Komm, fort, Zone!

Eine über(selbstge)fällige Gegendarstellung.

Alles zerrt, von allen Seiten. Monatskalender des Fitnessclubs, Bäckerblume neben Puddingteilchen und Coaching Corners im Netz. Aus allen Richtungen hagelte es 2017 auf sämtlichen Kanälen, in grellen Farben, denselben Imperativ: „Raus aus Deiner Komfortzone!“. Diese harsche Forderung, die eigene (wie immer auch geartete) Komfortzone augenblicklich zu verlassen, gebetsmühlenartig und kraftvoll zu erheben, scheint mittlerweile in der Gilde-Präambel für Coaches verankert, als unverzichtbares Mantra, Gütesiegel und Expertise-Nachweis. Heute schon die eklige Komfortzone straff angeprangert? Ja, das erste Mal gegen halb neun. Wo? Facebook. Prima, Stempel auf das Zertifikat, Lizenz verlängert, weiter coachen.

Nehmen wir im heutigen Kopfsalat diesen hippen Appell in den Fokus, analysieren wir die Hintergründe, Intentionen, Mechanismen.

Zunächst einmal ist diese Forderung eine forsche Unterstellung, denn sie fragt nicht, ob man sich überhaupt in irgendeiner Art von Komfortzone befindet, sondern verbellt dies frech als subjektiv wahrgenommene Gewissheit und verurteilt den dortigen Aufenthalt im gleichen Atemzug als zutiefst verwerflich. Denn wäre der Verbleib in diesem kuscheligen Areal etwas Gutes, man müsste daraus nicht verscheucht werden. Also empfangen wir von uns zumeist nicht näher bekannten Experten diesen lapidaren Befehl, mal eben gefällt auf arg wackliger Mutmaßung aus der Ferne. Credo: Ich kenne Dich überhaupt nicht, aber Du bist ganz sicher so ein schlaffer Komforttyp ohne Antrieb, da empfange ich ganz müde Schwingungen. Fragwürdige Kausalität, wenn Sie mich fragen. Und zudem in seinem kernigen Duktus eine gewagte Ansage an potenzielle Kundschaft.

Komfort entspringt der englischen Sprache und bedeutet dort „Behaglichkeit“, das Wort Zone hingegen stammt aus dem Griechischen und bezeichnet eigentlich einen Gürtel, wird jedoch auch für „Bereich“ verwendet. Also sollen wir permanent unseren „behaglichen Bereich“ verlassen, doch wozu eigentlich? Wann ist „behaglich“ gekippt zu etwas Bedrohlichem, aus dem es beinahe panisch zu flüchten gilt? Also, ich schätze Behaglichkeit außerordentlich, sie bedroht mich kein bisschen. Hier schöpfe ich Kraft für neue Taten, hier sprießen neue Ideen und Konzepte, Komfortzone als innere Urlaubsenklave, mein mentales Ferienparadies.

Selbstredend weiß ich zu interpretieren, wie dieses Dauer-Postulat intendiert ist: meistens zugewandt und wohlwollend, aktivierend und anregend, mitreißen wollend und Impuls spendend. Und Komfortzone ist dabei irgendwie zum Synonym geworden für Stagnation in der Entwicklung, psychologisch vom Verstärker zum Vermeider mutiert. Bei aller Nettigkeit des Ansinnens klemmt trotzdem etwas mit diesem flotten Statement der rastlos agil Erfolgreichen. Welche Adressaten sind gemeint? Jene unter uns, die stetig in Bewegung sind, Karriere machen, Projekte auf die Schiene setzen, ihre eigene Entwicklung vorantreiben, ihre Körper ins Optimum shapen, sind wohl kaum gemeint mit der anzustupsenden Vertreibung aus der Oase der Selbstzufriedenheit, darauf können wir uns einigen, nicht wahr? Also besteht die Zielgruppe zwangsläufig aus den anderen, den vermeintlich Erstarrten, Retardierten, Fixierten, Faulen, Verweigerern, jenen mit innerem Schweinehund im Familienwappen. Über die kann ich Ihnen etwas berichten, denn mit ihnen habe ich regelmäßig zu tun. Einmal pro Woche coache ich Menschen, die weder wirkliche Ziele haben noch Antrieb noch Strategie. Sie sind täglich schlicht mit Leben beschäftigt, mit dem alltäglichen Hadern ums Dasein. Diese Menschen haben ihre Komfortzone nie gesehen, nicht einmal aus der Ferne. Ihre vielfältigen Vitae sind randvoll mit Mühsal, Problemen, Hindernissen, inneren und äußeren Widersachern, Kämpfen, Konflikten und daraus resultierenden Erschöpfungen. Verraten Sie mir, aus welcher Komfortzone die sich aufraffen sollen? Klar, sie alle könnten und sollten ihr Leben verbessern, entscheidend sogar, die richtigen Schritte unternehmen, ihre Entwicklung angehen, den inneren Motor anwerfen. Das sehe ich auch so. Doch all dies würde sie in Richtung ihrer Komfortzone bewegen, nicht davon fort. Dabei unterstütze ich sie und das gern. Aber ohne solcherart Forderungen, denn das wird ihnen und ihren Umständen nicht gerecht. Also haben wir einen geschmeidigen Appell demaskiert, der keine Gruppe von Adressaten inhaltlich wirklich erreichen kann – die einen sind längst raus aus ihrer Komfortzone, die anderen waren nie drin.

Meine Definition: Je mehr ich tue, was ich will, was mir entspricht, was mich glücklich macht, desto tiefer gelange ich in meine Komfortzone. Meine Komfortzone ist meine innere Mitte, meine Komfortzone ist der Luxus, dass ich die Lebensfreude so vieler nicht mehr teilen kann, welche wachsend an die zeitliche Annäherung an das kommende Wochenende gebunden ist. Ich werde für mein Hobby bezahlt, für meine innere Bereicherung engagiert, führe ein privilegiertes Leben, welches ich mir selbst erarbeitete und erarbeite. Das war ein sehr langer, durchaus anstrengender Weg, wozu sollte ich jetzt aus dieser endlich erreichten Komfortzone wieder verschwinden? Ich denke nicht dran, ich habe mir diese Zone nämlich redlich verdient.

Und genau da liegt der Logikfehler im aktuellen Spitzenplatz der Credo-Charts der Coaches. Demnach wird Bewegung, Entwicklung, Unternehmung als etwas zunächst Unangenehmes, Unkomfortables, außerhalb eines Bereiches, in dem man sich wohlfühlen kann, deklariert. Und dies ist verkehrt. Ein Leben ohne innere Entwicklung verfügt über keinerlei Komfort, jeder Schritt zu einem selbstbestimmten, erfüllten Leben voll der Erkenntnis ist ein Schritt zur eigenen Komfortzone, eben nicht aus ihr heraus. Ein fremdbestimmtes Lebens ist niemals eine Komfortzone.

Kann es sein, dass meine Branche manchesmal einfach in eine griffig scheinende Formulierung, in einen schmucken Claim verliebt ist und diesen deshalb dann wie eine Schleife reproduziert? Zugegeben, hinterfragend einen Realitätskern auszugraben, ist mühselig, nicht so poppig, wenig postkartig, bietet den Rezipienten dafür aber mehr Substanz und Nachhaltigkeit. Und etwas zu plappern, was und weil alle anderen es auch tun, war als Expertise schon immer zu dünn.

Hier meine Aufforderung für 2018: „Rein in Deine Komfortzone!“, Copyright by mikrakom. Nutzen Sie es nach Belieben – kopieren, zitieren, verwenden, verbreiten Sie es, kosten- und lizenzfrei! Doch vergessen Sie bitte nicht, hier in „Michls Kopfsalat“ lasen Sie es zuerst! 😉

Wenn mich jemand sucht, ich bin in meiner Komfortzone. Gäste jederzeit willkommen, dreckige Schuhe und zerschlissene Appelle bitte ausziehen.

Michael Krakow – Seminare / Vorträge / Coaching: www.mikrakom.de

Kontakt & Buchung: kontor@mikrakom.de

Ein Gedanke zu &8222;Komm, fort, Zone!&8220;

  1. Das Wort Komfortzone kann und will ich auch nicht annehmen. Es wird uns von den ach so tollen und reichen „Lebenskünstlern“ so erzählt. Es gibt eine Zone, in der ich mich wohl fühle, das stimmt. Täglich erweitere ich sie ein bisschen, genau so, wie es für mich gerade passend ist.
    Es ist genauso mit der für mich absolut nicht stimmigen Aufforderung an die „bedingungslose Liebe“. Wie viele Bedingungen stecken da allein schon drin? Ich kann sie an meinen beiden Händen nicht abzählen!

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