Am Meer

 

„… Das war 6 Monate bevor er starb….“  lautete der letzte Satz des Artikels Eine Erinnerung. Hier geht es nun weiter:

Er starb in unserem Haus in meinen Armen, und ich konnte es kaum fassen. Die Liebe meines Lebens hatte  mich verlassen. Wir lebten 35 Jahre zusammen, hatten drei wunderbare Jungs, und nun sollte ich allein weiterleben können ohne ihn, meinem Fels in der Brandung, wie sollte das gehen?

Die Beerdigung war groß, es kamen unzählige Menschen, die von ihm Abschied nehmen wollten. Gottlob hatte ich einige Freundinnen hinter mir in der Kapelle sitzen, die mir Energie und Kraft schickten, so ging es mir relativ gut. Für die Jungs war es am schlimmsten, ich konnte sie kaum trösten.

Später erzählte mir eine Freundin , dass mein Mann in der Kapelle zu ihr gekommen sei und gefragt habe, wer denn gestorben sei, der müsse ja beliebt gewesen sein, soviel Menschen wie da seien. Sie sagte nur zu ihm, geh nach vorne zu deiner Frau und deinen Kindern, du liegst im Sarg. Das verstand er gar nicht, weil er ja rumlief und sich bewegen konnte, er glaubte nicht, dass er gestorben war.

Das Lied „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo wurde gespielt, es war ja nun sein Weg zu Gott, es war herzzerreißend.

Im Hotel später beim Kaffeetrinken, als alle gegangen waren und sich verabschiedet hatten, gab es genau an der Stelle wo die Familie gesessen hatte, einen Rohrbruch. Das ganze Zimmer stand innerhalb von fünf Minuten unter Wasser. Alle Tränen, die nicht geweint worden sind, kamen nun zu uns.

Ein paar Tage nach der Beerdigung lernte ich eine Frau kennen, die heute eine ganz liebe Freundin ist. Sie sagte zu mir, dass sie Verstorbenen helfen könne, ins Licht zu gehen und mir helfen wolle.  So kam es dann, dass wir gemeinsam meinem Mann begreiflich machten, was passiert war. Er hatte in der Zeit nach seinem Tod ständig versucht, mit mir zu kommunizieren. Dieser Energie konnten die Glühbirnen in meinem Haus nicht standhalten, und ich musste andauernd neue einsetzen.

Während der Sitzung mit meiner Freundin gingen wir zu einem sehr schönen weißen Sandstrand am Meer. Mein Mann hatte die See und das Segeln geliebt. Erzengel Michael begleitete uns. Als wir dort eintrafen, stand mein Mann schon am Strand und wartete. Und Ihr werdet es nicht glauben, wen er auf seinem Arm hielt. Es war Pia, unsere verstorbene Tochter im Alter von 4-6 Monaten. Er herzte sie immer und immer wieder und zeigt sie mir und sagte: Ist sie nicht ein Goldkind, so schön? Er küsste sie und war sichtlich stolz auf sie. Ich freute mich für ihn , so war er jedenfalls nicht alleine auf der anderen Seite. Wir verabschiedeten uns, und ich konnte ihn gut gehen lassen, ich stand bei EE Michael der seinen Arm um mich gelegt hatte.

Ich hätte so gerne unser Kind einmal fühlen mögen oder es auch auf dem Arm halten wollen, aber das ging nicht. Irgendwie beneidete ich ihn darum. Als er sich immer weiter von uns entfernte, überkam mich einerseits eine tiefe Traurigkeit und andererseits auch ein Erstaunen, dass er, ohne sich noch einmal umzudrehen, einfach am Strand weiter ging und immer und immer wieder mit dem Kind schmuste. Als wenn er nicht genug bekommen könnte.

Als ich ihm so hinterher schaute, kam plötzlich aus den Dünen ein kleiner Junge auf ihn zugelaufen. Wie selbstverständlich nahm er die Hand meines Mannes, so vertraut, eigenartig. Dazu fiel mir ein, dass er sich in der Vergangenheit mit einer früheren Partnerin mal für eine Abtreibung entschieden hatte, war das jetzt dieser Junge?? Ich grübelte noch darüber, wessen Kind es sein könnte und warum er aus den Dünen zu ihm gekommen ist, als ein paar Meter weiter eine Frau auch aus den Dünen zu ihm gelaufen kam und den Jungen an die Hand fasst. Und so gingen sie alle zusammen immer weiter am Strand lang, ohne dass sich noch einer zu  mir umdrehte.

Ich konnte mein Gedankenkarussell kaum unter Kontrolle bringen. Wer war sie, wieso war sie bei ihm, wo gingen sie hin ?

Fortsetzung folgt….

Lest bitte auch: „Wie alles begann“.

Text: Gabriele Mestemacher

Ein Gedanke zu &8222;Am Meer&8220;

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