Stuss mit lustig – über die Streit(un)lust

Sand unter den Füßen, einander fest im entschlossenen Blick, die Rutsche neben ihnen im Fokus. Eine Szenerie auf einem Spielplatz, eine Momentaufnahme, klein, dafür bedeutsam.

Wie auf der staubigen Hauptstraße eines Westerns stehen sich zwei Jungs gegenüber, die sich meiner groben Einschätzung nach kurz vor ihrer Einschulung befinden dürften. Die Jeansknie blank, die mit Comic-Helden bedruckten Shirts verdreckt, das kurze Haar zerzaust, echte Rabauken, wie man sie in meiner ruhrgebietlichen Heimat liebevoll nennen würde. Batman jr. gegen Superman jr. im Duell. Es geht ihnen um die weltbewegende Entscheidung, wer als erster den neu glänzenden Stahl hinunter sausen darf und das ist keineswegs gering schätzend gemeint, denn ihre Welt bewegt dieser Konflikt gerade sehr. Der Ton wird hitziger, die Stimmen lauter, die Beanspruchung auf den Premierenritt schärfer. Bevor diese Konfrontation jedoch zu ihrer Entscheidung gelangen kann, sind die zuständigen Erziehungsberechtigten von ihrer Bank aufgesprungen wie unruhige Pferde, wenn zum Rennstart die stählernen Gatter ruckhaft hochgezogen werden. Ein jedes Kind wird heftig zur Räson gerufen mit dem unheilvollen Imperativ „Nun streitet nicht, vertragt euch!“. Dies speist sich daraus, dass dem Streiten in unserer Kultur ein denkbar schlechter Ruf innewohnt. Zu unrecht, es ist eine schiefe Sozialisierung, welche von den Generationen weitergereicht wird wie schlechtes Kompott. In der Verweigerung der Anerkenntnis, dass Streiten menschenimmanent ist, überdies wichtige Funktionen bietet, wird der Konflikt nur vermieden, nicht gelehrt, dementsprechend nicht beherrscht.

Als wollten sie meine Theorie bestätigen, kann ich sehen, wie es in beiden Streithähnen noch immer brodelt, doch trotz ihres nicht einmal juvenilen Alters wissen beide genau, dass sie der herrschenden Ordnungsmacht unterlegen sind. Schnaubend und nur in Mimikry folgsam nicken sie ihre Einwilligung, wohlwissend, dass die Entscheidung hier und jetzt zwischen ihnen nur vertagt, aber nicht aufgehoben ist. Die Elternteile setzen sich wieder, haben ihrer Pflicht Genüge getan und widmen sich abermals ihrer Lektüre eines Magazins respektive frisch eingetrudelter Whatsapp-Nachrichten.

Da ich als Kommunikationsberater etliche Seminare über Konfliktkommunikation gab und gebe, weiß ich jedoch, dass hier zwei weitere zukünftige Erwachsene am einer immens wichtigen Lernchance gehindert wurden. Natürlich ist „Vertragen“ das wünschenswerte Ziel, doch wie eigenständig dorthin gelangen? Sind die beiden Rabauken in zwei Jahrzehnten in ihren Freundschaften, Beziehungen und Arbeitsplätzen angelangt, werden deren Eltern nicht mehr zur Stelle sein und eine alternative Ordnungsmacht wird bemüht, denn eigen geschnitztes Streitwerkzeug fehlt. Übertrieben, finden Sie? Dann betrachten Sie einmal näher, wie Menschen miteinander streiten. Noch näher, wie Sie vielleicht selbst schon gestritten haben. Mit wie vielen Verläufen von Streits waren Sie letztlich zufrieden? Wie wäre der Gedanke, das Streiten nicht zu unterbinden, sondern dergestalt zu lehren, wie es in konstruktiven Bahnen zum jeweiligen Ziel gelenkt werden kann? Menschen streiten zumeist um Standpunkte, um Sichtweisen, um Richtig und Falsch, Recht haben und Recht behalten. Standpunkte jedoch sind immobil, das ist ihre Natur, auf ihnen bewegt man sich nicht, sonst hießen sie Gehpunkte. Die brüchige Gewissheit, die eigene Matrix als die best- und einzig mögliche proklamieren zu müssen, macht immun für (Auf)Lösungen.

Muss ich demnach also gleich meine Bewertung aufgeben? Mitnichten, es genügt vollends der zugegeben große Mut, sie zumindest innerlich zur Disposition zu stellen. Friedrich Nietzsche enthüllte einst sinngemäß „Um enttäuscht zu werden, muss man sich bloß für klüger als die anderen halten“. Tja, was hilft? Als Ausweg biete ich an, statt in Standpunkten versuchsweise in Möglichkeiten zu denken. Aus Verhandlungstechniken weiß man, dass jedes vorzeitige Beharren auf Standpunkten Spielräume einschnürt. Klingt leicht, doch wie öffnet man Türen zu Spielräumen? Dazu braucht es eine grundlegende Erkenntnis, die Schriftstellerin Anais Nin gibt uns hierzu einen Schlüssel in die Hand: „Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen die Welt, wie wir sind.“. Stellen Sie sich bitte einmal kurz vor, Sie haben einen Gast aus Schweden zu Gast. Er spricht kein Deutsch, Sie kein Schwedisch. Werfen Sie ihm doch barsch vor, dass er Ihre Sprache nicht beherrscht und Sie eben nicht verstehen will. Absurder Gedanke, finden Sie? Stimmt. Aber das ist es, was wir in Streitereien gern tun, wir legen unseren Standpunkt dar und will unser Kombattant diesen nicht flott adaptieren, ihn zu seinem eigenen machen, dann will er unseren Gedankengang und dessen einzigartige Wirksamkeit einfach nicht erkennen. Je länger wir einen anderen Menschen kennen (oder zu kennen glauben), desto eher nehmen wir ihm seine vermeintliche Verweigerungshaltung übel. Hat unser Streit diese abschüssige Route kühn eingeschlagen, bekommen wir ihn kaum noch zum eigentlichen Reiseziel.

Kehren wir zurück zum schwedischen Gast. Auf welcher Basis gelingt die Begegnung mit ihm? In der Regel respektiert er die bei uns üblichen Gebräuche und wir die seinen, welche er uns darzubringen versucht, selbst dann, wenn wir sie nicht ganz erfassen. Zudem einigen wir uns mit ihm auf eine dritte Sprache, die wir beide zu nutzen wissen, oftmals die englische. Übertragen Sie diese Mechanik doch einmal auf eine Streitdebatte. Achten Sie den anderen Standpunkt als einen, den Sie überhaupt nicht mögen müssen, der jedoch im jeweils anderen „Land“ so erlernt wurde. Und dann lösen Sie sich davon, dass Ihr Gegenüber Ihre Argumentation begreifen muss, Sie übernehmen seine in diesem Moment ja auch nicht. Verstehen kommt vor dem Verstanden werden, doch zwei Denkfehler hindern uns häufig daran. Der erste ist, dass wir das Nachvollziehen mit Gutheißen gleichsetzen. Doch etwas nachvollziehen zu wollen ist zunächst ergebnisoffen, kann am Ende noch immer Ablehnung nach sich ziehen, aber dann fundiert begründbar. Ich kann die Abfolgen im Cricket nachzuvollziehen versuchen, es aber dennoch (oder gerade deshalb) nicht spielen wollen. Falle Nummer zwei ist, dass wir unser Verständnis unbewusst als Belohnung für das Verstandenwerden in Aussicht stellen. Du verstehst mich, dafür dann ich Dich. Doch wenn beide Streitpartner diese Reihenfolge bedingen, sind sie unbeweglich, starr, in ihren jeweiligen Ecken verhaftet.

Wenn Fussballspieler in einem Match immer wieder an der gleichen Stelle an der gegnerischen Abwehr scheitern, weist der Trainer sie von der Seitenlinie an, andere Wege zu suchen, die sogenannten Flügel zu wechseln, man spricht dort wörtlich vom „Öffnen der Räume“. Davon kann man lernen. Sie kennen gewiss Einsteins Postulat von Wahnsinn, nämlich wiederholt das Gleiche zu tun, aber ein anderes Ergebnis zu erwarten. Wiederkehrende Streitstrukturen sind nicht gelöst, nur erschöpft vertagt. Wir setzen jedesmal dieselbe Mechanik an und hoffen, dass diesmal der Durchbruch gelingt. Dass unser Mitstreiter auf dem gleichen Parkett tanzt, macht ihn uns ähnlicher als wir wahrhaben wollen.

Unsere beiden Trainer am Spielplatz oben, Sie erinnern sich, brechen das Spiel kurzerhand ab, statt ihre kleinen Athleten in der richtigen Technik zu unterweisen. Gewinnen wollen beide Rabauken und dies als wichtige menschliche Eigenschaft anzuerkennen und nicht zu unterdrücken ist das erste Dribbling zur Entwicklung von Streitkultur. Ein weiteres läge darin zu lehren, dass beide gewinnen können und wie das erzielt werden kann. Eine echte Kunst. Dass es in ihr auch mal lauter zur Sache geht, verstört nur die Außenstehenden. Menschen sind keine Roboter, wenn Emotionen im Spiel sind, wird es fast immer ordentlich Verve in der Auseinandersetzung geben. Aber erst, wo man sich auseinander setzt, kann man sich auch wieder neu zusammensetzen. Ein befreundetes Paar, das langjährig schon seine Alliierung mit Wonne betreibt, hat bereits etliche Male sein Geschirr nachkaufen müssen. Der Punkt ist, dass eine Wand das Ziel ihrer Ballistik ist, nicht die Stirn des anderen. Wer seinem Herzen Luft macht, doch dabei den anderen nicht (bewusst) verletzen will, dessen leidenschaftliches Agieren hat seine Berechtigung. Ein Streit ist enorm wichtig, denn er macht Haltungen (über)deutlich. „Nicht, wer streitet, ist zu fürchten, sondern wer ausweicht.“, wissen wir von Marie von Ebner-Eschenbach. Ein Konflikt lässt die Beteiligten ehrlicher miteinander sein als je zuvor, denn Emotionen lassen die Barrieren unserer Konventionen erodieren. Sagt jemand nach einem Streit, er habe es nicht so gemeint, sind diese Barrieren wieder in Betrieb. Die Wahrheit ist nämlich, er hat es in jenem Moment der Äußerung exakt so gemeint, bezeichnender also wäre zu formulieren, man habe den anderen mit der eigenen (aber so gemeinten) Einschätzung nicht kränken wollen. Ist diese Einschätzung aber mit Schwung auf dem Tisch gelandet, so lässt sie sich im hellen Schein der Deckenleuchte eingehend betrachten und untersuchen, sie gärt nicht länger im unterdrückten Kompost des eigenen schwelenden Grimms. Darin liegt eine Form der Fairness, ein ausgebrochener Streit gewährt seltene Einblicke in des Anderen Seelenlage.

Eine elegante Kurve für den fortgeschrittenen Streiter ist, den Hammer des Vorwurfes im Arsenal zu belassen und stattdessen die eigene Intention hinter der vordergründigen zu analysieren und so zu benennen. Statt „Du hast mich nicht zurückgerufen!“ kann ein „Ich hätte gern mit Dir gesprochen und war enttäuscht“ die öffnende Einleitung zu einer Lösung sein. Denn was wissen wir zu diesem Zeitpunkt über die Gründe des Nichtanrufens? Vorwürfe treffen uns unvorbereitet und evozieren unseren automatischen Verteidigungsmechanismus – wer eine verbale Attacke erfährt, wehrt sie reflexhaft ab. Für die Prüfung ihrer Berechtigung ist dann keine Kapazität mehr frei. Man kann seine Betrachtung dem anderen wie einen Mantel hinhalten, in den er schlüpfen kann oder wie einen nassen Waschlappen um die Ohren hauen. Probieren Sie aus, was die Menschen in Ihrem Umfeld lieber mögen und Sie Ihrem Ziel näherzubringen vermag. Der Mantel ist die spurensuchende Frage nach der Intention des anderen, der Waschlappen die Abwertung dessen. Und keine Sorge, Sie vergeben damit keine Chancen, haben noch beruhigend Zeit, sich aufzuregen, Sie müssen nur nicht gleich zur Ouvertüre einer Konfrontation mit einem satten Vorwurf reüssieren wollen. Dieser Pfeil kann später noch immer aus dem Köcher gezogen und an die Bogensehne gelegt werden, dann aber vielleicht durchdacht und berechtigt.

Dschalal ad-Din al-Rumi erkannte „Es gibt einen Ort, jenseits von Richtig und Falsch. Dort begegnen wir uns.“. Der Zeitpunkt, als dieser persische Mystiker seine Erkenntnis gewann, liegt 777 Jahre vor unserer Zeit. Somit wäre es nicht überhastet, sich seiner Strategie in unserem Alltag zu bedienen.

Die beiden Rabauken auf dem Spielplatz haben dann übrigens jene Rutsche gemeinsam im Zweiergespann als Premiere mit ihren kleinen Hintern poliert. Manchesmal kann es besser sein, sich die Dinge entwickeln zu lassen. Dann rutscht es.

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