Höflichkeit. Eine wertlose Tugend?

 

Unlängst auf einer langen Bahnfahrt hatte ich Gelegenheit, mir über die Höflichkeit im Alltag Gedanken zu machen. In Hannover stieg ein Mann (Mittfünfziger, Anzug, Aktenkoffer) zu und setzte sich auf den Platz neben mich. Grußlos. Wortlos. Klappte sein Notebook auf , arbeitete einige Stunden (oder spielte Solitär) und stieg dann ebenso wortlos wieder aus. War er stumm? War ich unsichtbar? Oder er ganz einfach unhöflich?

Im weiteren Verlauf der Zugfahrt konnte ich teilhaben an unzähligen laut geführten Handytelefonaten geschäftlicher und privater Natur. Einige Zusammenhänge blieben mir zwar unklar, ich hielt es indes für unhöflich, noch einmal genauer nachzufragen.

Höflichkeit ist auch eine Geisteshaltung

Denn sie drückt Achtung und Wertschätzung für unsere Mitmenschen aus. Sie ist die Grundlage eines zivilisierten Zusammenlebens. Die Abwesenheit von Höflichkeit macht das Leben deutlich unangenehmer. In einer Welt ohne Höflichkeit würde wohl niemand leben wollen. Und ist es denn wirklich so schwer, beim Betreten eines Raumes freundlich zu grüßen, beim Bestellen im Restaurant Bitte und Danke zu sagen? Sich rücksichtsvoll und achtsam zu benehmen?

Denn Unhöflichkeit entsteht oft aus einer Mischung von Unachtsamkeit und Unsicherheit. Dabei ist es doch so einfach: Wer nicht genau weiß, wie er sich in einer bestimmten Situation angemessen verhalten soll, fragt sich, wie er selbst gern behandelt werden möchte.

Auf der Rückreise im Zug sprang dann, als ich mit meinem recht schweren Koffer zustieg, gleich ein Herr auf und fragte, ob er mir behilflich sein darf. Das gibt Hoffnung!

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