Tabubruchrechnung

– So, ich spiel dann jetzt  –

Donnerstag ist es mal wieder soweit, ab 17 Uhr rollt der Ball im Rahmen eines der größten internationalen Events. Keine Sorge, es soll in meiner heutigen Ausgabe weder um die eigentümliche Faszination dieses Sports noch um dessen viele kritikwürdige Ausfallerscheinungen gehen, sondern eher darum, einen Gedanken weiter zu spinnen, welcher mich heute beim Frühstück besuchte. Es drehen sich eben nicht nur Lederball und Globus, sondern auch so mannigfaltige Geschichten in meinem Hirn, die das Zeug versprechen, ein Kopfsalat zu werden.

Eine solche geschah am 23. Juni 1973. An diesem Tag trafen in Düsseldorf die Vereine Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln aufeinander, um das Pokalfinale untereinander auszutragen. Der beste Spieler der „Fohlen“, Günter Netzer, saß zu Überraschung und Unverständnis der Fans nur auf der Bank, obgleich er bis dahin für seinen Verein sagenhafte 108 Tore erzielt hatte. Im Fussball wie in jedem Unternehmen sind eben nicht nur sachliche Argumente für den Personaleinsatz entscheidend, sondern auch Zwischenmenschliches zwischen Boss und Spieler. Dramatik und Spannung jedenfalls waren auf dem Siedepunkt, es stand Unentschieden, als Netzer plötzlich aufstand, seine Trainingsjacke auszog und lapidar in Richtung seines Trainers sagte „Ich spiel dann jetzt“. Er rannte aufs Feld, gab seinen Mitspielern kernige Anweisungen und schoss das entscheidende Tor zum Sieg. Daraus kann man lernen.

Das Wort Regel tauchte als „regile“ im 9. Jahrhundert im Althochdeutschen auf, nachdem es aus dem lateinischen „regula“ eingewechselt wurde. Immer dort, wo es zwei Menschen und mehr miteinander zu tun haben, sind Regeln unerlässlich, um das Zusammensein in sinnvollen Bahnen zu halten. Das hat sich bewährt und beschert uns ein mehr oder minder friedvoll funktionierendes Beisammensein. Regelwerke geben uns Halt wie ein Geländer, zeigen Richtungen auf, verleihen Übersichtlichkeit, geben Ordnung und Struktur. Im Straßenverkehr ohne Regeln auszukommen, lässt nur die Nachfrage nach Ärzten und Bestattern steigen. Doch Regeln entbinden uns nicht von persönlicher Verantwortung, von eigener Einschätzung, Eigeninitiative, mutigem Einsetzen, Grenzüberschreitung.

Was Günter Netzer vor bald 45 Jahren tat, war ein unerhörter Verstoß gegen gleich mehrere Regeln, ein maßloser Affront, eine selbstgefällige Eigenmächtigkeit. Regula bedeutet wörtlich übersetzt „Richtschnur“ und als solche musste sie dieser Spieler wohl an jenem Tag empfunden haben. Er ließ sie los, die allgemeine Richtschnur, weil es erforderlich war. Regularien können und werden niemals das komplette Leben abbilden können, auch wenn wir Deutsche an dieser Vorstellung innig festhalten mögen. Zu vielschichtig ist unsere komplexe Gesellschaft, als dass jedwede Situation im Vorfeld durch Gesetze und Verordnungen prophetisch kontrolliert werden könnte. Regeln wohnt auch eine gewisse Halbwertzeit inne, sie müssen intervallhaft hinterfragt, modifiziert, angepasst, ergänzt und auch reduziert werden (sofern es sich nicht um die universalen Grundregeln unseres Menschseins handelt). Wohin blinde Gefolgschaft, unkritische Unterordnung, kompromisslose Befolgung von Regeln führt, weiß global vielleicht kaum jemand so gut wie unser Völkchen. Wie Kurt Tucholsky schrieb „Es wird in Deutschland keine Revolution geben, weil man hierzu den Rasen betreten müsste“.

Ziviler Ungehorsam und Zivilcourage können wohl überlegt ziviles Betragen überwinden. Zivil stammt von „civilis“ = den Bürger betreffend. Ein Zivilist ist das Gegenteil eines Soldaten, dem der Gehorsam immanent sein soll. Zivilist, eben ein Bürger zu sein, dazu gehört so manches Mal Wagemut, Entschlossenheit, Selbstbewusstsein. Und vor allem Risikobereitschaft! Was wäre aus Netzer geworden, hätte er nach seiner Revolte kein Tor geschossen? Verbale Steinigung, heute Shitstorm genannt. Es war ihm egal. Er riskierte alles und gewann. Weil ihm der Erfolg des Teams wichtiger war als sein eigener Vorteil. Er dachte nicht an später, vertraute seinem Instinkt, es besser zu können. Überheblich? Natürlich, doch gibt es Augenblicke, da braucht es das Vertrauen in die eigene Stärke und das Zeigen derselben ohne Zaudern. Ganz sicher gelte ich nicht als Anhänger unserer Bundeskanzlerin, dazu ist die Liste ihrer Versäumnisse auch einfach viel zu lang, doch als sie sich dem Mainstream, der allgemeinen Panik, der wilden Hetze ausgerechnet als wieder zu wählende Politikerin entgegenstellte und postulierte „Wir schaffen das“, hatte sie in diesem Augenblick meine volle Sympathie. Das war ihr Moment des Jacke Ausziehens und sich selbst Einwechselns. Das erwarte ich von einem Anführer, einer Anführerin. Schade, dass sie aus dieser Erfahrung nicht die richtigen Schlüsse zog und sich wieder in ihren Schildkrötenpanzer am Spreebogen zum weiteren Aussitzen zurückzog.

Was wir uns heute wünschen und aus logischen Gründen nicht bekommen, hat etwas Schizophrenes. Auf dem Platz wollen wir Führungsspieler sehen, starke Charaktere, charismatische Persönlichkeiten, risikobereit, frech, mit Spielwitz und Durchsetzungskraft. Abseits des Spielfeldes jedoch sollen die gleichen Menschen untergeordnet, bescheiden bis grenzdevot, konform, glatt, kantenlos, unanstrengend und fehlerfrei agieren. Glauben wir wirklich, jemandem gelingt dieser Spagat, entgegengesetzte Pole in sich zu vereinen? Und zudem diese extrem unterschiedlichen Eigenschaften auch noch situativ wechselnd sowie adäquat dosiert einzusetzen? Unwahrscheinlich. Ein risikobereiter Spieler ist dies auch privat, ein konformer Privatmensch ist dies auch im Spiel. Unsere Gesellschaft entwickelt sich dorthin, Konformität als Matrix über alles zu stellen, individuelles Sein anzubeten, doch dessen tatsächliches Ausleben abzustrafen. Anders zu sein ist in der Fiktion sehr gewollt, in der Realität indes verpönt und verstörend. Dabei sind wir Menschen in unserem Kern Pioniere, wollen naturgemäß immer hinter die Vorhänge blicken. Jeglicher Fortschritt hat seine Initialzündung darin, Altbekanntes zur Disposition zu stellen. Entdecker und Erfinder müssen sich dem Ungewissen verschreiben, um der Entwicklung willen! Galileo hatte keine Garantie, dass seine Idee vom Kosmos richtig ist und Kolumbus besaß keine Reiserücktrittsversicherung. Was reichte, war „Hier stehe ich und kann nicht anders“.

Wir haben heute für alles eine Versicherung und für alles Regeln. Wir pochen kleinlich auf unser (oft vermeintliches) Recht, die Gerichte platzen aus allen Nähten vor banalen Nachbarschaftsstreitigkeiten. Recht haben zu wollen ist zur welken Rechthaberei verkommen. Schüler und -innen lernen zu häufig nicht für ihre Entwicklung, sondern für das System, wir züchten konforme Wesen statt experimentierfreudige Erwachsene der Zukunft. Dabei ist es ihre, nicht mehr unsere. Kinder, die nicht auf sich vertrauen, ihrem Gespür und ihrer Courage, werden später keine wagemutigen Erleber, sondern Funktionierer. Wie Harald Schmidt in einem seiner Bücher so herrlich ätzend schrieb:

„Und statt eines neuen Dostojevski rauscht ein weiterer Abteilungsleiter für Raiffeisenkassen auf die Menschheit zu“.

Singe ich hier das Hohelied des Rebellentums? Ja, auch. Aber nicht in der Überziehung. Nicht Regeln infrage stellen um des Bruches willen. Berufsrevoluzzer verändern nämlich nichts, das Querulieren ist ihnen konzeptloses Prinzip geworden, sie kürzen ab, sie umgehen die Analyse, zerdeppern somit nicht selten auch Bewahrenswertes. Wer nicht zu seiner Überzeugung steht und nicht verbessern will, braucht zum Steinewurf die Maske. Nach sorgsamer Abwägung und Prüfung kann die Entscheidung lauten, sich im Einzelfall über eine Regel hinwegzusetzen. Zu sehen, es läuft etwas gravierend falsch, dann aufzuspringen, sich die Jacke auszuziehen und sich hineinzuwerfen für das eine Tor, das die Wende bringt, ist konsequent.

Es sind häufig die Unangepassten, die Sperrigen, Schwierigen, Anstrengenden, Nonkonformen, welche neue Impulse bringen. So etwas geht nämlich nicht geräuschlos. Je größer die Veränderung, desto höher die Staubwolke, die sie verursacht.

Bevor Sie nun aufbrechen und alle Regeln brechen, so seien Sie hier gebremst. Man kann nicht jeden Tag ein neues Leben beginnen. Aber täglich einen neuen Tag. Und wenn es nur einmal in Ihrem Leben ist, dass Sie die Konventionen anspringen wie Jeanne d’Arc die Barrikade und oben Ihre Fahne schwenken – Es fühlt sich irre an. Irre gut. Was haben wir zu verlieren? Verhungern werden wir meistens nicht, ein Dach über dem Kopf bleibt uns und irgendeine Art des Auskommens findet sich auch. Einmal keine Versicherung brauchen, keine Garantie in Anspruch nehmen, nicht auf das Fangnetz starren, nicht ergebnisorientiert abwägen, nicht kleinkariert den bequemsten Weg gehen. Das Leben lustvoll in die Waagschale schmeissen, sehen wollen, was die Karten auf der Hand auf der Tischmitte bringen. Das Leben ist Ihnen nicht gegeben, damit Sie es nur betrachten und in Tabellen, Listen und Regularien einsortieren. Weder Ihre Struktur anderen aufzuoktroyieren oder sich jenen der anderen zwingend anzupassen. Es will schlicht gelebt, entdeckt, bespielt werden. Das Leben ist ein Teamspiel, ohne Frage. Aber auch ein Team braucht einen, der es voranbringt, mit sich reißt, vorangeht. Auch jenes Team, das nur aus Ihrer Person allein besteht. Man muss nicht jedes Spiel gewinnen, das spielt keine Rolle, spätestens seit König Pyrrhus und den Diadochenkriegen wissen wir, dass es Siege gibt, die besser dem Verlieren gewichen wären. Mein Großvater verlangte als Mindestanforderung hauptsächlich eines von den Spielern seiner Mannschaft: „Verlieren können sie von mir aus, aber ihre Trikots müssen durchgeschwitzt sein!“. Wer wagt, kann verlieren. Wer nichts wagt, hat schon verloren. Lieber durchgeschwitzt sein Scheitern akzeptieren als sicher an der Seitenlinie zu hocken.

Günter kehrte übrigens nach Abpfiff dieses denkwürdigen Spieles niemals mehr nach Mönchengladbach zurück, sein wichtigstes Tor in diesem Trikot war auch sein letztes. Vielleicht auch eine metaphorisch interessante Quintessenz. Tabubruch hat immer Konsequenzen, nichts bleibt danach, wie es ist. Das ist das Konstruktive daran. Und vermutlich der Sinn.

Michael Krakow – Seminare / Vorträge / Coaching: www.mikrakom.de

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