Düppen und Damast

Gefrorene Zeit: Kommen gleich die Näherinnen zurück?

Bielefeld. Viktoriastraße 48 a. Hinterhof. Hier gründete 1912/13 der jüdische Kaufmann Hugo Juhl seine Wäschefabrik. Es war die Blütezeit der hiesigen Texilindustrie und die Juhlsche Wäschefabrik gehörte bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 zu den größten in der „Leinenstadt“ Bielefeld. Die Fertigungstiefe der Fabrik war für heutige Verhältnisse enorm. Vom Stoffeinkauf bis zum Versand der fertigen Damenblusen, Hemden und der damals noch üblichen Aussteuerwäsche (Bett- und Tischwäsche) spielte sich alles im Hause ab.

Wie eben grade verlassen: Plätt- und Bügelraum
„Kein Ausfransen. Hält ein Leben lang“. So sahen damals Knopflochnähmaschinen aus.

Wie in so vielen alten Unternehmen der Region sorgten auch hier die Nationalsozialisten für die Tragik jüdischer Schicksale. 1938 zwang man Juhl zum Verkauf an die Dresdner Brüder Theodor und Georg Winkel, die die Wäschefabrik bis 1980 weiterführten. Dann versank sie in einen „Dornröschenschlaf“. Das heutige Museum Wäschefabrik verdankt seine Existenz dem Engagement Bielefelder Bürger, die sich 1988 zum Förderverein Projekt Wäschefabrik e.V. zusammenschlossen. 1993 konnte man die Wäschefabrik mit Mitteln der Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege kaufen und in ein Museum umwandeln, das seit 1997 geöffnet ist. Im Jahr 2000 wurde der Förderverein mit dem „Deutschen Preis für Denkmalschutz“ ausgezeichnet. Seit 2005 informiert eine Medienpräsentation über die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Juhl. So manche ältere Bielefelderin kann noch von ihrer und ihrer Mütter Arbeit als Weißnäherin „in der Fabrik“ erzählen. Zählten sie doch im Gegensatz zu anderen Beschäftigten in der Textilindustrie zu einer Art Elite. Sie wissen sicher auch, was „Düppen“ waren, wie sie heute noch unten im Pausenkeller stehen:  Es sind „Henkelmänner“, in denen sie ihr Essen mitbrachten.

„Düppen“ im Pausenkeller

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