ObLigaTorischer Abschluss(fuß)ball

-Kleiner Abgesang zur Sommerpause –

Ausatmen, durchatmen, wieder ruhig atmen. Abpfiff. Das war’s für diese Saison. Es ist Samstag, früher Abend im Mai. Feierabend, ab in die Kabinen, Sommerpause, Ligaschluss. Triumph und Trauer zugleich, jetzt folgen viele Wochen Abstinenz, so müssen sich die Bewohner der Steppen fühlen, wenn die Dürreperiode beginnt. Die Gewinner (Teilnehmer internationaler Turniere) stehen nun endlich fest, die Verlierer (Abstieg zweite Liga, Karneval & Alsterdino) auch, ebenso wie die Aufsteiger aus der zweiten. Das Niemandsland im Mittelfeld der Liga ist wenig interessant. Jetzt, im Alter und am heutigen Abschlusstag, verstehe ich den weisen Trainer Giovanni Trapatoni, der erläuterte: „Fußball ist Ding, Dang, Dong, nicht nur Ding!“.

Ja, ich weiß, statistisch winkt jetzt ein Drittel von Ihnen, liebe Leser, an dieser Stelle ab, weil sie sich nicht für Fußball interessieren. Ich kenne alle Argumente gegen den Bundesligafußball und die meisten davon teile ich. Nun bin ich aber im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, da gibt es diese Infragestellung schlicht nicht, dort werden neugeborene Kinder beim jeweils präferierten Verein als Neumitglied angemeldet, bevor dasselbe mit ihnen beim Einwohnermeldeamt geschieht. Das macht Prioritäten deutlich. Sie lachen? Dann stammen Sie vermutlich aus Hessen, Schleswig-Holstein oder Thüringen, denn es ist kein Witz, es ist wahr. Es ist normal, dass zwischen Duisburg und Dortmund mit dem 25. Geburtstag die silberne Mitgliedschaft erreicht ist. „Es gibt Leute, für die ist Fußball eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Leute nicht. Es ist viel mehr als das.“, so sprach einst Balltreter Bill Shankly, der zwar Schotte war und kein Ruhrgebietler, aber Recht hatte er dem zum Trotz. Ähnlich wie Hans Krankl, der befand: „Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär.“

Welcher Mannschaft mein Herz gehört? Das soll hier jetzt keine Rolle spielen, ich kann mich zurückhalten. Es geht um das Grundsätzliche. Vielleicht bleiben Sie trotz Ihrer Ablehnung dieses Sports doch noch einen kleinen Augenblick in dieser neuen Ausgabe meines Kopfsalates und lesen weiter. Ich will Sie nämlich gar nicht überzeugen, es bleibt Ihre Entscheidung, Sie müssen bei dem Hype nicht mitmachen, verpassen aber auch etliches, wenn Sie sich verweigern. Was genau diese Faszination, diese Liebe, diese Leidenschaft, diese Besessenheit ausmacht, muss ich selbst noch ergründen. Ein Verlangen, das keine Grenzen kennt. Oder wie Steffen Freund es liebevoll ausdrückte: „Es war ein wunderschöner Moment, als der Bundestrainer mir sagte – „Zieh Deine Sachen aus, Stefan, jetzt legen wir los.“. Kann man die Begierde des Leders kompakter ausdrücken? Ein Mirakel, denn eigentlich ist Fußball eine Sportart unter vielen. Weshalb aber erntet Curling nicht solche eine Euphorie, entfacht Poolbillard kaum vergleichbare Ekstase oder entfesselt Dressurreiten kein bengalisches Feuer auf den Rängen?  Schwer zu sagen. Irgendwann in der Sporthistorie begann es halt auszuufern. Der Beginn des Fußballs soll ja in England liegen, doch das Herz des Fußballs liegt unbestreitbar im Ruhrpott. Ich weiß noch genau, wie ich an der Hand meines Vaters zu dieser maroden, zugigen, unfassbar großen Suppenschüssel aus rissigem Beton oben auf den Hügel ging, unendlich aufgeregt, bis in die Haarspitzen gespannt. Genau so wie sein Vater einst mit ihm ging zur Kampfbahn nebenan. Und ich dann später mit meinem Sohn zur neuen Arena. Es ist eine Familiensache, die wenig hinterfragt wird. Um uns herum viele andere Familien, in denen es durch Generationen hindurch auch so lief. Wie der sonntägliche Kirchgang so der samstägliche Stadiongang. Und in der Tat gibt es hier viele Parallelen. Ob es tatsächlich einen Fußballgott gibt, kann ich nicht beurteilen, eine Nichtnachweisbarkeit, welche ebenso für Gott gilt.

Mit Glauben hat beides sehr viel zu tun, an die Wiederauferstehung oder den Wiederaufstieg. Beide Veranstaltungen des Wochenendes sind liturgisch durchgetaktet, für Novizen schwer durchschaubar, wann welches Lied gesungen, wann aufgestanden, wann welcher Dialog mit der Gegentribüne als Kanon brüllend ausgetauscht, wann mit dem Schal kreisend gewinkt wird. Viele kleine Rituale, Abfolgen, Zeremonien. Sie machen das Spiel aus, neben der Spannung um Tabellenplatz und Torverhältnis sind es diese erfreulichen Saturnalien in den unzähligen Sitzreihen, welche es immer wieder zu solch einem Überschwang werden lassen. Ein ewig währendes Fest mit weit auseinander liegenden Polen, entweder hochjubelnde Glückseligkeit oder betroffener Zorn. Gravierend schlimm ist nur ein torloses Remis (0:0), in dem die meisten Trikots schweißfrei verbleiben. Schon das Betreten des Tempels ist immer wieder eine Offenbarung, ein spiritueller, ein erhabener Moment. Man geht die Treppen hoch und da ist er dann, jener jedesmal einzigartige Augenblick, die Erleuchtung. Ich verharre jedesmal mit Gänsehaut, wenn ich auf der letzten Stufe stehe und mein Blick ins weite Rund geht, ich die Gesänge höre, die Kraft spüre, meine Schultern sich straffen, meine Brust sich weitet. Dann weiß ich, ich bin wieder zuhause, angekommen in meinem Stamm, meinem Clan, meiner Heimatherde. Dieses Elektrisierende nimmt in seiner Intensität niemals ab. Ein Gefühl, als wenn es gerüstet zu Pferde in die Schlacht geht, der Knappe reicht noch das Schwert (Bratwurst) und das Visier (Bierbecher) klappt herunter.

Auch wem das Geschehen auf dem Rasen technisch (noch) nicht wirklich einleuchtet, so bietet ihm der soziologische Blick auf die tobenden Massen zu den vier Seiten ringsum genug Faszinierendes. Wie befremdlich sind uns häufig entfernte Kulturen. Diese exotischen Gewandungen, farbenfrohe Hautbemalungen, fremden Gesänge, wilden Tänze, skurrilen Initiationsriten. Was auf fernem Kontinent uns irritiert, ist in jeder größeren, heimischen Arena normal. Auch wir haben hier all das – Gewandungen, Bemalungen, Gesänge, Tänze, Riten. So sind wir uns global ähnlicher als wir oft wahrhaben wollen. Wer inhaltlich tiefer ins Mysterium einsteigen will, muss Fußball erlernen wie eine Programmiersprache. Man kann ein Spiel lesen, wirklich wahr. Wer sich damit abspeisen lässt, dass zweiundzwanzig Kerle eine Lederkugel jagen, um diese in einen Kasten mit Netz unterzubringen, darf gar nicht erst mitreden. Was unten auf dem Grasrechteck passiert, muss den Vergleich mit Schach nicht scheuen. Hier wie dort gibt es ausgeklügelte Systeme, Strategien, Taktiken, Spielzüge, wie sie spannender nicht sein können. Dazu individuelle Leckerbissen – Filigrane Fußkunst am Ball, Pirouetten und Schwalben wie im Ballett, adleraugentechnische Flügelwechsel in den freien Raum, steile Pässe in vorhergesehene Laufwege, spektakuläre Flugkopfbälle, prächtige Paraden mit dicken Handschuhen. Dazu gänzlich eigenwillige Bewegungsabläufe: durchstecken, lupfen, antäuschen, Übersteiger, Fallrückzieher, Hackentrick. Dieses rasante Füllhorn an Spannung, Können und Unterhaltung macht ihn aus, den König der Sportarten. Und die Spieler selbst sind zum Teil echte Typen, Charaktere, unverwechselbar und eigenwillig. Über Aussprüche von Fußballern früherer Tage gibt es längst penibel recherchierte Werke in Bibliotheken. Die heutigen Kicker durchlaufen offenbar Fortbildungen in rhetorischem Phrasenkneten ohne Substanz, langweilig, austauschbar. Das war nicht immer so. Als Andy Möller im Interview mal eben Mailand zu Madrid nach Spanien verlegte, Horst Hrubesch das eben beendete Match zur Rezeption erst einmal innerlich „Paroli laufen“ lassen wollte (er meinte Revue passieren) oder Olaf Thon meinte, er hätte seinen Gegenspieler nur leicht „retuschiert“, dann ahnt man, dass Fußball auch abseits von Abstoß- und Elfmeterpunkt enormen Unterhaltungswert bietet. Aus meiner subjektiven Sicht der verbale Pokalträger jedoch ist und bleibt der inzwischen verstorbene George Best, ein Unikum, ein Enfant terrible, ein wilder Kerl, der auf die Frage, wie denn sein ehedem stolzes Vermögen derart hatte abschmelzen können, beeindruckend analytisch antwortete: „Mein Geld habe ich für Alkohol, Weiber, Partys und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich verprasst.“. Diese Sichtweise ist nicht zu toppen, niemals und von niemandem, denn sie offenbart einen heiligen Kern. Fußball ist archaisch, wird es immer sein, das ändert auch der Videobeweis nicht.

Wollen Sie vielleicht doch den ganz großen Schritt wagen und als wahrer Fußballfan wahrgenommen, gar anerkannt werden? Schwierig, wenn man nicht hineingeboren ist, wenn auch nicht unmöglich. Sie wären in bester Gesellschaft, in jedem Stadion befinden sich mehrere zehntausend geniale Weltmeister-Trainer, aktuell ohne Anstellung. Zwei Fehler sollten Sie bitte gleich zu Beginn vermeiden: Wechseln Sie niemals Ihren Verein. Niemals nie nicht. Der ist wie Ihr Geschlecht. Sie leben und sterben mit ihm, heute und immerdar. Und überschätzen Sie die wieder einmal vor der Tür stehende WM nicht. Das ist Folklore, nicht die wahre Religion. Genießen Sie die Sommerspiele ohne Hemmungen, ziehen Sie meinetwegen alberne Flaggenkondome über Ihre Außenspiegel, schwenken Sie Fähnchen, blasen Sie in Plastiktröten, bis Ihr Gesicht tomatenrot wird und hupen Sie sich ausgelassen durch den mutwillig evozierten Abendstau in der Innenstadt (vgl. Korso), alles gut und schön. Doch in welchem Verhältnis die Weltmeisterschaft der Eiskunstläufer zu Holiday on Ice steht, so verhält es sich auch mit dem Ligafußball zur Weltmeisterschaft. Das eine kann einem einen Herzinfarkt bescheren, das andere ist bunte Unterhaltung. Das muss man wissen. Es ist in etwa so wie in der Welt der Kunst. Sie können durch eine Ausstellung schlendern und alle Werke nach den Minimalclustern Schön/Nichtschön, Gefälltmir/Gefälltmirnicht einteilen oder sich in die Intention des Künstlers einlesen und wirklich verstehen, was Sie sehen.

Während Sie dieses jetzt lesen, stehe ich vermutlich gerade (Sonntagnachmittag) in (nicht auf ) der Tribüne eines befreundeten Clubs einer anderen Liga. Denn das gehört auch dazu, quasi ein Verwandtenbesuch in niederen Regionen, nette Geste. Man weiß ja nie, wann man sich irgendwann in der gleichen Liga gegenübersteht, Gegnerbeobachtung und Beziehungsstärkung in einem. Und was gibt es Erhebenderes als mit mattschwarzer Kokelwurst im Mundwinkel die speckigen Fransen des Fanschals eines unbekannten Stehplatznachbarn aus dem eigenen Plastikbecherbier zu fischen und ihm dennoch entspannt eine Zigarette anzubieten. Fußball ist eine wunderbare Erfindung und zugleich ein soziologisches Ventil, ein gezielter Druckausgleich, ein kanalisierter Energieabfluss. Das Stadion ist die letzte Bastion, in die Political Correctness kein Ticket erhält. Zwei Stunden darf man hier schreien, andere beschimpfen, bewusst unfair, extrem subjektiv parteiisch in der Bewertung des Geschehens sein, spotten, lästern, seiner generellen Unzufriedenheit ungebremst Ausdruck verleihen. Ein Freiraum der Emotionen, hier schreien und weinen Männer ohne Hemmungen, sprengen die Gefühle die maskulinen Ketten, umarmen sich wildfremde Männer. Fußball macht es möglich.

Zwei Männer in Kutte (vgl. Fankleidung) sind am Samstag auf dem Weg in ihr Stadion und kreuzen dabei plötzlich eine Trauerprozession auf dem Weg zum Friedhof. Der eine Fan verharrt, lupft sein Fußballkäppi und verneigt sich vor dem Sarg. Sein Kumpel ist beeindruckt und meint „Hömma, so pietätvoll kennich Dich ja ganich.“ Der Angesprochene zischt „ Hömma, wir waren immerhin 27 Jahre verheiratet!“. Wenn Sie jetzt nicht lachen, liegt ihr Geburtsort in Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund oder Gladbach, aus dieser Region kommt dieses Bonmot.

Also, trauen Sie sich und vertrauen Sie sich einem Erfahrenen an, der Sie das erste Mal in ein Stadion nimmt. Sie werden verstört sein und gleichzeitig wird Sie der Virus erfassen. Es geht gar nicht anders. Brüllen Sie es heraus, Rebirthing in der Gruppe für ein paar Scheine.

Ach ja, eines noch: Wembley war kein Tor, nie und nimmer, eindeutig zu sehen. Olle Kamellen, ist über 50 Jahre her? Herrje, Sie haben es noch immer nicht verstanden. Aber das wird schon noch, bleiben Sie zuversichtlich. So wie Andy Möller. „Ich bin immer sehr selbstkritisch. Auch mir selbst gegenüber.“

Nachtrag:

Vizemeister. Erahnen Sie, wieviel Liebreiz in dieser Bezeichnung steckt!? Fühlt sich gut an. Ist gut. Und schenkt mir ein strahlend breites Lachen ins Gesicht. Die Nummer Eins im Pott, Sie wissen schon…  😉

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