Denkmal des Monats Januar

LWL zeichnet Wandelkrippe der Paderborner Marktkirche aus
Figuren wären fast Kriegsbeute geworden

Diese Krippe ist 90 Jahre alt
Diese Krippe ist 90 Jahre alt

Paderborn (lwl). Die Krippe der Paderborner Marktkirche (ehemalige Jesuitenkirche) ist eine von nur zwei erhaltenen Kirchenkrippen, die die Krippenkünstlerin Johanna Lamers-Vordermayer in den 1920er Jahren schuf. Pünktlich zum Drei-Königstag am 6. Januar hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die 1927 entstandene Krippe deshalb als Denkmal des Monats Januar ausgezeichnet.

„Das Zusammenwirken des Ausdrucks der einzelnen Figuren und eine große Liebe zum Detail sowie die Komposition insgesamt, lassen die Kirchenbesucher noch heute staunen“, erklärt LWL-Denkmalpflegerin Dr. Bettina Heine-Hippler die besondere Wirkung der historischen Krippe.

Die als so genannte Wandelkrippe konzipierte Kirchenkrippe wird am 4. Advent aufgebaut und erzählt bis Mitte Januar in drei verschiedenen Bildern das vorweihnachtliche Geschehen. Dabei werden die Krippenfiguren zu unterschiedlichen Bildern passend zu den Texten der Bibel um- bzw. zusammengestellt. „So erzählt die fast 90 Jahre alte Krippe auf ihre ganz eigene Weise die Geschichte von der Menschwerdung Jesu“, sagt Heine-Hippler.

Jede der 19 Krippenfiguren hat einen Paten, der 2011 die Restaurierung "seiner" Figur gezahlt hat. Diese Figur ist eine derjenigen mit erhaltenen feinen Gesichtszügen.
Jede der 19 Krippenfiguren hat einen Paten, der 2011 die Restaurierung „seiner“ Figur gezahlt hat. Diese Figur ist eine derjenigen mit erhaltenen feinen Gesichtszügen.

Zur Krippe gehören 19 bewegliche Gliederpuppen. Sie bestehen aus stoffumwickelten Drahtgestellen; die Arme, Hände, Füße und Köpfe sind aus Holz geschnitzt. In einer Zeit, in der Krippenfiguren aus Gips den Markt beherrschten, waren die Krippen von Lamers-Vordermayer etwas Besonderes. So sah schon 1914 der Krippensammler Max Schmederer in den Werken der Münchenerin „moderne Krippen, die die Krippe wieder aus der Tiefe ihrer Verunstaltung herauszieht und sie künstlerisch und religiös läutert.“

Eine Besonderheit der Krippe war lange rätselhaft: Während einige Figuren wie Maria oder der Verkündigungsengel fein geschnittene Gesichtszüge haben, sind andere Gesichter wie das von Josef oder eines der drei Könige viel gröber geschnitten. Hermann-Josef Bentler erinnerte sich an Erzählungen und Schwarz-Weiß-Fotos seines Großvaters, der Küster der Marktkirche war. Die Fotos, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden waren, zeigten noch Wandel: Im Juli 1945 wollten sowjetische Soldaten die Marktkirche plündern. Vergeblich versuchten sie Kunstgegenstände von großem Wert mitzunehmen. Es gelang ihnen aber, einige Kisten zu greifen. In diesen Kisten waren die Krippenfiguren der Marktkirche verstaut. Wenige Tage später fand der damalige Küster die Figuren zwischen den Trümmern. Die meisten von ihnen waren erhalten geblieben, einige waren aber stark beschädigt, ihnen fehlten die Köpfe oder einzelne Gliedmaßen. Wenige Figuren, wie das stehende Jesuskind, blieben ganz verschwunden. „Die fehlenden Teile müssen dann bald ergänzt worden sein. So erzählt die Krippe nicht nur die Weihnachtsgeschichte sondern an ihr ist auch ein wichtiges Kapitel der Paderborner Stadtgeschichte abzulesen“, erklärt Heine-Hippler.

Die Gesichtszüge dieses Königs sind recht grob, er gehört zu den beschädigten Figuren.
Die Gesichtszüge dieses Königs sind recht grob, er gehört zu den beschädigten Figuren.

2011 ließ die Kirchengemeinde alle Krippenfiguren von der Beckumer Restauratorin Brigitte Schröder restaurieren. Dabei hat sie die Verklebungen an den Gelenken abgenommen, fehlende Finger ergänzt und kleinere Fehlstellen retuschiert. Die Kosten hat die Kirchengemeinde getragen, indem sie für die einzelnen Figuren Paten suchte, die für „ihre Patenfigur“ die Restaurierungskosten übernommen haben.

Hintergrund
Anfang des 17. Jahrhunderts brachten die aus Süddeutschland nach Paderborn kommenden Jesuiten die Idee mit, zur Weihnachtszeit eine Krippe aufzustellen. Damit begründeten sie einen Brauch, der bis heute von nahezu allen christlichen Kirchengemeinden auch außerhalb des Kreises Paderborn praktiziert wird.
Die Paderborner Kirchenkrippe ist ein Werk der 1870 in München geborenen Krippenkünstlerin Johanna Lamers-Vordermayer. Sie stammte aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater Hans Vordermayer war Lehrer für Schnitzkunst in Oberammergau, ihr Bruder Rupert Maler und ihr Bruder Matthias Bildhauer in Berlin, wo er mit dem Figurenschmuck des von Paul Wallot errichteten Reichstagsgebäudes betraut war. 1895 heiratete sie den aus Kleve stammenden Kirchenmaler Heinrich Lamers. Über ihn lernte sie den Münchener Kommerzienrat und Bankier Max Schmederer kennen, der Ende des 19. Jahrhunderts über eine große Sammlung neapolitanischer Krippen verfügte. Schmederer beauftragte Lamers-Vordermayer damit, Vorträge im Rahmen seiner umfangreichen Ausstellungstätigkeiten zu übernehmen; eine Aufgabe, die für ihren weiteren beruflichen Lebensweg von entscheidender Bedeutung sein sollte. Ausgehend von der Idee der neapolitanischen Krippenfiguren begann Lamers-Vordermayer mit der Gestaltung eigener, beweglicher Krippenfiguren.

Fotos: LWL/B. Hippler

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