Sieben Sie Simples!

Drei Geschichten und eine dazu.

Ein gebogener Bürgersteig, rote Backsteinhäuser, Halteverbotsschilder. Irgendwo in irgendeiner deutschen Stadt. Zentral in dieser Szenerie eine schwere, silberfarbene Limousine schwäbischer Provenienz sowie direkt daneben eine beleibte Dame. Sie hält die hintere Tür des Fahrzeugs auf, trägt Kleidung, welche im Betrachter zuordnend das Bild der älteren Frau mit türkischem Hintergrund entstehen lässt, die Insignien sprechen dafür – weiter, wallender Umhang und Kopftuch. Die Unterschrift klärt uns auf. Scheinbar. Automobil und Frau stehen direkt vor einer Tafel für Bedürftige. Wie kann das sein? Jemand mit solch luxuriösem Gefährt holt sich Nahrungsmittel von einer Tafel!? Die Volksseele tut das, was sie in unseren Tagen so fürchterlich gern tut, sie kocht zügig hoch. Dieses Photo verbreitet sich im Netz wie Zellteilung in einer Nährlösung. Die Bürger und -innen sind empört, wütender Schaum auf der inneren Tapete, flammendes Zürnen im Gemüt. Da haben wir den Beweis, wir werden schamlos ausgenutzt! Tage später spielt es medial überhaupt keine Rolle mehr, dass der Leiter jener Tafel in Landau, dort wurde dieses Bild aufgenommen, uns den korrigierenden Hintergrund anbietet. Jene Dame neben der polierten Kutsche mit Stern hält die Tür für eine alte Nachbarin auf, die nicht mehr gut zu Fuß, aber auf die Tafel angewiesen ist. Sie wird regelmäßig von der Frau mit Kopftuch zu dieser Tafel gefahren, weil sie es sonst nicht dorthin schafft. Diese hilfsbereite Fahrerin wartet indes draußen, möchte selbst nichts von dort für sich. Das eben zeigt dieses Bild. Aber das wollen wir nicht mehr hören (Lügenpresse! Alternative Fakten etc.), es würde unseren wohlfeilen Zorn mit Scham durchsetzen, wir müssten revidieren, was uns an Information liebgewonnen ist. Außerdem ist längst der nächste Aufreger durch die Gazetten getrieben, nichts ist älter als die News von gestern. Das gilt auch und gerade für wahre Fake-News. Der Chef der Tafelausgabe bittet nun in beinahe rührender Naivität darum, dieses Bild nicht weiter zu verbreiten. Es ist aber in der Welt, in unsere Köpfe graviert, längst unabänderlich im Karteikasten unserer Aburteilung versenkt, dort bereitwillig wartend, bei der nächsten Stammtisch-Diskussion als neutraler Nachweis allgemeinen Sittenverfalls hervor gezerrt zu werden.

Ein Titelbild kreischt uns am Kiosk eine überfette Schlagzeile entgegen. Nicht weiter überraschend, dieses Blatt ist berüchtigt dafür, unangefochten und lustvoll die dunkle Papier-Königin für Hetze, Diffamierung und schmierige Gossenwühlerei zu sein. Hier nun wird uns ein kleines Photo keck schräg präsentiert, darauf vage zu sehen sind mehrere Sportwagen der extrem teuren Sorte. Die prallen Buchstaben daneben künden uns von der betrügerischsten Hartz IV – Familie der Republik. Ob es stimmt? Schwer zu beurteilen. Fakten werden nicht dargeboten, es ist nicht journalistisch sauber herausgearbeitet, verbleibt lediglich als bloße Behauptung. Was mich dabei ungeheuer stört, ist der sprachliche Superlativ, denn er ist das Entscheidende dieser dürren Meldung. Denn jede dritte Stufe einer Steigerung bezieht sich konsequent auf die zwei darunter (faul, fauler, am faulsten). Es geht in dieser Pseudo-Nachricht nicht um diese eine Familie, möge sie in der gezeigten Form existent sein oder nicht. Hier wird unterschwellig eine Gleichung aufgemacht. Klammheimlich wird in uns HartzIV (ALG II, wie es eigentlich heißt) mit Betrug verwoben, als eine Einheit, zwei Seiten einer Medaille, unheilige Geschwister. Zum Beweis dessen werden stolz entlarvend nur die Schlimmsten aus dieser Kaste exemplarisch für uns an den Pranger des Kiosk genagelt, die eben nur etwas mehr betrügen als die anonym große Masse an Abzockern. Die „betrügerischsten“ stehen für die betrügerischen, der Blinde unter vielen Einäugigen. Ein effizienter Versuch an Stimmungsmache der schäbigsten Sorte, der viel zu häufig bei zu vielen verfängt. Zielsetzung? Den braven Steuerzahler aufzuhetzen, aus dessen Portemonnaie diese Halunken schließlich millionenfach milliardenschwer ausgehalten werden. So macht man mit leichter Feder Stimmung, tröpfelt über weiße Großbuchstaben stetig Gift in zu viele Gemüter.

Eine offizielle Veranstaltung. Männer in teuren Anzügen, Frauen in eleganten Kleidern, stehen aufgereiht wartend im Freien. Im Zentrum des Geschehens der amerikanische Präsident, wie stets mit grotesk überlanger Krawatte und tumbem Gesichtsausdruck. Versetzt hinter ihm steht in aufrechter Grandezza seine Gattin Melania. Eine Zierde, in vollendeter Schönheit, perfekt gekleidet, frisiert und geschminkt. Eine Erscheinung. Irgendetwas scheint sie zu erheitern, sie lacht ansteckend, ist offensichtlich arg vergnügt. Der Gatte dreht sich zu ihr, zischt wenige Worte in ihre Richtung, scheinbar zurechtweisend, und die Züge ihres Antlitzes entgleiten metamorph auf erschreckende Weise. Das schöne Lachen auf ihren Lippen erstirbt augenblicklich, ihr Blick senkt sich, ihre Hände finden einander, die komplette Körperhaltung zieht sich igelgleich zusammen, der Kopf neigt sich in Richtung der exklusiven Schuhe. Was war ich empört! Dieser Schuft, dieser Unhold, wie kann er diese fröhliche Frau nur derart knechten! Ich ahnte seine Rohheit, aber dass er öffentlich so weit gehen würde, unglaublich. Mein Bild des Trumps, ohnehin längst gefestigt, wurde jetzt betonhaft. Die Schöne und das Biest. So wie ich dachten viele auf dem Globus, denn auch dieser Clip ging viral, begleitet von Stürmen der Verachtung. Erst viel später las ich, dass in exakt diesem Moment der Veranstaltung der Toten gedacht werden sollte, die First Lady sich diesem Umstand einfach nur angemessen wie alle anderen Teilnehmer verhielt, vermutlich unabhängig von der Mitteilung des Angetrauten. Ich war sauber in die Falle getappt, hatte brav geschluckt, was man mir vor die bereitwillige Nase hielt, fand die Recherche, den Kontext, den Hintergrund (alles mir prinzipiell heilige Dinge) unbewusst plötzlich für verzichtbar. Zu eindeutig das Geschehen. Wirklich? Mein Reflex hatte gesiegt, meine Impulskontrolle versagt. Ich wollte unkritisch glauben, was man mir glauben machen wollte und was einfach stimmen musste.

In diesem schmerzhaften Augenblick fiel mir wieder einmal ein Zitat ein, welches wiederkehrend in meinen Gedanken auftaucht wie ein Unterseeboot aus dem tiefen Meer an gutem Wissen. Die grandiose französische Schriftstellerin Anais Nin schrieb einmal

„Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen die Welt, wie wir sind.“

Wie recht sie hat. Wie schwer uns doch die Zurückhaltung, das Abwarten, das vorsichtige Zögern in unseren Bewertungen fällt. Unsere Wollust an der Empörung giert ab und an nach fangfrischer Nahrung. Dabei gibt es Schutzmechanismsen, mentale Werkzeuge dagegen. Eines der Wirksamsten ist über zweitausend Jahre alt und wird einem der größten Philosophen zugeschrieben. Sokrates soll es geliebt haben, über den Athener Markt zu schlendern und dort Gespräche zu führen. Seine ihm eigene Gesprächskunst ist noch heute inspirierend. Die strukturierte Erlangung von Kenntnissen nannte er zum Beispiel, herrlich bildhaft, somit höchst treffend, die „Hebammenkunst“ (Maieutik). Eines Tages lief dem Weisen auf dem weiten Platz ein Bekannter aufgeregt entgegen, um dem Denker die aktuelle Sottise, einen Nachbarn betreffend, dem ein Missgeschick widerfahren war, brühwarm und blühend zu offerieren. Der Philosoph aber bremste den Eifrigen sogleich ab, um ihn zu fragen, ob er seine Geschichte denn zuvor durch die drei Siebe habe laufen lassen. Der Bekannte verstand nicht, kannte diese Prüftechnik nicht. Sokrates hob an und stellte ihm die drei Siebfragen vor. Das erste Sieb: Ist diese Geschichte, von der Du mir berichten willst, wahr? Hast Du sie geprüft oder gar selbst miterlebt? Der Bekannte verneinte, er hatte das Gerede aus dritter Hand erfahren. Das zweite Sieb ist das Sieb der Güte. Ist das, was Du mir über einen anderen offenbaren willst, gut, ist es für ihn schmeichelhaft? Auch hier verneinte der Mann, es handelte sich schließlich um ein Missgeschick des Nachbarn. Der große Athener fuhr fort zum abschließenden Sieb. Bringt mich Deine Erzählung weiter, bringt sie mir einen Zugewinn an Wissen? Auch dies konnte der Mann nicht bestätigen, es handelte sich ja nur um eine kleine Fehlhandlung. Sokrates befand schließlich: „Was Du mir erzählen willst, blieb in jedem der drei Siebe hängen. Tu uns beiden einen Gefallen und belaste Dich und mich nicht weiter damit“. Mit diesen Worten ließ er den Mann stehen und setzte entspannt seinen Weg über den mittäglichen Marktplatz fort. Welch bis heute grandiose Weise, Gerüchten, Nachrede, Tratscherei und Stimmungsmache im Keim die Energie abzudrehen, sich nicht vorschnell beeinflussen zu lassen.

Ein Photo. Ein Titelbild. Ein Videoclip.

Sicherlich wird es all das geben – Tafelnutzer, die dieser nicht bedürfen; Leistungsbezieher, welche betrügen; die Gattin es Übermächtigen, die von ihm unterdrückt wird; tollpatschige Nachbarn. Doch sollten wir zwei Fehler nicht mehr begehen. Wir dürfen nicht unseren ersten Eindruck reflexhaft für gegeben halten, die flüchtige Ansicht sogleich mit der Wahrheit verwechseln. Und wir dürfen nicht einfach ein einzelnes Beispiel sogleich für massenexemplarisch, automatisch als Matrix missverstehen, es ohne Skepsis als Vorurteil verfestigen lassen. Halten Sie Ihrer ersten Empfindung, Ihrer reflexhaften Einschätzung, der vordergründig mitreißenden Logik stand. Eine wirkliche Meinung über etwas erscheint nicht plötzlich in Ihnen, sie entwickelt sich durch die Arbeit des Ergründens. Mit mehr an Informationen, desto fundierter. Stellen Sie viel häufiger infrage, gerade das, was sich so verlockend stimmig anhört, anfühlt, anschauen lässt. Sieben Sie häufiger, benutzen Sie diese drei Filter im Kopf und ziehen Ihre ganz persönlichen Schlüsse daraus. Vor allem im Internet. Steigen Sie aus diesem unguten System aus, Sie sind klüger als das. Gehen Sie nicht auf den Leim, ziehen Sie versteckte Intentionen ans Licht! Der alte Grieche hat es uns vorgemacht.

Schöne Ostertage Ihnen allen, mit tollen Geschichten, welche Sie erfreuen mögen!  Michls Kopfsalat meldet sich hiermit zurück. Doch glauben Sie auch dem nicht alles, Ihr eigener Kopfsalat zählt.   😉

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