Malus Mali – Der neue Tarnfleckentferner

 

Herzschlag auf großer Leinwand. Aus den mächtigen Lautsprechern wummert eindringlich der Puls des Lebens, bei jedem Herzschlag aus den Membranen vibriert mein Sitzpolster. Wir sehen übergroß vor uns schweigend angespannte Gesichter auf kleinstem Raum, Oberarme seitlich gegeneinander gedrückt in dunkler Enge, vermutlich eine Art Truppentransport, die Szenerie monochrom in schwarz-oliv gehalten. Zu einem jeweils schmerzhaft dumpfen Basston eingeblendete Imperative unterbrechen in bewusst brüchiger Typographie schlaglichthaft, fordern uns Betrachter auf, jene Tapferen auf ihrer Mission zu begleiten. Slow Motion und Segmente in doppelter Geschwindigkeit gezeigt als gefilmt wechseln sich zackig ab. Ein großes Augenpaar füllt kurz das Bild, hochkonzentriert, in Zeitlupe wird sich der Schweiß mit dem Handrücken grob aus den Stirnfalten darüber gewischt. Eine aufpeitschende Musik erklingt, eine Mischung aus hüftschwerem HipHop-Rhythmus, spärlichen Fetzen von Melodie und pseudoarabischem Gesang kündet vom Ungewissen, die Gefahr ist in Windeseile beinahe körperlich greifbar. Die Hecktür des Transporters öffnet sich, die Waffen werden von festen Händen gepackt, gleißendes Tageslicht von außen blendet Insassen und Zuschauer als Fokus fast bis in die Blindheit. Die schwer aufgerüsteten Soldaten erheben sich, es geht los, ein Zurück gibt es nicht, die Mission beginnt. Eine behandschuhte Hand begrüßt von draußen den ersten aus dem metallenen Käfig mit dem männerbündnisch sicherem Griff eines Bergsteigers. Das Bild blendet an dieser Stelle aus und über in einen kunstvoll designten Feuerball, bombastisch artifiziell, wie man ihn neuerdings aus Hollywood kennt. Das typische Inferno, Blumenzwiebeln aus kompakten Flammen eruptieren in schaurig-schöner Ästhetik. Stilisiert in Sepia gezeichnet erheben sich umrisshaft drei Bewaffnete aus den Fegefeuern, ihr kühn entschlossener Blick versichert uns „Wir sind zu allem bereit, feuerfest und unbesiegbar“. Die Lautstärke wurde indes flankierend im Crescendo aufgedreht. Das Flammenmeer, aus dessen Wüten die drei Kämpfer unbeeindruckt, dafür beeindruckend emporragen, wandelt sich dabei optisch elegant zum wirbelnden Sandsturm einer Wüste. Diese ganze Compositio hat richtig PS. Ich walke aufgeregt eine Werbekarte in meinen Händen, darauf ein fast digital anmutendes, modernes Design vom Flecktarnmuster soldatischer Uniformen, darauf der markige Spruch „Krisenherde löscht man nicht mit Abwarten und Tee trinken“. Wow, diese Hollywood-Leute wissen einfach, wie man satte Film-PR macht!

 

Ich sitze im Kino, erlebe diesen Teaser vor dem Hauptfilm und frage mich, für welch dampfenden Kriegs-Streifen hier eigentlich so wuchtig geworben wird. Für welches Spektakel dürfen die Popcorn-Maschinen im Foyer schon warm laufen? Wird „Full Metal Jacket“ zum Jubiläum noch einmal gezeigt? Oder ein rasantes Remake von „Apocalypse now“ angeschoben? Oder wird hier donnernd „The Expendables 4“ angekündigt? Das eiserne Kreuz jedoch am Ende dieses massiven Clips, mitsamt mittig schmissig debilem, weil aufhübschendem Angliszismus-Label „Mali exclusive“ sowie eine behördliche Internetadresse birgt die Auflösung und damit eine echte Überraschung – unsere Bundeswehr ist Produzent dieses imposanten Werkes! Das irritiert mich. Ich drehe die Karte in meiner Hand um und entdecke dort ebenfalls den staatlichen Auftraggeber. Ein Auslandseinsatz ist nun also zum coolen Medienereignis gepimpt, der Kriegseinsatz wird als Daily Soap verwertet, scripted Reality von den ungescripteten Fronten dieser sich streitenden Welt. Pfadfinderlager 2.0 Extreme, echte Herausforderungen warten auf titanene Herren mit Schnellfeuerwaffen und Patronengurten, denen Schnitzmesser und kleines Lagerfeuer eben längst nicht mehr genügen. Der Krieg als maskulin befriedigender Ausflug.

Ups, schrieb ich da jetzt tatsächlich Krieg? Wie rückständig von mir. Euphemisiert heißt es ja mittlerweile nicht mehr Krieg, sondern wandelte sich im von der Leyen’schen Duktus geglättet zu „Robustes Mandat“. Klar, Personalakquise verlangt halt moderne Begrifflichkeiten. In der Businesswelt als „Human Ressources“ bekannt, erfährt es beim Arbeitgeber Bundeswehr seine klassische Bedeutung – der Mensch als humane Ressource zur Fortführung von Politik mit anderen Mitteln (vgl. von Clausewitz).

Was stört mich denn daran, dass auch unsere Bundeswehr sich moderner Instrumentierung des Marketings bedient? Zwei persönliche Umstände sind es, die mir in den Sinn kommen und sich in meiner gelassenen Rezeption des beschriebenen Kinospots sperrig in den Weg kanten. In diesem Jahr konnte ich mehrfach mit Soldaten sprechen, Mannschaftsdienstgraden, die mir gegenüber ungewöhnlich offen waren. Sie alle sind dem Ruf der (An)Werbung des Verteidigungsministeriums mit wehenden Fahnen und erglühten Herzen gefolgt und waren einige Jahre auf Missionen in Afghanistan und Mali. In ihren Augen entdeckte ich aber nun nichts Heroisches, keine Abenteuerlust flackerte in diesen Blicken, keinerlei Veteranenstolz versprühte ihr Habitus. Was ich zudem aus ihren Mündern hörte, war so unglaublich weit entfernt von jenem testosteron-hefigen Hurra-Patriotismus dieses Clips mit seinem RTL-würdigen Titel „Mali exclusive“, der als Leitmotiv auch zum sinnentleerten Shopping-Weekend der Geißens im Helikopter passte. Malle oder Mali, Hauptsache Halligalli.

Vor mir aber standen reale Männer, die erschöpft und eher leise froh waren, aus den Wüsten wieder zuhause zu sein. Ihre schmerzhaft greifbar geschilderten Erlebnisse über die Tristesse des Lagers, Sprengungen ihrer Fahrzeuge, dem Tod von Kameraden sowie der direkt erfahrenen Sinnlosigkeit ihres Einsatzes vor Ort, der letztlich die versprochene humanitäre Hauptkomponente bis heute nicht einzulösen wusste, taugten nicht die Spur zur epischen Verkündung heldenhafter Taten. Im Gegenteil, die ausgeschiedenen Soldaten (sic!) versuchen, nach ihren Erlebnissen, welche tiefe Spuren in ihnen hinterließen, wieder in einen zivilen Alltag mit Beruf und Familie zu gelangen, fühlten sich dabei von ihrem Arbeitgeber im Stich gelassen, der offenkundig seine immensen Geldmittel lieber in die Anwerbung steckt, denn in Rückführung aus dem Dienst. Die militärische Ausbildung erhält alle Energie, die Rückbildung eher kaum. Meine Gesprächspartner wollen durch die Bank nicht mehr in weitere Einsätze unter schwarz-rot-goldenem Banner ziehen, viele hätten rückwirkend nun auch gern auf diese singuläre Erfahrung verzichtet. Einer von ihnen war zu oft in solchen Einsätzen, als dass ihm noch einfiele, was alternativ er mit seinem Leben anfangen könne. Er wird alsbald wieder in eine Krisenmission fliegen, die er innerlich ablehnt. Ohne Pathos, dafür mit zu viel Phlegma. Etwas Sinnentleerteres habe ich lang nicht erlebt. Zum Laiendarsteller für solche YouTube-Clips taugt er längst nicht mehr.

Sind diese Kerle nur Memmen, nicht stark genug für die doch für uns, zumindest für unseren Konsum so wichtigen Fronteinsätze? Nein, ich unterhielt mich mit gestandenen Veteranen, deren Gesichter für ihr junges Alter zu reif wirken, die lediglich jener Vorstellung erlegen sind, etwas Sinnvolles für unsere Landesverteidigung zu tun sowie dabei auch Abenteuer gemeinsam zu durchstehen. Desillusioniert ist das Wort, was am besten ihren inneren Status zum Dienstende beschreibt.

Mein zweiter Gedanke bei der Betrachtung dieses knalligen Flecktarn-Spots gilt Alexeij Kobelew. Mit ihm konnte ich nicht sprechen, ihm kam ich nie näher als jener schmuckfreien Holzkiste, in der er liegend aus der Kirche gegenüber meiner damaligen Wohnung getragen wurde. Mit 23 Jahren endete sein Leben auf 200kg Sprengstoff, im afghanischen Sand für ihn und seine Kameraden tückisch vergraben. Ich sah im Juli 2011 aus meinem Fenster hinunter auf den Kirchenvorplatz, sah Alexeijs Mutter, die ihre wohl über Stunden mühselig aufrecht gehaltene Contenance hier in der Sommersonne plötzlich verlor, als ihr gerade ins Leben gestarteter Sohn vor ihr in den grauen Transporter des örtlichen Bestatters geschoben, die Heckklappe hinter ihm und seiner Lebenszeit frühzeitig zugeschlagen. Sie ging buchstäblich in die Knie, ihr Aufheulen aus tiefster Seele hallte markerschütternd über den Platz und die angrenzenden Straßen, grub sich mir damals unauslöschlich in die Erinnerung. Wie wohl hinter den unbewegten Mienen der anwesenden Mitglieder der Bundesregierung jener Umstand bekämpft werden musste, hier seltenerweise mit den brachialen Folgen ihrer Entscheidung unmittelbar konfrontiert zu werden?

Wie wohl denken die Leute von Alexeij, falls sie dieses Kinovideo und die Rekrutierungskarte sehen, wie empfinden das Werbe-Spektakel seine Familie, Freunde, Stubenkameraden? Durchdringt auch sie dieser verwegene Moschus-Duft von Abenteuer, werden ihre Gemüter auch durchströmt von Adrenalin einer spannenden Mission, werden sie handschweißig bei der Verlockung auf hochriskante Fahrten auf explosiven Buckelpisten ferner Länder? Seit der Gründung 1955 haben 3.200 Bundeswehrangehörige ihr Leben in Uniform gelassen, 103 allein seit 1992, 3.500 schieden zudem durch Selbsttötung aus Dienst und Leben (Quelle: Bundeswehr). Wir alle kennen natürlich den berühmt gewordenen, immer wieder heiß diskutierten Ausspruch Kurt Tucholskys, wonach Soldaten Mörder sind. Ich denke stets, wenn ich ihn lese oder höre, dass Soldaten (aller Seiten) vor allem potenzielle Tote sind. Stellt sich die Frage, für wen und was eigentlich. Statt die Werbekurbel flott zu drehen, könnten auch von höchsten Dienstgraden Ergebnisse all dieser vielen Missionen erläutert werden, wie es jeder höhere Angestellte in einem privaten Unternehmen abzuleisten hat. Doch ausser, dass es wichtig, richtig und „alternativlos“ sei (das schrecklich falscheste Wort jeder Demokratie), erfahren wir nichts Konkretes, ob das all die Opfer auch wirklich lohnt. Es gab in der Historie immer wieder Geschehnisse, auf die musste man militärisch reagieren und es gibt noch immer einen humanitären Zwang zur konsequenten Einmischung. Das ist schlimm genug, doch zeugt es wirklich von gebotenem Respekt, aus diesem diplomatischen Scheitern, der letztlich jeder Krieg ist, aus dieser tragischen Ultima Ratio (vgl. „das letzte mögliche Mittel“) einen reißerischen Kinospot zu fertigen, der die Grenzen zwischen cineastischer Fiktion und grausiger Realität bei Tacos und Cola-RedBull ineinander fließen lässt, somit das physische und psychische Leid von so vielen in ein unterhaltsames Spektakulum verharmlost? Hier verkommt staatlich angeordnetes Töten und Getötetwerden zur billigen Effektshow, werden Bundeswehreinsätze in der öffentlichen Wahrnehmung reduziert auf den Wert einer geilen Military-Serie auf Netflix, seelische Pein und körperlicher Verlust unter einer betäubenden Decke von Pyro, Sound und Designversatzstücken zugekleistert, dergestalt zu einer unzulässigen Simplifizierung von getöteten Soldaten und zivilen Opfern mutiert.

Wussten sie, dass unsere Soldaten derzeit in 19 unterschiedlichen Missionen in anderen Ländern „tätig“sind? Was sind eigentlich die Ergebnisse von diesem monströsen Einsatz von Leben, Psychen, Geld und Material? Deutschlands Freiheit wird ja auch am Hindukusch verteidigt, wie Peter Struck 2004 so erinnerungswürdig bizarr salbaderte. Sind wir denn heute freier durch diesen oder andere Einsätze? Oder sind dies zumindest die Bewohner Afghanistans oder Malis? Haben die Attentate und Amokläufe in unseren europäischen Breiten abgenommen, seitdem unser Militär prophylaktisch überall mitmischt?

Was interessiert uns heute zum Beispiel Somalia, wo wir auch seit 1993 dringend eingreifen müssen? Nichts änderte sich dort, dasselbe Chaos wie vor dem Eingreifen, kaum etwas hat sich stabilisiert. Für einen heißen Kinoclip aber ist derzeit Mali vermutlich einfach mehr Hot Spot als Somalia. Mali, the place to be! Wir dürfen uns auf weitere Spots dieser Güte freuen, denn wenn die 2%-Regelung der NATO im kommenden Jahr greift, verdoppelt sich unser deutscher Verteidigungsetat von derzeit 37 Mrd. Euro (2017) auf maßlose 70 Mrd. jährlich. Solide 6,5 Millionen Euro kostete bislang die hippe BW-PR allein auf Youtube. Feuchte Träume in Flecktarn werden wahr, die Bundeswehr sollte eine eigene Filmproduktion aufbauen, Bendlerblock statt Babelsberg. Es warten genügend Länder auf dem Globus mit veritablen Krisen, unsere militärischen Besuche dort gilt es nur noch, bereits im Vorfeld kess zu vermarkten. Das schafft Arbeitsplätze, was uns schließlich noch immer das Wichtigste ist.

Nein, verehrte LeserInnen, Kriegseinsätze sind kein Spiel, kein heißes Game, keine TV- und keine Kinoshow, an Tod und Sterben ist gar nichts, das wir medial glatt schmirgeln sollten. Militäreinsätze sind und müssen das letzte Mittel zur Bewältigung von Krisen bleiben, dürfen nicht durch schmucke Visualisierungstechnik derart verdünnt werden, bis sie uns zwischen den Clips in der TV-Werbepause für Weichspüler und Frühstücksflocken daran gewöhnen, dass halt wieder regelmäßig Bürger unseres Landes von irgendwo in stabilen Kisten aus Flugzeugen mit Tatzenkreuz ausgeladen werden.

Deutschland übernimmt jetzt wieder Verantwortung in der Welt, heißt es. Tut es eben nicht! Sonst würde es Kriege vermeiden, statt sie auf YouTube zu inszenieren und zu glorifizieren. Ein Anfang könnte sein, unseren Status als global drittgrößter Rüstungsexporteur mutig zu korrigieren. Darüber würde ich dann gern ein stylisches Video anschauen. Sie nicht auch..?

 

Michael Krakow – Seminare / Vorträge / Coaching: www.mikrakom.de

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