Irratio-Farm – über verständlichen Unverstand

Darf ich Sie etwas fragen? Wieviel an Ratio wohnt in Ihren Gedanken? Ratio kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Vernunft, Rechtfertigung, Begründung. Die Ratio des Menschen ist schier ohne Grenzen, sie befähigt ihn zu grandioser Entwicklung im Innern sowie äußerer Entdeckungen. Er ersann komplexe Steuerformulare, entdeckte den linksdrehenden Joghurt, installiert Webcams vor Kaffeemaschinen und erfand das Gewürzbord. Es scheint keine Grenzen zu geben für das, was der Mensch mit seinem Geist erreichen kann, im Detailreichtum der Makrowelt bis zu den Weiten des Alls. In seinem Alltag jedoch leistet sich dieses erstaunliche Wesen mit schierer Wonne ein Füllhorn an kleinen, bunten Irrationalitäten. Es scheint wie Yin und Yang, als brauchten wir Unsinniges als Balance, als Ausgleich zu unseren vernünftigen Denkweisen.

Ich schlendere durch meine schöne Stadt. Irgendwann muss ich eine Straße überqueren, stoppe an einer Ampel, neben mir tritt ein weiterer Passant hinzu. Natürlich drückte ich bereits die gelbe Anforderungstaste, die in meiner Stadt übrigens so aussieht wie ein großes, in Hüfthöhe an den Pfosten geklebtes Osterei, mein Bürgersteig-Nachbar tut es dennoch erneut. Sicher ist sicher. Traut er meiner Kompetenz im Drücken nicht, kann man überhaupt falsch drücken? Augenscheinlich hat er es sehr eilig, denn als nach wenigen Sekunden noch kein grünes Licht unseren Weg freigibt, drückt er abermals, diesmal mit Kraft und gleich viele Male als Stakkato. Ob in dem kleinen Gerät vielleicht eine Vorrichtung installiert wurde, die mitzählt und erst wenn das Dutzend voll ist, den entscheidenen Impuls freischaltet? Der Mann hat keinen törichten Gesichtsausdruck, er verfügt sogar über einen beinahe etwas professoralen Habitus. Dennoch agiert er auf dieser technischen Ebene irrational. Das grüne Männchen erstrahlt nun, er fühlt sich bestätigt, womit sich seine diesbezügliche Konditionierung wohl verstärkt haben dürfte. Sein einhändiger Trommelwirbel erst teilte den Strom der Straße wie Moses einst das Meer. Wir setzen unseren Weg fort, ich schlendere nach links, er schreitet zielstrebig nach rechts in zackigem Schritt. Neben uns staut sich der Autoverkehr vor der gestrichelten Linie rasch zu einem langen Lindwurm. Angesichts dessen erinnere ich einen Stau auf der Autobahn, in dem ich unlängst stand. Vor uns arbeiteten etliche fleißige Menschen daran, die verstreute Ladung aus dem umgestürzten Auflieger eines LKW von der Fahrbahn zu räumen. Hinter mir begannen einige unfreiwillig Wartende zu hupen. Was ging in ihren Köpfen vor, welcher Logik folgt ihr imperatives Konzert? Ob die Arbeiter sich wohl denken „Hey, da hupen einige, das ist unser Signal, schneller zu machen. Endlich erinnern uns einige aufmerksame Lenker an unsere Zielaufgabe, prima, los geht’s!“. Die Strategie dahinter ist mir ebenso unverständlich wie das angestrebte Ziel dessen.

Inzwischen erreichte mein Weg das Parkhaus. Am Automaten, in dem das verlangte Entgelt gehortet wird, stand eine Dame, deren Münze vom Gerät schroff abgelehnt wurde. Ohne Umschweife landete es klimpernd vom Eingabeschlitz im kleinen Ausgabefach unten. Die willige Bezahlerin entnahm das Währungsstück von dort und rieb es mit der Kante kräftig weiter oben am Gehäuse. Technische Untersuchungen ergaben, dass dies nicht den mindesten physikalischen Einfluss auf den Vorgang hat. Offenkundig aber glauben auch die Betreiber der Parkautomaten unbeirrbar daran, denn zum eifrigen Schaben war einladend eine stabile Platte angeschraubt, die darob unzählige tiefe Rillen aufwies. Ich musste schmunzeln, denn obgleich ich um diesen Untersuchungsausgang wusste, tue ich es noch immer ebenso. Und es funktioniert, nehmt es hin, Ihr rationalen Ingenieure!

Unlängst zu Besuch in einem schwedischen Möbelhaus, welches ich stets mit schlechtem Gewissen aufsuche, weil dieses kaum Steuern in unserem Land entrichtet, ich aber wie bei einer klassischen Sucht wider besseren Wissens nicht davon lassen kann, beobachtete ich nachfolgend beschriebenen Vorgang. In vier Spuren standen die Kunden mit ihren vollgepackten Wagen in einer Länge von sicherlich über vierzig Metern. Es war ein Samstag, ein prächtiger Tag für Besuche bei skandinavischen Regalanbietern. Jeder weiß, dass es an jedem sechsten Wochentag dort massiv überfüllt ist und fährt trotzdem dorthin, mit allen anderen Süchtigen, die nicht nachdenken. Irrationalität in blau und gelb. Direkt vor uns eine Familie, deren Nachwuchs erkennbar ungeduldig quengelte. Man hatte sie naiverweise nicht am Ausgangspunkt im Bällchenbad entsorgt. In der Ferne, gefühlt am Horizont, entdeckten die wage(n)mutigen Wagenlenker ganz rechts zwei Kassen, an denen nur wenig Möbelwillige anzustehen schienen. Kurzerhand scherte der Clan mit seiner schwer lenkbaren Gitterkarre, aus denen sich folierte Jalousierollen in alle Richtungen reckten wie Salzstangen aus einem Käseigel, aus unserer Reihe aus, um sich zielstrebig durch die vielen Wartenden zu quetschen. Kurz vor ihrem Eintreffen im gelobten Land mussten sie schockiert bemerken, dass dort mitnichten eine kürzere Schlange vorzufinden war, dass auch hier nicht weniger Leute anstanden. Diese beiden Reihen jedoch waren abgeknickt, deren Verlauf aus Raumgründen in zwei Gänge zwischen Hochregalen umgelenkt, die diesen Umstand von unserer Position aus optisch verdeckten. Diese Familie tat mir aufrichtig leid, so müssen sich Verdurstete in der Wüste fühlen, als sich die verheißungsvolle Oase als Fata Morgana verflüchtigte. Ob die Flüchtenden tatsächlich glaubten, niemand außer ihnen hätte diese beiden scheinbar verwaisten Kassen bislang entdeckt, trotz riesiger, beleuchteter Schilder darüber? Ergebnis: Nun waren sie dort die letzten in der Schlange, ihren alten Platz hatten sie unwiedererlangbar aufgegeben, ebenso die Zeit, welche sie bereits dort abgestanden hatten. Welch Schmach, zudem das Lächeln aus unseren Reihen ertragen zu müssen. Hier lernt man: Ratio mit Aussetzern kann bitter sein.

Während dieser Erinnerung lud ich im Parkhaus einige Taschen in den Kofferraum, verschloss meine Karosse und führte meinen Gang in die Fußgängerzone fort. Noch im Schmunzeln über diese Unglückseligen zwischen Billy und Köttbullar fiel mir auf, dass ich unbewusst etwas machte, was ich seit Kindertagen so mache. Sind unter meinen Sohlen Gehwegplatten verlegt, so achte ich akribisch darauf, keinen Fuß auf die Rillen zwischen zweien zu platzieren. Dem wohnt keinerlei Logik inne, ein Grund dafür ist nicht gegeben, keine Erklärung, welche ich hier überheblich anzubieten hätte. Ich vermeide es einfach, nur so, völlig irrational eben.

Ein Ladengeschäft betretend, wo ein bestellter Artikel seiner Abholung durch mich harrt, empfängt mich die Frage meines geschätzten Stammhändlers: „Sie sind schon da?“. Da diese Frage vis-á-vis an mich gerichtet wird, muss ich wohl physisch anwesend sein, wem würde sie alternativ gestellt, von wem sonst könnte die Antwort darauf erwartet werden? Dann denke ich gern: „Ich schau mal nach. Ja, tatsächlich, ich bin hier!“. Seine Freude, mich zu sehen, ist echt und ich mag den Ladeninhaber, verkneife mir deshalb solcherart Klugscheißereien.

Als Berater, dessen Metier und Passion die Kommunikation ist, fällt mir auf dem Feld von Sprache etliches an unlogischen Elementen auf. So zu Beispiel jene an sich ja höflich gemeinte Anfrage von Seminarteilnehmern in der Kaffeepause an mich: „Darf ich Sie etwas fragen?“. Da dies bereits eine Frage ist, erleben wir hier das Phänomen der enorm beliebten normativen Kraft des Faktischen. Parallel zur Schaffung von Fakten wird um deren Genehmigung erbeten. Ob diese dann erteilt wird, ändert am Ergebnis rein gar nichts. In leidenschaftlichen Diskussionen indes erfährt man die Königsklasse von durch nichts unterfütterter Beharrung. Und die geht so: Man baut seine Argumentationskette akribisch auf, reiht stichhaltig die penibel recherchierten Fakten aneinander, schmiedet eine solide durchdachte Kausalkette, poliert titanene Begründungen, bis sie funkeln. Und dann kommt von der Gegenseite „Ja, trotzdem.“. Schrübe ich hier jetzt, dass ich dies häufig von Frauen höre, wäre dies Grund zur gendertechnischen Empörung. Aber eben auch wahr. Was hat man(n) gegen dieses steinerne Statement entgegen zu setzen? Gar nichts. Hier erreicht Irrationalität sein sternenklar beschienenes Gipfelkreuz, der müde Wanderer lehnt sich leise schnaufend ans Holz, erschöpft vom Aufstieg.

In einem weiteren Geschäft, diesmal textiler Provenienz, taucht eine weitere Erinnerung auf. Meine fabelhafte Ruhrgebiets-Omma (zwei -m- sind hier Pflicht) gab mir als Kind häufig den höchst irrationalen Rat mit auf den Weg, stets frische Unterwäsche anzuziehen. Das tat ich ohnehin, tue es noch immer, aus hygienischen wie auch Wohlfühlgründen. Die Sorge der alten Dame jedoch war eine andere: „Falls Dir etwas zustößt und Du zum Doktor musst.“. Da stelle ich mir vor, wie ich von einem Arzt versorgt werde, weil beispielsweise der Linienbus 701 mich vom Fahrrad schubste. Der Notfallmediziner schneidet versiert mein Hosenbein auf, um das Schienbein freizulegen und diktiert dem begleitenden Sanitäter betonungslos in dessen Diagnose-Block: „Vitalfunktionen intakt, Knochenverlauf gerade, Hautbild unauffällig, Schlüpferstatus aktuell.“. Und wie wir drei dann gemeinsam erleichtert aufatmen. Noch mal Glück gehabt.

Das Leben so vieler ist zudem durchzogen von kleinen Ritualen, selbstgestricktem Aberglauben, Attitüden und Manierismen, die des Tages Mühen wie ein stützendes Geländer flankieren. Beispielhaft sei hier sinngemäß der kurze Dialog mit einem bekannten Fußballspieler zitiert, welchen ich aus Diskretionsgründen anonym halten möchte (Er trägt denselben Spitznamen wie der Drache in der Kinderserie „Hallo Spencer“). Auf die Frage eines Reporters, ob er denn wie viele seiner Kollegen auch ein spezielles Ritual vor dem Anpfiff pflege, fast spöttisch antwortete: „Nä, isch bin nisch abergläubisch. Vor jedem Spiel ziehe ich nur immer zuerst den linken Schuh an, das bringt sonst Unglück.“.

Unsere Irrationalität ist eine bunte Farm, es wachsen stetig neue unverständliche Früchte und unlogische Pflanzen heran, von jedem gehegt und gepflegt, gedüngt und gezogen, gerankt und gewässert. Aber ganz ehrlich, machen sie uns nicht erst zu Menschen, all unsere kleinen Macken, Schrullen, Spinnereien? Sie macht uns liebenswert, diese Unlogik, an der wir so unirritiert festhalten wie ein Kind am Trost-Teddy. Vielleicht, weil sie unseren durchstrukturierten Alltag, welcher uns ständig Ratio, Erklärbarkeit, Sachlichkeit und nachvollziehbare Gründe abverlangt, so herrlich anachronistisch und anarchisch konterkariert wie ein betrunkener Pirat. Bewahren wir sie uns, diese Irrationalität, vermeiden dabei jedoch die Abwertung durch Unverständnis von Macken der anderen sowie unserer eigenen. Man kann ja schließlich nicht ständig verschwurbelte Formulare und praktische Gewürzbords kreieren.

Also bitte. Bleiben Sie unverständlich, schaben Sie Münzen, drücken Sie Ampeln, so wild es geht und achten Sie auf Ihre Unterwäsche. Trotzdem.

 

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