Kontrast-Mittel im Quadrat

– Von Königen, Äpfeln und der Unterschiedlichkeit –

Die Sonne, deren Strahlen ich jetzt, Anfang Mai, noch dankbar, nicht so selbstverständlich empfinde wie später im Sommer, scheint durch das große Fenster auf mein Schachbrett. Ich halte einen Becher Kaffee in der Hand, gönne mir eine Verschnaufpause und sinniere. Optimale Zeit für das Düngen meines Kopfsalates! Die Verarbeitung der Bohne ist eine Entdeckung aus dem Königreich Kaffa (Äthiopien), das Schachspiel ist persischen Ursprungs. Beides passt prima für mich zusammen und während ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass auf dem Fußboden sich das quadratische Musterfeld des Schachbretts wiederholt. Ein kleines Gedicht kommt mir in den Sinn, es stammt vom persischen Dichter Omar Chayyam aus dem 11. Jahrhundert:

„Die Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt,

                           wo das Schicksal Menschen hin und her bewegt.

Sie umeinander schiebt, Schach bietet und schlägt,

                           und nacheinander einzeln in die Schachtel legt.“

An dieser Stelle wird klar: Mein heutiger Kopfsalat wird vom musivischen Pflaster handeln, so die fachliche Bezeichnung des Schachbretts. Quer durch die Historie und Literatur taucht dieses monochrome Muster immer wieder auf. Weit vor der Entdeckung als Spielfläche, denn die Araber brachten das Schachspiel erst im 13. Jahrhundert von den Persern zu uns nach Europa. Aber bereits im Jahre 440 v. Chr. beschreibt Sophokles das musivische Muster in seinem Drama „Antigone“. Das früheste Auftauchen dieses geometrischen Stils wird in antiken griechischen und römischen Fußbodenmosaiken verortet. Ein Musivum bezeichnet nämlich ein „Bildwerk eingelegter Steine“ und ist der Wortstamm für das Wort Mosaik. Im Talmud bezeichnet der Begriff Mosaik eine Fläche, welche (Zitat) „…die Grundfeste des Tempels deckt“. Im Evangelium des Johannes bildet das musivische Pflaster jenen Boden, auf dem die heute größte Weltreligion ihre Geburtsstunde erlebte. Der Thron, von dem aus Pilatus den Jesus von Nazareth zum Tode am Kreuz verurteilte, trug den hebräischen Namen „Gabbatha“, was übersetzt „Hochpflaster“ bedeutet, ein Name, der damals dem Schachbrettmosaik vorbehalten und politischen Führungskräften zugeeignet war. In der Altstadt von Jerusalem nutzen Pilger bis heute das „Lithostrotos“, ebenfalls ein Musivum, um darauf zu beten. Und natürlich soll auch der Salomonische Tempel dergestalt musivisch ausgestattet gewesen sein. Dieses bicolorige Muster bildete dort mutmaßlich den Weg, den nur die Hohepriester schritten, wie zumindest den Schriften des jüdischen Historikers Flavius Josephus zu entnehmen ist.

Von Beginn an umgab dieses Schachbrettmuster also ein besonderes Fluidum, sein Beschreiten etwas Besonderes. Abseits von Spiritualität, Kultur und Literatur geht man heute davon aus, dass diese quadratischen Felder einfach eine sehr praktikable Messgröße der einstigen Baumeister gewesen sind. So wie in Japan die Tatami, die traditionellen Igusagrasmatten, noch heute die Bezugsgröße für Flächenmaße in der Gebäudearchitektur sind. Die Arten, mit diesen Quadraten zu konstruieren, zu messen und zu kontrollieren, galt über eine sehr lange Zeit als Geheimnis der Baumeister. Noch immer messen wir in Quadratmetern und Quadratfüßen, machen wir es räumlich, wird es zu Kubik, was von Kubus stammt, dem dreidimensionalen Quadrat, dem Würfel. Kein Steinmetz-Zeichen, welches sich nicht ableitete von dieser ewig gültigen Form. Das Quadrat beinhaltet zwei bzw. vier Dreiecke, die Bedeutung der Primzahl 3 ist sowohl in der christlichen Religion (Dreifaltigkeit) als auch in vielen spirituellen Mythen immens. Das Dreieck gilt als Urfigur, welche jedem Quadrat zugrunde liegt. In den meisten alten Kirchen verdeutlicht dies ein Blick hoch an die Decke, das Kreuzgewölbe zerteilt die quadratische Fläche zwischen vier Säulen in ebensoviele Dreiecke. Der Satz des Pythagoras verbindet in der euklidischen Geometrie das Dreieck im Zentrum mit drei Quadraten an den Außenkanten. Damit bildete er neben dem bei Schülern berüchtigten Satz sogar das Lambdoma, die Grundstruktur der Harmonik, welches als die Matrix der gesamten Schöpfung gilt – Die Welt ist Klang (vgl. Nada Brahma). Das Schachbrett verfügt über 64 Felder, die zwei Farbtöne darauf gleichmäßig verteilt. In den Eckpunkten stehen sich jeweils ein schwarzes und ein weißes Quadrat gegenüber. Das führt mich, abseits aller abstrakten geometrischen und mathematischen Überlegungen, zur weiterführenden Frage – was bedeutet dieser Schachbrettboden heute für uns, was macht uns das Musivische in der Moderne erklärbar?

Dunkle und helle Felder wechseln einander absolut paritätisch ab, kein dunkles berührt das Helle und dennoch hängen beide Farbtöne zusammen und dergestalt voneinander ab. So bilden sie grandios komprimiert das universelle Spiel der Gegensätze. Nichts ist wirklich existent ohne seinen jeweiligen Konterpart, Wechselseitigkeit ist der Schlüssel für Ausgewogenheit. Das Messen der Kräfte, zwei Energien bedingen einander, halten sich im Gleichgewicht. Für eine Waage braucht es zwei Positionen, beide Schalen sind unterschiedlich befüllt, benötigen aber gleiches Gewicht, um eine brauchbare Aussage zu treffen. Ausgewogen nennen wir dies deshalb.

Sowohl ein englischer Universalgelehrter als auch ein deutscher Physiker haben hierzu interessante Gedanken erarbeitet. In beiden Fällen spielt ein Apfel die zentrale Rolle, weshalb ich diesen Essay als Hommage auf diese beiden Geistesgrößen auf einem Rechner schrieb, der einen Apfel auf dem Gehäuse trägt. Auch ein Kalauer darf mal Platz im Kopfsalat finden.

Im Jahre 1660 sah Isaac Newton einen Apfel aus einem Baum fallen und fragte sich: Aus welchen Kräften heraus tut die Frucht dies und weshalb jetzt, nicht vorher oder später. Diese Überlegung brachte ihn direkt in das Spiel zweier miteinander ringender Energien. Die Kraft, die den Apfel am Zweig festhält, behauptet sich ununterbrochen gegen die Gravitation, die Schwerkraft, welche den Apfel zu Boden, Richtung Erdmittelpunkt zieht. Durch diese beiden Kräfte hält das Obst lange seine Position, fällt nicht herunter, fliegt nicht davon. Dieses Gleichgewicht erst ermöglicht dem Apfel sein Wachstum! Irgendwann überschreitet seine Masse eine kritische Grenze, was den Sog nach unten gewinnen lässt. Wir betrachten einen Obstbaum und ahnen kaum, dass diese beiden faszinierenden Naturgesetze sich an seinen Ästen hundertfachpermanent in Schach halten, womit sich auch sprachlich der Kreis schließt. Um nicht zu sagen, die Quadratur des Kreises. Ist es in unserem Inneren anders als beim Apfel? Halten sich auch in uns verschiedene Kräfte in Schach? Eine alte Legende indianischen Ursprungs erklärt es mit zwei Wölfen, welche in jedem von uns wohnen. Der dunkle Wolf verfügt über die Kräfte Zorn, Neid, Gier, Überheblichkeit, Vorurteile, Mißtrauen, Gram, Stolz, das Ego. Der helle Wolf wird von Liebe angetrieben, von Hoffnung, Heiterkeit, Wohlwollen, Großzügigkeit, Zutrauen, dem Mitgefühl. Diese beiden Jäger ringen in unserer Seele unentwegt miteinander. Wer von beiden der stärkere ist? Die Antwort der Indianer lautet weise: Es ist jener Wolf, den Du fütterst.

Müssen wir demnach also den dunklen Wolf verdammen, den hellen dagegen erheben? Ich glaube nicht, diese Logik wäre zu simpel, das Leben ist fast immer komplexer. Denn was wären die hellen Flächen des Schachbretts ohne die dunklen, die weißen Figuren ohne die schwarzen? Dieses Spiel funktioniert nur deshalb, weil es beide gibt. Das mag die Botschaft sein, welche uns das musivische Pflaster vor Augen hält. Was tragen Menschen zu meiner Entwicklung bei, die meine Meinung haben, die mir sehr ähnlich sind, die es mir leicht machen, sie zu mögen, ihnen zu folgen? Weitaus mehr lernen kann ich von den anderen, auch über mich selbst. Jene, die mir anstrengend sind, deren Interaktion mir etwas abverlangt. Schwarz und weiß bedingen einander, erst ihr Kontrast zueinander verschafft uns Orientierung und die Möglichkeit zu Interaktion und Wachstum. Und er bietet uns an jedem Tag die Chance, ja sogar den Druck, uns wieder neu zu entscheiden, auf welchem Feld wir selber stehen wollen. Das ist die Matrix unseres Daseins, wieviele Romane, Geschichten und Filme handeln genau davon, vom immer währenden Duell Hell gegen Dunkel? Ein Film nur mit Guten, ein Roman ausschließlich mit Bösen, langweilt. Und in dem sie einander brauchen und überzeugt sind, das Richtige zu tun, ähneln sie einander. Das bekannte Symbol des Daoismus, Yin und Yang, bildet dies semiotisch perfekt ab. Im Kreis umfließen einander nicht nur die schwarze und die weiße Fläche gleichmäßig viskos, sondern sie tragen zudem einen Punkt des anderen in ihrem Zentrum. Grafisch genial auf den Punkt gebracht! In einem alten Lied von Heinz Rudolf Kunze heißt es in einer Zeile: „Das Weiße im Auge des Feindes zu sehen, bedeutet nichts als geduldig vorm Spiegel zu stehen.“.

Wir alle sind uns viel ähnlicher, als wir wahrhaben wollen, als uns recht sein kann. Die Polarität aber ist dennoch unser System, die Dualität unsere Struktur. Anziehung gibt es nur zwischen Plus und Minus, das Prinzip des Magnetismus. Dabei alles möglichst in Balance zu halten, immerfort auszugleichen, ist der Kern der Natur, die natürliche Ordnung, ein Sturm zum Beispiel ist physikalisch der Ausdruck von verschiedenen, sich ausgleichenden Luftdrücken. Was der Frisur schadet, hilft dem Segel. Wie töricht also, das Anderssein zu verteufeln, wie es gegenwärtig wieder in Mode kommt, obgleich bereits überwunden geglaubt. Wir brauchen einander in unserer Unterschiedlichkeit! Albert Einstein erkannte einst genial: „Ein Apfel allein besitzt überhaupt keine Eigenschaften.“ Erst das Erscheinen eines zweiten Apfels lässt diesen ersten groß oder klein, rund oder kantig, lecker oder unschmackhaft, farbig oder blass sein. Zur Bestimmung von uns und von allem brauchen wir den Vergleich, benötigen wir das Andere. Das Schwarz-Weiß-Denken ist uns als Ausdruck geläufig, zwischen diesen Polen aber sind sämtliche Farben zuhause, zwischen den Extremen also ist der sinnvolle Durchgang, zwischen Berg und Abgrund liegt der Mittelweg, der uns Ausgeglichenheit verheißt. Zwischen den Maximalpositionen liegen im Diskurs und jeder Verhandlung die Möglichkeiten! Zwischen heiß und kalt liegt die angenehme Temperatur. Dort hat das Leben seine Heimat, im Mittelpunkt, dort, wo das musivische Pflaster liegt. Schwarz und Weiß sind nur die Leitplanken, die äußeren Begrenzungen im Denken, die Züge der Figuren gehen über die Abgrenzungen der Felder. Um Gutes tun zu können, braucht es das Erkennen des Antipoden. Zuvorderst bei sich selbst, in sich selbst, der andere inspiriert uns dazu, wenn wir es zulassen.

Über dem Orakel von Delphi steht geschrieben: Erkenne Dich selbst! Ich möchte hier erweitern: Erkenne auch Deine Position auf dem Brett, bedenke Deine Züge wohl. Jeder von uns trägt beide Quadrate in sich, beide Wölfe leben in uns, helle wie auch dunkle Figuren bewegen sich in uns. Das musivische Pflaster vermag als Abbild unseres Seins zu dienen. Möge uns dieses Muster, wo immer es uns begegnet, stetig daran erinnern, dass unsere Stärke in der Vielfalt liegt. Den Kontrast aufzugeben, kann nicht wirklich unser Ziel sein, denn Schwarz und Weiß einfach nur vermischt ergibt Grau. Wollen wir wirklich grau sein? Wenn alle identisch sind, ist Harmonie billig zu haben, somit fast ohne Wert. Und schrecklich öde. Auf dem Schachbrett. Und im Leben.

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Spuren spüren, Sporen sparen – Wesley’s Lektion –

Vor der Scheibe der hinteren Autotür fliegen die Impressionen einer amerikanischen Großstadt vorüber. Wegen ihres vielen Grüns wird sie auch die „Smaragdstadt“ genannt (Emerald City). Alles, was es dort vom Rücksitz aus von ihr zu sehen gibt, wird aufgesaugt von den wachen Augen eines kleinen Jungen, der die Dinge auf seine eigene, grandiose Weise einzuordnen sucht. Der Tag ist gut, das Radio läuft, am Steuer lenkt die Mutter das Familienauto. Sie ist eine langjährige, sehr liebe Freundin von mir, welche vor etlichen Jahren couragiert den Sprung aus der ostwestfälischen Provinz in ein neues Leben in den Vereinigten Staaten wagte. Ihr außergewöhnlich aufgeweckter Junge auf der Rückbank heißt Wesley. Seine Gedankengänge verblüffen seine Eltern, mich und so viele andere immer wieder, seine Art des Denkens ist sehr eigen, von einer erfrischenden Klarheit und bestechenden Logik. Nun dreht Wesley seinen Kopf nach vorn und deutet auf das Radio. „Mama, warum verstehe ich das nicht?“ „Weil das französisch ist.“ „Was ist französisch?“ „Das ist eine Sprache, Du sprichst doch englisch und deutsch, das sind Sprachen.“ „Dann muss ich jetzt französisch lernen.“.

Mit seinen drei Lebensjahren hat Wesley Goethe verstanden. Der große Dichter und Denker postulierte einst

„Wer in einem Fach ein Meister geworden, soll in einem weiteren sogleich ein Schüler werden.“.

Meinem kleinen, tollen Freund in der Ferne widme ich diesen 15. Kopfsalat, denn er inspiriert mich dazu und vielleicht ja auch Sie. Heute nämlich soll es hier um das Lernen gehen. Lernen ist etwas, dessen Wichtigkeit zwar allerorten als wesentlich und wichtig wahrgenommen sowie gepriesen, als lebenslange Aufgabe erkannt wird, jedoch fälschlicherweise ins Gebiet des Mühsals und der Anstrengung verbannt ist. Warum eigentlich? Hier hilft uns dieser blitzgescheite, kleine deutsch-amerikanische Bub, stellvertretend für alle Kinder. Von ihm und ihnen können und sollten wir lernen. Und zwar die innere Haltung zum Lernen.

Das Wort „Lernen“ entstammt mutmaßlich dem gotischen „laists“ und bedeutet so viel wie „nachgespürt / einer Spur folgen“. Welch eine wundervolle Definition für den Erwerb von Wissen! Etwas zu spüren und deshalb einer Spur zu folgen, Spüren & Spur – das schmeckt nach Abenteuer, genährt aus Neugierde, innerem Drang, äußeren Reizen und der Freude am Erkenntnisgewinn. Und von einem Ziel ist da gar nicht die Rede, der Weg selbst ist das Ziel, wie wir von Konfuzius wissen. Im Lernen liegt auch eine gewisse Tragik, denn Wissen macht demütig. Wir alle kennen den Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, doch was viele bloß für ein amüsantes Bonmot halten (das wahlweise Cicero, Platon und Sokrates zugeschrieben wird), beschreibt im Kern eine wesentliche Quintessenz. Wer früh in den unteren Sprossen der Leiter des Lernens hängenbleibt, glaubt erheblich mehr zu wissen als jener, der oben steht, von dort das Land des Wissens halbwegs überblickt und wehmütig begreift, dass er es aufgrund dessen schierer Größe nicht einmal grob wird kennenlernen können. Aber allein die Kühnheit, dieses Land zu betreten, erobern und etwas davon für sich erschließen zu wollen, ist edel, nützlich, aufregend, deshalb aller Mühen wert.

So wie auch das Essen hat Lernen kein Ende, im Gegenteil, es macht Lust auf mehr und anderes! Lernen ist des Hirnes Nahrung. Es kann bewusst und ergebnisorientiert sein, aber auch beiläufig (vgl. implizit), fast zufällig erfolgen. Der Polarstern am Himmel der Kommunikation, Prof. Paul Watzlawick, überschrieb denn auch eine seiner Geschichten herrlich ironisch „Vor Ankommen wird gewarnt!“. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass dieser forsche Forscher als Kind vermutlich meinem Freund Wesley sehr ähnlich war. Den Kindern ist das Lernen immanent, sie müssen in Sachen Lernmotivation nicht aktiviert werden, da muss nichts in ihnen geweckt werden, damit kommen sie bereits auf die Welt. Es ist ihr Atomkern.

Schon Kleinkinder betrachten ihr Umfeld mit großen Augen und ausgestreckten Händen, für sie ist jedes noch so kleine Objekt spektakulär, alles wollen sie anfassen (daher das schöne Wort „begreifen“, was lernen meint), sich ihre Welt erfahrbar und vertraut machen. Kaum, dass sie zu reden beginnen, starten ihre Kaskaden an Fragen. Gibt es jemanden, der mehr fragt als ein Kind? Es gibt buchstäblich nichts, dass sie nicht interessiert, selbst Thematiken, die uns unvorbereitete Erwachsenen mitunter verlegen haspeln lassen (Tod, Sex, Krankheiten etc.). Ihrer Interessensbreite stehen wir großen Leute (besser: höher gewachsenen, groß sind wir kaum) nicht selten fasziniert gegenüber, das Leben ist der frischen Generation im wahrsten Wortsinne ein gigantischer Spielplatz. Die Spielgeräte müssen wir ihnen nicht erklären, während wir hölzern ansetzen dazu, hängen bereits die ersten Rabauken und -innen lachend kopfüber von der Rutsche. Recht so. Diesen kognitiv nimmersatten Wesen muss man Wissen lediglich zugänglich machen, ihr Forscherdrang ist schier grenzenlos, sie finden und futtern Informationen aller Art lustvoll wie Kekse, wo immer diese in Griffhöhe herumliegen.

Wie tragisch ist es da, dass ausgerechnet jene Institution, deren einzige Aufgabe darin besteht, zu lehren, es hinbekommt, das Lernen als etwas Nerviges, Ödes gar und daher nach Möglichkeit zu Vermeidendes krass umzudeuten, Lernen dergestalt zu verbiegen und zur Kärrnerarbeit zu schrumpfen. Ein Kärrner war übrigens einst ein Wagenzieher, einer der anstrengendsten Berufe seiner Zeit. Und dieses Bild passt, fortgeschrittene SchülerInnen werden gebremst vom Bildungswesen, das wie ein mit nassen Fellen überladener Wagen hinter ihrem Rücken hängt, anstatt ein beflügelnder Motor vor ihnen zu sein, der sie zieht, den zu lenken sie sich aneignen.

Was tun wir da mit ihnen? Zwischen den maximal aufgeregten, zum Bersten mit Vorfreude gefüllten Erstklässlern, die wie Pferde in der Startbox scharren und die ihre Tornister stolz tragen wie eine gut sichtbare Auszeichnung, und den lustlos und müde zu ihrem jeweiligen Bildungshaus trottenden Kindern der weiterführenden Stufen liegen wenig mehr als vier Jahre. Was geschieht bloß mit ihnen in dieser Zeit? Wie schafft Schule es, diese unbändige Energiequelle versiegen zu lassen? Das Lernen braucht das Lehren, das Grundverständnis der Aufnahme von Wissen beeinflusst die Didaktik. Sollte sie zumindest. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entzündet werden wollen“ erkannte zu Zeiten der Renaissance der französische Schriftsteller Francois Rabelais und damit liegt er noch immer goldrichtig. Doch unser zentnerschweres, mitunter erstarrtes wie erstarrendes Bildungswesen liegt nach mehreren Torpedoeinschlägen lethargisch verschanzt. Der erste Treffer ist, dass sie uns nichts mehr kosten darf, die Bildung, sie ist uns als Gesellschaft kaum noch etwas wert. Wir bezahlen jenen, die mit unserem Geld hantieren, grotesk mehr Lohn als den Erzieherinnen. Gebäude sind marode, Ausstattung unzureichend, PädagogInnen zu wenige, die Bürokratie überbordend, der politische Wahn bisweilen grotesk (vgl. G9-G8-G9). Der zweite ist die fortschreitende Ökonomisierung. Bildung und ihr Erwerb ist ein Wert an sich, dient höheren Weihen und eigentlich nicht dazu, so früh wie möglich einer effizienten Verwertbarkeit zugeführt zu werden.

Pubertierende zu nötigen, sich zügig für einen lebenslangen Berufsweg zu entscheiden und entsprechend konsequent zu präparieren, geht aus mehreren Gründen stramm am Kern vorbei und ist kontraproduktiv. Bildung ist keine Presse und Kinder sind kein Rohmetall, sie sind nicht erschaffen, um flott marktgerecht geformt zu werden. Nichts gegen die Kooperationen von Wirtschaft und Bildung, diese sind äußerst sinnvoll und sehr wichtig, doch sollte nicht der Respekt vor der Freigeistigkeit und Individualität sowie dem Agieren auf Augenhöhe in Vergessenheit geraten. Freie Lehre, freie Forschung? Das einstige Diplom ist zum stundenplanmäßig zu absolvierendem Bätschela (klingt schon scheußlich) verkommen. Geistig anreichernde Ausflüge rechts und links in andere Zweige der Wissenschaft, geschweige denn ein sich selbst ausprobieren, die eigenen Möglichkeiten entdecken, sieht unsere Bildungslandschaft kaum noch vor. Schule und Studium sind zum Korsett mutiert, Lernen ist zur straffen Karriereplanung transformiert, keine Zeit mehr für allmähliches Werden und dem Lernen als Prinzip des Lebens. Lächerlich schon allein deshalb, weil es nie zuvor mehr Lebenszeit gab! Von den 2017 geborenen erreicht jeder zweite statistisch die einhundert Jahre. Die Medizin sorgt dafür, dass sie die meisten davon recht agil (v)erleben. Was also soll plötzlich die Hektik? Mein Vorschlag (halten Sie sich fest): G10! Wenn die Pubertät ihre hormonelle Sprengkraft mit voller Wucht entfaltet, weg von der Schulbank – raus aus der Schule. Wir unterbrechen ihre Schulzeit und senden die Jugendlichen raus ins pralle Leben, lassen sie nach Gusto zwölf Monate praktische Erfahrungen sammeln, Sauerstoff in die Köpfe, Lüften des Gemüts, sich erproben und einbringen. Ein soziales, ökologisches oder was auch immer praktisches Jahr. Anschließend, mit den neuen Erfahrungen, Kenntnissen, Fertigkeiten sowie gewonnener Reife durch übertragene Verantwortung, geht es zurück in den Endspurt der Oberstufe. Was wir heute tun bzw. unterlassen, erstickt die lodernde Flamme des Lernens. Lassen wir dies nicht länger zu, holen wir uns das Lernen zurück, erobern wir die Hoheit wieder! Das lebenslange Lernen als Genuss, Inhalt sowie unabdingbare Voraussetzung sollte unbedingt wieder modern werden. Dass es nicht so ist, beweisen die minütlich öffentlich posaunten Meinungen, welche gänzlich ohne Recherche auskommen und sich ihrer Absurdität nicht mehr zu schämen brauchen, da in dichter Gesellschaft befindlich. Eine Schlagzeile genügt, um eine straffe Ansicht über komplexe Kontexte ungeniert zu krakelen. Skeptisch sein? Zusammenhänge begreifen wollen? Hintergrundkenntnisse suchen? Abwarten, um zu überlegen? Sich sachte an einen Sachverhalt heranzutasten? Keine Lust, dauert zu lang, ist zu anstrengend. Was Bild und RTL II uns in dürren Sätzen als Schlagzeilen hinwerfen, wird schon stimmen. Die anderen sind halt Lügenpresse. Wann hörten wir auf, vor dem Lärmen zunächst kritisch und akribisch Wissen zu sammeln?

Bildung und ihr Erwerb kosten natürlich Zeit und Anstrengung, doch ist ihre Erschließung zuvorderst auch Lustgewinn, Leidenschaft und persönliche Bereicherung, allesamt großartige Geschenke! Wieviele Menschen auf dem Globus wollen lernen und dürfen nicht. Wir können und wollen oft nicht. Das müssen wir wieder begreifen. Wozu ist der Mensch auf der Welt? Seine Hauptaufgabe besteht meines Erachtens darin, sich selbst stetig weiter zu entwicklen, zu entfalten, mit den individuellen Gaben, die ein Jeder in sich trägt, etwas zu erschaffen, dass ihn erfüllt. Reflexion, diese einzigartige Gabe unter den Lebewesen, welche wir nicht mehr würdigen, sie schleichend obsolet werden lassen. Und nebenbei bemerkt: Nur, wer tut, was ihm/ihr wirklich entspricht, wird in seinem Tun wirklich gut. Der benötigt kein Motivationstraining.

Achten Sie einmal darauf, wie unglaublich viel die Menschen ihrem jeweiligen Hobby widmen, wieviel sie dafür lernen, Zeit investieren (nicht ausgeben!), Geld verteilen, Anstrengungen auf sich nehmen, weite Strecken absolvieren. Für etwas, das sie niemand bezahlt! Extrinsische Motivation (von außen) ist eine Chimäre (Trugbild), man kann lediglich der intrinsischen Motivation (von innen heraus) ein Umfeld bieten, in dem sie sich entfalten kann. Pflanzen benötigen Erde, Luft und Wasser, und niemanden, der an ihnen zieht. Sie wachsen von ganz allein prachtvoll, wenn nur die Bedingungen stimmen. Menschen verhalten sich da keinen Deut anders, Lernen ist Wachstum. Kultur kommt von Cultura und das heißt Wachsen. Kultur ist (über)lebenswichtig für uns und entsteht nicht ohne das Lernen.

Tadao Ando, einer der renommiertesten Baukünstler der Welt, verließ inmitten seines ersten Tages an der Hochschule die Vorlesung mit den Worten „Hier kann ich nicht bleiben, Ihr verwässert mir meine Ideen!“. Viel später gedachte man ihm den Pritzker-Preis zu, die höchste irdische Auszeichnung für Architekten. Und dabei ist er gar keiner, denn ein halber Tag Studium befähigt nicht zum Führen dieser Berufsbezeichnung. Ein extremes Beispiel, sicher, und keine für viele empfehlenswerte Vorgehensweise. Doch die Botschaft, die sich aus dieser Haltung ziehen lässt, ist immens wichtig: Folge Deiner eigenen Spur! Auch und gerade bei Gegenwind. Warte nicht auf den kleinen Imbiss aus Wissenshäppchen von anderen, besorge Dir die Zutaten selbst, bereite sie von Hand zu.

Wer mag, lauscht bei Gelegenheit dem Text des Liedes „Du bist ein Riese, Max“ von Reinhard Mey. Das ist eine Einstellung, welche ich zutiefst teile. Denn es gibt etwas, dass ich Wesley und allen anderen Kindern aus tiefster Seele wünsche. Dass sie bis an ihr Lebensende (sich) spüren und der Spur folgen. Ihrer eigenen. Dabei immer wieder andere respektierend wie neugierig kreuzen. Dann kann etwas gelingen, dass wir heute mehr als je zuvor brauchen. „Alle Menschen werden als Originale geboren, die meisten aber sterben als Kopie“. Bitte bleiben Sie original, Kopien haben wir schon mehr als genug. Entdecken Sie das Lernen als Werkzeug, Süßigkeit und Verheißung. Wesley hat das längst geschnallt. Glaube ich. Bon voyage, kleiner Kerl!

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Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 5)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 5

Graue Theorie und keine Wirkung

Mit den beiden Mythen, mit denen das bedingungslose Grundeinkommen umzugehen hat, haben wir in der letzten Folge dieser Reihe bereits aufgeräumt – Fehlende Arbeitsmotivation und mangelhafte Finanzierbarkeit. Beides wurde mit Fakten deutlich widerlegt. Nun gilt es, sich die gefühlten Vorbehalte, welche genauso wie die beiden oben genannten ihre Berechtigung haben, in den Fokus zu rücken. Das eine Gegenargument heißt „Was soll das bringen?“, das andere „Realitätsfernes Gedankenspiel“.

In Ordnung, spielen wir.

Spielen wir einmal gedanklich durch, was das BGE an Effekten bedingen würde. Gut ein Drittel aller Haushalte verfügt derzeit über 100% relevantes Einkommen, was bedeutet, dass dort monatlich alles ausgegeben wird, was reinkommt. Oder anders ausgedrückt, das Einkommen reicht gerade so zum Leben. Was glauben Sie, geschieht, wenn diese Haushalte mehr Geld und dies vor allem garantiert erhalten? Diese Menschen werden zusätzliche Finanzmittel zeitnah ausgeben, schlicht und ergreifend. Für die Kaufkraft auf dem Binnenmarkt gäbe das einen unglaublichen Schub, gegen den die Umweltprämie (vulgo Abwrackprämie) im Rahmen des Konjunkturprogramms II 2009 einen allenfalls winzigen Vorgeschmack bot. Allein durch die dadurch ansteigenden Mehrwertsteuereinnahmen refinanzieren sich die Kosten für das BGE zu einem geschätzten Fünftel gleich im ersten Anlauf, was sie gar nicht müssten, wie ich in Teil 4 ausführlich darlegte. Selbstverständlich ist das Problem zu sehen, dass dann unterbezahlte, dafür sehr anstrengende Jobs zum Beispiel in der Altenpflege, bei den Berufskraftfahrern, Arzthelferinnen, Friseurinnen, Verkäuferinnen etc., an Reiz verlieren könnten. Doch liegt darin die Chance, dass die Marktwirtschaft hier endlich ihr kapitalistisches Element einfordert, dass nämlich eine angemessene Entlohnung für die Erledigung dieser wichtigen Aufgaben sorgen müsste.

Einfacher: Faire Bezahlung für anstrengende Jobs, Angebot und Nachfrage. Denn der Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung ist Rosinenpickerei, er gilt nur für „höhere“ Berufe, längst nicht mehr für die normalen Arbeitsplätze, welche chronisch unterbezahlt, dafür überlastet sind. Überhaupt würde die Arbeitswelt jenen Wandel erfahren, den sie in kurzfristiger Zukunft ohnehin brachial von uns einfordern wird. Teilzeitarbeit, flexiblere Arbeitszeitmodelle, viskosere Verteilung der vorhandenen Arbeit durch Absenkung der Arbeitszeit, Familienphasen, Erziehungs- und Pflegeleistungen, Sabbaticals, Fortbildungen uva. passten unseren deutschen Kosmos endlich an die Erfordernisse der Moderne an. Davor muss niemand Angst haben, war es denn nicht immer der Menschheitstraum, von all zu belastender Arbeit befreit zu werden? Die Mittel dafür sind doch vorhanden, so grotesk viel an Geld, dass es aberwitzig für Spekulationen mit sogenannten „Finanzprodukten“, die keiner mehr versteht, verzockt wird, um sich selbst kreist, Geld aus Geld entsteht, dem sinnvollen Kreislauf der Gesellschaft fürs hochriskante Spielen im übergroßen Stil entzogen wird. Hier ist doch bereits sinnhafte Arbeit entfernt worden, übrig blieb das hastige Hacken der Tastatur von Hasardeuren aus Gier, ohne, dass es dem Bundeshaushalt oder den Menschen im Land nützt. Die aber mit ihren Steuergeldern monströs haften, wenn es schief geht.

Der steil ansteigende Automatisierungsgrad, die Industrialisierung 4.0, zwingen uns sowieso zu raschem Umdenken. Die tradierten, zu starren, ortsgebundenen Nine-to-Five-Jobs beginnen doch bereits, obsolet zu werden und werden in Rekordzeit zu großen Hemmschuhen im Globalen Wettbewerb mutieren. Aber dieses Aufbrechen ist keine Bedrohung, werfen wir hierzu einen raschen Blick nach Dänemark. Dort liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 17,50, die Wochenarbeitszeit bei 33 Stunden und Kitas, Krankenkassen, Universitäten sind beitragsfrei. Trotzdem (oder gerade deshalb?) liegt deren Wirtschaftswachstum bei soliden 1,5% und die Dänen gelten als das glücklichste Volk des Planeten, wie eine globale Untersuchung soeben ergab.

Man kann vor Veränderungen panisch bibbern wie das Kaninchen vor der Schlange oder sich den Herausforderungen stellen und sich die Zukunft aktiv anpassen. Wer glaubt, dass uns die anderen Länder unser Wirtschaftswachstum, das auf ihren Importen aus Deutschland sowie der systematischen Absenkung unserer Sozialstandards und Reallöhne beruht (-15% seit 1980!), noch lange ohne Gegenmaßnahmen anstarren, der bekommt einiges nicht mit. Das internationale Murren wird schon stetig energischer und umfassend Unrecht haben die anderen Regierungen damit nicht. Die heilige schwarze Null des Herrn Schäuble verlangt den überhohen Preis an wachsender Spreizung der Schichten innerhalb unserer Landes und im Vergleich zu unseren Nachbarländern.

Und die schwäbische Hausfrau, als Vergleich enervierend häufig vom Bundesfinanzminister angeführt wie eine Monstranz aus Plastik, hinkt beidfüßig, denn diese tapfere Dame muss sich nicht um die Handelsbilanz kümmern, keine Schulen und Krankenhäuser unterhalten und keine Generationen außer der hauseigenen versorgen. Da (selbst generös subventionierte) Konzerne sich immer weiter größtenteils legal aus ihrer fiskalischen Verantwortung stehlen, bleiben uns zur Stabilisierung Selbstständige, der Mittelstand sowie Kleinbetriebe. Wie sieht es hier aus? Deutschland hat bekanntermaßen kaum eigene Rohstoffe, dafür gut ausgebildete Fachkräfte mit innovativer Ingenieurskunst, Erfindergeist und Gestaltungswillen. Das wir unser global wertgeschätztes Diplom dem Bachelor opferten (früher Vordiplom) und auch den Meisterstatus im Handwerk veröden ließen, lasse ich hier außen vor, um den Rahmen nicht zu sprengen.

Zum Gründergeist unseres Landes, neudeutsch Entrepeneurship, ehedem der Motor unserer strammen Wirtschaftskraft, äußerte sich Eric Schweitzer, der Präsident des DIHK, wie folgt: „Deutschland steckt in einer Gründungsmisere!“. Beachtet man, dass seit 2004 sich die Zahl unserer Start-ups um gravierende 45,8% (von 572.000 auf 310.000) verringerte, kann man ihm nicht ernsthaft widersprechen in seinem Urteil. Benannter Hauptgrund der allermeisten Gründungswilligen liegt darin, für die ersten ein bis zwei Jahre eine unbürokratische Lebensgrundlage zu benötigen, welche Kinder, Miete und sonstige Lebens(er)haltungskosten in der Startphase absichert, in der das neue Geschäft erst mühsam anlaufen muss. Ein BGE würde hier eine ungeheure Schubkraft entwickeln. Wer vermag zu erahnen, wieviel prächtige Ideen in den Schubladen schlummern und vielleicht nie das Licht des Marktes erblicken, weil wir sie nicht zu Beginn stützen, nur am späteren Erfolg beteiligt werden wollen. Die dokumentierte Existenzgründerrate von 2,9% ist gerade für unser Land, dem traditionellen Patentweltmeister, geradezu jämmerlich geworden. Haben Sie hierzu etwas im Wahlkampf gehört? Ich auch nicht. Und ein durch das BGE ansteigender Konsum sowie eine anwachsende Gründerrate spielen sich gegenseitig in die Hände. Erwerbslosigkeit nähme ab, neue Produkte und Dienstleistungen entstünden, neue Kundenschichten verlangten danach. Und unsere Handelsbilanz müsste nicht länger einbeinig auf dem Export allein herumhumpeln. Eine verlässliche Grundabsicherung setzt Potenziale frei, das weiß seit Herrn Maslow und seiner Bedürfnispyramide seit 1943 jedes Schulkind, haben wir dieses Wissen vergessen oder verdrängt? Auch unser Kulturbetrieb erführe endlich die Nachfrage, die er verdient. Wer von den Unvermögenden reckt in der dichten Schlange vor der Theaterkasse schon seinen Sozialpass in die Höhe. Das Fünftel unserer Gesellschaft, dem (vgl. Folge 1) die nötigen Mittel fehlen, nimmt schon lang nicht mehr ausreichend an Bildung und Kultur teil. Beides jedoch ist der Sauerstoff einer jeden Nation, wie August Everding es so treffend titulierte, denn nur diese Teilhabe stabilisiert unsere Demokratie. Wer wissend ist, wählt keine AfD oder noch Schlimmeres. Und höhere Besucherzahlen für Museen, Theater und sonstige Kultureinrichtungen verringerten auch Subventionsleistungen.

Kurios ist, dass das BGE beileibe keine neue Idee oder jene von abseitigen Spinnern in ihrer abgeschiedenen Denkerkammer ist. Bereits 1796 befasste sich Thomas Spence in England mit der Idee eines Grundeinkommens, nach ihm Charles Fourier in Paris 1836 in seiner Abhandlung „Die falsche Industrie“. Der liberale Ökonom John Stuart Mill entwickelte es 1856 als Soziale Mindestabsicherung weiter, 1943 griff die englische Konservative Juliet Rhys-Williams das Konzept mit ihrer „Sozialen Dividende“ auf. Mit der „Negativen Einkommenssteuer“ überzeugt 1962 der Nobelpreisträger Milton Friedman und der Deutsch-Amerikaner Erich Fromm ersann 1966 das Garantierte Einkommen. Helmut Pelzer und die überraschenden Ergebnisse im Studienauftrag der Stadt Ulm beschrieb ich bereits in der letzten Folge. Götz Werner, milliardenschwerer Inhaber der Kette dm, kämpft seit 1982 leidenschaftlich für das BGE. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus spricht sich für das Solidarische Bürgergeld aus, ebenso wie der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI, der es „Pro Bürgergeld“ nennt. Das größte Phänomen jedoch sparte ich mir bis jetzt zum Schluss dieser Aufzählung auf, es ist weitgehend unbekannt wie mit Sicherheit arg überraschend.

Die USA gelten als Mutterland des Kapitalismus, Richard Nixon (ja, genau der) ganz sicher nicht als Linker oder gar des Kommunismus als verdächtig. Ausgerechnet er und ausgerechnet in diesem Staat hätte es 1969 beinahe das BGE für alle Bürger gegeben! Es scheiterte damals an einer nur hauchdünnen Gegen-Mehrheit im Senat. Die westliche Welt stand also schon kurz vor der Umsetzung (da wir annähernd allem, was von jenseits des Atlantiks kommt, nacheifern). In den 47 Jahren seitdem geriet das BGE dort in Vergessenheit, vielleicht auch, weil Nixon Vietnam sowie ein Gebäudekomplex namens Watergate seine Amtszeit völlig zu Recht drastisch verkürzen half. Von präsidialen Geistesgrößen der Preisklasse Bush jr. / Trump verlangen wir besser keine weitreichenden Visionen.

Alles also nur graue Theorie in Sachen BGE? Nein, der Mut zu Experimenten wächst. Es gibt ganz pragmatische Versuche, Plebiszite, Modellprojekte gar. Die Volksabstimmung in der Schweiz im Juni 2016 erbrachte immerhin 22% Befürworter, für den ersten Anlauf und noch dazu in einem erzkonservativem Land ein absolut mutmachendes Ergebnis.

Von den Alpen zu den Fjorden. Das finnische Projekt Kela bietet 2.000 Bewohnern der gleichnamigen Region testweise für zwei Jahre ein garantiertes monatliches BGE von 560 Euro ohne Bedingungen. Die Höhe der Summe soll uns hier nicht verwundern, Kela in der Mitte Finnlands ist nicht London-Belgravia, die Lebenshaltungskosten in dem weitläufigen Naturland ungleich niedriger als in der Millionen-Metropole. Die ersten Ergebnisse allerdings erstaunen gleichwohl, denn die Gesundheitsausgaben sind signifikant zurückgegangen, gestiegen hingegen die Gründungsrate sowie die Anzahl der Teilzeitarbeitsplätze. Und das alles, obgleich der Start dieses Flächenexperiments im Jahresbeginn 2017 liegt. Eine weitere, sehr spannende Initiative ist privater Natur und nicht minder erfolgreich. „Mein Grundeinkommen“ sammelt via Crowdfunding so lange Geld, bis 12.000 Euro erreicht sind, welche dann einem der BewerberInnen für ein Jahr in Monatsraten á 1.000 Euro ausbezahlt wird. Diese Idee halten bislang 69.814 Menschen (Stand August 2017) für nicht so abwegig, dass sie nicht gemeinsam auf diese Weise für bislang 100 arg glückliche Bezieher gesorgt hätten. Diese bringen ihr Studium zu Ende, gehen eine Weiterbildung an oder begründen ihre Selbstständigkeit. Deren erhellende Berichte sind im Netz als eine Art stolze Rechenschaft einsehbar.

Mittlerweile hat sich auch eine eigene Partei mit 16 Landesverbänden gegründet, die sich dem BGE verschreibt, was hier keine Wahlempfehlung darstellt, sondern lediglich aufzeigt, wie die Gruppe jener kräftig anwächst, die sich mit dem Konzept auseinandersetzen. Der Wunsch nach praktischem Ausprobieren nimmt zu. Das Land Schleswig-Holstein zum Beispiel ist nicht mehr weit davon entfernt, das BGE auf den Weg zu bringen, 1.000 Euro für jeden im nördlichsten Bundesland, ALG II, Kinder- und Wohngeld, BAföG fallen dafür weg. Wir dürfen gespannt sein.

Von allen Modellen (Diltheys Flexible Auszahlhöhe, Götz Werners Basic Income Guarantee durch Konsumentensteuer, Soziale Dividende durch staatlichen Börsenfond nach Rhys-Williams und Corneo, uvm.) scheint mir die Negative Einkommenssteuer (vgl. Friedman/Pelzer) in ihrer bestechenden Einfachheit am Erfolg versprechendsten. Bis zu einer definierten Transfergrenze wird das Bürgergeld ausgezahlt, oberhalb dieser Grenze (eher eine Zone) einfach auf die zu zahlende Einkommenssteuer angerechnet. Das ist unkompliziert und betrugssicher, jede Steuerberatung und jeder Finanzamtprüfer rechnet das flott mit dem Bleistift auf dem Block aus. Vergleichen Sie das einmal mit der heute üblichen Bedürftigkeitsprüfung für das ALGII! 199.000 Widersprüche und 203.000 kostspielige wie lähmende Klagen gegen Bescheide des Jobcenters gehörten der Vergangenheit an.

Von Victor Hugo wissen wir „Nicht ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“. Und die Zeit ist reif, verehrte Leserinnen und Leser. Ist das BGE also die Lösung aller Probleme? Wissen Sie, ich bin inzwischen zu alt, um noch davon ausgehen zu können, dass es für irgendetwas eine blitzsaubere Allgemeinlösung geben könne. Auch das BGE bildet da keine Ausnahme, bietet es doch genügend Angriffsfläche, etliches noch zu Klärendes sowie mannigfaltig kleine Teufel in den Details. Was mich daran dennoch fasziniert? Das BGE stellt endlich jene Kernfragen, die im Wahlkampf 2017 wirklich keinen deutschen Politiker ersthaft interessiert haben: Wie halten wir die Spaltung unserer Gesellschaft auf, wie bremsen wir die absurde Ressourcenverteilung, wie schaffen wir ein Klima des allgemeinen Aufbruchs? Es geht mir nicht um Klassenkampf, dazu kenne ich zu viele Unternehmer und anderweitig Vermögende aus persönlichen Gesprächen. Selbst in diesen Kreisen herrscht erfrischend viel Aufgeschlossenheit bezüglich des BGE, Sie würden sich vielleicht wundern. Ich will alle erreichen, alle einbinden. Es sollte endlich begriffen werden, dass der Habende nicht überlebt, wenn seiner Kundschaft die Luft ausgeht. Ob bei uns im Einzelhandel, europaweit mit Griechenland oder global die Nordhalbkugel und die südliche. Beginnen wir bei uns, wir Deutsche können doch Aufbruch, das ist unser Markenzeichen! BGE, made in Germany.

Lassen Sie uns über die Zukunft ernsthaft und vor allem auch stichhaltig diskutieren – Weiter wie bisher oder weiter als je zuvor? Ob Sie das BGE nun begrüßen oder verdammen soll Ihre Entscheidung bleiben. Doch erfüllen Sie mir meinen aufrichtigen Wunsch und stellen Sie sich selbst und anderen in Ihrem Umfeld drei Fragen: 1. Ist unser derzeitiges Gesellschaftsmodell das einzig mögliche? 2. Ist unser Gesellschaftsmodell das beste aller denkbaren? 3. Gibt es noch ein alternatives Gesellschaftsmodell, welches besser geeignet ist, uns in Zukunft gemeinsam dieses wundervolle Land lebenswert für uns alle zu gestalten? Dies würde mir fürs Erste vollauf genügen. Reden Sie miteinander, am besten über alle gesellschaftlichen Schichtgrenzen hinweg. Bringen Sie das auf den Weg, was im politischen Kontext nicht mehr geschieht – eine Vorstellung darüber zu entwickeln, wie wir in den kommenden Jahrzehnten hier zwischen Nord- und Bodensee miteinander leben wollen. Die etablierten Parteien ignorieren diese elementare Fragestellung, die neuen belfern mit Retropie und Abgrenzung. Beides ist nicht hilfreich.

Sie sind jetzt gefragt, Sie persönlich, holen Sie sich Ihr verfassungsmäßiges Primat zurück! Herzlichen Dank dafür im Voraus für Ihr Engagement. Es lohnt sich. Die Errichtung unserer Demokratie hat einst einen unvorstellbaren Blutzoll gefordert, es ist geradezu unsere Pflicht, sie weiterzuentwickeln, finden Sie nicht auch? Der Kommunismus ist zu recht tot, der Kapitalismus stirbt gerade im Fieber. Unsere soziale Marktwirtschaft dazwischen hat sich als ausgezeichnete Lösung erwiesen, was wir im Geldrausch vergessen haben, weshalb sie inzwischen ermattet darniederliegt. Helfen wir ihr mit einer Vitamin-Infusion wieder auf die Beine. Gehen wir es an.

Ende dieser Reihe. Wenn Sie alle fünf Teile dieser Reihe als Gesamttext in einem pdf kostenlos erhalten wollen, schreiben Sie eine diesbezügliche Mail an:

kontor@mikrakom.de

 

Freuen Sie sich ab dem nächsten Monat auf die neue Kolumne von Michael Krakow:
„Michls Intermezzo – Die wöchentliche Besserwisserei“ Hier auf livinginowl.
Jeden Sonntag erfrischende Betrachtungen unserer Gesellschaft.

Geld für’s Nichtstun, lohnt sich Leistung (Folge 2)

Das bedingungslose Grundeinkommen – Utopie, Vision oder Schnapsidee?

In dieser mehrteiligen Reihe berichtet Michael Krakow in livinginowl vom Zustand unserer heutigen Gesellschaft und über Ressourcenverteilung in Deutschland. Er analysiert, wie zukunftsfest unser Land tatsächlich aufgestellt ist und erläutert die Möglichkeiten einer stabilen Existenzgrundlage für alle BürgerInnen.

Michael Krakow ist Berater, Honorardozent und Autor.
Er lebt in Detmold und widmet sich regelmäßig
gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Kontakt: www.mikrakom.de

Folge 2

Wer fleißig ist, bekommt auch was – Über die Neidgesellschaft

Ein veritables Erbe, ein Sechser im Lotto oder ein Stuhl bei Günther Jauch. Das sind sie, die drei Möglichkeiten, heute ohne Vermögen an Vermögen zu kommen. Moment, denken Sie jetzt, alle drei hängen vom Zufall ab (reiche Verwandten, Losglück, Allgemeinbildung), was ist denn mit einem Arbeitsleben voller Fleiß und Engagement, Lernen und Ehrgeiz? Damit sind wir im Thema unserer heutigen Folge.

In der ersten Folge dieser Reihe zeigte ich Ihnen aktuelle Situation und Zahl von Obdachlosen, Erwerbslosen, Niedriglöhnern auf, hier nun beleuchten wir die Situation der ganz normalen Arbeitnehmer und -innen. Vielleicht gehören sie ja zu jener Gruppe, denen es der Bundeskanzlerin zufolge heute so gut wie nie geht. Anlass zu dieser Annahme gäbe es ja genug, denn seit 2006 sind die Umsätze der Unternehmen hierzulande um 22,9% gewachsen, die Gewinne gar um 30,2%, da wird auch doch das Niveau der Löhne und Gehälter gleichermaßen angewachsen sein! Leider nein.

Ich höre an dieser Stelle während des Schreibens den langjährig erprobten Chor vielstimmig ihren liebsten Song „Neidgesellschaft!“ intonieren. Doch sind wir das wirklich, nur eine Neidgesellschaft? Die Antwort darauf liefert uns eine interessante Untersuchung, welche seit Jahrzehnten beinahe klandestin nicht nur die Entwicklung von Löhnen und Gehältern auswertet, sondern zudem die viel spannendere Proportionsspanne.

Was bedeutet das? In den Sechzigern betrug das Verhältnis zwischen dem am niedrigsten bezahlten Job in Unternehmen und dem am höchsten entlohnten Arbeitsplatz 1:30. Das bedeutet, der Ranghöchste im Ledersessel erhielt etwa 30mal so viel wie jener, welcher zum Beispiel das Lager aufräumt und sauber hält. Dieses Verhältnis empfanden die Menschen damals als angemessen, gönnten dem Chef sein Salär, erkannten sein Risiko, seine Verantwortung, seine Arbeitszeit unumwunden an. Seine schwere Limousine auf Firmenparkplatz 1 neideten sie ihm nicht, denn sie selbst vertrauten zu recht auf die Verheißung, zwar selbst nicht in massiven Wohlstand zu gelangen, wohl aber bis zum Renteneintritt ein bescheidenes Häuschen durch Abzahlung ihr eigen zu nennen, samstäglich ein kompaktes Fahrzeug in der Einfahrt zu polieren sowie im Sommer die Italiener in deren Küstenstreifen zu besuchen. Deutschland befand sich im Lot.

Diese Proportion jedoch hat sich als Schere entwickelt, deren Spitzen grotesk weit auseinander liegen: Heute liegt diese Proportion bei 1:400! Selbst zwischen mittleren Angestellten und der obersten Führungsebene klafft das Verhältnis von 1:93. Neidgesellschaft? Sind die Arbeiter und Angestellten also in ihrer Leistung in wenigen Jahrzehnten derart extrem abgesunken, Vorstände in ihrem Wirken gleichzeitig rasant besser geworden? Der Anstieg der deutschen Produktivität von 24% seit 1996 spricht eine andere Sprache.

Diese permanente Neidunterstellung ist grober Unfug, eine abgenutzte Keule, um jeden Diskurs darüber pseudomoralisch zu zertrümmern, was jederart Leistung wert sein muss. Dieses Spiel ist durch mühlenhafte Wiederholung von so nachhaltiger Wirkung, dass nicht selten selbst ihre Verlierer es inzwischen für ein Naturgesetz halten. Erst, wenn balltretendes Personal für über 200 Millionen pro Trikotträger verschachert wird, kommen sie ins Grübeln, ob alles noch in der richtigen Spur läuft.

Nein, vielmehr als Neid erkennen wir die sehr realistische Wahrnehmung von nicht mehr gegebener Verhältnismäßigkeit. Die Friseurinnen, die Erzieherinnen, die Berufskraft- und Kurierfahrer, die Arzthelferinnen, die Verkäuferinnen, Call Center Mitarbeiter, die Krankenschwestern, die Pflegekräfte – alle faul, deshalb zu recht schmal bezahlt und nur von Neid durchdrungen? Schauen wir uns letztgenannte Gruppe exemplarisch genauer an. Im Bundesschnitt erhält eine Pflegekraft im Jahr 20.600,— Euro brutto. Nehmen wir beispielhaft an, sie ist 30 Jahre alt, bewohnt in NRW eine Wohnung von 60qm. Was ihr nach Abzug von Steuern und Miete letztlich netto bleibt, sind pro Tag 21,35 Euro. Davon bezahlt sie Nahrung, Kleidung, Versicherungen, GEZ, Urlaub, Bildung sowie eine überschaubare Freizeitgestaltung. Viel Kultur dürfte da nicht enthalten sein. Was glauben Sie, legt sie parallel für ihr Alter zurück? Eben, wovon? Den Traum vom Eigenheim sowie bescheidenem Wohlstand irgendwann (vgl. oben, Gesellschaftsvertrag 60er Jahre), hat sie wie ihre vielen KollegInnen der eigenen und anderer Branchen längst eingemottet. Sollte diese Altenpflegerin denn tatsächlich neidisch sein, dann wohl kaum zu unrecht. Ja, es ist wahr, auch ihr Nominallohn wurde wie sehr viele andere angehoben in den zurückliegenden Jahren, was aber nur die eine Seite der Medaille darstellt. Auf der anderen steht ihr Reallohn. Er sank hierzulande seit 1980 um 15%, die Kaufkraft der Normalarbeitnehmer erodiert schleichend. In unseren europäischen Nachbarländern stiegen parallel die Reallöhne. Dass Deutschland dafür einer der Exportweltmeister ist und die schwarze Null im Bundeshaushalt zum beinahe biblischen Mantra erhob, davon hat die Altenpflegerin in der Abendschlange der Supermarktkasse ebenso herzlich wenig wie die Person, welche vor ihr die Produkte über den Scanner peitscht.

Die Neuverschuldung des Bundes auf Null zu drücken, ist zweifelsohne richtig, doch sich das dafür nötige Geld von Krankenschwestern und LKW-Fahrern zu holen, kann kaum zielführend sein. Während zum Beispiel Umsätze aus Börsengeschäften noch immer steuerfrei verbleiben, wird bei Arbeitnehmern bereits ab 54.000 Jahreseinkommen (dem 1,5 fachen des deutschen Durchschnittseinkommens) mit dem Höchstsatz von 42% zugeschlagen. Wie Arbeit belastet und Vermögen sowie leistungsloses Einkommen geschont wird, soll jedoch die nächste Folge dieser Reihe ans Licht zerren.

Dass dieses Land dennoch finanziell auf die Konsumfreude seiner inflationär unwürdig bezahlten Arbeitnehmer bauen konnte, hat einen längst überdeutlichen Preis – ein Großteil der Deutschen lebt auf Pump. Enorm viele Haushalte sind verschuldet, jedes fünfte private Girokonto befindet sich im Schnitt mit 1.500 Euro im Dispositionskredit, also satt im Minus. Bis zu soliden 15,32% Überziehungszinsen schnüren die Schuldner auch perspektivisch verlässlich ein im Korsett ihrer Verschuldung. 6,85 Millionen Bundesbürger sind sogar überschuldet, der Abtrag ihrer Schulden darf als wenig wahrscheinlich betrachtet werden. Der durchschnittliche Grad ihrer Verschuldung hat die Marke von 36.000 Euro pro Kopf erklommen – wie oben als Beispiel benannte Altenpflegerin von einem solchen Gipfel wieder heruntersteigen soll, ist ungewiß. Durch noch höhere persönliche Arbeitsleistung wohl nicht. Ihr bleibt die 2013 geschaffene Privatinsolvenz, allein in den vergangenen Jahren mussten über 100.000 Bundesbürger deren steinigen Weg beschreiten.

Die gesamte private Schuldsumme liegt derzeit bei unglaublichen 246 Mrd. Euro, 11% davon halten Inkassobüros, die modernen Kriegsgewinnler. Die erforschten Hauptgründe für private Überschuldung liegen übrigens weit weniger im gern angenommenen Riesen-3D-Plasma-TV auf Raten, sondern erwiesenermaßen in Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Unfällen, Scheidungen, Suchtproblematiken, Tod des Partners sowie gescheiterten Selbstständigkeiten. Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass die Gruppe derer, welche am gesellschaftlichen Leben trotz gewissenhaft vollbrachter werktäglicher Arbeitsleistung teilhat, zügig schrumpft. Eine Aussicht auf Besserung verspricht ihr glaubhaft konkret kaum ein Konzept aus Berlin, der aktuelle Wahlkampf interessiert sich nicht sonderlich für sie.

Ein Leben unter dieser Trias an Dauerbelastung (viel Arbeit für wenig Nettoeinkommen, steigende Ausgaben, Schuldenlast) verbleibt nicht ohne Konsequenzen, welche dann auch für unsere gesamte Gesellschaft längst sichtbar sind bzw. sein sollten. Die Behandlungskosten für arbeitsbedingte psychische Belastungsstörungen ist seit 2002 auf schmerzhafte 34 Mrd. Euro im Jahr gestiegen. Die Tendenz für die nahe Zukunft zeigt steil in den Himmel, die professionellen Behandler können sich der Flut kaum noch entgegen stemmen, 21 Wochen vergehen heute bis zum ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient. Sehr lang wird unser Gesundheitssystem dies nicht mehr kompensieren, die Unternehmer dies nicht länger ignorieren können. Pro 100 Sozialversicherte schlagen jährlich 257 Ausfalltage zu Buche, was dadurch bereits 17% des Fernbleibens vom Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründe ausmacht. Die Arbeitgeber kosteten diese Ausfälle 71 Mrd. Euro im abgelaufenen Jahr.

Doch nicht nur überbordende Arbeitsbelastung macht krank, sondern auch das völlige Fehlen derselben. Denn auch die Erwerbslosigkeit zieht gesundheitliche Folgen nach sich, nach 10-12 Monaten als Kunde der Agentur für Arbeit entwickeln 43% seelische Problematiken aus, was Energie und Motivation zur Jobsuche erheblich torpediert. Struktur-Maßnahmen des Jobcenters wie der Bau von Vogelhäuschen, das Zerkleinern von Teppichresten oder das Rasieren von Pfirsichen (alles leider kein Scherz) sind hier nicht unbedingt die effizientesten Reha-Maßnahmen.

Der Anteil der sogenannten „Working Poor“ hat sich zwischen 2004 und 2014 auf annähernd 10% der arbeitenden Bevölkerung mehr als verdoppelt, die Gruppe der Einkommensmillionäre stieg seit 2003 um 83%.

Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an; Und der Arme sagte bleich „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“, so schrieb es Berthold Brecht 1934 in einem Gedicht. Ich wünschte mir, wir würden heute ungläubig zurückblicken auf jene Zeit und erleichtert aufatmen, weil dieses Verhältnis im Jahr 2017 beendet ist. Ist es nicht. Im Gegenteil, die Schere spreizt sich immer weiter und weiter, das Schneidwerkzeug einfach nach unten in die wohlfeile Neidschublade zu legen, läßt sie unsichtbar sein, jedoch nicht inexistent. Dort unten zerschneidet diese Schere allmählich das Band, welches unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Erben, Lottogewinner und Jauch-Gäste werden daran nichts ändern.

Nächste Folge (3): Das scheue Reh des Kapitals.

Wer Michael Krakow einmal live erleben möchte, dem sei sein Vortrag zu diesem Thema am 5. September 2017 in Detmold ans Herz gelegt.

Danke für 2014

Wir wünschen allen Kunden,
Lesern,
Spendern von Beiträgen und Fotos,
also eigentlich allen Menschen
einen guten Start in ein gesundes
und glückliches 2015.

collage2014

Und sagen DANKE für 2014!

Kundenzentrierte Kommunikation – eine Einladung

Lio + Krakow

Am Donnerstag, den 13. November 2014 um 18.00 Uhr wird uns Michael Krakow, Inhaber des Detmolder Charisma Kontors, Einblicke in die kundenzentrierte Kommunikation bieten.

Kundenzentrierte Kommunikation?

Wir möchten nicht zu viel verraten, aber wer Michael Krakow kennt, weiß dass er uns dieses Thema auf ebenso eingängige wie amüsante Weise nahebringen wird. Seien Sie gespannt!

Nach Abschluss des Vortrages haben Sie Gelegenheit, sich und Ihr Unternehmen den anderen Teilnehmern vorzustellen. Bitte bringen Sie Visitenkarten und Flyer mit.

Kosten: 15,00 € pro Person. Im Preis enthalten sind ein exzellenter Vortrag und Softdrinks.

Danach möchten wir den Abend in lockerem Gespräch bei einem kleinen Imbiss gemeinsam beschließen.

Ort: Hotel Brackweder Hof
Gütersloher Straße 236
33649 Bielefeld
Telefon: 0521-942 660

Wir würden uns freuen, Sie an diesem Abend kennenzulernen bzw. wiederzusehen und bitten um Anmeldung bis zum 07.11.2014 bei

Petra Zreik
E-Mail: (livinginowl@gmx.de)
Telefon: 05204-921522 oder 0172-7611842
oder über Facebook

Eine Ode an meinen Trumm / Fanta ohne Fun-Faktor

Text von Michael Krakow

Kann man so etwas wie Zuneigung empfinden zu einem kalten Gegenstand? Besitzern von Elektronikgeräten mit angebissenem Apfel auf der Rückseite, Rostschleifern von alten Käfern sowie Hüterinnen von Fabergé-Eiern stellt sich diese Frage vermutlich nicht, sie haben es längst verinnerlicht.

bottle of fresh lemonade

Nun hat es auch mich erwischt, des Amors Pfeil zittert im Ziel. Doch während Wisch-Tabletten, Buckelautos und Kunsteiern noch etwas Ästhetisches anhaftet, werden meine Gefühle von etwas ungleich wuchtigerem entflammt. Der kalte Gegenstand, welcher mein Herz regelmäßig erwärmt, ist wortwörtlich von kaltem Wesen, denn genau das ist seine Aufgabe. Wie läßt er sich beschreiben? Ein „Trumm“ ist laut Duden die Bezeichnung für ein Ungetüm, ein Brocken, eine in Präsenz und Ausdehnung imposante Erscheinung. Und exakt dieses herrlich lautmalerische Wort fiel mir ein, als ich das erste Mal vor ihm stand. Mein Durst hatte mich zu ihm getrieben. In einem fremden Gebäude wies man mir den Weg zur Erlösung, was eben seine Mission darstellt. Denn er ist ein Getränkeautomat. Was sage ich, der Ur-Vater aller Getränkeautomaten! In einem halbdunklen Seitenflur hatte man ihn platziert, vermutlich schon vor einer Ewigkeit. Einen Kopf größer als ich, sicher drei mal so breit und auch tief. Er brummt und summt rund um die Uhr, um jene zu kühlen, die man ihm in den kubischen Bauch implantiert. Myriarden von Flaschen muß er schon die Temperatur arktisch heruntergeregelt haben in den Tiefen seiner massiv beherbergenden Fassade. Ein treuer Soldat am Wolgastrand, der nicht infrage stellt, was ihm einst aufgetragen.

Was ist es nun, das dieses Gerät so anders für mich macht? Wie aus der Zeit gefallen ragt dieser Monolith vor mir auf, er wirkt tonnenschwer. Ich muß davon ausgehen, dass man ihn hier an dieser Stelle zusammengeschmiedet hat, denn in seiner finalen Gestalt ist er so immobil wie eine Felsformation. Mit all diesen modernen, filigran dünnhäutigen Automaten, die heut allerorten mit gewagten Kurven, aufdringlichem Gepränge und der nagelneuesten Technik gleißnerisch auftrumpfen, hat dieser Veteran so gar nichts gemein. Wie ein aufgerichteter Riesenschuhkarton erhebt er gar nicht erst den Anspruch auf so etwas wie Design, Features oder Marktpräsenz. Das Verhältnis von Neu zu Alt bei Automaten gemahnt hier an das ungleiche Paar Wall-E und EVA aus dem bekannten Animationsfilm erheblich jüngerer Tage. Die Oberfläche aus Grauguß widersteht Attacken gleichwelcher Art. Ein Safe wirkte filigran in seiner Nähe. Dieser Typus verrichtet diskursfrei seinen klar benannten Auftrag, nicht mehr, nicht weniger. Zuverlässig und unbeirrt seit Ölkrise, Watergate und Guillaume-Affäre. „Was immer auch geschieht bei Dir, ich stehe auf ewig hier und bin bereit für Dich, dürstender Wanderer“, scheint er im flackernden Schein der ähnlich alt wirkenden Neonröhre an der Decke kehlig zuzuraunen und fast würde es mich nicht wundern, schöbe er dabei eine Selbstgedrehte in seinen Münzschlitz. Ja, einen solchen hat er tatsächlich! Metallisch, stabil, vierfach verschraubt, die kleine Fläche daneben durch tausend Münzkanten abgeschabt, wie es die steinerne Tradition verlangt. Die Älteren werden sich erinnern. Keine EC-Karte findet Einlaß in diesem Zahlungsmittelalter, hier werden ausschließlich Münzen sanft eingeschoben. Und beileibe nicht alle – Nein, nur eine einzige Sorte ist es, die seine Akzeptanz findet. Immerhin schon Euro statt Mark, Taler oder Groschen, aber davon eben nur eine. Eine Flasche = Ein Euro = Ein Deal. Markant wie der Schluß zweier Arbeiterhände. Wenn Du wirklich Durst hast, besorge Dir gefälligst die passende Münze, Pilger, denn Wechselgeld gibt es hier nicht.

Verlangt es Dich zudem in der modernen Welt der millionen Möglichkeiten nach Energizern, Shots oder Smoothies, bleibt dies hier ein staubiger Pfad in die endlose Steppe. Mein Trumm, ja so nenne ich ihn mittlerweile nicht ohne Hingabe, bietet Limonade. Limonade. Nichts weiter. Fertig. Eiskalt und in schweren Flaschen, die ihre bauchige Form seit der Montan-Union innehaben. Never change a winnig team. Der Vorgang des Tausches Münze gegen Flüssigkeit darf mit Fug und Recht denn auch als Akt bezeichnet werden. Da wäre zunächst die Auswahl, welche keine ist, denn es gibt lediglich eine einzige Sorte, welche aber in einem Hauch von Großspurigkeit über sieben Tasten identisch angeboten wird. Die Bezeichnung „Taste“ ist korrekt, denn es gibt kein Touchpad oder ähnliche Sensorik, es sind Tasten. Aus dickem, transparenten Kunststoff, rechteckig und handtellergroß. Eine davon hat als erstes in einer Weise eingedrückt zu werden haben, die ein Gefühl von Arbeit vermittelt, denn die alten Gegendruckfedern sind straff wie und eh und je, wollen überwunden werden. Hier wird nicht softig gewischt, sondern physisch gedrückt.

Dies ist der erste physische Kontakt zwischen Kunde und Anbieter, der Trumm will spüren, wer von ihm die Herausgabe von Limonade verlangt – Mann oder Maus!? Als Reminiszenz an die Moderne ist jede Taste von hinten schwach beleuchtet. Ja, ganz recht vermutet, nicht durch eine Diode oder gar farblich kunstvoll changierende Rahmenlilluminierung, sondern durch ein tapferes kleines, gelblich schimmerndes Birnchen. So wie es sich gehört. Folgt man übrigens nicht exakt dem Ablauf der ab jetzt vorgegebenen Schritte, deren Studium kaum mehr möglich ist, da die Erklärtafel in Hüfthöhe verblichen ist, als Berti Vogts zu Mönchengladbach wechselte, bleibt die Kehle trocken. Varianz ist des Trumms Sache nicht, hier werden Regeln befolgt und nicht gespielt.

Nach dem Drücken der Taste ist der Zeitpunkt des Bezahlens, wie einst an den Fährmann ist der Taler nun zu entrichten. Wirft man ihn zu rasch in den beschriebenen Schlitz, so wird dies als Respektlosigkeit sogleich geahndet und der Trumm speit einem die Münze voller Verachtung einen Wimpernschlag danach aus seiner Verkleidung einfach ans Knie. Nochmal, Freundchen! Hier läßt sich Geduld, Demut und Sensibilität erlernen. Wird der Euro aber akzeptiert, so beginnt eine Musik voller Zauber. Man hört die Münze durch die Eingeweide kullern, rollen, sich heben und senken, Kurven fahren und Täler durchrinnen, Kanten keck touchieren, über Wellen klickernd tanzen, Pirouetten schwankend spiralieren. Dort drinnen muß sich eine Art kleine Achterbahn für Geldstücke befinden. Ich würde diese zu gern einmal sehen, doch das geht mich offenkundig nichts an, kein Menschenauge durfte je hinter die eiserne Platte blicken ohne sein Licht einzubüßen. Kein Zauberer verrät schließlich seine Tricks. Wie das Kaninchen aus dem Zylinder erwarte ich kindlich gebannt das Auftauchen meiner Flasche. Doch soweit ist es noch nicht. Die turbulente Fahrt der kleinen Münze mit der geprägten Eins dauert eine gewisse Zeit, das hält die Vorfreude spannend wie stabil. Tritt endlich Stille ein, so ist jener Moment gekommen, die bereits einmal gedrückte Taste ein weiteres Mal zu betätigen. Eine Art Prüfung des Meisters, ob der vor ihn getretene Adept auch konsequent in seiner Wahl geblieben ist. Innerlich kniet man an dieser Stelle vor dem Trumm, möchte seinen gestrengen Augen unbedingt gerecht werden, in gebotener Bescheidenheit das kostbare Nass empfangen. Nach einer weiteren Pause schließlich gibt er den Weg frei zum Ersehnten. Was eben den Weg des Euros geräuschtechnisch vergleichweise eher pittoresk beschrieb, findet nun seine Wiederholung in ganz anderem Klangvolumen. Die Flasche ist sehr schwer, der Weg arg weit und ähnlich kurvenreich. Es bollert, knallt, scheppert, dass es eine Art hat. Die gläserne Umhüllung samt schwappendem Inhalt scheint aus den Tiefen des Urals in einer Schubkarre über schroffe Gebirgsgpässe herangeschafft zu werden. Jede Bodenwelle kündet kraftvoll, dass die trübe Brause auf ihrem mühseligen Wege zu mir ist. Eine letzte Schanze noch und einem geburtlichen Vorgang nicht gänzlich unähnlich ist es vollbracht. Final wird die Limonade aus dem Trumm in einen stählernes Auffangbecken geschleudert, dass es an ein Wunder grenzt, dass beides dabei nicht sogleich zerschellt. Welch armer Tropf, der seine Hand unvorsichtig ungeduldig zuvor in diese Landewanne streckt. Das Trinken wird zweifelsohne mit der anderen Hand stattfinden müssen sowie nebenbei gemarterte Fingerknochen zu kühlen haben.

Doch geschafft, hurra! Der Trumm und ich sind wieder einmal die Zeremonie, unser wöchentliches Ritual liturgisch durchgegangen, haben es gemeinsam abermals ans Ziel geschafft. Ich proste ihm augenzwinkernd jovial zu wie einem Bergkameraden am Gipfelkreuz. Diese kühle Erfrischung habe ich mir verdient und er gönnt sie mir. Gern würde ich ihm bei Gelegenheit meine Kinder vorstellen. Ihm, diesen wunderbaren Relikt aus jenen Tagen, als Maschinen noch Maschinen waren und überdies Jahrzehnte einfach ohne anfälligen Mummenschanz funktionierten. Ich wünsche ihm noch ein langes Leben, kein anderes Gerät soll hier jemals stehen, dies ist seine Kaverne, soll es immerdar sein. In einer Stunde etwa kehre ich hierher zurück. Nicht für eine zweite Flasche, sondern um die dann leere andächtig zu ihm zurück zu tragen. Denn der Trumm hat eine Gefährtin, eine Trummin, direkt neben ihm. Was er gibt, nimmt sie. Ein DreamTeam – Gleiches Baujahr, gleiches Format, gleiche Grandezza. Kein Laser, kein EAN-Code, kein Display. Dafür richtig viel Charme und Stil. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Mein Traum? Die beiden Zwillinge rahmen in einer Behörde einen Paternoster ein. Ach, das hätte was…

 

Foto: © Andrey Ivanov – Fotolia.com

2. OWL Smalltalk mit Vortrag von Michael Krakow

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Es ist soweit. Living in OWL (Online-Magazin für Ostwestfalen-Lippe) und demipress (Agentur für Fotografie + digitale Kommunikation) laden Sie herzlich zum 2. #OWLSmallTalk ein. Dieses Mal in einem etwas anderen Ambiente.

Am Samstag den 23. August 2014, um 15.00 Uhr treffen wir uns im Landhaus Blumengarten in Horn-Bad Meinberg. Hier ist der Name Programm. In märchenhafter lippischer Natur bei hausgemachtem Kuchen und Kaffeespezialitäten lauschen wir dem Impuls-Vortrag von Michael Krakow vom Charisma-Contor zum Thema

„Kundenzentrierte Kommunikation – Auszüge aus dem Fisch-Credo.“

Beim anschließenden Small-Talk haben Sie Gelegenheit, sich und ihr Unternehmen den anderen Teilnehmern vorzustellen. Bitte bringen Sie Visitenkarten und Flyer mit.

Kosten: 15 Euro pro Person. Im Preis enthalten sind ein exzellenter Vortrag sowie Kaffee und Kuchen.

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Ort:
Landhaus Blumengarten
Bangern 17
32805 Horn-Bad Meinberg
Telefon: 05234-3186
www.landhaus-blumengarten.de

Wir würden uns freuen, Sie an diesem Nachmittag kennenzulernen bzw. wiederzusehen und bitten um Anmeldung bis zum 18.08.2014 bei Petra Zreik.
E-Mail: livinginowl@gmx.de
Telefon: 05204-921522 oder 0172-7611842

Fotos: demipress

Beten im Baumarkt – Das Kreuz mit der Deko.

Text: Michael Krakow

Semiotik ist bekanntermaßen die Lehre der Zeichen und Symbole. Klingt zunächst latent entrückt, hat jedoch viel Alltagstauglichkeit. Im Bereich der unaufhörlich anreichernden Verschönerung der privaten Wohnstatt zum Beispiel ist sie allgegenwärtig. Der Zwang, das eigene Heim neben allerlei praktikablen Ingredienzien wie Möbeln, Elektrogeräten, Autoreifenkalendern und Unterhaltungselektronik zusätzlich mit dekorativem Tand anreichern zu müssen, ist eine Sucht, welche Männer gerade für sich entdecken, Frauen jedoch seit Urzeiten immanent scheint.

Dicke

Doch über die Unterschiedlichkeit der Geschlechter müßig Spott & Häme zu ergießen ist enervierend mariobarthisch, somit denkbar ungeeignet für Michls Embolium. Nein, die erquickliche Freude besteht heute darin, Objekte, denen jegliche Sinnhaftigkeit von Hause aus fehlt, da sie eben nicht mehr als dekorativ sein wollen, um ihres verborgenen Sinnes willen entblößen zu wollen. Gewiss ein anormales Vergnügen, jedoch vielleicht gerade deshalb geeignet, den Autor dieser Zeilen amüsiert zu beschäftigen.

Alles nahm seinen Lauf in der Dekoabteilung eines regionalen Ablegers einer Baumarktkette. Desgleichen gibt es jedoch auch in beeindruckender Flächenverzehrung in sämtlichen Einrichtungshäusern sowie Gartencentern. Die Krake Deko wächst und greift unaufhörlich um sich, sie strebt unzweifelhaft die Weltherrschaft an. Man mag sich die gierenden Wohnflächen des Privaten gar nicht ausmalen, auf die hier an genannten Verkaufsflächen Objekte aller Form, Größe, Color und Couleur harren. Von überteuert grotesken Statuen, welche mühelos den Stil des artdeco mit Elementen perikommunistischer Architektur verweben, über skurril drehende Filz-Fimo-Macramee-Mobilées, bis hin zu poppig bunten Plastik-Albernheiten, die spätkoreanisches Design in bemühter Leichtigkeit zitieren, das es solches nie gab.

Zwerge

Mit dem neuigierig wachem Blick des soziologisch Interessierten hier neugierig auf die Pirsch gehend wie ein Schmetterlingsforscher auf seiner Suche nach Faltern, werde ich all zu rasch fündig. Als erstes drängen sich vier zusammenhängende Buchstaben ins Blickfeld. Ein jeder so groß wie ein Briefbogen, aus weiß lackiertem Holze. Die Lackierung allerdings ist kunstvoll derart lückenhaft aufgebracht, dass es wie durch Witterungseinflüsse von Jahrzehnten abgeblättert wirkt. Weshalb soll etwas Neues wie alt wirken, während man im Regal daneben Aufmöbelungs-Produkte findet, mit denen man daheim Altes wie Neu erscheinen lassen kann? Das Perpetuum Mobile als Beschäftigungstherapie oder Bediendung des Prinzips „The Grass is always greener on the other side?“ Ein erster Lernerfolg stellt sich ein: Was beim Gebrauchtwagen den Wert mindert, erhöht ihn in der Dekowelt.

Jene vier Versalien jedenfalls bilden offenkundig eine Gruppe und formieren sich bei korrekter Konstellation zu dem Wort „H O M E“. Die kleinen Häkchen an ihrer Rückseite verraten, dass sie für den Wandbehang gedacht sind. Ich überlege stutzend. Weshalb soll mich eine Schrift an der heimischen Wand darüber in Kenntnis setzen, dass diese Wand mein aktuelles Zuhause darstellt? Während des Lesens bin ich ja bereits an diesem vertrauten Ort und auch (noch) nicht dement, kann mich also prima autark schriftlos an diesen Umstand erinnern. Und was ist mit Besuchern, die bei mir zu Gast, aber eben nicht daheim sind? Müssen die, um unguten Mißverständnissen vorzubeugen, energisch am Lesen gehindert werden oder begreifen sie jene Inschrift als augenzwinkernde Aufforderung, sich doch bitte nicht hölzern, sondern punktuell heimisch zu fühlen in meiner Kemenate. Oder wird mit „H E I M“ an die Geronten gedacht, denen es nicht selten an Stringenz in der allgemeinen Orientierung mangelt und denen man mit diesem Hinweis auf die Zukunft in einem Heim das Ungewisse nehmen will?

Home

Will der Baumarkt hier den Sanitätsgeschäften Marktanteile abjagen? Beschriftung und Benennung aller Dinglichkeiten, wenn die erlangte Pflegestufe keine personelle Unterstützung inkludiert. Dann jedoch sollten hier noch weitere Schilder ins Portfolio gewuchtet werden. Und richtig! Ein Gang um die Ecke offeriert folgerichtig die Buchstabengruppe „Bath“. Wieder weiß, wieder Holz, wieder abgeblättert. Corporate identity im Dekowonderland. Allerdings verstört, dass nur Demenzerkrankten angelsäschischer Provenienz in den eigenen vier Wänden geholfen werden soll. Sonst würde es auch „H E I M“ heißen müssen und „B A D“. Das kostete im ersten Fall das gleiche, im zweiten sparte der Kunde sogar ein Viertel.

Während ich mich philosophisch ergehe über die Merkwürdigkeiten dieser Beschilderung, grinst mich das gütige Gesicht des ewigmeditierenden Siddharta aus Polyresin (Material, nicht indischer Geburtsort) an, in seiner Wangentextur dem kleinen Oberjedi Yoda nicht unähnlich. In dieser Ecke seines Habitats wird der Baumarkt offensiv spirituell. In einem dichten Hain aus Bambi (Kennt jemand den Plural von Bambus? Bitte an mich via Mail. Dankesehr.) lugen Buddhaköpfe. Enthauptet ist er allenthalben, der Erleuchtete, der hier aber auch ein Gepfählter ist, denn jeder Kopf ist auf eine Stange gesteckt, die aus einem Holzquader ragt. Die Abmessungen erlauben eine standardisierte Unterbringung des Entleibten in die meisten Regale schwedischer Konstruktion. Dem Buddha ist sein Torso hier nur gestattet, wenn er denn auch eine neckische Funktion erfüllt, nur dadurch entgeht seiner Enthauptung, so lautet die Regel. Mal läuft ihm unablässig Wasser pumpend über den Bauch oder er streckt dem Betrachter dümmlich ein Teelicht entgegen wie eine Opferschale. Ein Religionstifter als Deko, das ist neu, der Glaube darunter abgetrennt wie der Kopf.

Buddha

Welch krude Überlegung dahinterstecken mag, die vor allem aber inkonsequent ist, das muß man doch mal zu Ende denken! Leben wir doch nicht in Asien, sondern in Europa. Hier wird nur die kleine Zielgruppe avisiert, da hilft kreative Ergänzung im Sortiment dem Umsatz gut. Decken wir doch die gesamte Palette menschlicher Konfessionen ab! Weshalb nicht flankierend auch ein aufgespießter Jesuskopf, dessen Dornenkrone lustig Teelichter aufnimmt? Wer zum Hauptsymbol seiner Religion ein Folterwerkzeug (Kreuz) erkoren hat, den sollte dies doch humoresk ansprechen. Oder ein Mohammed, der Wasserkaskaden als Zimmerbrunnen ersprudelt sowie ein David, aus dessen Steinschleuder ein kleiner Zierstrauch sprießen! Zieht es durch, Ihr Heimwerkertempel, Möbelpaläste und Blumenkathedralen, werdet spirituell – Klerikal-Utensilien für alle Gläubigen, Halleluja, Versorgung abgerundet! Oha, das geht gar nicht, das gibt Ärger. Keine Deko-Ideen bei diesen drei Weltreligionen, da sind sie ungeheuer vulnerabel.

Dass Buddhisten in der Regel auch hier relaxt sind, hat sich offenbar bis in die Dekohöllen herumgesprochen, weshalb hier der indische Prinz gefahrlos dutzenfach geköpft, aufgespießt und gewässert werden darf, die restlichen Propheten jedoch Tabu bleiben. Für pathogene Empfindlichkeit sind Buddhisten nicht eben berühmt und auf Kreuzzüge, Inquisition, Blaspehmie-Detektorismus, Creationismus, Borniertheit, Attentate im Nahverkehr und ähnliche Aktivitäten haben die anderen drei schon das Copyright.

Den Anhängern Buddhas bleiben die prangenden WerkzeugGartenMöbel-Kapellen. Eigentlich ein netter Service, denn wirkliche Tempel gibt es ja kaum in dieser Ecke der Welt. Vielleicht meditiere ich einfach mal hier, zwischen Hibiscus und Konifere. Innere Entspannung und Erleuchtung im Baumarkt, Doityourself auch am eigenen Gemüt. Das passende Schild ist auch nicht weit, der hölzerne Imperativ „Sleep“ für den Ruhebereich winkt zwischen Raumduftkugeln und Zugluftrollen. Ui, fünf Buchstaben, eine teurere Handlungsanweisung für die Nacht. Da fällt einem für den Bettbereich noch eine weitere englischsprachige mit vier Buchstaben ein, doch dann müßten die kindlichen Kunden in ihren mobilen Sitzschalen flugs aus der Sichtachse geschwenkt werden.

Mit der Überlegenheit des stilsicher Distanzierten, des lässigen Puristen, des larmoyanten Citoyens, lächle ich überheblich über all diese Devotionalien der gelebten Kleinbürgerlichkeit, die jedes Heim in ein individuelles verwandeln sollen, was allein schon daran scheitert, dass alle hier und letztlich auch dasselbe einkaufen. Während ich also meine snobistische Verachtung gegenüber diesen Petitessen der Pseudogemütlichkeit demonstrativ zur Schau lustwandle, fängt mein Blick vier weitere hölzerne Buchstaben ein: „T Y P O“. Hey, das ist cool, das ist ironisch, narrativ, selbstreferentiell. Und es ist maigrün, hurra! Das ist natürlich etwas völlig anders als dieses dämliche „H O M E“, das soll man mal bitte nicht in den gleichen Design-Topf schmeißen. Das ist keine Deko, dass ist Satire in weißblättrigen Treibholz! Die vier hölzernen Wandhänger müssen unbedingt mit, so viel ist sicher, ich werde sie in mein Büro hängen, direkt über den Schreibtisch.

Tellerliebe

Eine Schrift, die aussagt, das sie Schrift ist. Hallo, das ist der feine Wortwitz eines Weltenbürgers würdig! Ach, mein Geschmack ist halt noch immer einzig und so wunderbar erhaben über jeglichen Mainstream. Wegen meiner innergedanklichen Lästereien zuvor allerdings schleiche ich mit meiner grünen Beute betont unauffällig zur Kassenzone und fühle mich dabei wie einst als Jüngling beim Kondomkauf in jener dörflichen Monopol-Apotheke, dessen Inhaberin mit meinen Eltern befreundet war. Beim Bezahlvorgang murmle ich verständnisheischend achselzuckend „Geschenk“ und “Cousin, entfernt”, was die gelangweilte Scanbeauftragte mit Ignoranz quittiert. Nun hängt die Typo in meiner heimischen Kommandozentrale. Über dem Buddhakopf aus Gips. Macht sich richtig gut als Ensemble, bei mir ist es halt ungeheuer individuell. Alles wird grün, liebe Charismatiker. Auch Schriften aus Holz. Verwitterte Grüße…

Dekoartikel fotografiert bei New Classic Lifestyle Anke Kirsch

Menschen! Tiere! Sensationen!

Text: Michael Krakow

Vor meinem Haus parkt ein Laster. Also keine Untugend, sondern ein solider Lastkraftwagen. Auf seiner Plane stand zu lesen: „Glas-Emotionen“. Da destilliert sich im Vorübergehen in meinem Hirn die beinahe dadaistische Fragestellung “Hä?” Angesichts der sehr großen, sehr transparenten, kantigen Objekte in ihren schweren, weißen Rahmen, welche eher emotionsfrei an jenem Gefährt einbaubereit lehnten, schien es sich bei dem Besitzer also um einen Glaser zu handeln. Wieder ein ehrbares Handwerk, das wir an die nimmersatte Muräne der Werber verloren haben, die ihrerseits eine Moräne lostraten an euphemistischen Aufplusterungen von praktischen Bezeichnungen. Was an Fensterscheiben ist so kümmerlich, dass sie nun “Glas-Emotionen” heißen sollen?

Wasserspritzer auf einer Scheibe mit buntem Hintergrund

Wenige Minuten zuvor erst hatte ich etwas erstanden, das ehedem nicht mehr sein wollte als ein schlichtes Brötchen, nun aber seine Typisierung in den Modus Eitel gepusht bekam und sich daraufhin nicht nur „fit“ sondern auch noch „vital“ zu präsentieren hat! Ein Teigling kann nicht fit sein, auch nicht vital! Ja, beides nicht einmal den Kauer machen, im Gegenteil. Wenn ich zuviel davon esse, verliere ich diese beiden Eigenschaften sogar. Zügig vital wird allenfalls die im Brötchen unschön eingequetschte Industrie-Mayonnaise im Hochsommer. Selbstredend, dass diese Krönung der Teigkunst auch nicht mehr von einem fleißig bescheidenen Bäcker angeboten wird, sondern von der Event-Bakery, die für ihre Namens-Hülsen das dreifache Salär eintreibt.

Gleich will ich noch zum Friseur, die scheint es ja auch nicht mehr zu geben. Es wimmelt von Zauber-Coiffeuren, David Copperfields der Schere, Bürsten-Garrets, die so knackflach daherkommen wie „Kamm in“, „Sahaara“ oder „Haarem“ oder so strunzdumm wie „JennifHair“ oder „HeadHunthair“. Ob sich dort jemand meines schlicht struppigen Haupthaares annimmt, es lediglich etwas zu bändigen sucht? Denn nur dies erbitte ich, keinen “Undercut mit fresh Extensions”. Mein Friseur aus Kindertagen hieß wie sein Laden, bzw. umgekehrt: Nachname voran, besitzanzeigend, gefolgt vom Spitznamen. “Funkes Willi”, kompakt wie ausreichend. Ein Kamm kreuzte schmiedeseiern die geöffnete Schere. Da muß der Customer nicht einmal readen können.

taglio di baffi con forbici

Mitnichten bin ich ein rückwärtsgewandter Nostalgiesüchtiger, der Neuzeit verängstigt entgegenbibbernd. Doch das “Es gibt sie noch, die guten Dinge” eines sattsam bekannten Oberstudienrat-Innenausstatters ist mir wohlig wärmer als der Zusatz „Erlebnis-Wohnen“ beim modular monströs auftretenden Möbelgiganten auf der Vorstadtwiese. Da brüllt ein Löwe, da ist der Lutz schon morgens XXXL, die dicke Marzähnerin ein rosa Boss und in den regnerischen Himmel ragt die Lehne eines zwölf Meter hohen, roten Stuhls. Du meine Güte! An sich ist doch nur ein neues, kleines Sofa mein unspektakuläres Begehr, dass des abends meinem maroden Leib eine untergründige Heimstatt zu bieten vermag. Straff und trotzdem nachgiebig, einfach, praktisch gut, zu sinnfrei ödem, sinnierend Draufsitzen. Eine Lounge-Area mit spacigem Chillfaktor in spooky Dessins braucht es bei mir nicht. Jedoch verheißt jener kreischend bunte Zusatz „Erlebnis“ Unabwendbares. Kehre ich nach Haus nach eines vollen Tages Mühen, darf ich nicht abschlaffen, eintrüben, einsinken. Nein, erleben soll ich dann, mich erwartet schließlich „Erlebnis-Wohnen“. Bitte nicht, ich erlebe doch schon tagsüber genug, zuhause muß das nicht mehr sein, es reicht eine Sitzfläche. Vielleicht mit einem duftenden Kaffee in der Hand.

Kaffeekapseln

Aber auch dies wird schwierig. Kaffee ist ja so Neunziger, Leute, lächerlich! Die von indonesischen Findelkindern im Mund gewalkte Kapselette „Pollutio“ muß in die möndäne Pressdestille in Ulcus-umbra metallic geschoben sein. Natürlich aus der georgischen (Schaupieler, nicht Staat) Mistpresso-Boutique (vulgo Kaffeladen) aus dem teakstylischen „Carpe-Diem-Bereich“. Ja, das ist wirklich wahr, die haben letzteres wirklich! Nicht länger die simple Volumenfrage „Tasse oder Becher“ ist dort en vogue sondern „Grande oder Venti“?

Kommt es später zu unclooneyschem Grimmen im Magentrakt, mag dann auch die Krankenkasse nicht länger hintanstehen, empfand sich da wohl ebenfalls als zu defizitär (werbesprachlich, finanziell ohnehin) und möchte lieber schick steril „Die Gesundheitskasse“ sein. Die Seuche greift um sich. Der türkische Obstladen an der Ecke, der gestern für alle noch punktgenau „Der Obstladen“ war, verheißt prangend nun „Fruits&more!“ in farblich changierender Leuchtschrift. Was bitte verbirgt sich hinter „more“? Es gibt dort noch immer lediglich Obst in Holzkisten. Was auch noch immer prima und genügend ist. Hört dieser Hype nie auf? Wann wird der Bestatter „Power-Dying“ inserieren, der Proktologe einen „Mega-Slide-In“ prononcieren, der Metzger „Full-Meatball-Overload XL“ aufdrängen oder der Buchhändler den „Change-Bookpages-Slow-Definition“ in die Auslage wuchten?

Je mehr die Kleinbürgerlichkeit im täglichen Sein (vgl. Wahlverhalten) um sich greift, um so mehr muß dies durch blinkenden Wahn im Konsum verkleidet werden. Doch gibt es auch Hoffnung. In einem Bistro schrieb der Wirt, dem meine Verehrung schon allein dafür allzeit sicher ist, mit Kreide (nicht Leuchtmarker) auf seine Schiefertafel (nicht Monitor) hinter der Theke: „Kein WLAN hier. Unterhaltet Euch einfach.“. Jawoll! Da hüpft das geschundene Sprechherz. Viel mehr erquickt mich ohnehin, wenn der Name des Eigners ungewollt zur Branche paßt, entweder autoreferentiell oder ad absurdum führend. So gibt es in meiner Stadt Detmold tatsächlich den „Dr. Eichhorn, Facharzt für Kleintiere“, köstlich. Oder in Bad Berka das Nagelstudio von Manuela Pfotenhauer, die Zahnärzte Stefan Pein (Bremen) oder Ulrich Laudwein (Castrop-Rauxel), Arbeitsbühnen Rost (Solingen), Gier Versicherungen (Emsdetten), Elektrotechnik Peter Kabel (Hamburg), M. Nothdurft Sanitär (Bückeburg) oder die Gärtnerei Übelhack (Goldkronach). Herrlich. Es muß eben nicht permanent die RTLisierung der Welt sein, jenes zwanghafte Spektakulisieren von profanem, dafür soliden Gewerkes. Aber es muß nicht ohne Raffinesse bleiben, was dem kirmeshaftem stolz entsagt.

Hierzu abschließend der kongeniale Beweis aus der Domstadt Köln. Dort gab ein pfiffiger Zweiradhändler seinem Geschäft eben nicht den Namen “Biketown” oder ähnlich pseudoanglizistisches, sondern schraubte in schlichten Lettern „Radgeber“ über die Glastür. Bravo, ich verneige mich! Witzig und dennoch bescheiden, pur, mit chiruigischer Sprachpräzision auf den Punkt gebracht und zurückhaltend doppelbödig. Denn genau das ist es, was der Mann tut – Er gibt ein Rad. Es geht also doch. Hoffnung keimt grün, liebe Charismatiker. Euer Contor jedenfalls heißt und wird geheißen wie es hieß – Gestern, heute und morgen. Niemals „Communication Consulting Center“ oder ähnlich inhaltsleer prahlerischer Unfug. Dafür stehe ich mit meinem eigenen Namen. Versprochen.

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Semantische Trojaner, bleibt im Rumpf!

Artikel von Michael Krakow

Die Vereinfachung der Begriffe ist die erste Tat der Diktatoren“ erkannte Erich Maria Remarque. Nun, von einer Diktatur scheinen wir gottlob (falls der günstigen Einfluß hatte) weit entfernt. Nein, wir haben uns (auch) rhetorisch erheblich weiter entwickelt, wir vereinfachen die Begriffe nicht mehr, bagatellisieren, simplifizieren sie nicht länger. Wir drehen sie stattdessen aus dem Wind, drechseln sie dünn, stellen sie auf den Kopf. Wir nehmen positive Begrifflichkeiten und konnotieren sie verächtlich, verfilzen ihren Sinn, verformen sie in ihr Gegenteil. Ist dies eine Zeit lang verbal mit einem Wort geschehen, dann funktioniert es auch in geschriebener Form. Beim Lesen hören wir, innerlich konditioniert wie ein Pawlowscher Ohrhund, die neue Deutung, akzeptieren sie, machen uns mit ihr gemein, hinterfragen gar nicht mehr, was da und wie es geschehen ist. Beinahe unbemerkt stiehlt man uns dergestalt regelmäßig Benennungen, quirlt sie durch den Zynismusmixer und gibt sie uns perfid grell lackiert zurück in neuer, stylisch hochmütiger Deutung. Damit ist ihre weitere Verwendung in ursprünglicher Intention schier unmöglich, ihre Urbedeutung wohlfeil stranguliert.

Gutmensch

Begonnen hat es irgendwann mit dem „Gutmenschen“.  2012 erlangte dieses Wort den zweiten Platz als Unwort des Jahres. Das Bemühen, im Rahmen der ureigenen, bescheidenen Möglichkeiten ein möglichst guter Mensch zu sein, wurde über Nacht zum Kampfbegriff der selbsternannt modern Cleveren gegen scheinbare rückschrittlich Einfältige. Der Gutmensch ist der Moralapostel 2.0, Langweiler reloaded. Auch Sie lesen es und haben sogleich den kirchentagsgeschmiedeten Strickpulloverträger vor Augen, wie er stickerbewehrt und unangehm sandaliert gegen die vielen Unrechtswindmühlen dieser Welt sakrosankt ansalbadert. Will zu dieser Gruppe nicht zugehörig gerechnet werden, weist das Gutmenschentum rasch und überprononciert von sich. Welch Tragik darin liegt, gab es doch nie zuvor solch einen Bedarf an Gutmenschen wie derzeit! Ein famoser Kopfstand durch diese frisch spiralierte Definition, ist doch damit jetzt gesellschaftlich anerkannter, ein quirliger Anlageberater, geschmeidiger Rüstungsfabrikant oder alerter Lobbyist zu sein als solch ein alberner Gutmensch, der die neue Zeit weinerlich längst verpasste.

Da es mit diesem Begriff so (im wahrsten Wortsinne) furchtbar funktionierte, gab es nun siegestrunken die grobe Kelle und der „Ökonazi“ wurde getauft. Wie tief kann gesunken werden, um jene, welche sich sorgen und bemühen um die geschundene Umwelt zu vergleichen mit dem schlimmsten Terrorregime der Weltgeschichte? Der Verfasser dieser Zeilen liebt Sarkasmen, Tabubrüche, Provokationen als Werkzeuge der Überspitzung außerordentlich, hat sie lustvoll im täglichen Gebrauch, doch sind damit sämtliche Geschmacksgrenzen aufgehoben? Sie mögen bisweilen anstrengend belehrend daherkommen, jene hennabezopften Reformhausjünger, doch nichts an ihrem Sein und Tun rechtfertigt diese Etikettierung. Es ist schändlich und bagatellisiert nebenbei die unsägliche Existenz jener, die dem Nationalsozialismus stumpf sich ergeben. Übrigens ist das kein rechtes Gedankengut, denn an diesen Gedanken ist aber auch gar nichts gut. Noch solch eine beknackte Sprechvermüllung, die unwidersprochen konterminieren darf.

Frauenversteher

Dann kam der „Frauenversteher“ an die Reihe. Wie geschah es bitte, dass der Versuch, als Mann eine Frau verstehen zu möchten, diesen damit zur lächerlichen Figur verkümmern läßt? Selbstverständlich erlangt er dieses Verstehen kaum ansatzweise, doch schon das Bemühen darum beraubt ihn ab sofort öffentlich seiner Männlichkeit. Will er weiterhin zum marlboroten Club der Bürocowboydarsteller gehören, darf er sein Verstehenwollen keinesfalls ausleben, muß er es maximal klandestin daheim probieren, um nicht unversehends am verkicherten MarioBartPranger zu strampeln. Wie armselig das ist. Wäre der Mann tatsächlich noch ein Kerl, so ist ihm die Bewertung seines Tuns durch selbsterkorene Begriffsneudeuterkobolde souverän gleichgültig. Er bliebe Mann, nicht trotzdem, sondern weil er sich geistig neugierig erobert, was ihm schwer verständlich erscheint.

Wut

Stuttgart 21 erbrachte uns schließlich den „Wutbürger“. Man kann zu diesem Bahnhofsexperiment stehen, wie man will (der Autor zum Beispiel eher positiv), doch Bürgern, die ihr (erheblich zu selten) genutztes Grundrecht in Anspruch nehmen, öffentlich zu protestieren, ihre Zielgerichtetheit abzusprechen, ist nichts anderes als infam. Den Wut hat keine Richtung, keinen Fokus, keine Absicht. Wenn jemand wütet, so ist er schlicht in sinnfreier Raserei. Der richtige Ausdruck wäre „Zornbürger“, denn Zorn hat stets einen klar umrissenen Auslöser und bietet zudem Spielräume der Verhandlung. Doch genau das ist es, was subtil verschleiert werden soll, Wutbürger lassen sich als Chaoten schmähen und dementsprechend behandeln. Mit Zornbürgern könnte und müßte man sich inhaltlich auseinandersetzen, Wütige hingegen bekämpft man roh mit amtlichen Wasserstrahlern (die das Wasser keineswegs werfen, Wasserwerfer mit 20 bar Druck ist eklig euphemistisch).

Der Beispiele gibt es viele, doch die benannten verdeutlichen, wie uns die Deutungshoheit trojanisch unterwandert wird. Denn Sein schafft noch immer Bewußtsein und Sprache dient hier kafkaesk mißbraucht als Steigbügel des falschen Pferdes. Weshalb lassen wir uns das gefallen, dass in dieser infantil rauschhaften Phase der medialen Überhöhung von Petitessen, in der dafür alles Richtige ins verzerrte Licht gehäckselt, somit lächerlich gemacht werden darf, jedes Anzustrebende auf seinen noch so schmalen Unterhaltungswert gedehnt verkaspert wird? Es ist die Angst. Die begründete Angst vor bestimmten Gruppen oder Ansätzen. Es ist das ohnmächtige Gefühl, auf der falschen Seite fröstelnd zu hampeln sowie sich dort vor hehren Ansprüchen unbewußt winzig zu fühlen. Denn nur wo die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. Und deshalb hat Remarques Warnung noch immer Bestand, ist sie vermutlich aktueller denn je. Nur, dass es sich nicht länger um die regierungspolitische Diktatur handelt, welche dräute, sondern die Diktatur des Kleinmuts, des Dünkels, der gesinnlichen Humpelnden. Sich über das Unbekannte, deshalb bedrohlich Empfundende lustig zu machen, ihm die Kraft, die Macht, die Energie zu rauben, es dergestalt auf ein  erträgliches Maß zu stutzen ist ein uralter Mechanismus. Insofern können sich die Geschmähten eigentlich geehrt fühlen. Denn insgeheim nimmt man sie zutiefst ernst. Im Unvermögen, dies lässig zu offenbaren, bleibt lediglich die Flucht in Herablassung aus der gefühlten Unterlegung heraus. Gutmenscheln, ökologisiert sein, frauenverständig und zornbügerlich aber macht charismatisch. Einfach mal probieren. Alles wird grün.

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Phasenweise Phrasenreise auf Allgemeinplätzchen

Text von Michael Krakow

Auf Phrasen trifft der (auch un)geneigte Hörer in der Musik, wesentlich häufiger jedoch in der alltäglichen Sprache. Ob im eher privaten Rahmen oder gerade auch auf Allgemeinplätzen, wenn dieser kleine Kalauer gestattet ist. Weshalb es den gern aus der sprachlichen Hüfte agierenden dazu drängt, annähernd permanent das zu verwenden, was der Duden als „Sentenz oder Floskel“, Wikipedia als „inhaltsleere Sprachhülse“ und Hans-Otto Schenk ungnädig als „Papageiendeutsch“ diskreditiert, erschließt sich nicht auf Anhieb.

Wer sich allerdings linguistisch den Jägern und Sammlern zurechnet, findet in jedem Fall reiche Beute. Überreich, weshalb sich dieses Embolium auf Satzanfänge, Einstiege, einleitende Auftakte zu nachfolgenden Aussagen fokussieren soll. Besonders das preußisch-imperative „Passen se auf“ erzwingt auf so ungemein unangenehme Weise Aufmerksamkeit und impliziert zudem sogleich, dass bis zu dieser harschen Anweisung keinerlei Aufmerksamkeit gegeben, somit ein eklatanter Mangel erkannt wurde sowie völlig zu recht nun eine Bringschuld eingefordert wird. Ein unverhohlen hierarchischer Einstieg, besonders scheußlich, wenn er inflationär jedem zweitem Aussagebeginn vorangestellt wird. Enttäuschend zudem, wenn der Informations- und/oder Unterhaltungswert des so pompös introduzierten nicht annähernd hält, was dieser verhieß oder nur eine faktisch arg dünne Meinung autokratisch prophylaktisch aufpolieren soll.

Living in OWL

In ihrer Überflüssigkeit mühelos überboten wird diese Einleitung jedoch von dem paradoxen „Ich will Ihnen mal was sagen“. Abgesehen davon, dass die angekündigte Handlung bereits mit und durch diese Ankündigung eingetreten ist (eine klassisch normative Kraft des Faktischen, vgl. „Darf ich Sie etwas fragen?“), wäre es dem Adressaten auch ohne diese ganz und gar unklandestine Warnung aufgefallen, dass ihm etwas gesagt wird. Fällt ihm dies durch mannigfaltige Gründe jedoch nicht auf, so wird er wohl auch diesen martialischen Auftakt verpassen. Diese Form des absurden Satzbeginns ist auch abgemildert in der kompakten Straßenversionen erhältlich: „Ich sag ma…“. Im herrlichen Sprach-Eldorado Ruhrgebiet lauscht man häufig auch der beliebten Pluralvariante „Wolln ma so sagen,…“.

Doch hurtig weiter in der fransigen Parade der stolpernden Phrasen. Ganz gleich, ob eine Meinung abgefragt wird oder ungefragt geäußert wird (absolut der Regelfall), so ist doch ganz wichtig, in die Proklamation einzusteigen mit dem Hinweis „Also, ich persönlich…“. Wie anders als persönlich kann man seine Sicht auf die Dinge kundtun? Ich und persönlich sind eine Dopplung wie ein weißes Schimmel (wahlweise gieriges Finanzamt, narzistischer Bayernvorstand etc.). Unpersönlich von sich selbst zu sprechen scheint nicht nur widersprüchlich, es ist es zweifelsohne.

Doch auch diese Sprachburleske läßt sich durch ein alltagstaugliches Modell ergänzen: „Wenn Sie mich so fragen“. Es versteht sich, dass diese Formulierung nicht gebraucht werden darf, wenn dem tatsächlich eine direkte Frage vorausging, da dies ihren famos schrägen Charakter zunichte macht. Alternativ kann auch die inhaltliche Verantwortung erfrischend als bloße Unterstellung retourniert werden: „Wenn Sie so wollen,…“. Auch hier wieder gilt: Nicht einsetzen, wenn der Angesprochene wirklich so will, der Reiz liegt in der lakonischen Unterstellung. Wer Ja und Nein wegen und in ihrer Klarheit vermeiden möchte, bezweifelt schlicht den Status des besprechenswerten mit dem ewig jungen „Kein Thema!“ Wirkt souverän und sagt dennoch so herrlich wenig aus.

Living in OWL

Die Königsklasse im Karussell der unsinnigen Satzfragmente allerdings kann erlangt werden, wenn der Wahrheitsgehalt gefühlt zweifelhaft ist. Hier nämlich wird elegant die ambitionierte Absicht bekundet: „Ich will jetzt nicht lügen“. Darf also davon ausgegangen werden, dass der Sprecher häufig lügt, sich darüber bewußt ist sowie dagegen ankämpft? Oder ist es ein verklausliertes Kompliment, da lediglich jetzt in diesem Augenblick nicht gelogen werden will, eine Hommage an den Hörenden? Der Könner aber bindet auch hier den Angesprochenen geschickt mit ein: „Lassen se mich jetzt nich lügen!“. Lassen wir den Umstand außer acht, dass es kaum möglich ist, jemanden (zumindest gesetzeskonform, sprich gewaltfrei) an unwahrheitlichen Äußerungen zu hindern, so erinnert diese Bitte um Vermeidungsunterstützung grotesk unterhaltsam an reflektiert Süchtige. Die Kontrolle, ob die Verhinderung der Lüge durch den Hörer erfolgreich war, ist überdies an Ort und Stelle selten möglich bzw. überhaupt angestrebt. Ja, ich weiß, natürlich ist klar, dass diese Phrase übersetzt bedeutet „Ich weiß es nicht genau, ich spekuliere jetzt halblaut die Wahrscheinlichkeiten und übernehme daher ungern deren Gewährleistung und bitte Sie jetzt um die Übernahme dessen“. Das aber klingt eben arg sperrig und wenig alltagstauglich. Doch Phrasen wie diese (vgl. Die Toten Hosen) zu überdenken und auf ihren Gehalt semantisch zu zerlegen, kann so wunderbar korinthisch entleerend wirken.

Tja, lasse ich es für heute gut sein und schließe dieses Embolium nun einfach ab mit Einleitungen. Bereit? Passen Sie auf, ich will Ihnen mal was schreiben. Ich für meinen Teil finde: Alles wird grün, verehrte Charismatiker. Also, wenn Sie mich so fragen, da will ich jetzt nicht lügen.

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Die sprachliche Entfremdung des Sprechenden von sich selbst

Text von Michael Krakow

„Es wurde dann geheiratet, man bekam Kinder“. Der mediale Rezipient reibt sich die Ohren. Wen meint jener im öffentlich-rechtlich ausgeleuchteten Ledergestühl insistiv gefragte Rekordnationalspieler – tatsächlich seine Ehe, seine Kinder? Wie mag es geschehen, dass derzeit nicht wenige Sprechenden automatisiert in eine sprachliche Distanzierung gleiten zu dem selbst Gesprochenen? Das kuriose Phänomen „Logorrhoe Matthäusensins“ verlangt dergestalt bezeichnet wie ergründet zu werden.

Zitrone auf Teller Living in OWL

Solch kuriose Satzkonstruktivismen wie „Man hat zu der Zeit einige Fehler gemacht“, wenn es die eigenen betrifft oder „Viele Länder wurden bereist“, um die eigene Weltläufigkeit auszudrücken, verblüffen. Da wird der Aussager zum distanzierten Kommentator seiner Selbst. Diese öffentlich ausagierte Form von verbaler Schizophrenie (altgriechisch „abspalten“) befremdet, noch mehr aber fasziniert sie. Mich. Oh, ich fange auch bereits an, mich selbst nicht mehr im Satz zu führen, wenn es um meine Empfindungen geht. Ergo eine virale Angelegenheit mit akustischem Infektionsweg.

Sich selbst zur dritten Person machen zu müssen, speist sich aus welcher kruden Intention? Läßt sich Sein und Seinwollen nicht mehr in Deckung bringen, weshalb das Innere einen Schritt aus der ungewollten Hülle tut, um deren Handlungen von außen bemüht sachlich neutral zu reportieren? Oder ist es eher Hybris, Stilisierung der eigenen Person zur Lichtgestalt (Morbus Franz), die beständig nur noch vom imaginierten Balkon aus zum gefühlten Auditorium proklamiert statt einfach zum Nächststehenden zu sprechen?

Die Eigenwahrnehmung als zentralem Zeugen des Zeitgeschehens, der aus lauter trunkenem Beeindrucktsein vom eigenen Ego sich selbst verbietet, in der ersten Person von sich zu reden. Oder ist sie schlicht Ausdruck von Unverständnis den eigenen Handlungen gegenüber, eine aus Bekanntscham geborene Fraternisierung mit den Hörenden, denen es ganz ähnlich ergeht? Beispiel: „Man hat es zu diesem Zeitpunkt nicht besser gewußt“. Die Hörenden wußten es schon zu jenem Zeitpunkt, das nun erfolgte, verspätete Nachvollziehen der Erkenntnis wird verklausuliert zugegegeben.

Um diese Systematik dicht zu erfahren, beschließe ich, in den nächsten Tagen selbst auszuprobieren, wie sich das anfühlt, was sich verändert, wie die Umgebung reagiert. Ein Experiment! Ich transferiere diese Form des Sprechens in meinen Alltag. „Man wünscht 150g Emmentaler, man schätzt dessen Genuß sehr“ (Einkauf, Fachkraft Käsetheke); „Man fragt sich schon gerade, wo in Ihrer Stadt der Bahnhof zu finden ist“ (Fremde Stadt, Passant) oder „Man kann sich durchaus vorstellen, am Samstag zu Deiner Feierlichkeit zu erscheinen“ (Einladung, Freund). Erstaunlich, eine erste Erkenntnis stellt sich ein! Die Veränderung ist, dass wie von selbst die Sätze gestelzter formuliert werden. Es wird wundergleich pastoraler, höfischer, innerlich wiederkehrend die Verbeugung mit Grandezza durchführend. Scheinbar paßt nur die erhabene Form zur dritten Person. Das ist zwar weniger alltagstauglich, aber auch ein Zugewinn an Sprachgenuß. 1:0 für die Dritte, wie ich sie in Anlehnung an Symphonien als Hommage ab sofort abkürzend nenne.

„Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist!“. War es nicht jener römischste aller Imperatoren, von dem überliefert ist, dass er die Dritte innglich bevorzugte, allen Detailschwierigkeiten zum Trotze? Oh ja, unvergessen exemplarisch jener persiflierte Dialog zwischen Kohortenführer und Lobeerträger, von René Goscinny zeichnerisch in deren Münder fabuliert: „Er ist großartig!“ „Wer?“ „Ihr, mein Cäsar!“ „Ach, er“.

Prehistoric Man Lost in Time Living in OWL

Zugegeben, der Bogen von Cäsar zu vokal marodierenden Exfußballern ist in seiner Dehnbarkeit bis ans Äußerste strapaziert. Vorbei aber die Tage von Autokratie und Dikaktur, Willkommen der Demokratie. Soll sie endlich auch Einzug halten in der Sprachwelt. Heben wir auch die Hörerschaft in die Dritte! Die finale Distanz zwischen Sender und Empfänger läßt sich womöglich in ihrer Finalität überwinden. Der Sprecher zu sich in Distanz, zu den Hörenden ebenso, darin ergo dann wieder vereint. Man wechselt gemeinsam die Ebene. Also denn: Man hofft, mit diesem  Embolium die geneigte Leserschaft angemessen bereichert haben zu können. Man dankt ergeben für deren Aufmerksamkeit. Alles wird grün, verehrte Charismatiker.

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