XY ungelöst – Dutt und Dualität

 

Mannomann, was ist mit den Kerlen los? Nach Jahrtausenden des anstrengenden Patriarchats erlaubt sich der Mann seit wenigen Jahrzehnten immer mal wieder experimentelle Ausflüge in alternative Daseinsformen. Als wolle er Urlaub nehmen von Weltherrschaft, Kriegführung und Rülpswettbewerben, schlüpft er karnevalsartig kurz mal eben in reziproke Spielarten seiner Rollenidentität. In den Siebzigern erschien er als Softie, ein kirchentagsmodellierter Du-Aufzwinger in floralornamentener Kleidung, der das Geburtserlebnis der Mutter neidvoll nachspielte, penetrant seidenweich über gewaltfreie Kommunikation fabulierte und sich insgesamt femininer zu gerieren versuchte als jede Frau.

In den Nullerjahren erschien der Metromann auf der Bildfläche, ein androgynes Wesen mit Dreitagebart, der sich die Fingernägel lackierte, Fashion zu seinem Daseinszweck erhob, somit einen eher asexuellen Nimbus versprühte und der Kosmetikindustrie cremige Träume im Absatz von Pflegeprodukten bescherte. Als Fußballer scheute er sich nicht vor dem Haarnetz, möge Ernst Kuzorra in Frieden ruhen.

Seit einigen Jahren erleben wir nun den Hipster, nicht selten erkennbar am Dutt, welcher oft ausschaut wie eine verwitterte Plastikpalme vor dem Discoeingang, dergestalt coolen Indy-Bands aus poppigen Dr. Dre-Kopfhörern verzückt lauscht. Zur Versicherung seines Mannseins krault er sich dabei im üppigen Rauschebart, welchen er am Abend mit teurer Bartcreme wachsweich in Form walkt. Das dickstoffige Karohemd (teures Markenlabel, aber natürlich second Hand aus dem Szeneviertel) sowie die offen getragenen Boots suggerieren, dass sein natürliches Habitat eigentlich in der kanadischen Wildnis verortet ist, wenn diese ordentlich Warmwasser bietet und in der Nähe einer Einkaufsmeile mit geheimtiptauglicher Erlebnisgastronomie liegt. Maskulin ja, aber bitte mit Komfort.

Mache ich mich lustig? Keineswegs. Aber Softie Rüdiger, Metromann David, Hipster Vincent und Conchita Wurst täuschen uns über eines hinweg: An den Schaltstellen der Macht heißt es neuerdings knallhart: Das Imperium schlägt zurück. Der historisch sattsam bekannte virile Phänotyp meldet sich lärmend zurück – hemdsärmelig im Auftritt, ungelenk in der Interaktion, reflexionsgemindert, ausschließlich affektgesteuert, bis zur Halskrause in Testosteron stehend. Dort aber wie ein schroffer Fels in der Brandung. Dieser Typus zweifelt nicht, an sich selbst am wenigsten. Der Sheriff 2.0, der erst schießt, bevor er fragt. Hinterfragen versteht er als hinterher fragen. Eine Hand immer am virtuellen Colt, die andere im Schritt, was Verwechselungen in seiner Wahrnehmung Vorschub leistet.

Warum tauchen sie überall wieder auf, die längst überwunden geglaubten tumben Typen? Trump, Putin, Erdogan, Orban und Konsorten – defizitär sozialisierte Kerl-Karikaturen spreizen, plustern, pumpen sich auf, gieren nach jeder sich bietenden Bühne, die sie als ihr vom Karma zugewiesen geglaubtes Revier markieren. Der eine reitet mit Kamerateam und blankem Oberkörper auf seinem Hengst durch die Tundra, für den anderen ist der unerlaubte Zugriff auf Frauengenitalien das Erstrebenswerteste an Politik, der nächste lässt alle verhaften, die sich eine auch nur leicht abweichende Ansicht gestatten. Diese Manndarsteller ringen nicht intellektuell nach optimalen Lösungen, sie empfinden sich als personifizierte Lösung. Für alles und jeden. Sie alle taugen jeder Kommunikationsschulung als Blaupause, wie eben nichts Konstruktives wirklich gelingt.

Nun ist es billig, über diese Abziehbilder des Mannseins herzuziehen, mehr als genügend Angriffsfläche dafür bieten sie. Doch noch spannender ist die Frage, wozu Völker neuerdings wieder meinen, diese vermeintlich willensstarken Wiedergänger Napoleons brauchen zu müssen, denn jene sind durch die Bürger (Bürgerinnen wohl weniger) gewählt. Was an politischen Erfahrungen der Jahrhunderte müssen wir negieren, um ausblenden zu können, dass diese Art aufgepumpter Anführer zu nichts führen, außer zurück dorthin, von wo sie mental stammen – den Höhlenfeuern des Pleistozäns. Die Folgen treten längst klar zutage, die Retropie feiert ihre Renaissance. Die nicht länger verhohlene Gier des Raubtierkapitalismus zerbeisst jede Chance auf dauerhafte Zukunftstauglichkeit, Naturschutz ist politisch klammheimlich von der Agenda geweht, die soziale Schere spreizt sich wie seit der ersten Industrialisierung nicht mehr, Equal Pay und Quotierung in Vorständen kommen nicht erkennbar voran. Das Recht der Frauen auf paritätische Teilhabe, welche einzufordern nach zweitausend Jahren weder überhastet noch als über Gebühr forsch eingeordnet werden kann, wird wohl auch in absehbarer Zukunft kaum mehr Gewicht erhalten. Der sich soeben konstituierte 19. Bundestag hat so viele Sitze wie nie zuvor, dennoch proportional so wenig weibliche Abgeordnete wie ewig nicht. Gleiches gilt bei den Vorständen großer Unternehmen, in drei von vieren (160 börsennotierte wurden diesbezüglich abgefragt) sitzen überhaupt nur Männer, die Gesamtquote der Damen bei den anderen liegt bei albernen 6,9%. Bei gleicher Arbeit und Qualifikation erhalten Frauen im Schnitt noch immer ein Fünftel weniger Vergütung als ihre männlichen Kollegen. Dabei haben sie beim Abitur die Nase vorn (55%) und sowohl bei Hochschulreife als auch Studienabschluss die signifikant besseren Noten. Warum ist dies so?

Kerle, der Wettbewerb liegt uns doch im Blut seit unseren Tagen im Kindergarten und auf dem Pausenhof der Grundschule, das Messen ist doch unser Ding! Weshalb haben wir solche Furcht vor dem anderen Geschlecht, dass wir sie mit Machtmechanismen und manipulativen Winkelzügen klein halten müssen? Haben wir das wirklich nötig? Das ist so furchtbar unsouverän. Stellen wir uns ihnen intellektuell, lassen wir uns auf einen fairen Wettbewerb ein, möge der Klügere den Diskurs gewinnen, nicht länger nur der mit Bizeps und Penis. Was macht so viele Männer zu mitunter solch skurrilen Wesen? Eine mögliche Antwort findet sich in dem großartigen Buch von Robert Bly aus dem Jahre 1991. Anhand des Märchens „Der Eisenhans“ zeigt der Autor detail- wie kenntnisreich auf, welchen Stellenwert die Initiation von Jungs bezüglich ihres späteren Werdegangs hat. Söhne, welchen eine gesunde Rollenmatrix von Männern vorgelebt wird, an denen sie sich sinnstiftend orientieren können, sind als Erwachsene stabil zuhause in ihrem Mannsein. Die sinnvolle Initiierung der zukünftigen Herren kann keine weibliche sein, formt weder einen Softie, noch lehrt es Machismo. Solcherart sozialisierte Kerle sind weder überweiche Frauimitatoren noch breitbeinig laufende Böcke, sie finden ihren eigenen Weg dazwischen, grenzen sich zwar ab vom anderen Geschlecht, jedoch auf gleicher Ebene. Mentale Neandertaler wie Harvey Weinstein, Dominique Strauss-Kahn oder Bill Cosby zeigen auf, was sich kognitiv noch immer als zerklüftete Baustellen präsentiert, die mediale Würdigung schirmt das Problem ab. Dort ist zumeist von „sexuellen Übergriffen“ die Rede, was tradiert verharmlost, um was es eigentlich geht. Im Büro vor einer Bewerberin im Bademantel zu erscheinen oder einer Kollegin unaufgefordert in den Schritt zu greifen, hat mit Sexualität überhaupt nichts tun, es ist unverhohlen demonstrierte phallische Macht. Die Politikerin moderativ dergestalt anzukündigen, sie sei „überraschend hübsch“ oder der Journalistin zu attestierten, sie „fülle ein Dirndl sicher hervorragend aus“, ist der Sexismus der Sechziger, Zuckungen aus der Mottenkiste des Herrenwitzes. Unangemessen, unprofessionell, und nicht nur der Frau gegenüber, sondern auch eines echten Mannes unwürdig. Die Bewegung im Netz unter #metoo fördert derzeit zuhauf wirklich Erschreckendes zu Tage, aber machen wir uns allen scheinbaren Aufbegehrens zum Trotz nichts vor. Diese Aktion wird ebenso ergebnislos versanden wie die anderen Hashtags zuvor zu diesem Thema auch.

Doch wenn es mit der älteren Generation offenkundig nicht klappt, müssen wir an die kommende ran. Was wir überfällig brauchen, ist keine Mädchenförderung, sondern die Bildung von Jungs! Sie müssen lernen, wahrhaftig selbstsicher zu werden, derart gelassen in ihrer Rolle ruhend, dass sie Mann bleiben und ausleben können, aber nicht über die Krücken von Unterdrückung und Übergriffigkeit. Dazu gehören endlich Erzieher in Kitas und Lehrer in Grundschulen. Dort muss kompensiert werden, was von abwesenden Vätern nicht geleistet wird. Sonst sind die Vorbilder welche, die dazu überhaupt nicht taugen. Grabscher wie Trump, Weinstein, Cosby, Strauss-Kahn und ihre viel zu vielen kleinen Nachahmer im Alltag sind eben keine starken Machertypen, sie sind im Kern armselige Würstchen, die Machtzuwachs benötigen, um sich mit ihrer Hilfe ihre hilflose Karikatur eines kraftvollen Mannes zum Abstützen ihres Unterlegenheitstraumas zu basteln. Von denen müssen wir „richtigen“ Männer uns demonstrativ abgrenzen! Und dies wird nicht gelingen, wenn wir nur die an sich ja ganz putzigen Ausflüge in optische Verweichungen zelebrieren. Das macht ohne Frage Spaß, ändert aber nichts essentielles.

Zwischen den männlichen Ohren muss sich etwas weiter entwickeln und das ist nicht die Frisur. Eine neue Haltung ist vonnöten, eine, die so männlich ist, dass sie sich nicht auf dem Rücken von Frauen und anderen Verlierern unserer überkommenen Gesellschaftsordnung mühsam emporstemmen muss. Gleichberechtigung ist aber auch nicht Gleichmacherei, wie sie sich in gendergefütterten Umstrukturierungen von geschlechtersensibel neutralisierten Begrifflichkeiten auszudrücken versucht. In „Gib mir mal bitte die Salzstreuerin“ wird die Lösung auch nicht zu finden sein.

Männers, findet einen ausgewogenen dritten Weg zwischen Metromann und Macho, zwischen Softie und Grabscher, zwischen Hipster und Trump. Kommt, Kollegen, unsere Ahnen haben das Feuer gebändigt und das Rad erfunden, die Relativitätstheorie und die Glühbirne ersonnen, haben Kontinente entdeckt und sind zum Mond geflogen. Das mit dem neuen Mannsein schaffen wir doch wohl auch noch! Zeit wäre es. Die mit dem XX im Erbgut sind auch nur Menschen, Ihr müsst keine Panik vor Ihnen haben, Euch weder durch vermeintliche Verweichlichung anbiedern, noch durch martialisches Gehabe bekämpfen. Das Prinzip lautet, die unterschiedlichen Eigenschaften und -heiten zu verbinden. Nicht egalisieren wollen, nicht unterdrücken müssen – Koexistenz und Kooperation. Entspannt Euch mal, dann könnt Ihr Mann bleiben, aber unaufgeregter. Achtung, Respekt, Wertschätzung. Erst diese Trias wirkt cool männlich, versprochen. Und dann wird auch egal sein, welche Haartracht Ihr tragt oder welchen Farbton Eure Fingernägel haben. Darauf heute ein herbkräftiges Sonntagsbier, an der Tischkante aufgehebelt.

Michael Krakow – Seminare / Vorträge / Coaching: www.mikrakom.de

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