhabende Leute arbeiten weiter, sehr häufig in nicht zu wenig ihrer täglichen Zeit. Aus welchen Antrieb tun sie das? Sind sie womöglich preußischer im Gemüt als der Plebs ohne hinreichend gedecktes Konto? Kaum haltbar, diese These. Falls aber doch, dann lasst uns einfach alle Bürger mit Finanzmitteln versorgen, wenn mit dem Geld automatisch Strebsamkeit und Fleiß entstehen. Sie merken, die Katze dieser Argumentation beißt sich in ihren dürren Schwanz. So mag es arg verwundern, weshalb sich diese pessimistische, beinahe schon misanthrope Sicht auf des Menschen Antriebskräfte noch immer so hartnäckig hält. Selten ist etwas wissenschaftlich so akribisch widerlegt worden wie die für notwendig gehaltene extrinische Aktivierungsmotivation durch Geld. Es ist unmöglich, all die Forschungsarbeiten, Studien, Analysen und Experimente in der Beschränktheit dieses Textraumes zu aufzuzählen, die das zementhart belegen. Vier seien dennoch exemplarisch hier herausgestellt:

  • Die Meta-Analyse des Teams von Tim Judge von 2013 zum Beispiel fasst die Ergebnisse aus 120 Jahren diesbezüglicher Forschung in 92 quantitativen Studien zusammen mit insgesamt beeindruckenden 115 Korrelationskoeffizienten.
  • Die berühmte Gallup-Studie untersuchte den Antrieb von nicht weniger als 1,4 Millionen Arbeitnehmern in 34 Ländern.
  • Die Studienauswertung von Edward Deci und seinen Kollegen umfasst 128 kontrollierte Experimente.
  • Doch auch die Agentur für Arbeit selbst untersuchte im eigenen Haus intensiv die Motivation ihrer Kundschaft, sprich den Erwerbslosen. Ergebnis: Erschreckende 27,55% ihrer Klientel sind Kinder, verblieben nachvollziehbarer Weise bei dieser Untersuchung unbewertet, weil Kinderarbeit nicht mehr Usus ist. 29,3% der Leistungsbezieher sind Aufstocker, die jeden Tag arbeiten gehen, jedoch davon nicht leben können, weshalb der Staat die fehlende Differenz ergänzt. Wäre diesen Menschen die Lohnzahlung die maßgebliche Antriebsquelle, sie blieben schlicht daheim, denn auf ihren Konto änderte sich dadurch nichts. Sie schuften trotzdem, ihre Gründe dafür können daher wohl kaum im Geld begründet sein. 36,2% der Arbeitsuchenden wird von Seiten des gestrengen Kostenträgers, der es wohl exakter einzuschätzen vermag als jeder andere, eine sehr hohe Motivation bescheinigt. Ein geringerer (keine fehlender!) Antrieb wird schmalen 5,7% attestiert, die Gründe dafür aber gleich mitgeliefert: Gesundheitliche Einschränkungen sowie mangelhafte Aus- und Bildung. Sage und schreibe schlanke 1,25% führt die Agentur für Arbeit letztlich unter dem Label „Verweigerer“. Um diese Minigruppe jedoch wurde ein mächtiger Apparat an Kontrolle, Druck und Sanktionierung errichtet. Schröders vollmundiges Programm „Fördern & Fordern“ hat nur diese 1,25% im Fokus.

Goliath rechnet David seine kleine Schleuder unerbittlich auf seine Bezüge an. Man fühlt sich an „Das Schloss“ von Franz Kafka erinnert, wonach eine Institution, hat sie eine bestimmte Größe erst einmal erreicht, ihr eigentliches Ziel aus den Augen verliert und nur noch dem eigenen Fortbestand sowie Ausdehnung dient. Von diesem Irrsinn soll weiter unten in diesem Text noch die Rede sein. All diese mannigfaltigen Forschungsergebnisse sind eindeutig wie auch durchgängig identisch: Extrinsische Motivation (z.B. hervorgerufen durch Geld oder Angst vor Sanktionierung) ist eine Chimäre, die auch durch stete Wiederholung nicht an Wahrheitsgehalt hinzugewinnt. Alles, was den Anhängern der These „Arbeitsleistung entspringt Geld allein“ angesichts dieser erdrückenden Fülle an belastbaren Fakten bleibt, ist ihr müd-bockiges „Glaub’ ich nicht.“.

Doch neben der Wissenschaft genügt ein Blick auf die alltägliche Wirklichkeit, um erkennen zu können, dass Arbeit und Aufgabenerledigung in erster Linie Sinnerfüllung ist, somit stärkste Quelle unseres Selbstwert- und Dazugehörigkeitsgefühles. 98% der Untersuchten geben folgende Parameter ihrer Motivation zur Arbeit an: Sinnstiftende Aufgaben, Arbeitsklima und -atmosphäre, Wertschätzung, Abwechslung, Transparenz und Eigenverantwortlich. Die Bezahlung ist für lediglich knapp 2% wesentlich. Überraschend, nicht wahr? Mir gegenüber urteilen sehr viele Menschen „Mit einem BGE würde niemand mehr arbeiten!“, worauf ich sie dann jedes Mal frage, was sie selbst denn damit tun würden. Die Antwort ist bislang nicht ein einziges Mal anders gewesen als „Ich würde weiter arbeiten.“. Interessant, wie diszipliniert Menschen sich selbst und wie abwertend, nämlich im Grunde faul, alle anderen einschätzen.

Eine Umfrage des MDR im Mai 2017 ergab, das 98% (!) weiter arbeiten würden, 73% selbstbestimmter leben wollen (Jobwechsel, Bildungsangebote, Selbstständigkeit), 72% würden sparen und 69% wünschen sich mehr Zeit für Familie. Gerade das letzte Ziel sollten wir unbedingt unterstützen, oder?

Wenn der Mensch nur dann Arbeit leistet, wenn man ihm ein Bündel Eurobanknoten wie die Möhre dem Esel vor Augen hält, so haben wir in der Konsequenz dessen 14,3 Millionen Deppen in diesem Land. Diese gewichtige Zahl an Menschen nämlich vollbringt ein Ehrenamt und hat wohl offenkundig noch gar nicht bemerkt, dass sie dafür nicht bezahlt werden. Diese Ehrenamtler, ohne die unser gesellschaftliches Leben kaum mehr funktionieren würde, leisten jährlich gut 4,6 Mrd. Arbeitsstunden mit keiner bis wenig Bezahlung (z.B. Übungsleiterpauschale), was addiert und umgerechnet 3,2 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen entspräche. Gäbe man ihnen für ihre wichtigen Aufgaben den gesetzl. Mindestlohn, so stünde der stolze Betrag von 40,7 Mrd. Euro zur Überweisung an. Wir deklarieren aber nur bezahlte, vertraglich verfestigte Arbeit als Arbeit, was alle Eltern bezüglich ihrer Erziehungsleistung sowie Angehörige von 1,86 Mio. Pflegebedürftigen, die von Verwandten daheim privat versorgt werden, schmerzhaft spüren.

Darin liegt einer unserer Denkfehler. Arbeit ist Arbeit, bemessen an ihrer Wichtigkeit und Ergebnis, losgelöst von der Frage einer ohnehin stetig weniger leistungsgerechten Entlohnung. Wie Götz Werner (Mehrfacher Milliardär und Inhaber der Drogeriemarktkette dm) so treffend bemerkte: „Menschliche Arbeit ist nicht mit Geld aufzuwiegen.“ Angesichts von Ehrenamt, Kindererziehung, Pflegeleistungen sowie dem Umstand, dass die tradierte Arbeitswelt, Stichworte Digitalisierung und Automatisierung, kaum Bestand in seiner heutigen, aus dem zurückliegenden Jahrhundert stammenden Form haben wird, sollten wir schleunigst eine umwälzend neue Definition des Begriffes Arbeit finden sowie eine Anerkennung seiner sich wandelnden Struktur.

Die Arbeitswelt ändert sich gerade rasant und so gewaltig wie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr. Dies zu ignorieren oder zu bagatellisieren oder tradierte Strukturen künstlich am Leben erhalten zu wollen, hielt noch nie eine Entwicklung auf und wird diese erst recht nicht stoppen. Genauso gut könnte man sich auch mit drei löchrigen Sandsäcken und einer brüchigen Schaufel einer Flutwelle entgegenstellen. Dass wir europaweit betrachtet in Deutschland noch immer arg schlechte Internetanbindungen haben, aber den Steinkohlebergbau tapfer subventionieren, scheint mir symptomatisch für die Verweigerung unserer Politik, Veränderungen zu akzeptieren. Retropie bleibt ihr zerfallendes Rezept, an das sie sich verbissen klammern.

Somit sind wir bei Gegenargument Nummer zwei: Wer soll das BGE bezahlen? – Der Staat wird ruckzuck pleite sein! Weil gefühltes Wissen uns selten weiterbringt, verwende ich gern solide Zahlen, Daten und Fakten. Legen wir als Arbeitsthese einmal folgende Annahmen zugrunde: 12 Millionen Minderjährige erhalten über ein BGE Anspruch auf jeweils 500 Euro pro Monat, 70 Millionen Erwachsene auf 1.000 Euro. Unter dem Strich stünde eine Jahressumme von 912 Mrd. Euro, ein respekteinflößender Betrag, ohne Frage. Der Denkfehler jedoch muss umgangen werden, dass es sich dabei um einen Auszahlbetrag handelt, denn im Rahmen einer negativen Einkommenssteuer wird es sich bei allen Steuerzahlern um einen Abrechnungsmodus handeln, der reale Auszahlbetrag wird nicht einmal ein Fünftel betragen (vgl. die nächste Folge dieser Reihe, Nummer 5, Erscheinung kommender Sonntag). 912 Mrd. Euro jedes Jahr, unmöglich, nicht wahr? Halten Sie sich fest, jetzt folgt eine echte Überraschung. Wissen Sie, was wir 2017 insgesamt an staatlichem Sozialleistungstransfer durchführen? 895 Mrd. Euro. Haben Sie das gewußt? Dies bedeutet, wir geben dieses Geld längst aus! Wir reden, abgesehen von einer Differenz von noch fehlenden 18 Mrd., lediglich von einer Umschichtung, einer durchgreifenden Vereinfachung, die sogar massiv Gelder einspart, wie der renommierte (leider vor einigen Wochen verstorbene) Helmut Pelzer in einer detailreichen Studie im Auftrag der Stadt Ulm bewies. Beinahe unzählige Behörden und Ämter prüfen, entscheiden, kontrollieren, verwalten, sanktionieren und korrespondieren werktäglich miteinander über den bunten Strauß von 154 (!) unterschiedlichen Sozialleistungen. Von ALG 1 und 2, über Kinder- und Wohngeld, bis Grundsicherung und BaFöG. Das kostet immens viel Zeit, Aufwand, produziert eine wahre Formularflut und kostet uns grotesk viel Geld. Pro Leistungsempfänger sind dies 1.069 Euro in 2015 gewesen, was einem Gesamtbudget von nicht weniger als 36 Mrd. Euro an Sozialverwaltungskosten entspricht! Im aktuellen Jahr dürfte das kaum weniger geworden sein.

Doch damit längst nicht genug. Rund eine Million Sanktionen wurden im vergangenen Jahr verhängt, was 198.886 einzeln zu prüfender Widersprüche nach sich zog sowie 202.800 Klagen. Die zuständigen Gerichte schwenken längst die weiße Fahne angesichts dieser Prozesswelle. Die Chancen stehen für die Betroffenen übrigens gar nicht schlecht, wenn ihr Verfahren endlich absolviert werden kann, denn 47,8% der Klagen sind erfolgreich zum Vorteil der Kläger. Den MitarbeiterInnen der Jobcenter für ihre fehlerhaften Bescheide jedoch den schwarzen Peter zuzuschieben hieße jedoch, die Falschen zu geißeln. Das System ist von Beginn an marode gewesen, die angeblichen Segnungen der HartzIV-Regelungen (vgl. Hartz, Peter / 2007 verurteilt wegen Spesenmissbrauchs, Prostituiertenabrechnung, Lustreisen) der abgefeierten Agenda 2010 versprechen, wenn man den politischen Vorhang beiseite zieht und die alltäglichen Konsequenzen dahinter betrachtet, was sie nie hielten. Der Kaiser hat gar keine Kleider an, wir sollten nicht länger auf den kleinen Jungen aus dem Märchen warten, der es unbekümmert endlich für uns alle stellvertretend so benennt. Doch auch die Kostenrechnung für Arbeit ist, neben ihrer zu hohen Besteuerung, zusätzlich enorm belastet, bedeuten doch von 100 Euro Gehalt satte 28 davon Personalzusatzkosten Richtung der Sozialversicherungen. Hier endlich durch ein BGE Entlastung zu schaffen, gäbe wichtige Impulse für den Arbeitsmarkt und machten es der Umsetzung des Mindestlohns für die Unternehmen erheblich leichter.

Wo gäbe es noch Gelder freizusetzen, um ein dringend notwendiges (vgl. etymologisch „die Not wenden“) Fangnetz für alle Bewohner dieses Landes einzuziehen? Da habe ich konkret einiges an Ideen als Vorschlag. Der Haushaltsüberschuss 2017 von 23,7 Mrd. Euro zum Beispiel, der sich nach Angaben des Bundesministeriums für Finanzen bis 2020 auf 55 Mrd. Euro jährlich steigern wird, wäre da schon ein erster Ansatz. 1.400 staatliche Betriebe häuften bislang 108 Mrd. (Steuer-)Euro Schulden an, wie erfreulich wäre hier ein Controlling, das diesen Namen zu recht trägt und diesen Unsinn stoppt.

Die avisierte Verdopplung des Rüstungsetats von derzeit 34 Mrd. Euro auf 70 Mrd. (!) im kommenden Jahr entbehrt jeglicher Grundlage, wir werden nicht angegriffen und die Erfolge unserer Auslandseinsätze sind nicht annähernd aussagekräftig genug für diese Budgetexplosion. Sollten sie tatsächlich humanitärer Intention sein, können wir zum Brunnenbohren und dem Bau von Schulen das Technische Hilfswerk entsenden, die blauen Fachkräfte können das besser. Durch die nicht konsequent genug stattfindende Eintreibung der Umsatzsteuer verloren wir im vergangenen Jahr 23,5 Mrd. Euro, hier könnte sich eine Verschiebung von Personal, das wir dank BGE im Sozialtransfersektor erübrigen können, rasch amortisieren. Weitere solcher Kräfte können sich in der Steuerfahndung bezahlt machen, auf ca. 100 Mrd. Euro verzichteten wir 2016 durch Steuerhinterziehung. Die Steuerausfälle von Cum/Cum- und Cum/Ex-Geschäften belaufen sich ersten Schätzungen zufolge auf 10,9 Mrd. Euro. Bereits jetzt haben wir hier genug Geld für ein 1,5-faches BGE beisammen, doch noch bin ich gar nicht fertig. Damit wir für 19 Euro nach Malle fliegen können, verzichtet der Staat auf über 7 Mrd. Euro Treibstoffsteuer bei Flugzeugen. Was für den normalen Auto- und Motorradfahrer gilt, findet keine Anwendung bei Airlines. 1,1 Mrd. Euro holen wir uns durch die überfällige Rückgängigmachung der albernen Mehrwertsteuerabsenkung für Hotelübernachtungen. Doch halten wir uns nicht länger mit Kleinbeträgen auf, stopfen wir jetzt die richtig großen Löcher! Die 500 größten Konzerne schufen sich Rücklagen von unfassbaren 1,8 Billionen Euro, was hauptsächlich dadurch möglich war, dass sie allein im EU-Raum Steuern von 620 Mrd. Euro im letzten Jahr dem Fiskus (halb)legal entzogen. Hier wird es allerhöchste Zeit, diese Umsatzgiganten (Amazon, Apple, Facebook, Google, Ikea, McDonalds, Starbucks etc.) endlich zu jenen Pflichten zu zwingen, die jeder Arbeitnehmer auch zu leisten hat (und zudem als Kunde diese Rückstellungen bezahlte)! Die Einführung einer Börsenumsatzsteuer auf kurzfristige Spekulationen von nur 0,5% (vgl. 19% allgemeine Mwst.) erbrächte im ersten Anlauf 250 Mrd. Euro. Eine Vermögenssteuer von 1,5% ab einer Million Vermögen (zur Verdeutlichung: 15.000 Euro von 1.000.000, also beileibe keine verarmende Enteignung) spülte 30 Mrd. in die Kassen. Die Kosten für arbeitsbedingte Psychoerkrankungen kosten die Krankenkassen 34 Mrd. Euro in diesem Jahr und die Arbeitgeber 71 Mrd. Hier könnte das BGE durch Umstrukturierung von Arbeit sicherlich eine Reduktion von mindestens einem Drittel erreichen, womit weitere 35 Mrd. Euro zur Verfügung stünden. Sie addieren noch fleißig mit? Hier aber will ich es zunächst gut sein lassen, obgleich noch etliche weitere sinnvolle wie üppige Quellen zur Verfügung stehen, Stichwort Pharmakonzerne zum Beispiel.

Fazit für die beiden Argumente gegen das BGE: Niemand wird noch arbeiten? – Umfassend gründlich widerlegt. Wer soll das bezahlen? – Fast ein Kinderspiel, wir bezahlen es längst.

Den Hebel von der ersten Industrialisierung auf die vierte umlegen: Nicht Geld für geleistete Arbeit, sondern Geld, um Arbeit (in all ihren Facetten) leisten zu können. Dieser Paradigmenwechsel ist die große Hürde in unser aller Köpfen beim Thema BGE, nicht die Motivation zu arbeiten und erst recht nicht die Machbar- oder Bezahlbarkeit. Was wir für die kommenden 15 Jahre schleunigst brauchen, ist eine kraftvolle Vision, keine Retropie, wie sie uns sämtliche Parteien in ihrem anästhetischen Wahlkampf glauben, verkaufen zu müssen. „Weiter so“ ist längst keine Option mehr. Das Denken von Gestern und das Ignorieren des Heute liefern keine belastbaren Antworten für morgen. Besser die Weichen stellen, bevor der Zug darüber rast und entgleist. Und das wird er. Wollen wir heute, hier und jetzt nicht einfach mal mutig etwas anders andenken? Bevor die Ereignisse uns zum hektischen Agieren mit der heißen Nadel zwingen, wir abermals den unerbittlichen Realitäten hinterarbeiten. Die Zeit hält nicht an und wartet auf uns, bis unser Denken soweit ist. Das Problem der absurden Ungleichverteilung, die klandestine Metamorphose unserer Demokratie zur Plutokratie (vgl. Lobbyismus), der Drift der Schichten sowie die Radikalisierung wachsender Bevölkerungsgruppen hierzulande, werden dramatischer. 2017 können wir eine beherzte Gegensteuerung, eine couragierte Korrektur, eine mutige Annahme der Zukunft einleiten. Oder wieder warten, bis wir zu handeln gezwungen werden, weil uns die Probleme die schwarz-rot-goldene Schlafzimmertür des Dornröschen-Palastes GroKo wuchtig eintreten.

Nächste Folge (5): Graue Theorie und keine Wirkung.

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung? (Folge 3)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 3

Das scheue Reh des Kapitals

In Folge 1 und Folge 2 dieser Reihe haben wir die pekuniäre Situation von Obdachlosen, Erwerbslosen, Niedriglöhnern und „normalen“ Arbeitnehmern durchleuchtet. Ihre Gruppe wächst, doch gibt es noch eine weitere Gruppe, die ebenfalls kräftig anwächst. Wir nehmen in diesem Kapitel das Kapital in den Fokus, betreten staunend dessen Habitat, das daran erkennbar ist, das es von der Sonne warm beschienen und von üppiger Vegetation umstanden ist. Doch diese Studie müssen wir enorm vorsichtig angehen, uns behutsam anschleichen, leise beobachten, denn hier leben die scheusten aller Tiere – Rehe. Diese Tiere werden als Metapher von Finanzexperten immer dann herangezogen, wenn es um Ansammlung von Vermögen geht. Paradoxerweise beziehen sie sich dabei ausgerechnet auf Karl Marx, welcher konstatierte „Das Kapital ist ein scheues Reh und flüchtig wie eine Gazelle“. Dies soll uns mahnen, dass wir große Vermögen durch unsere Aufmerksamkeit verschrecken und es darob flink über den nächsten Grenzzaun in die Zone eines Steuerparadieses (vgl. Juncker-Oase u.a.) entflieht und dort Schutz vor staatlicher Bedrängung sucht. Besonders panisch flüchtet es, wenn der Betrachter aus einem ministerialen Fenster des Finanzministeriums einen auch nur beiläufigen Blick auf das Reh riskiert. Was jedoch nicht geschieht, die Jalousien dort sind lang schon dicht heruntergelassen, die Umlenkrollen verrostet, die Gurte gerissen.

Doch beginnen wir vorn. Deutschland war in seiner Geschichte nie zuvor reicher, das wird von niemandem mehr ernsthaft bestritten. Außer, wenn Schulen und Kindergärten Geld für defekte Toiletten oder fehlende Ausstattung erbitten. Auch in diesem Jahr erleben wir wieder einen global rekordhaltigen Leistungsüberschuss der deutschen Wirtschaft, aktuell von 285 Mrd. Euro, was sehr weit vor den zweitplatzierten Chinesen liegt, denen wir fern vom Gipfel hinunter winken. Wieder einmal Weltmeister, höchst erfreulich, doch nichts wirklich Neues. Die Umsätze unserer heimischen Wirtschaft wuchsen zwischen 2006 und 2015 um 22,9%, die Gewinne sogar um 30,2%. Unser Haushaltsüberschuss für 2017 wird auf 23,7 Mrd. Euro taxiert. Doch nicht nur den großen Unternehmen und dem Staatshaushalt geht es prächtig, 10,9 Billionen Euro Privatvermögen haben die Deutschen angesammelt. Lassen Sie diese Summe in Ruhe auf sich wirken. Würde dieses Geld gleichmäßig auf alle Bundesbürger, von der Wiege bis ins Seniorenheim verteilt, hätte jeder von ihnen etwa 130.000 Euro zur Verfügung, damit Sie einen groben Eindruck gewinnen. In den ersten beiden Folgen dieser Reihe jedoch erfuhren Sie, das 50% sich gerade mal 2,5% dieses Gesamtvermögens unter sich teilen, 25% unserer Bevölkerung so gut wie gar nichts besitzt, 6,85 Millionen Bankkunden sogar überschuldet sind. Wo also ist er nun zu finden, dieser Reichtum? So groß die Schätze, so überschaubar die Kreise derer, welche sie horten und hegen.

Lediglich ein Promille der erwachsenen Bewohner unserer Republik (etwa 69.000) hält 17% des privaten Vermögens. 1,9 Millionen Vermögensmillionäre gibt innerhalb unserer Grenzen und knapp 18.000 Vermögensmillionäre. Der Unterschied muss erläutert werden, denn er ist wichtig. Die erste dieser beiden Gruppen hat mehr oder minder statisch eine Million Euro und mehr, zum Beispiel durch Erbe oder Gewinn. Die zweite Gruppe erhält ein jährlich wiederkehrendes Einkommen höher als eine Million Euro. Diese Gruppe ist seit 2003 um unglaubliche 83% angewachsen! Superreiche hingegen werden erst jene Besitzenden amtlicherseits genannt, welche über 30 Millionen Euro privat verwalten, von ihnen leben etwa 6.800 unter uns. 200 Menschen stehen sogar über 300 Millionen Euro zur Verfügung, 134 Reiche gelangten gar in die sagenumwobene Kaste der Milliardäre. An deren Spitze wiederum drei Deutsche, die mehr Privatvermögen als die Landeshaushalte von Niedersachsen und Rheinland-Pfalz addiert ihr eigen nennen. Ein Drittel aller Immobilien und Aktien hierzulande sind in der Hand von 1% der BürgerInnen. Vermögen und Vermögenswerte sind bei uns zwischen Flensburg und Oberstdorf derart grotesk verteilt, dass jede Sinnhaftigkeit ad absurdum geführt ist (vgl. realer Gini-Faktor 0,76). Bevor jetzt Hammer und Sichel reflexhaft vor Ihrem geistigen Auge erscheinen und eine panische Kopfstimme schrill „Umverteilung, Kommunismus!“ kreischt, sei Ihnen hoffentlich beruhigend vermittelt, dass es mir nicht im mindesten um eine Begrenzung von Vermögen geht. Damit wir uns klar verstehen, eine vollumfänglich gerechte Verteilung von Vermögen ist weder realistisch noch angestrebt. Es geht vielmehr um die sinnvolle Verteilung von Lasten und Chancen! Möge ein jeder so reich werden, wie er kann, ich gönne es allen von Herzen. Doch was wir erleben ist, was Berthold Brecht bereits 1934 so beschrieb: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“. Umverteilung ist schon als Begriff das jederzeit drohende Damoklesschwert, das an reißendem Faden über jeder Überlegung bezüglich Vermögen baumelt. Doch findet Umverteilung längst vor unser aller Augen statt, umfassend und sehr lang schon. Von unten nach oben.

Vergleichen wir zum Beispiel Einkommen aus Arbeit mit dem sogenannten leistungslosem Einkommen. Ihr Gehalt, so Sie denn einen Arbeitsplatz haben, wird aus dem Umsatz Ihres Arbeitgebers erwirtschaftet. Dieser Umsatz wird versteuert. Wenn Sie gegenüber Ihrem Finanzamt Steuerfreiheit verlangen, weil Ihr Lohn aus bereits versteuertem Geld stammt, werden Sie wenig mehr als ein gequältes Lächeln erhalten. Sie lachen auch? Genau diese krude Argumentation jedoch wird angebracht, wenn es um die Versteuerung von Erbsummen geht – ein Erbe stammt doch aus Einkommen, das versteuert wurde! Das trifft zu, doch war es der Erblasser, der es versteuerte, für den Erben ist es schlicht ein Einkommen, welches zu versteuern ist wie jedes andere Einkommen auch. Weshalb akzeptieren wir, dass Einkommen aus Arbeit mit bis zu 42% besteuert werden, Einkommen aus leistungslosem Einkommen jedoch faktisch fast gar nicht. Und ein Erbe ist ein leistungsloses Einkommen, der Erblasser arbeitete dafür, seine Erben kaum. Haben Sie einen reichen Verwandten, ist dies Glück für Sie, keine Leistung durch Sie. Niemand sucht sich seine Familie vorgeburtlich nach Bonität aus. Dennoch soll es ihnen nicht mißgönnt werden, ein jeder soll selig erben. Was schreibt der wirre Mann denn hier, mögen Sie jetzt empört ausrufen, es gibt sie doch, die Erbschaftssteuer! Stimmt, schauen wir sie uns näher an. In diesem Jahr wechselt die stolze Summe von 400 Mrd. Euro als Erbe die Eigentümer, was einen Anteil an der Wirtschaftsleistung von fast 13% entspricht. 50% der Bevölkerung erbt nichts, 30% erben über 100.000 Euro. Davon steuerpflichtig sind überhaupt nur 14%, was an vielen Ausnahmen und Freigrenzen liegt. Etliche sind sinnvoll, denn das bescheidene Häuschen der Oma oder das familiäre Unternehmen des Vaters soll erhalten bleiben, das verschont der Fiskus völlig zu recht. Doch 86% als Schonvermögen zu deklarieren erscheint (gerade angesichts der Besteuerung von Arbeit) nicht unbedingt als ausgewogen. Der durchschnittliche Steuersatz für Erbschaften beträgt aktuell ca. 14%. Rechnet man allein diese beiden Zahlen zusammen, ergibt sich eine staatliche Beteiligung an Erbvermögen von 3,08%. Magere 12,3 Mrd. Euro sind alles, was der Bundeshaushalt von den 400 Mrd. Euro sehen wird. Der Maximalsatz von 30% (vgl. 42% Einkommensteuer) gilt, innerhalb einer Familie in direkter Linie vererbt, erst ab einer Summe oberhalb von satten 26 Millionen Euro! Real jedoch zahlen Erben auf Erbschaften über 10 Millionen Euro gerade einmal 1%, für diese Volumina sind versierte Steuerberater auffindbar, die zielsicher Lücken im Erbsteuerdickicht finden und geschickt zu nutzen wissen.

Unser Gesellschaftsvertrag (vgl. Makroökonomisches Gleichgewicht, als Stabilitätsgesetz eherne Verpflichtung jeder Bundesregierung seit 1967 bis auf den heutigen Tag) verlangt unter anderem, dass jeder (!) zum Allgemeinwesen nach seinen finanziellen Kräften beitragen soll. Ist das heute so? Was haben wir in diesen 50 Jahren seitdem an Ausgewogenheit erreicht? Wie gleich sind sie verteilt, die Aufwendungen für unser nationales Gemeinwohl? Die einfache Antwort bedeutet nicht weniger als grundsätzliches Regierungsversagen seit Jahrzehnten, anders als so krass kann man es kaum bewerten. Was übrigens interessanterweise auch nicht wenige aus den Reihen jener so klar postulieren, die sehr reich sind.

Die äußerst zurückhaltende Besteuerung von großen Vermögen steht in krassem Gegensatz zur Besteuerung der unvermögenden Bevölkerung. Nachweis? Die beiden großen Aktivposten auf der Einnahmenseite des Bundes sind die Mehrwertsteuer (221 Mrd. Euro) sowie die Einkommenssteuer (70 Mrd.). Einkommen aus Arbeit bis 42.000 p.A. erbringen 48,3% des gesamten Aufkommens an Einkommenssteuer. Auf den Punkt gebracht: Das Sediment der Lohnskala hat allein fast die Hälfte des Einkommenssteuer aufzubringen. Gerecht geht anders. 1975 galt der Steuerhöchstsatz erst ab dem 6-fachen des Durchschnittseinkommens, bis 2016 ist er auf das 1,5-fache dessen abgesunken. Die Hand des Staates greift immer früher und tiefer in das abgewetzte Portemonnaie des abhängig Beschäftigten, dafür findet sie prallvolle Brieftaschen immer weniger. Nach dieser direkten Steuer aber ist noch nicht Schluss, es warten noch begierig die indirekten Steuern, allen voran die Mehrwertsteuer, zu entrichten bei jedem noch so kleinen Einkauf. Für Haushalte, die mit jedem Cent rechnen müssen, ist jede Erhöhung der indirekten Steuern eine sogleich schmerzhaft spürbare Mehrbelastung. Von 10% Mwst im Jahre 1968 liegen wir heute bei 19%. Wer nun glaubt, dass halt alle Preise eben steigen mit der Zeit, läßt außer acht, das Prozentzahlen einen proportionalen Anteil beziffern.

Was erbringen parallel die größeren Vermögen für das Gemeinwohl? Die Steuereinnahmen aus Erbschaftssteuer liegen wie beschrieben real bei etwas über 3%, die Kapitalertragssteuer ist bei 25% gedeckelt, die Vermögenssteuer wurde 1996 abgeschafft, eine Börsenumsatzsteuer gab es noch nie (Begründung? Es wird keine gegeben.), eine Luxussteuer lehnen wir vehement als Teufelswerk ab. Dabei greift diese in vielen anderen Ländern, welche die Vermögenssteuer aus guten Gründen erheben, erst recht spät – zum Beispiel bei Booten über zehn Metern Länge, für Autos mit über 250 PS oder Armbanduhren über 75.000 Euro auf dem Preisschild.

Fiskalisch zusammengefasst: Wir belasten Arbeit und entlasten Vermögen, das erste aber wird weniger (Industrielle Revolution 4.0 / Automatiserungsgrad), das zweite wächst dafür rasant (vgl. oben). Finden Sie den Systemfehler, es sollte nicht all zu komplex sein.

Ich schlage vor, das wir die Metapher vom scheuen Reh des Kapitals noch einmal aufgreifen, aber endlich zu Ende denken! Rehe sind schöne und scheue Tiere. Doch deshalb erlaubt man ihnen nicht, alle frischen Triebe von Gewächsen abzufressen. Damit die Vegetation auch zukünftig wachsen kann, werden nachwachsende, kleine Bäume durch Gitter geschützt. Nicht die Rehe eingezäunt. In den sogenannten Gated Communities (schwer bewachte Wohnsiedlungen für Vermögende), die sich sprunghaft vermehren, geschieht aber genau das – Wohlhabende schirmen sich ab vor den Habenichtsen. Ist das wirklich die Art von Gesellschaft, in der wir in Zukunft leben wollen? Fangen wir endlich an, die Balance in unserer Steuerung von Natur auch in der Belastung von BürgerInnen einzubringen. Schützen wir die finanziell dürren Zweige unseres Landes endlich durch ausgewogene Steuergesetzgebung sowie zum Beispiel durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wir brauchen schließlich Rehe und Gewächse, die Balance zwischen beiden muss in Einklang gebracht werden. Fragen Sie einen Förster.

 

Nächste Folge (4): Niemand wird noch arbeiten! Wer soll das bezahlen?

Und es geht doch!

Spannender Vortrag von Michael Krakow über das Bedingungslose Grundeinkommen.

„Nicht finanzierbar“
„Dann arbeitet ja keiner mehr“

Das sind die zwei Haupt-Vorurteile gegen das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Vorurteile, die der Detmolder Berater, Honorardozent und Autor Michael Krakow entkräften konnte. In seinem (trotz der vielen Zahlen) kurzweiligen Vortrag lenkte er den Blickwinkel weg von der Leistungspflicht hin zu den Chancen und vielfältigen Möglichkeiten für eine Zukunft ohne Existenzangst.

In livinginowl vertieft Michael Krakow diese Thematik in einer mehrteiligen Reihe. Die bisherigen Folgen sind unter den folgenden Links zu lesen:

Folge 1: Uns geht es doch gut

Folge 2: Wer fleißig ist, bekommt auch was

 

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 2)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 2

Wer fleißig ist, bekommt auch was – Über die Neidgesellschaft

Ein veritables Erbe, ein Sechser im Lotto oder ein Stuhl bei Günther Jauch. Das sind sie, die drei Möglichkeiten, heute ohne Vermögen an Vermögen zu kommen. Moment, denken Sie jetzt, alle drei hängen vom Zufall ab (reiche Verwandten, Losglück, Allgemeinbildung), was ist denn mit einem Arbeitsleben voller Fleiß und Engagement, Lernen und Ehrgeiz? Damit sind wir im Thema unserer heutigen Folge.

In der ersten Folge dieser Reihe zeigte ich Ihnen aktuelle Situation und Zahl von Obdachlosen, Erwerbslosen, Niedriglöhnern auf, hier nun beleuchten wir die Situation der ganz normalen Arbeitnehmer und -innen. Vielleicht gehören sie ja zu jener Gruppe, denen es der Bundeskanzlerin zufolge heute so gut wie nie geht. Anlass zu dieser Annahme gäbe es ja genug, denn seit 2006 sind die Umsätze der Unternehmen hierzulande um 22,9% gewachsen, die Gewinne gar um 30,2%, da wird auch doch das Niveau der Löhne und Gehälter gleichermaßen angewachsen sein! Leider nein.

Ich höre an dieser Stelle während des Schreibens den langjährig erprobten Chor vielstimmig ihren liebsten Song „Neidgesellschaft!“ intonieren. Doch sind wir das wirklich, nur eine Neidgesellschaft? Die Antwort darauf liefert uns eine interessante Untersuchung, welche seit Jahrzehnten beinahe klandestin nicht nur die Entwicklung von Löhnen und Gehältern auswertet, sondern zudem die viel spannendere Proportionsspanne.

Was bedeutet das? In den Sechzigern betrug das Verhältnis zwischen dem am niedrigsten bezahlten Job in Unternehmen und dem am höchsten entlohnten Arbeitsplatz 1:30. Das bedeutet, der Ranghöchste im Ledersessel erhielt etwa 30mal so viel wie jener, welcher zum Beispiel das Lager aufräumt und sauber hält. Dieses Verhältnis empfanden die Menschen damals als angemessen, gönnten dem Chef sein Salär, erkannten sein Risiko, seine Verantwortung, seine Arbeitszeit unumwunden an. Seine schwere Limousine auf Firmenparkplatz 1 neideten sie ihm nicht, denn sie selbst vertrauten zu recht auf die Verheißung, zwar selbst nicht in massiven Wohlstand zu gelangen, wohl aber bis zum Renteneintritt ein bescheidenes Häuschen durch Abzahlung ihr eigen zu nennen, samstäglich ein kompaktes Fahrzeug in der Einfahrt zu polieren sowie im Sommer die Italiener in deren Küstenstreifen zu besuchen. Deutschland befand sich im Lot.

Diese Proportion jedoch hat sich als Schere entwickelt, deren Spitzen grotesk weit auseinander liegen: Heute liegt diese Proportion bei 1:400! Selbst zwischen mittleren Angestellten und der obersten Führungsebene klafft das Verhältnis von 1:93. Neidgesellschaft? Sind die Arbeiter und Angestellten also in ihrer Leistung in wenigen Jahrzehnten derart extrem abgesunken, Vorstände in ihrem Wirken gleichzeitig rasant besser geworden? Der Anstieg der deutschen Produktivität von 24% seit 1996 spricht eine andere Sprache.

Diese permanente Neidunterstellung ist grober Unfug, eine abgenutzte Keule, um jeden Diskurs darüber pseudomoralisch zu zertrümmern, was jederart Leistung wert sein muss. Dieses Spiel ist durch mühlenhafte Wiederholung von so nachhaltiger Wirkung, dass nicht selten selbst ihre Verlierer es inzwischen für ein Naturgesetz halten. Erst, wenn balltretendes Personal für über 200 Millionen pro Trikotträger verschachert wird, kommen sie ins Grübeln, ob alles noch in der richtigen Spur läuft.

Nein, vielmehr als Neid erkennen wir die sehr realistische Wahrnehmung von nicht mehr gegebener Verhältnismäßigkeit. Die Friseurinnen, die Erzieherinnen, die Berufskraft- und Kurierfahrer, die Arzthelferinnen, die Verkäuferinnen, Call Center Mitarbeiter, die Krankenschwestern, die Pflegekräfte – alle faul, deshalb zu recht schmal bezahlt und nur von Neid durchdrungen? Schauen wir uns letztgenannte Gruppe exemplarisch genauer an. Im Bundesschnitt erhält eine Pflegekraft im Jahr 20.600,— Euro brutto. Nehmen wir beispielhaft an, sie ist 30 Jahre alt, bewohnt in NRW eine Wohnung von 60qm. Was ihr nach Abzug von Steuern und Miete letztlich netto bleibt, sind pro Tag 21,35 Euro. Davon bezahlt sie Nahrung, Kleidung, Versicherungen, GEZ, Urlaub, Bildung sowie eine überschaubare Freizeitgestaltung. Viel Kultur dürfte da nicht enthalten sein. Was glauben Sie, legt sie parallel für ihr Alter zurück? Eben, wovon? Den Traum vom Eigenheim sowie bescheidenem Wohlstand irgendwann (vgl. oben, Gesellschaftsvertrag 60er Jahre), hat sie wie ihre vielen KollegInnen der eigenen und anderer Branchen längst eingemottet. Sollte diese Altenpflegerin denn tatsächlich neidisch sein, dann wohl kaum zu unrecht. Ja, es ist wahr, auch ihr Nominallohn wurde wie sehr viele andere angehoben in den zurückliegenden Jahren, was aber nur die eine Seite der Medaille darstellt. Auf der anderen steht ihr Reallohn. Er sank hierzulande seit 1980 um 15%, die Kaufkraft der Normalarbeitnehmer erodiert schleichend. In unseren europäischen Nachbarländern stiegen parallel die Reallöhne. Dass Deutschland dafür einer der Exportweltmeister ist und die schwarze Null im Bundeshaushalt zum beinahe biblischen Mantra erhob, davon hat die Altenpflegerin in der Abendschlange der Supermarktkasse ebenso herzlich wenig wie die Person, welche vor ihr die Produkte über den Scanner peitscht.

Die Neuverschuldung des Bundes auf Null zu drücken, ist zweifelsohne richtig, doch sich das dafür nötige Geld von Krankenschwestern und LKW-Fahrern zu holen, kann kaum zielführend sein. Während zum Beispiel Umsätze aus Börsengeschäften noch immer steuerfrei verbleiben, wird bei Arbeitnehmern bereits ab 54.000 Jahreseinkommen (dem 1,5 fachen des deutschen Durchschnittseinkommens) mit dem Höchstsatz von 42% zugeschlagen. Wie Arbeit belastet und Vermögen sowie leistungsloses Einkommen geschont wird, soll jedoch die nächste Folge dieser Reihe ans Licht zerren.

Dass dieses Land dennoch finanziell auf die Konsumfreude seiner inflationär unwürdig bezahlten Arbeitnehmer bauen konnte, hat einen längst überdeutlichen Preis – ein Großteil der Deutschen lebt auf Pump. Enorm viele Haushalte sind verschuldet, jedes fünfte private Girokonto befindet sich im Schnitt mit 1.500 Euro im Dispositionskredit, also satt im Minus. Bis zu soliden 15,32% Überziehungszinsen schnüren die Schuldner auch perspektivisch verlässlich ein im Korsett ihrer Verschuldung. 6,85 Millionen Bundesbürger sind sogar überschuldet, der Abtrag ihrer Schulden darf als wenig wahrscheinlich betrachtet werden. Der durchschnittliche Grad ihrer Verschuldung hat die Marke von 36.000 Euro pro Kopf erklommen – wie oben als Beispiel benannte Altenpflegerin von einem solchen Gipfel wieder heruntersteigen soll, ist ungewiß. Durch noch höhere persönliche Arbeitsleistung wohl nicht. Ihr bleibt die 2013 geschaffene Privatinsolvenz, allein in den vergangenen Jahren mussten über 100.000 Bundesbürger deren steinigen Weg beschreiten.

Die gesamte private Schuldsumme liegt derzeit bei unglaublichen 246 Mrd. Euro, 11% davon halten Inkassobüros, die modernen Kriegsgewinnler. Die erforschten Hauptgründe für private Überschuldung liegen übrigens weit weniger im gern angenommenen Riesen-3D-Plasma-TV auf Raten, sondern erwiesenermaßen in Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Unfällen, Scheidungen, Suchtproblematiken, Tod des Partners sowie gescheiterten Selbstständigkeiten. Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass die Gruppe derer, welche am gesellschaftlichen Leben trotz gewissenhaft vollbrachter werktäglicher Arbeitsleistung teilhat, zügig schrumpft. Eine Aussicht auf Besserung verspricht ihr glaubhaft konkret kaum ein Konzept aus Berlin, der aktuelle Wahlkampf interessiert sich nicht sonderlich für sie.

Ein Leben unter dieser Trias an Dauerbelastung (viel Arbeit für wenig Nettoeinkommen, steigende Ausgaben, Schuldenlast) verbleibt nicht ohne Konsequenzen, welche dann auch für unsere gesamte Gesellschaft längst sichtbar sind bzw. sein sollten. Die Behandlungskosten für arbeitsbedingte psychische Belastungsstörungen ist seit 2002 auf schmerzhafte 34 Mrd. Euro im Jahr gestiegen. Die Tendenz für die nahe Zukunft zeigt steil in den Himmel, die professionellen Behandler können sich der Flut kaum noch entgegen stemmen, 21 Wochen vergehen heute bis zum ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient. Sehr lang wird unser Gesundheitssystem dies nicht mehr kompensieren, die Unternehmer dies nicht länger ignorieren können. Pro 100 Sozialversicherte schlagen jährlich 257 Ausfalltage zu Buche, was dadurch bereits 17% des Fernbleibens vom Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründe ausmacht. Die Arbeitgeber kosteten diese Ausfälle 71 Mrd. Euro im abgelaufenen Jahr.

Doch nicht nur überbordende Arbeitsbelastung macht krank, sondern auch das völlige Fehlen derselben. Denn auch die Erwerbslosigkeit zieht gesundheitliche Folgen nach sich, nach 10-12 Monaten als Kunde der Agentur für Arbeit entwickeln 43% seelische Problematiken aus, was Energie und Motivation zur Jobsuche erheblich torpediert. Struktur-Maßnahmen des Jobcenters wie der Bau von Vogelhäuschen, das Zerkleinern von Teppichresten oder das Rasieren von Pfirsichen (alles leider kein Scherz) sind hier nicht unbedingt die effizientesten Reha-Maßnahmen.

Der Anteil der sogenannten „Working Poor“ hat sich zwischen 2004 und 2014 auf annähernd 10% der arbeitenden Bevölkerung mehr als verdoppelt, die Gruppe der Einkommensmillionäre stieg seit 2003 um 83%.

Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an; Und der Arme sagte bleich „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“, so schrieb es Berthold Brecht 1934 in einem Gedicht. Ich wünschte mir, wir würden heute ungläubig zurückblicken auf jene Zeit und erleichtert aufatmen, weil dieses Verhältnis im Jahr 2017 beendet ist. Ist es nicht. Im Gegenteil, die Schere spreizt sich immer weiter und weiter, das Schneidwerkzeug einfach nach unten in die wohlfeile Neidschublade zu legen, läßt sie unsichtbar sein, jedoch nicht inexistent. Dort unten zerschneidet diese Schere allmählich das Band, welches unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Erben, Lottogewinner und Jauch-Gäste werden daran nichts ändern.

Nächste Folge (3): Das scheue Reh des Kapitals.

Wer Michael Krakow einmal live erleben möchte, dem sei sein Vortrag zu diesem Thema am 5. September 2017 in Detmold ans Herz gelegt.

Die Welt braucht Querdenker

„No, Sir. Die Amerikaner brauchen vielleicht das Telefon, wir aber nicht. Wir haben sehr viele Eilboten.“ (Sir William Preece, Chefingenieur der britischen Post, 1896 zu Graham Bell, als dieser ihm die praktische Verwendbarkeit des Telefons demonstriert hatte.)

„Wir sind 60 Jahre ohne Fernsehen ausgekommen und werden es weitere 60 Jahre tun.“ (Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, 1960)

„Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“ (Thomas Watson, Chef von IBM, 1943)

Ihr schmunzelt über die Besserwisserei der „Experten“ früherer Zeiten? Und wie sieht es bei Euch aus? Wo sagt Ihr heute „das geht nicht“, „das ist nicht finanzierbar“, „das braucht kein Mensch“….. etc.?

Wie erhebend dagegen klingt der Satz von Albert Einstein, der ja ein Zeitgenosse der oben zitierten Herren war:

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.

 

Und damit verweise ich auf einen querdenkerischen Vortrag von Michael Krakow, der sich unter dem Thema „Kein Geld für’s Nichtstun“ mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt.

Am 5. September 2017 um 19.00 Uhr im Son Vida, Detmold.

Foto: Clipdealer

Geld fürs Nichtstun, lohnt sich Leistung?

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 1

Uns geht es doch gut!

„Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut.“ Unter großem Beifall vieler Parlamentarier im hohen Haus postulierte im November des vergangenen Jahres Angela Merkel erkennbar selbstzufrieden die Lage der Nation ins Pultmikro. Mir drängte sich sogleich die Frage auf, wer eigentlich diese Menschen sind, die unsere Bundeskanzlerin da so generalisiert euphorisch bewertet. Entspringt ihre Euphorie womöglich Euphemismus? Denn dass unsere Nation heute global wie ein massiver Solitär für Erfolg, Stabilität und Reichtum wirkt, ist unbestritten. Doch wie sieht es im Innern aus? Zieht man den schwarz-rot-golden glitzernden Vorhang beiseite, schaut sich sämtliche Akteure aufmerksam an, die sich dahinter tummeln, erkennt man wie der kundige TÜV-Prüfer flott den Rost unterm Lack. Geht es allen Bewohnern wirklich so gut, wie es international und merkelisiert betrachtet den Anschein hat? Begleiten Sie mich auf einen kleinen gedanklichen Rundgang, besuchen wir die Bürgerinnen und Bürger dieses glücklichen Landes.

Beginnen wir im Keller, um im Bild zu verbleiben. Dort im Dämmerlicht erblicken wir weit über eine halbe Million Obdachlose. Zögen wir sie in einer Region zusammen, so bevölkerte diese Gruppe die Städte Bielefeld, Gütersloh und Paderborn allein ausfüllend. Schon diese Vorstellung ist auf ungute Weise beeindruckend. Zwei weitere Zahlen jedoch machen diesen Umstand gruselig. Allein in den letzten sieben Jahren ist die Zahl der Wohnungslosen um ein Drittel gestiegen, 34% Neuobdachlose seit 2010! Etwa 30.000 von ihnen sind Straßenkinder. Da stellt sich sogleich die Frage, was diesen sprunghaften Anstieg auslöste und was der Staat dagegen zu tun gedenkt. Das Abgleiten in ein Leben ohne Dach über dem Kopf aus einer bürgerlichen Existenz heraus ist heute so zügig, überraschend und ungebremst möglich wie nie zuvor. Die Tatsache, dass es so viele Kinder ohne Kinderzimmer gibt, ist schlicht beschämend für ein Land wie das unsrige, daran lässt sich nun gar nichts beschönigen. Doch tut dies ja auch niemand, es ist schlicht überhaupt kein Thema medialen Interesses.

Betrachten wir nun jene, die zwar über eine Wohnung verfügen, jedoch nicht über bezahlte Arbeit. Gute 800.000 Menschen hierzulande beziehen ALGI, das klassische Arbeitslosengeld. Viereinhalb Millionen weitere erhalten ALGII, das sogenannte HartzIV,

Dieses wird in des Volkes Ansicht fälschlicherweise automatisch mit Arbeitslosigkeit gleichgesetzt. Dies aber ist unzutreffend, denn fast ein Drittel der „Hartzer“ (auf die Verrohung von Sprache und deren Folgen komme ich in einer eigenen Folge zurück) sind Aufstocker, die zwar zumeist Vollzeit arbeiten, jedoch dafür so wenig Lohn erhalten, dass es zum Leben nicht reicht. Volle Leistung, aber nicht volles Geld. So springt der Staat ein und gleicht geschmeidig aus Steuermitteln aus, was Arbeitgeber einsparen. Insgesamt liegen die prekär Beschäftigten und Leiharbeiter gemeinsam bei inzwischen bei 2,6 Millionen Arbeitenden. Zwei Millionen Kinder unter 18 Jahren sind ebenfalls auf HartzIV angewiesen. Da in kaum einem anderen Land der OECD der Bildungsgrad von Kindern derart vom Vermögensstand der Eltern abhängt, können wir uns ohne viel Phantasie vorstellen, wie deren nahe Zukunft sich wohl ausgestaltet. Die Schicht rekrutiert sich selbst. Das hat sie übrigens mit der sehr reichen Schicht gemeinsam, doch dies beleuchten wir nicht heute, dafür bald.

Die Bundesagentur für Arbeit bejubelt die Zahl der Erwerbslosen bei 2,489 Millionen (Stand Mai 2017) und klopft sich auf die Schulter. Wer über viel Zeit verfügt (welche ich mir dafür nahm) und zudem Lust auf das Kleingedruckte der Nahles’schen Bulletins (welche sich bei mir während des Lesens zunehmend entwickelte), stößt auf einige, nicht gerade kleine Gruppen, welche kurioserweise gar nicht mitgezählt werden, obgleich auch sie ohne Erwerbseinkommen sind: Erwerbslose über 58 Jahre Lebensalter, welche mit Partner über 1.300,— Einkommen, Qualifizierungsteilnehmer, Kurzzeiterkrankte, Langzeiterkrankte, 50-Plus-Teilnehmer, Kurzarbeiter, 1-Euro-Jobber und etliche andere. Sie alle bilden die „Stille Reserve“, was tatsächlich ihre amtliche Kastenbenennung ist. Schade, dass für diese Reserve (für was auch immer sie Reserve sein soll) die öffentliche Wahrnehmung auch sehr still ist. Rechnet man die Reservisten zur ministeriell schalmeiten Zahl hinzu, ergeben sich plötzlich real etwa 3,7 Millionen Erwerbslose! Für solcherart Frisierungen würde jeder Gebrauchtwagenhändler ertappt auf die metallene Marke eines Uniformierten starren. Zudem sind es zwei Schönheitsfehler, deren Aufdeckung aus der vermeintlichen Erfolgsgeschichte Agenda 2010 einen Kaiser ohne Kleider machen: Der Vergleich der Erwerbslosenzahlen heute mit dem Einführungjahr 2005 ist irregulär. Zum einen wird hier ein Rezessionsjahr mit einem Boomjahr verglichen, zum anderen sind gerade im Osten eine sehr hohe Zahl von Erwerbslosen in die Rente gegangen. Bezieht man diese beiden Umstände mit in die dann bereinigte Berechnung, wie es seriös wäre, ist der Erfolg der Agenda 2010 marginal.

Merken Sie etwas? Gruppe folgt hier auf Gruppe, Zahl folgt auf Zahl, doch noch immer keine Menschen in Sicht, denen es so gut erginge wie nie zuvor. Ich muss Sie enttäuschen, leider bleibt dies in der ersten Folge dieser Essay-Reihe auch so.

Schlendern wir also neugierig zur nächsten gesellschaftlichen Gruppe. Ein Großteil der 4,1 Millionen Solo-Selbstständigen schuldet den deutschen Krankenkassen mittlerweile den unglaublichen Betrag von 6,1 Mrd. Euro. Grund ist ihr durchschnittliches monatliches Einkommen von 789 Euro, wovon ihnen im Schnitt für die Absicherung ihrer Gesundheit 37% abgefordert wird, weil nicht ihr tatsächliches Einkommen eine Rolle spielt, sondern ein theoretisch angenommenes, stramm realitätsfernes. Diese Problematik ist der Politik auch hinreichend bekannt. Dass diese Gruppe parallel für ihr Alter finanziell vorsorgt, ist schwer vorstellbar, ihr winkt die Altersarmut, was uns gleich zur nächsten Gruppe führt. Jene nämlich, welche ihr Arbeitsleben aus Altersgründen abgeschlossen hat und dennoch unter der Grundsicherungsmarke von 824 Euro täglich ihren Kampf ums Leben ausficht. Hier haben wir Senioren, deren Anzahl seriös auf gut eine Million beziffert werden kann. Sie haben geleistet, was ihnen jedoch jetzt im Alter kein menschenwürdiges Dasein einbringt. Allein dieses Problem ist schon jetzt turmhoch, gleichwohl erst in seinen Kinderschuhen: 2036 wird Berechnungen zufolge jeder dritte Rentner in dieser Grundsicherung landen! In Österreich übrigens liegt die durchschnittliche Rentenzahlung bei über 2.000 Euro. Ich bin gespannt, wann unsere Volksvertreter sich für den ungeheuer frechen Trick unserer Alpen-Nachbarn interessieren, alle Erwerbsbezieher solidarisch einzahlen zu lassen.

Ziehen wir einen Saldo-Strich unter all diese und hier aus Raumgründen nicht erwähnten Zahlen, konstatieren wir im Jahre 2017 den unglaublichen Anteil von rund 16 Millionen Menschen in diesem Lande, welche am gesellschaftlichen Leben lediglich rudimentär teilnehmen und auch wenig Perspektive erkennen, dass sich an ihrer zementenen Schichtzugehörigkeit etwas ändert. Darunter sind über zwei Millionen Kinder, 345.000 von ihnen stehen tagtäglich an den Tafeln an, um Mahlzeiten zu ergattern, derer sie sonst kaum habhaft werden. Wem das im Lande der grenzenlosen Bankenrettung keine Schande ist, hat kein Herz. Allen Kindern in Deutschland eine warme, mittägliche Schulmahlzeit kostenfrei zu offerieren, würde unseren Staat circa 900 Millionen Euro im Jahr kosten. Für die Reduktion der Mehrwertsteuer für Hotels lassen wir seit 2010 jährlich 1,1 Mrd. Euro springen (einen augenzwinkernd Mövenpick’schen Gruß an die Liberalen). Das Buffet mit mehreren Sternen ist eben nicht nur vom Nährwert hochwertiger als die Kost für Kids, sondern auch in haushaltspolitischer Priorisierung.

Die Frage an Frau Merkel muss erlaubt sein, welche Menschen sie meinte, denen es doch so gut wie nie geht. Ein Fünftel unserer Gesellschaft dürfte sich wohl nicht angesprochen fühlen. Was deren röchelnde Kaufkraft für unseren Binnenmarkt bedeutet, überlasse ich an dieser Stelle des Lesers ökonomischem Sachverstand.

Weder unsere Regierungsparteien noch die Opposition scheinen sich ernsthaft mit diesen Menschen auseinanderzusetzen und ernten dafür lakonisch schulterzuckend sinkende Wahlbeteiligungen sowie eine zunehmende Radikalisierung. Eine eigentlich helle Bestürzung auslösen müssende Umfrage aus diesem Jahr ergab, dass hochgerechnet 71% der Bevölkerung das „Solidaritätsversprechen unseres Gesellschaftsvertrages als gebrochen ansieht“. Mit sinnentleerten Sprüchen auf aktuellen Wahlplakaten, welche selbst der „Bäcker Blume“ als Kalenderspruch zu schlicht wären (z.B. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“), ist dieser wachsenden Gefahr für unsere Demokratie jedenfalls nicht zu begegnen. 16 Millionen Menschen leben eben nicht gut in diesem, unseren Lande. Große Probleme werden von der Menschheit nicht gelöst, sondern gelangweilt liegen gelassen, erkannte Kurt Tucholsky. Mal schauen, wie lang es uns noch gelingt zu ignorieren. Denn wir, verehrte LeserInnen, sind als Volk nicht besser als jene Vertreter, die wir wählten. Unser Credo: Läuft ja alles. Irgendwie…

Nächste Folge (2): Wer fleißig ist, bekommt auch was – Die Neidgesellschaft.

Wer Michael Krakow einmal live erleben möchte, dem sei sein Vortrag zu diesem Thema am 5. September 2017 in Detmold ans Herz gelegt.

Danke für 2014

Wir wünschen allen Kunden,
Lesern,
Spendern von Beiträgen und Fotos,
also eigentlich allen Menschen
einen guten Start in ein gesundes
und glückliches 2015.

collage2014

Und sagen DANKE für 2014!

Eine Ode an meinen Trumm / Fanta ohne Fun-Faktor

Text von Michael Krakow

Kann man so etwas wie Zuneigung empfinden zu einem kalten Gegenstand? Besitzern von Elektronikgeräten mit angebissenem Apfel auf der Rückseite, Rostschleifern von alten Käfern sowie Hüterinnen von Fabergé-Eiern stellt sich diese Frage vermutlich nicht, sie haben es längst verinnerlicht.

bottle of fresh lemonade

Nun hat es auch mich erwischt, des Amors Pfeil zittert im Ziel. Doch während Wisch-Tabletten, Buckelautos und Kunsteiern noch etwas Ästhetisches anhaftet, werden meine Gefühle von etwas ungleich wuchtigerem entflammt. Der kalte Gegenstand, welcher mein Herz regelmäßig erwärmt, ist wortwörtlich von kaltem Wesen, denn genau das ist seine Aufgabe. Wie läßt er sich beschreiben? Ein „Trumm“ ist laut Duden die Bezeichnung für ein Ungetüm, ein Brocken, eine in Präsenz und Ausdehnung imposante Erscheinung. Und exakt dieses herrlich lautmalerische Wort fiel mir ein, als ich das erste Mal vor ihm stand. Mein Durst hatte mich zu ihm getrieben. In einem fremden Gebäude wies man mir den Weg zur Erlösung, was eben seine Mission darstellt. Denn er ist ein Getränkeautomat. Was sage ich, der Ur-Vater aller Getränkeautomaten! In einem halbdunklen Seitenflur hatte man ihn platziert, vermutlich schon vor einer Ewigkeit. Einen Kopf größer als ich, sicher drei mal so breit und auch tief. Er brummt und summt rund um die Uhr, um jene zu kühlen, die man ihm in den kubischen Bauch implantiert. Myriarden von Flaschen muß er schon die Temperatur arktisch heruntergeregelt haben in den Tiefen seiner massiv beherbergenden Fassade. Ein treuer Soldat am Wolgastrand, der nicht infrage stellt, was ihm einst aufgetragen.

Was ist es nun, das dieses Gerät so anders für mich macht? Wie aus der Zeit gefallen ragt dieser Monolith vor mir auf, er wirkt tonnenschwer. Ich muß davon ausgehen, dass man ihn hier an dieser Stelle zusammengeschmiedet hat, denn in seiner finalen Gestalt ist er so immobil wie eine Felsformation. Mit all diesen modernen, filigran dünnhäutigen Automaten, die heut allerorten mit gewagten Kurven, aufdringlichem Gepränge und der nagelneuesten Technik gleißnerisch auftrumpfen, hat dieser Veteran so gar nichts gemein. Wie ein aufgerichteter Riesenschuhkarton erhebt er gar nicht erst den Anspruch auf so etwas wie Design, Features oder Marktpräsenz. Das Verhältnis von Neu zu Alt bei Automaten gemahnt hier an das ungleiche Paar Wall-E und EVA aus dem bekannten Animationsfilm erheblich jüngerer Tage. Die Oberfläche aus Grauguß widersteht Attacken gleichwelcher Art. Ein Safe wirkte filigran in seiner Nähe. Dieser Typus verrichtet diskursfrei seinen klar benannten Auftrag, nicht mehr, nicht weniger. Zuverlässig und unbeirrt seit Ölkrise, Watergate und Guillaume-Affäre. „Was immer auch geschieht bei Dir, ich stehe auf ewig hier und bin bereit für Dich, dürstender Wanderer“, scheint er im flackernden Schein der ähnlich alt wirkenden Neonröhre an der Decke kehlig zuzuraunen und fast würde es mich nicht wundern, schöbe er dabei eine Selbstgedrehte in seinen Münzschlitz. Ja, einen solchen hat er tatsächlich! Metallisch, stabil, vierfach verschraubt, die kleine Fläche daneben durch tausend Münzkanten abgeschabt, wie es die steinerne Tradition verlangt. Die Älteren werden sich erinnern. Keine EC-Karte findet Einlaß in diesem Zahlungsmittelalter, hier werden ausschließlich Münzen sanft eingeschoben. Und beileibe nicht alle – Nein, nur eine einzige Sorte ist es, die seine Akzeptanz findet. Immerhin schon Euro statt Mark, Taler oder Groschen, aber davon eben nur eine. Eine Flasche = Ein Euro = Ein Deal. Markant wie der Schluß zweier Arbeiterhände. Wenn Du wirklich Durst hast, besorge Dir gefälligst die passende Münze, Pilger, denn Wechselgeld gibt es hier nicht.

Verlangt es Dich zudem in der modernen Welt der millionen Möglichkeiten nach Energizern, Shots oder Smoothies, bleibt dies hier ein staubiger Pfad in die endlose Steppe. Mein Trumm, ja so nenne ich ihn mittlerweile nicht ohne Hingabe, bietet Limonade. Limonade. Nichts weiter. Fertig. Eiskalt und in schweren Flaschen, die ihre bauchige Form seit der Montan-Union innehaben. Never change a winnig team. Der Vorgang des Tausches Münze gegen Flüssigkeit darf mit Fug und Recht denn auch als Akt bezeichnet werden. Da wäre zunächst die Auswahl, welche keine ist, denn es gibt lediglich eine einzige Sorte, welche aber in einem Hauch von Großspurigkeit über sieben Tasten identisch angeboten wird. Die Bezeichnung „Taste“ ist korrekt, denn es gibt kein Touchpad oder ähnliche Sensorik, es sind Tasten. Aus dickem, transparenten Kunststoff, rechteckig und handtellergroß. Eine davon hat als erstes in einer Weise eingedrückt zu werden haben, die ein Gefühl von Arbeit vermittelt, denn die alten Gegendruckfedern sind straff wie und eh und je, wollen überwunden werden. Hier wird nicht softig gewischt, sondern physisch gedrückt.

Dies ist der erste physische Kontakt zwischen Kunde und Anbieter, der Trumm will spüren, wer von ihm die Herausgabe von Limonade verlangt – Mann oder Maus!? Als Reminiszenz an die Moderne ist jede Taste von hinten schwach beleuchtet. Ja, ganz recht vermutet, nicht durch eine Diode oder gar farblich kunstvoll changierende Rahmenlilluminierung, sondern durch ein tapferes kleines, gelblich schimmerndes Birnchen. So wie es sich gehört. Folgt man übrigens nicht exakt dem Ablauf der ab jetzt vorgegebenen Schritte, deren Studium kaum mehr möglich ist, da die Erklärtafel in Hüfthöhe verblichen ist, als Berti Vogts zu Mönchengladbach wechselte, bleibt die Kehle trocken. Varianz ist des Trumms Sache nicht, hier werden Regeln befolgt und nicht gespielt.

Nach dem Drücken der Taste ist der Zeitpunkt des Bezahlens, wie einst an den Fährmann ist der Taler nun zu entrichten. Wirft man ihn zu rasch in den beschriebenen Schlitz, so wird dies als Respektlosigkeit sogleich geahndet und der Trumm speit einem die Münze voller Verachtung einen Wimpernschlag danach aus seiner Verkleidung einfach ans Knie. Nochmal, Freundchen! Hier läßt sich Geduld, Demut und Sensibilität erlernen. Wird der Euro aber akzeptiert, so beginnt eine Musik voller Zauber. Man hört die Münze durch die Eingeweide kullern, rollen, sich heben und senken, Kurven fahren und Täler durchrinnen, Kanten keck touchieren, über Wellen klickernd tanzen, Pirouetten schwankend spiralieren. Dort drinnen muß sich eine Art kleine Achterbahn für Geldstücke befinden. Ich würde diese zu gern einmal sehen, doch das geht mich offenkundig nichts an, kein Menschenauge durfte je hinter die eiserne Platte blicken ohne sein Licht einzubüßen. Kein Zauberer verrät schließlich seine Tricks. Wie das Kaninchen aus dem Zylinder erwarte ich kindlich gebannt das Auftauchen meiner Flasche. Doch soweit ist es noch nicht. Die turbulente Fahrt der kleinen Münze mit der geprägten Eins dauert eine gewisse Zeit, das hält die Vorfreude spannend wie stabil. Tritt endlich Stille ein, so ist jener Moment gekommen, die bereits einmal gedrückte Taste ein weiteres Mal zu betätigen. Eine Art Prüfung des Meisters, ob der vor ihn getretene Adept auch konsequent in seiner Wahl geblieben ist. Innerlich kniet man an dieser Stelle vor dem Trumm, möchte seinen gestrengen Augen unbedingt gerecht werden, in gebotener Bescheidenheit das kostbare Nass empfangen. Nach einer weiteren Pause schließlich gibt er den Weg frei zum Ersehnten. Was eben den Weg des Euros geräuschtechnisch vergleichweise eher pittoresk beschrieb, findet nun seine Wiederholung in ganz anderem Klangvolumen. Die Flasche ist sehr schwer, der Weg arg weit und ähnlich kurvenreich. Es bollert, knallt, scheppert, dass es eine Art hat. Die gläserne Umhüllung samt schwappendem Inhalt scheint aus den Tiefen des Urals in einer Schubkarre über schroffe Gebirgsgpässe herangeschafft zu werden. Jede Bodenwelle kündet kraftvoll, dass die trübe Brause auf ihrem mühseligen Wege zu mir ist. Eine letzte Schanze noch und einem geburtlichen Vorgang nicht gänzlich unähnlich ist es vollbracht. Final wird die Limonade aus dem Trumm in einen stählernes Auffangbecken geschleudert, dass es an ein Wunder grenzt, dass beides dabei nicht sogleich zerschellt. Welch armer Tropf, der seine Hand unvorsichtig ungeduldig zuvor in diese Landewanne streckt. Das Trinken wird zweifelsohne mit der anderen Hand stattfinden müssen sowie nebenbei gemarterte Fingerknochen zu kühlen haben.

Doch geschafft, hurra! Der Trumm und ich sind wieder einmal die Zeremonie, unser wöchentliches Ritual liturgisch durchgegangen, haben es gemeinsam abermals ans Ziel geschafft. Ich proste ihm augenzwinkernd jovial zu wie einem Bergkameraden am Gipfelkreuz. Diese kühle Erfrischung habe ich mir verdient und er gönnt sie mir. Gern würde ich ihm bei Gelegenheit meine Kinder vorstellen. Ihm, diesen wunderbaren Relikt aus jenen Tagen, als Maschinen noch Maschinen waren und überdies Jahrzehnte einfach ohne anfälligen Mummenschanz funktionierten. Ich wünsche ihm noch ein langes Leben, kein anderes Gerät soll hier jemals stehen, dies ist seine Kaverne, soll es immerdar sein. In einer Stunde etwa kehre ich hierher zurück. Nicht für eine zweite Flasche, sondern um die dann leere andächtig zu ihm zurück zu tragen. Denn der Trumm hat eine Gefährtin, eine Trummin, direkt neben ihm. Was er gibt, nimmt sie. Ein DreamTeam – Gleiches Baujahr, gleiches Format, gleiche Grandezza. Kein Laser, kein EAN-Code, kein Display. Dafür richtig viel Charme und Stil. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Mein Traum? Die beiden Zwillinge rahmen in einer Behörde einen Paternoster ein. Ach, das hätte was…

 

Foto: © Andrey Ivanov – Fotolia.com

2. OWL Smalltalk mit Vortrag von Michael Krakow

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Es ist soweit. Living in OWL (Online-Magazin für Ostwestfalen-Lippe) und demipress (Agentur für Fotografie + digitale Kommunikation) laden Sie herzlich zum 2. #OWLSmallTalk ein. Dieses Mal in einem etwas anderen Ambiente.

Am Samstag den 23. August 2014, um 15.00 Uhr treffen wir uns im Landhaus Blumengarten in Horn-Bad Meinberg. Hier ist der Name Programm. In märchenhafter lippischer Natur bei hausgemachtem Kuchen und Kaffeespezialitäten lauschen wir dem Impuls-Vortrag von Michael Krakow vom Charisma-Contor zum Thema

„Kundenzentrierte Kommunikation – Auszüge aus dem Fisch-Credo.“

Beim anschließenden Small-Talk haben Sie Gelegenheit, sich und ihr Unternehmen den anderen Teilnehmern vorzustellen. Bitte bringen Sie Visitenkarten und Flyer mit.

Kosten: 15 Euro pro Person. Im Preis enthalten sind ein exzellenter Vortrag sowie Kaffee und Kuchen.

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Ort:
Landhaus Blumengarten
Bangern 17
32805 Horn-Bad Meinberg
Telefon: 05234-3186
www.landhaus-blumengarten.de

Wir würden uns freuen, Sie an diesem Nachmittag kennenzulernen bzw. wiederzusehen und bitten um Anmeldung bis zum 18.08.2014 bei Petra Zreik.
E-Mail: livinginowl@gmx.de
Telefon: 05204-921522 oder 0172-7611842

Fotos: demipress

Beten im Baumarkt – Das Kreuz mit der Deko.

Text: Michael Krakow

Semiotik ist bekanntermaßen die Lehre der Zeichen und Symbole. Klingt zunächst latent entrückt, hat jedoch viel Alltagstauglichkeit. Im Bereich der unaufhörlich anreichernden Verschönerung der privaten Wohnstatt zum Beispiel ist sie allgegenwärtig. Der Zwang, das eigene Heim neben allerlei praktikablen Ingredienzien wie Möbeln, Elektrogeräten, Autoreifenkalendern und Unterhaltungselektronik zusätzlich mit dekorativem Tand anreichern zu müssen, ist eine Sucht, welche Männer gerade für sich entdecken, Frauen jedoch seit Urzeiten immanent scheint.

Dicke

Doch über die Unterschiedlichkeit der Geschlechter müßig Spott & Häme zu ergießen ist enervierend mariobarthisch, somit denkbar ungeeignet für Michls Embolium. Nein, die erquickliche Freude besteht heute darin, Objekte, denen jegliche Sinnhaftigkeit von Hause aus fehlt, da sie eben nicht mehr als dekorativ sein wollen, um ihres verborgenen Sinnes willen entblößen zu wollen. Gewiss ein anormales Vergnügen, jedoch vielleicht gerade deshalb geeignet, den Autor dieser Zeilen amüsiert zu beschäftigen.

Alles nahm seinen Lauf in der Dekoabteilung eines regionalen Ablegers einer Baumarktkette. Desgleichen gibt es jedoch auch in beeindruckender Flächenverzehrung in sämtlichen Einrichtungshäusern sowie Gartencentern. Die Krake Deko wächst und greift unaufhörlich um sich, sie strebt unzweifelhaft die Weltherrschaft an. Man mag sich die gierenden Wohnflächen des Privaten gar nicht ausmalen, auf die hier an genannten Verkaufsflächen Objekte aller Form, Größe, Color und Couleur harren. Von überteuert grotesken Statuen, welche mühelos den Stil des artdeco mit Elementen perikommunistischer Architektur verweben, über skurril drehende Filz-Fimo-Macramee-Mobilées, bis hin zu poppig bunten Plastik-Albernheiten, die spätkoreanisches Design in bemühter Leichtigkeit zitieren, das es solches nie gab.

Zwerge

Mit dem neuigierig wachem Blick des soziologisch Interessierten hier neugierig auf die Pirsch gehend wie ein Schmetterlingsforscher auf seiner Suche nach Faltern, werde ich all zu rasch fündig. Als erstes drängen sich vier zusammenhängende Buchstaben ins Blickfeld. Ein jeder so groß wie ein Briefbogen, aus weiß lackiertem Holze. Die Lackierung allerdings ist kunstvoll derart lückenhaft aufgebracht, dass es wie durch Witterungseinflüsse von Jahrzehnten abgeblättert wirkt. Weshalb soll etwas Neues wie alt wirken, während man im Regal daneben Aufmöbelungs-Produkte findet, mit denen man daheim Altes wie Neu erscheinen lassen kann? Das Perpetuum Mobile als Beschäftigungstherapie oder Bediendung des Prinzips „The Grass is always greener on the other side?“ Ein erster Lernerfolg stellt sich ein: Was beim Gebrauchtwagen den Wert mindert, erhöht ihn in der Dekowelt.

Jene vier Versalien jedenfalls bilden offenkundig eine Gruppe und formieren sich bei korrekter Konstellation zu dem Wort „H O M E“. Die kleinen Häkchen an ihrer Rückseite verraten, dass sie für den Wandbehang gedacht sind. Ich überlege stutzend. Weshalb soll mich eine Schrift an der heimischen Wand darüber in Kenntnis setzen, dass diese Wand mein aktuelles Zuhause darstellt? Während des Lesens bin ich ja bereits an diesem vertrauten Ort und auch (noch) nicht dement, kann mich also prima autark schriftlos an diesen Umstand erinnern. Und was ist mit Besuchern, die bei mir zu Gast, aber eben nicht daheim sind? Müssen die, um unguten Mißverständnissen vorzubeugen, energisch am Lesen gehindert werden oder begreifen sie jene Inschrift als augenzwinkernde Aufforderung, sich doch bitte nicht hölzern, sondern punktuell heimisch zu fühlen in meiner Kemenate. Oder wird mit „H E I M“ an die Geronten gedacht, denen es nicht selten an Stringenz in der allgemeinen Orientierung mangelt und denen man mit diesem Hinweis auf die Zukunft in einem Heim das Ungewisse nehmen will?

Home

Will der Baumarkt hier den Sanitätsgeschäften Marktanteile abjagen? Beschriftung und Benennung aller Dinglichkeiten, wenn die erlangte Pflegestufe keine personelle Unterstützung inkludiert. Dann jedoch sollten hier noch weitere Schilder ins Portfolio gewuchtet werden. Und richtig! Ein Gang um die Ecke offeriert folgerichtig die Buchstabengruppe „Bath“. Wieder weiß, wieder Holz, wieder abgeblättert. Corporate identity im Dekowonderland. Allerdings verstört, dass nur Demenzerkrankten angelsäschischer Provenienz in den eigenen vier Wänden geholfen werden soll. Sonst würde es auch „H E I M“ heißen müssen und „B A D“. Das kostete im ersten Fall das gleiche, im zweiten sparte der Kunde sogar ein Viertel.

Während ich mich philosophisch ergehe über die Merkwürdigkeiten dieser Beschilderung, grinst mich das gütige Gesicht des ewigmeditierenden Siddharta aus Polyresin (Material, nicht indischer Geburtsort) an, in seiner Wangentextur dem kleinen Oberjedi Yoda nicht unähnlich. In dieser Ecke seines Habitats wird der Baumarkt offensiv spirituell. In einem dichten Hain aus Bambi (Kennt jemand den Plural von Bambus? Bitte an mich via Mail. Dankesehr.) lugen Buddhaköpfe. Enthauptet ist er allenthalben, der Erleuchtete, der hier aber auch ein Gepfählter ist, denn jeder Kopf ist auf eine Stange gesteckt, die aus einem Holzquader ragt. Die Abmessungen erlauben eine standardisierte Unterbringung des Entleibten in die meisten Regale schwedischer Konstruktion. Dem Buddha ist sein Torso hier nur gestattet, wenn er denn auch eine neckische Funktion erfüllt, nur dadurch entgeht seiner Enthauptung, so lautet die Regel. Mal läuft ihm unablässig Wasser pumpend über den Bauch oder er streckt dem Betrachter dümmlich ein Teelicht entgegen wie eine Opferschale. Ein Religionstifter als Deko, das ist neu, der Glaube darunter abgetrennt wie der Kopf.

Buddha

Welch krude Überlegung dahinterstecken mag, die vor allem aber inkonsequent ist, das muß man doch mal zu Ende denken! Leben wir doch nicht in Asien, sondern in Europa. Hier wird nur die kleine Zielgruppe avisiert, da hilft kreative Ergänzung im Sortiment dem Umsatz gut. Decken wir doch die gesamte Palette menschlicher Konfessionen ab! Weshalb nicht flankierend auch ein aufgespießter Jesuskopf, dessen Dornenkrone lustig Teelichter aufnimmt? Wer zum Hauptsymbol seiner Religion ein Folterwerkzeug (Kreuz) erkoren hat, den sollte dies doch humoresk ansprechen. Oder ein Mohammed, der Wasserkaskaden als Zimmerbrunnen ersprudelt sowie ein David, aus dessen Steinschleuder ein kleiner Zierstrauch sprießen! Zieht es durch, Ihr Heimwerkertempel, Möbelpaläste und Blumenkathedralen, werdet spirituell – Klerikal-Utensilien für alle Gläubigen, Halleluja, Versorgung abgerundet! Oha, das geht gar nicht, das gibt Ärger. Keine Deko-Ideen bei diesen drei Weltreligionen, da sind sie ungeheuer vulnerabel.

Dass Buddhisten in der Regel auch hier relaxt sind, hat sich offenbar bis in die Dekohöllen herumgesprochen, weshalb hier der indische Prinz gefahrlos dutzenfach geköpft, aufgespießt und gewässert werden darf, die restlichen Propheten jedoch Tabu bleiben. Für pathogene Empfindlichkeit sind Buddhisten nicht eben berühmt und auf Kreuzzüge, Inquisition, Blaspehmie-Detektorismus, Creationismus, Borniertheit, Attentate im Nahverkehr und ähnliche Aktivitäten haben die anderen drei schon das Copyright.

Den Anhängern Buddhas bleiben die prangenden WerkzeugGartenMöbel-Kapellen. Eigentlich ein netter Service, denn wirkliche Tempel gibt es ja kaum in dieser Ecke der Welt. Vielleicht meditiere ich einfach mal hier, zwischen Hibiscus und Konifere. Innere Entspannung und Erleuchtung im Baumarkt, Doityourself auch am eigenen Gemüt. Das passende Schild ist auch nicht weit, der hölzerne Imperativ „Sleep“ für den Ruhebereich winkt zwischen Raumduftkugeln und Zugluftrollen. Ui, fünf Buchstaben, eine teurere Handlungsanweisung für die Nacht. Da fällt einem für den Bettbereich noch eine weitere englischsprachige mit vier Buchstaben ein, doch dann müßten die kindlichen Kunden in ihren mobilen Sitzschalen flugs aus der Sichtachse geschwenkt werden.

Mit der Überlegenheit des stilsicher Distanzierten, des lässigen Puristen, des larmoyanten Citoyens, lächle ich überheblich über all diese Devotionalien der gelebten Kleinbürgerlichkeit, die jedes Heim in ein individuelles verwandeln sollen, was allein schon daran scheitert, dass alle hier und letztlich auch dasselbe einkaufen. Während ich also meine snobistische Verachtung gegenüber diesen Petitessen der Pseudogemütlichkeit demonstrativ zur Schau lustwandle, fängt mein Blick vier weitere hölzerne Buchstaben ein: „T Y P O“. Hey, das ist cool, das ist ironisch, narrativ, selbstreferentiell. Und es ist maigrün, hurra! Das ist natürlich etwas völlig anders als dieses dämliche „H O M E“, das soll man mal bitte nicht in den gleichen Design-Topf schmeißen. Das ist keine Deko, dass ist Satire in weißblättrigen Treibholz! Die vier hölzernen Wandhänger müssen unbedingt mit, so viel ist sicher, ich werde sie in mein Büro hängen, direkt über den Schreibtisch.

Tellerliebe

Eine Schrift, die aussagt, das sie Schrift ist. Hallo, das ist der feine Wortwitz eines Weltenbürgers würdig! Ach, mein Geschmack ist halt noch immer einzig und so wunderbar erhaben über jeglichen Mainstream. Wegen meiner innergedanklichen Lästereien zuvor allerdings schleiche ich mit meiner grünen Beute betont unauffällig zur Kassenzone und fühle mich dabei wie einst als Jüngling beim Kondomkauf in jener dörflichen Monopol-Apotheke, dessen Inhaberin mit meinen Eltern befreundet war. Beim Bezahlvorgang murmle ich verständnisheischend achselzuckend „Geschenk“ und “Cousin, entfernt”, was die gelangweilte Scanbeauftragte mit Ignoranz quittiert. Nun hängt die Typo in meiner heimischen Kommandozentrale. Über dem Buddhakopf aus Gips. Macht sich richtig gut als Ensemble, bei mir ist es halt ungeheuer individuell. Alles wird grün, liebe Charismatiker. Auch Schriften aus Holz. Verwitterte Grüße…

Dekoartikel fotografiert bei New Classic Lifestyle Anke Kirsch

Menschen! Tiere! Sensationen!

Text: Michael Krakow

Vor meinem Haus parkt ein Laster. Also keine Untugend, sondern ein solider Lastkraftwagen. Auf seiner Plane stand zu lesen: „Glas-Emotionen“. Da destilliert sich im Vorübergehen in meinem Hirn die beinahe dadaistische Fragestellung “Hä?” Angesichts der sehr großen, sehr transparenten, kantigen Objekte in ihren schweren, weißen Rahmen, welche eher emotionsfrei an jenem Gefährt einbaubereit lehnten, schien es sich bei dem Besitzer also um einen Glaser zu handeln. Wieder ein ehrbares Handwerk, das wir an die nimmersatte Muräne der Werber verloren haben, die ihrerseits eine Moräne lostraten an euphemistischen Aufplusterungen von praktischen Bezeichnungen. Was an Fensterscheiben ist so kümmerlich, dass sie nun “Glas-Emotionen” heißen sollen?

Wasserspritzer auf einer Scheibe mit buntem Hintergrund

Wenige Minuten zuvor erst hatte ich etwas erstanden, das ehedem nicht mehr sein wollte als ein schlichtes Brötchen, nun aber seine Typisierung in den Modus Eitel gepusht bekam und sich daraufhin nicht nur „fit“ sondern auch noch „vital“ zu präsentieren hat! Ein Teigling kann nicht fit sein, auch nicht vital! Ja, beides nicht einmal den Kauer machen, im Gegenteil. Wenn ich zuviel davon esse, verliere ich diese beiden Eigenschaften sogar. Zügig vital wird allenfalls die im Brötchen unschön eingequetschte Industrie-Mayonnaise im Hochsommer. Selbstredend, dass diese Krönung der Teigkunst auch nicht mehr von einem fleißig bescheidenen Bäcker angeboten wird, sondern von der Event-Bakery, die für ihre Namens-Hülsen das dreifache Salär eintreibt.

Gleich will ich noch zum Friseur, die scheint es ja auch nicht mehr zu geben. Es wimmelt von Zauber-Coiffeuren, David Copperfields der Schere, Bürsten-Garrets, die so knackflach daherkommen wie „Kamm in“, „Sahaara“ oder „Haarem“ oder so strunzdumm wie „JennifHair“ oder „HeadHunthair“. Ob sich dort jemand meines schlicht struppigen Haupthaares annimmt, es lediglich etwas zu bändigen sucht? Denn nur dies erbitte ich, keinen “Undercut mit fresh Extensions”. Mein Friseur aus Kindertagen hieß wie sein Laden, bzw. umgekehrt: Nachname voran, besitzanzeigend, gefolgt vom Spitznamen. “Funkes Willi”, kompakt wie ausreichend. Ein Kamm kreuzte schmiedeseiern die geöffnete Schere. Da muß der Customer nicht einmal readen können.

taglio di baffi con forbici

Mitnichten bin ich ein rückwärtsgewandter Nostalgiesüchtiger, der Neuzeit verängstigt entgegenbibbernd. Doch das “Es gibt sie noch, die guten Dinge” eines sattsam bekannten Oberstudienrat-Innenausstatters ist mir wohlig wärmer als der Zusatz „Erlebnis-Wohnen“ beim modular monströs auftretenden Möbelgiganten auf der Vorstadtwiese. Da brüllt ein Löwe, da ist der Lutz schon morgens XXXL, die dicke Marzähnerin ein rosa Boss und in den regnerischen Himmel ragt die Lehne eines zwölf Meter hohen, roten Stuhls. Du meine Güte! An sich ist doch nur ein neues, kleines Sofa mein unspektakuläres Begehr, dass des abends meinem maroden Leib eine untergründige Heimstatt zu bieten vermag. Straff und trotzdem nachgiebig, einfach, praktisch gut, zu sinnfrei ödem, sinnierend Draufsitzen. Eine Lounge-Area mit spacigem Chillfaktor in spooky Dessins braucht es bei mir nicht. Jedoch verheißt jener kreischend bunte Zusatz „Erlebnis“ Unabwendbares. Kehre ich nach Haus nach eines vollen Tages Mühen, darf ich nicht abschlaffen, eintrüben, einsinken. Nein, erleben soll ich dann, mich erwartet schließlich „Erlebnis-Wohnen“. Bitte nicht, ich erlebe doch schon tagsüber genug, zuhause muß das nicht mehr sein, es reicht eine Sitzfläche. Vielleicht mit einem duftenden Kaffee in der Hand.

Kaffeekapseln

Aber auch dies wird schwierig. Kaffee ist ja so Neunziger, Leute, lächerlich! Die von indonesischen Findelkindern im Mund gewalkte Kapselette „Pollutio“ muß in die möndäne Pressdestille in Ulcus-umbra metallic geschoben sein. Natürlich aus der georgischen (Schaupieler, nicht Staat) Mistpresso-Boutique (vulgo Kaffeladen) aus dem teakstylischen „Carpe-Diem-Bereich“. Ja, das ist wirklich wahr, die haben letzteres wirklich! Nicht länger die simple Volumenfrage „Tasse oder Becher“ ist dort en vogue sondern „Grande oder Venti“?

Kommt es später zu unclooneyschem Grimmen im Magentrakt, mag dann auch die Krankenkasse nicht länger hintanstehen, empfand sich da wohl ebenfalls als zu defizitär (werbesprachlich, finanziell ohnehin) und möchte lieber schick steril „Die Gesundheitskasse“ sein. Die Seuche greift um sich. Der türkische Obstladen an der Ecke, der gestern für alle noch punktgenau „Der Obstladen“ war, verheißt prangend nun „Fruits&more!“ in farblich changierender Leuchtschrift. Was bitte verbirgt sich hinter „more“? Es gibt dort noch immer lediglich Obst in Holzkisten. Was auch noch immer prima und genügend ist. Hört dieser Hype nie auf? Wann wird der Bestatter „Power-Dying“ inserieren, der Proktologe einen „Mega-Slide-In“ prononcieren, der Metzger „Full-Meatball-Overload XL“ aufdrängen oder der Buchhändler den „Change-Bookpages-Slow-Definition“ in die Auslage wuchten?

Je mehr die Kleinbürgerlichkeit im täglichen Sein (vgl. Wahlverhalten) um sich greift, um so mehr muß dies durch blinkenden Wahn im Konsum verkleidet werden. Doch gibt es auch Hoffnung. In einem Bistro schrieb der Wirt, dem meine Verehrung schon allein dafür allzeit sicher ist, mit Kreide (nicht Leuchtmarker) auf seine Schiefertafel (nicht Monitor) hinter der Theke: „Kein WLAN hier. Unterhaltet Euch einfach.“. Jawoll! Da hüpft das geschundene Sprechherz. Viel mehr erquickt mich ohnehin, wenn der Name des Eigners ungewollt zur Branche paßt, entweder autoreferentiell oder ad absurdum führend. So gibt es in meiner Stadt Detmold tatsächlich den „Dr. Eichhorn, Facharzt für Kleintiere“, köstlich. Oder in Bad Berka das Nagelstudio von Manuela Pfotenhauer, die Zahnärzte Stefan Pein (Bremen) oder Ulrich Laudwein (Castrop-Rauxel), Arbeitsbühnen Rost (Solingen), Gier Versicherungen (Emsdetten), Elektrotechnik Peter Kabel (Hamburg), M. Nothdurft Sanitär (Bückeburg) oder die Gärtnerei Übelhack (Goldkronach). Herrlich. Es muß eben nicht permanent die RTLisierung der Welt sein, jenes zwanghafte Spektakulisieren von profanem, dafür soliden Gewerkes. Aber es muß nicht ohne Raffinesse bleiben, was dem kirmeshaftem stolz entsagt.

Hierzu abschließend der kongeniale Beweis aus der Domstadt Köln. Dort gab ein pfiffiger Zweiradhändler seinem Geschäft eben nicht den Namen “Biketown” oder ähnlich pseudoanglizistisches, sondern schraubte in schlichten Lettern „Radgeber“ über die Glastür. Bravo, ich verneige mich! Witzig und dennoch bescheiden, pur, mit chiruigischer Sprachpräzision auf den Punkt gebracht und zurückhaltend doppelbödig. Denn genau das ist es, was der Mann tut – Er gibt ein Rad. Es geht also doch. Hoffnung keimt grün, liebe Charismatiker. Euer Contor jedenfalls heißt und wird geheißen wie es hieß – Gestern, heute und morgen. Niemals „Communication Consulting Center“ oder ähnlich inhaltsleer prahlerischer Unfug. Dafür stehe ich mit meinem eigenen Namen. Versprochen.

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Wenn Realität Metaphern überholt

Text: Michael Krakow

First Aid

Der Atem scheint zu gefrieren in der Luft, des Eises harte Schicht auf der Frontscheibe ist schwerer löslich als zuviel Nescafé, und der Ostwestfale zeigt einmal mehr, dass er cooler ist als jeder Teutowinter. Jener Dialog heut morgen um acht auf dem Parkplatz des vierbuchstabigen Supermarktes jedenfalls ist von lippischer Güteklasse.

Eine Frau steigt aus ihrem ökonomisch ausgewogenen Kompaktgefährt, ein älterer Herr mag parallel in das seine, monolithisch wirkende, steigen. Man kennt sich, ist offenkundig Nachbarn, grüßt sich freudig über die schneemarmorierten Autodächer. „Moin Karl, wie lang habt Ihr denn gestern abend noch gemacht?“ Der auf dem Haupte saisonpassend Eisgraue zögert nicht mit seiner Antwort: „Bis der Arzt kam!“ Die Fragerin lacht helle Wolken vor ihrem Mund: „So lange!? Respekt, mein Lieber!“ Karls nun folgende Replik allerdings gerät etwas frostig: „Nein, so spät meinte ich nicht. Irmhild ist umgefallen.“

Der Dame Lächeln erstarrt wie der veritable Eiszapfen am Fallrohr des Getränkemarktes und ihre fellig behandschuhten Finger versuchen erfolglos die letzte flapsige Bemerkung zurückzuholen: „Oh Gott, was ist mit ihr?“ Der stoische Karl jedoch nimmt es ihr offenundig nicht im mindesten übel: „Alles gut. Kreislauf. Jezz hol ich uns ersma Brötchen“. So ist er, der Oszwestfale, es kann geschehen, was will, er behält stringent die Contenance. Da ist ein Lipper allein wie drei Briten der Upperclass in der Rudelbildung. Winters wie Sommers. Heißt „Haltung bewahren“ deshalb auf der Insel auch „Stiff upper Lip“? Königshaus aus Hannover, Haltung aus Lippe. Aber das ist eine andere Geschichte. Alles wird grün, verehrte Charismatiker.

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Semantische Trojaner, bleibt im Rumpf!

Artikel von Michael Krakow

Die Vereinfachung der Begriffe ist die erste Tat der Diktatoren“ erkannte Erich Maria Remarque. Nun, von einer Diktatur scheinen wir gottlob (falls der günstigen Einfluß hatte) weit entfernt. Nein, wir haben uns (auch) rhetorisch erheblich weiter entwickelt, wir vereinfachen die Begriffe nicht mehr, bagatellisieren, simplifizieren sie nicht länger. Wir drehen sie stattdessen aus dem Wind, drechseln sie dünn, stellen sie auf den Kopf. Wir nehmen positive Begrifflichkeiten und konnotieren sie verächtlich, verfilzen ihren Sinn, verformen sie in ihr Gegenteil. Ist dies eine Zeit lang verbal mit einem Wort geschehen, dann funktioniert es auch in geschriebener Form. Beim Lesen hören wir, innerlich konditioniert wie ein Pawlowscher Ohrhund, die neue Deutung, akzeptieren sie, machen uns mit ihr gemein, hinterfragen gar nicht mehr, was da und wie es geschehen ist. Beinahe unbemerkt stiehlt man uns dergestalt regelmäßig Benennungen, quirlt sie durch den Zynismusmixer und gibt sie uns perfid grell lackiert zurück in neuer, stylisch hochmütiger Deutung. Damit ist ihre weitere Verwendung in ursprünglicher Intention schier unmöglich, ihre Urbedeutung wohlfeil stranguliert.

Gutmensch

Begonnen hat es irgendwann mit dem „Gutmenschen“.  2012 erlangte dieses Wort den zweiten Platz als Unwort des Jahres. Das Bemühen, im Rahmen der ureigenen, bescheidenen Möglichkeiten ein möglichst guter Mensch zu sein, wurde über Nacht zum Kampfbegriff der selbsternannt modern Cleveren gegen scheinbare rückschrittlich Einfältige. Der Gutmensch ist der Moralapostel 2.0, Langweiler reloaded. Auch Sie lesen es und haben sogleich den kirchentagsgeschmiedeten Strickpulloverträger vor Augen, wie er stickerbewehrt und unangehm sandaliert gegen die vielen Unrechtswindmühlen dieser Welt sakrosankt ansalbadert. Will zu dieser Gruppe nicht zugehörig gerechnet werden, weist das Gutmenschentum rasch und überprononciert von sich. Welch Tragik darin liegt, gab es doch nie zuvor solch einen Bedarf an Gutmenschen wie derzeit! Ein famoser Kopfstand durch diese frisch spiralierte Definition, ist doch damit jetzt gesellschaftlich anerkannter, ein quirliger Anlageberater, geschmeidiger Rüstungsfabrikant oder alerter Lobbyist zu sein als solch ein alberner Gutmensch, der die neue Zeit weinerlich längst verpasste.

Da es mit diesem Begriff so (im wahrsten Wortsinne) furchtbar funktionierte, gab es nun siegestrunken die grobe Kelle und der „Ökonazi“ wurde getauft. Wie tief kann gesunken werden, um jene, welche sich sorgen und bemühen um die geschundene Umwelt zu vergleichen mit dem schlimmsten Terrorregime der Weltgeschichte? Der Verfasser dieser Zeilen liebt Sarkasmen, Tabubrüche, Provokationen als Werkzeuge der Überspitzung außerordentlich, hat sie lustvoll im täglichen Gebrauch, doch sind damit sämtliche Geschmacksgrenzen aufgehoben? Sie mögen bisweilen anstrengend belehrend daherkommen, jene hennabezopften Reformhausjünger, doch nichts an ihrem Sein und Tun rechtfertigt diese Etikettierung. Es ist schändlich und bagatellisiert nebenbei die unsägliche Existenz jener, die dem Nationalsozialismus stumpf sich ergeben. Übrigens ist das kein rechtes Gedankengut, denn an diesen Gedanken ist aber auch gar nichts gut. Noch solch eine beknackte Sprechvermüllung, die unwidersprochen konterminieren darf.

Frauenversteher

Dann kam der „Frauenversteher“ an die Reihe. Wie geschah es bitte, dass der Versuch, als Mann eine Frau verstehen zu möchten, diesen damit zur lächerlichen Figur verkümmern läßt? Selbstverständlich erlangt er dieses Verstehen kaum ansatzweise, doch schon das Bemühen darum beraubt ihn ab sofort öffentlich seiner Männlichkeit. Will er weiterhin zum marlboroten Club der Bürocowboydarsteller gehören, darf er sein Verstehenwollen keinesfalls ausleben, muß er es maximal klandestin daheim probieren, um nicht unversehends am verkicherten MarioBartPranger zu strampeln. Wie armselig das ist. Wäre der Mann tatsächlich noch ein Kerl, so ist ihm die Bewertung seines Tuns durch selbsterkorene Begriffsneudeuterkobolde souverän gleichgültig. Er bliebe Mann, nicht trotzdem, sondern weil er sich geistig neugierig erobert, was ihm schwer verständlich erscheint.

Wut

Stuttgart 21 erbrachte uns schließlich den „Wutbürger“. Man kann zu diesem Bahnhofsexperiment stehen, wie man will (der Autor zum Beispiel eher positiv), doch Bürgern, die ihr (erheblich zu selten) genutztes Grundrecht in Anspruch nehmen, öffentlich zu protestieren, ihre Zielgerichtetheit abzusprechen, ist nichts anderes als infam. Den Wut hat keine Richtung, keinen Fokus, keine Absicht. Wenn jemand wütet, so ist er schlicht in sinnfreier Raserei. Der richtige Ausdruck wäre „Zornbürger“, denn Zorn hat stets einen klar umrissenen Auslöser und bietet zudem Spielräume der Verhandlung. Doch genau das ist es, was subtil verschleiert werden soll, Wutbürger lassen sich als Chaoten schmähen und dementsprechend behandeln. Mit Zornbürgern könnte und müßte man sich inhaltlich auseinandersetzen, Wütige hingegen bekämpft man roh mit amtlichen Wasserstrahlern (die das Wasser keineswegs werfen, Wasserwerfer mit 20 bar Druck ist eklig euphemistisch).

Der Beispiele gibt es viele, doch die benannten verdeutlichen, wie uns die Deutungshoheit trojanisch unterwandert wird. Denn Sein schafft noch immer Bewußtsein und Sprache dient hier kafkaesk mißbraucht als Steigbügel des falschen Pferdes. Weshalb lassen wir uns das gefallen, dass in dieser infantil rauschhaften Phase der medialen Überhöhung von Petitessen, in der dafür alles Richtige ins verzerrte Licht gehäckselt, somit lächerlich gemacht werden darf, jedes Anzustrebende auf seinen noch so schmalen Unterhaltungswert gedehnt verkaspert wird? Es ist die Angst. Die begründete Angst vor bestimmten Gruppen oder Ansätzen. Es ist das ohnmächtige Gefühl, auf der falschen Seite fröstelnd zu hampeln sowie sich dort vor hehren Ansprüchen unbewußt winzig zu fühlen. Denn nur wo die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. Und deshalb hat Remarques Warnung noch immer Bestand, ist sie vermutlich aktueller denn je. Nur, dass es sich nicht länger um die regierungspolitische Diktatur handelt, welche dräute, sondern die Diktatur des Kleinmuts, des Dünkels, der gesinnlichen Humpelnden. Sich über das Unbekannte, deshalb bedrohlich Empfundende lustig zu machen, ihm die Kraft, die Macht, die Energie zu rauben, es dergestalt auf ein  erträgliches Maß zu stutzen ist ein uralter Mechanismus. Insofern können sich die Geschmähten eigentlich geehrt fühlen. Denn insgeheim nimmt man sie zutiefst ernst. Im Unvermögen, dies lässig zu offenbaren, bleibt lediglich die Flucht in Herablassung aus der gefühlten Unterlegung heraus. Gutmenscheln, ökologisiert sein, frauenverständig und zornbügerlich aber macht charismatisch. Einfach mal probieren. Alles wird grün.

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Phasenweise Phrasenreise auf Allgemeinplätzchen

Text von Michael Krakow

Auf Phrasen trifft der (auch un)geneigte Hörer in der Musik, wesentlich häufiger jedoch in der alltäglichen Sprache. Ob im eher privaten Rahmen oder gerade auch auf Allgemeinplätzen, wenn dieser kleine Kalauer gestattet ist. Weshalb es den gern aus der sprachlichen Hüfte agierenden dazu drängt, annähernd permanent das zu verwenden, was der Duden als „Sentenz oder Floskel“, Wikipedia als „inhaltsleere Sprachhülse“ und Hans-Otto Schenk ungnädig als „Papageiendeutsch“ diskreditiert, erschließt sich nicht auf Anhieb.

Wer sich allerdings linguistisch den Jägern und Sammlern zurechnet, findet in jedem Fall reiche Beute. Überreich, weshalb sich dieses Embolium auf Satzanfänge, Einstiege, einleitende Auftakte zu nachfolgenden Aussagen fokussieren soll. Besonders das preußisch-imperative „Passen se auf“ erzwingt auf so ungemein unangenehme Weise Aufmerksamkeit und impliziert zudem sogleich, dass bis zu dieser harschen Anweisung keinerlei Aufmerksamkeit gegeben, somit ein eklatanter Mangel erkannt wurde sowie völlig zu recht nun eine Bringschuld eingefordert wird. Ein unverhohlen hierarchischer Einstieg, besonders scheußlich, wenn er inflationär jedem zweitem Aussagebeginn vorangestellt wird. Enttäuschend zudem, wenn der Informations- und/oder Unterhaltungswert des so pompös introduzierten nicht annähernd hält, was dieser verhieß oder nur eine faktisch arg dünne Meinung autokratisch prophylaktisch aufpolieren soll.

Living in OWL

In ihrer Überflüssigkeit mühelos überboten wird diese Einleitung jedoch von dem paradoxen „Ich will Ihnen mal was sagen“. Abgesehen davon, dass die angekündigte Handlung bereits mit und durch diese Ankündigung eingetreten ist (eine klassisch normative Kraft des Faktischen, vgl. „Darf ich Sie etwas fragen?“), wäre es dem Adressaten auch ohne diese ganz und gar unklandestine Warnung aufgefallen, dass ihm etwas gesagt wird. Fällt ihm dies durch mannigfaltige Gründe jedoch nicht auf, so wird er wohl auch diesen martialischen Auftakt verpassen. Diese Form des absurden Satzbeginns ist auch abgemildert in der kompakten Straßenversionen erhältlich: „Ich sag ma…“. Im herrlichen Sprach-Eldorado Ruhrgebiet lauscht man häufig auch der beliebten Pluralvariante „Wolln ma so sagen,…“.

Doch hurtig weiter in der fransigen Parade der stolpernden Phrasen. Ganz gleich, ob eine Meinung abgefragt wird oder ungefragt geäußert wird (absolut der Regelfall), so ist doch ganz wichtig, in die Proklamation einzusteigen mit dem Hinweis „Also, ich persönlich…“. Wie anders als persönlich kann man seine Sicht auf die Dinge kundtun? Ich und persönlich sind eine Dopplung wie ein weißes Schimmel (wahlweise gieriges Finanzamt, narzistischer Bayernvorstand etc.). Unpersönlich von sich selbst zu sprechen scheint nicht nur widersprüchlich, es ist es zweifelsohne.

Doch auch diese Sprachburleske läßt sich durch ein alltagstaugliches Modell ergänzen: „Wenn Sie mich so fragen“. Es versteht sich, dass diese Formulierung nicht gebraucht werden darf, wenn dem tatsächlich eine direkte Frage vorausging, da dies ihren famos schrägen Charakter zunichte macht. Alternativ kann auch die inhaltliche Verantwortung erfrischend als bloße Unterstellung retourniert werden: „Wenn Sie so wollen,…“. Auch hier wieder gilt: Nicht einsetzen, wenn der Angesprochene wirklich so will, der Reiz liegt in der lakonischen Unterstellung. Wer Ja und Nein wegen und in ihrer Klarheit vermeiden möchte, bezweifelt schlicht den Status des besprechenswerten mit dem ewig jungen „Kein Thema!“ Wirkt souverän und sagt dennoch so herrlich wenig aus.

Living in OWL

Die Königsklasse im Karussell der unsinnigen Satzfragmente allerdings kann erlangt werden, wenn der Wahrheitsgehalt gefühlt zweifelhaft ist. Hier nämlich wird elegant die ambitionierte Absicht bekundet: „Ich will jetzt nicht lügen“. Darf also davon ausgegangen werden, dass der Sprecher häufig lügt, sich darüber bewußt ist sowie dagegen ankämpft? Oder ist es ein verklausliertes Kompliment, da lediglich jetzt in diesem Augenblick nicht gelogen werden will, eine Hommage an den Hörenden? Der Könner aber bindet auch hier den Angesprochenen geschickt mit ein: „Lassen se mich jetzt nich lügen!“. Lassen wir den Umstand außer acht, dass es kaum möglich ist, jemanden (zumindest gesetzeskonform, sprich gewaltfrei) an unwahrheitlichen Äußerungen zu hindern, so erinnert diese Bitte um Vermeidungsunterstützung grotesk unterhaltsam an reflektiert Süchtige. Die Kontrolle, ob die Verhinderung der Lüge durch den Hörer erfolgreich war, ist überdies an Ort und Stelle selten möglich bzw. überhaupt angestrebt. Ja, ich weiß, natürlich ist klar, dass diese Phrase übersetzt bedeutet „Ich weiß es nicht genau, ich spekuliere jetzt halblaut die Wahrscheinlichkeiten und übernehme daher ungern deren Gewährleistung und bitte Sie jetzt um die Übernahme dessen“. Das aber klingt eben arg sperrig und wenig alltagstauglich. Doch Phrasen wie diese (vgl. Die Toten Hosen) zu überdenken und auf ihren Gehalt semantisch zu zerlegen, kann so wunderbar korinthisch entleerend wirken.

Tja, lasse ich es für heute gut sein und schließe dieses Embolium nun einfach ab mit Einleitungen. Bereit? Passen Sie auf, ich will Ihnen mal was schreiben. Ich für meinen Teil finde: Alles wird grün, verehrte Charismatiker. Also, wenn Sie mich so fragen, da will ich jetzt nicht lügen.

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