Besitzergreifung – Wem gehören sie? Wem gehören Sie?

Im Erwachen tastet meine Hand nach dem Mobiltelephon auf dem Nachttisch und ich tapse mit dem leuchtenden Flachgerät aus dem Schlafzimmer. Eine Reihe von Nachrichten sind aufgelaufen und ich lese sie, während ich in der Küche Kaffee zubereite. Das Gerät verlangt neben der Lesung zudem harsch nach einem ungeheuer wichtigen Update und mahnt mich geradezu, es augenblicklich einzuleiten, weil sonst für nichts mehr garantiert wird. Als wenn Telekommunikationsunternehmen und Telephonhersteller überhaupt irgendetwas garantieren. Ich ignoriere das Ansinnen. Mein Blick schweift über die Wiese vor dem Haus, welche gemäht werden muss, der Rasenmäher jedoch zuvor gereinigt werden sollte. Die Holzbank im Garten trotzt dem Regen nicht mehr, neben genügend Zeit fehlt es mir aber auch an Schmirgelpapier, Pinsel und Lasur. Mir fällt ein, dass die Tankanzeige im Auto gestern abend leuchtete, darum sollte ich mich heute vormittag noch vor dem Baumarktbesuch kümmern. Als erstes jedoch muss ich jetzt einen Installateur auftreiben, denn ein Wasserrohr im Keller leckt. Meine Lieblingsschuhe müssen zum Schuhmacher, die Sohlen lösen sich allmählich vom Korpus. Der Stapel versandfertiger Briefe darf auch nicht länger liegen bleiben. Während ich die Mails auf dem Rechner beantworte, erscheint links und rechts kreischend etliches an Werbung auf dem Bildschirm, neue Produkte, ohne die mein Weiterleben angeblich relativ sinnentleert ist. Ich soll viel kaufen und Geld anlegen, jetzt sofort, der Warenbestand meines Haushaltes hat sich zu vermehren, genau wie mein Kontostand. Ansonsten drohen Tristesse und Verarmung.

Ich halte mit einem Mal inne und überlege, was ich bereits jetzt alles besitze. Mein Gefühl zu all diesen Dingen aber ist ein gänzlich anderes. Sie scheinen mich zu besitzen. Alles kreischt nach meiner Aufmerksamkeit, meiner Befassung mit ihnen. Von allen Seiten, aus allen Winkeln klagende Forderungen. Wie Vogelkinder in einem Nest, die mit weit aufgerissenen Schnäbeln unentwegt Fütterung von den erschöpft flatternden Eltern einfordern. Nur, dass unsere Nester an Besitztümern unüberschaubar groß sind, die Anzahl hungriger Vögel jeweils in die tausende gehen und diese niemals flügge werden. Mir fällt auf, wie sehr Besitz bindet, wieviel Energie es frisst, mich mit ihnen tagtäglich zu beschäftigen. Wobei nicht ich mich mit ihnen beschäftige, sie beschäftigen mich. Mit jedem Teil mehr in unserem Haushalt, meinem Leben, wächst der Aufwand, der damit verbunden ist. Und ich soll immer noch mehr beschaffen, anschaffen, installieren, in Betrieb nehmen, bei Laune und in Schuss halten? Besitz befreit nicht, er engt ein, er ist ein glitzernder Käfig, der mir Komfort verheißt, dafür jedoch einen sehr stolzen Preis verlangt. Ein faustischer Pakt (vgl. Goethe).

Viel Besitztum macht nicht zum König, er ist der König und macht uns zu seinen willfährigen Dienern.

Wie häufig lenken all diese physischen Dinge mich ab von den wirklich wichtigen, wesentlichen Dingen meines Lebens. Wie häufig sehe ich Menschen, die mit gesenktem Haupt und in seichten Schlangenlinien durch die Stadt wanken, den Blick ohne Unterlass auf das kleine Display gerichtet, dabei immer gerade noch rechtzeitig Laternenmasten ausweichend. Die reale Welt um sie gerät nicht mehr in ihr Blickfeld, sie nehmen nicht mehr wahr, als der wenige Zoll große Bildschirm ihnen aufzwingt. Die flache Ansammlung von Platinen scheint unser nicht anzuzweifelnder Boss geworden. Es kommt mir vor, als führe ein kleiner Hund seinen Besitzer am Halsband spazieren statt umgekehrt. Weit über die unbestrittene Nützlichkeit der Mobilette hinaus hat es längst Besitz ergriffen von uns. Auch die gemeinsame Zeit zwischen mir und der omnipotenten, omnipräsenten Funke ist schleichend gewachsen, gehe ich irgendwohin, geht sie wie selbstverständlich mit. Selbst reale Gespräche (vgl. Face Time) drehen sich nicht selten um das ADHS-Ding, um seine Apps, Funktionen, Wirkweisen oder um den Nachfolger, der das kaum zwei Jahre alte Smartphone zum Alt stempelt. Was tun wir da, sind wir eigentlich auch smart? Ein herrliches Menü vor mir wird kalt, weil es zunächst abgelichtet und sein Abbild für die virtuelle Community aufbereitet, dann gepostet werden muss. Selbst ein neu erworbenes Produkt wird augenblicklich der Masse im Netz zum Bewundern dargeboten, ständig Neues und spektakulär Attraktives ist die instabile Währung des Wahrgenommenwerdens.

Ich erinnere mich plötzlich an die grandiosen Touren mit meinen Freunden hoch in den Bergen. Was wir brauchten, passte in einen Rucksack, jedes daheim gelassene Gramm an Ballast ist auf der Gipfel Wege Gold wert. Und es gab keinen Empfang, nirgendwo, dafür sind die Höhen zu hoch, wir agierten weit oberhalb jeder Netzabdeckung. Klingt grausam, aber man gewöhnt sich überraschend schnell daran. Und dann wird es wie eine Befreiung, die Zurückgewinnung der Autonomie und auch der Entscheidungsfreude. Wer sich zwischen den Felswänden verabredet, muss sich im Vorfeld verbindlich entscheiden, denn einmal auf dem Weg gibt es keinen Austausch mehr, gilt nur noch das gegebene Wort, kein Lavieren, kein Optionen freihalten, kein Rückversichern. All die vielen wunderbaren Zeltlager mit Kindern und Jugendlichen, die ich erleben durfte, erscheinen nun in meinem Sinn. Die Zelte sind sehr klein, dort passt nur hinein, was wirklich gebraucht wird. Einige Shirts, einige Unterhosen, dicke Strümpfe und einen Pullover, der unabänderlich nach ungezählten Lagerfeuern roch.

Vor dem Start war sehr genau zu überlegen, was Zugang in einen elitären Zirkel wirklich wichtiger Dinge erfährt, eine Adelung ausgewählter Sachen. Zum Wärmen der Haut, zum Reinigen des Körpers, zur Aufnahme von Kohlenhydraten, etwas zu lesen für den Kopf, fertig und voll der Sack. Alles weitere verzichtbarer Luxus verhätschelter Großstädter. Das Ladekabel war ohne Sinn, denn sein Stecker findet in Wald und Wiesen nun einmal keine Dose. Da hieß es stromtechnisch haushalten, nur einmal am Abend kurz das kleine Tor zur Welt hochfahren und rasch entscheiden, was wirklich beachtet werden muss. Akkuleistung sparen hieß Aufmerksamkeit für anderes gewinnen. Das ist nicht das Schlechteste. Andere Menschen und essentielle Interaktionen mit ihnen zum Beispiel bekommen Raum. Man sieht sich in die Augen, nebeneinander auf einem liegenden Baumstammm sitzend, und lernt sich neu, nicht selten anders kennen. Das gemeinsame Bauen von verwegenen Holzkonstruktionen, kreativen Dämmen in Bächen, dem Baden in Seen, Beachvolleyball und Frisbee in der Sonne. Und wer etwas von einem entfernteren Mit-Abenteurer will, braucht eine kräftig erschallende Stimme oder geht ihn schlicht suchen. Ist der Weg lang, überlegt man sich, ob er das Anliegen lohnt. Auch eine gute Auswahlmöglichkeit, was wirklich wichtig ist. Mal ehrlich, wieviele Informationen via WhatsApp, SMS, Voicemail und ähnlichem sind wirklich im Kern nützlich, habe eine längere Halbwertzeit als wenige Minuten?

Der niederländische Architekt Rem Koolhaas äußerte sich in einem Interview mit dem Süddeutschen Zeitung Magazin: „Mentale Stärke entsteht auch dadurch, dass man sich von Überflüssigem fernhält. Der Mangel an Mangel, der heute herrscht, macht Menschen zu flatterhaften, reizsüchtigen Wesen, die vor lauter Wunscherfüllungsversuchen zu nichts Substanziellem mehr kommen.“. So sehe ich es auch. Versuchen Sie doch, sich immer wieder Inseln zu schaffen, in dem es kaum Reize gibt. Einfach mal nur für sich und mit sich zu sein. Einfach Sein. Nichts sonst. Zur Besinnung kommen durch Sinnsuche. Es geht nicht darum, dauerhaft mönchisch zu leben, asketisch allem Weltlichen zu entsagen, dass ist kaum realisierbar und Komfort ist nicht per se schlecht. Doch Besitz lernt man wieder schätzen, indem man sich ihm immer wieder entzieht. Wissen Sie, wie himmlisch luxuriös ein normales Bett sein kann nach zwei Wochen auf einer schlappen Luftmatratze!? Es geht um die Frage, ob Sie Besitzer oder Besitzter sein möchten, Bestimmer oder Bestimmter, Habender oder Seiender. Stellen Sie sich diese Frage ruhig öfter mal. Nicht Siri, nicht Alexa, nicht Google. Sich selbst zu fragen bedeutet auch, sich selbst infrage zu stellen. Und das ist nie verkehrt. Werden Sie wieder Chef. Im Kopf und in der Manege des Besitzes. Sollen die Dinge sich doch einfach mal untereinander beschäftigen, ohne Sie, verweigern Sie Sie sich.

Ich mache an dieser Stelle Rechner und Mobilette aus und gehe raus. Wir hören voneinander. Wann, weiß ich noch nicht. Vielleicht, wenn ich mich gefunden habe. Ohne Google Maps.

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