Wenn Realität Metaphern überholt

Text: Michael Krakow
First Aid
Der Atem scheint zu gefrieren in der Luft, des Eises harte Schicht auf der Frontscheibe ist schwerer löslich als zuviel Nescafé, und der Ostwestfale zeigt einmal mehr, dass er cooler ist als jeder Teutowinter. Jener Dialog heut morgen um acht auf dem Parkplatz des vierbuchstabigen Supermarktes jedenfalls ist von lippischer Güteklasse.
Eine Frau steigt aus ihrem ökonomisch ausgewogenen Kompaktgefährt, ein älterer Herr mag parallel in das seine, monolithisch wirkende, steigen. Man kennt sich, ist offenkundig Nachbarn, grüßt sich freudig über die schneemarmorierten Autodächer. „Moin Karl, wie lang habt Ihr denn gestern abend noch gemacht?“ Der auf dem Haupte saisonpassend Eisgraue zögert nicht mit seiner Antwort: „Bis der Arzt kam!“ Die Fragerin lacht helle Wolken vor ihrem Mund: „So lange!? Respekt, mein Lieber!“ Karls nun folgende Replik allerdings gerät etwas frostig: „Nein, so spät meinte ich nicht. Irmhild ist umgefallen.“
Der Dame Lächeln erstarrt wie der veritable Eiszapfen am Fallrohr des Getränkemarktes und ihre fellig behandschuhten Finger versuchen erfolglos die letzte flapsige Bemerkung zurückzuholen: „Oh Gott, was ist mit ihr?“ Der stoische Karl jedoch nimmt es ihr offenundig nicht im mindesten übel: „Alles gut. Kreislauf. Jezz hol ich uns ersma Brötchen“. So ist er, der Oszwestfale, es kann geschehen, was will, er behält stringent die Contenance. Da ist ein Lipper allein wie drei Briten der Upperclass in der Rudelbildung. Winters wie Sommers. Heißt „Haltung bewahren“ deshalb auf der Insel auch „Stiff upper Lip“? Königshaus aus Hannover, Haltung aus Lippe. Aber das ist eine andere Geschichte. Alles wird grün, verehrte Charismatiker.
Foto: © style-photography.de – Fotolia.com

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