Auszeit für die Seele

 

Endlich! Sommer, Sonne, Strand, Meer oder auch kühle Bergseen, saftig grüne Wiesen, beschattete Wanderwege – Hauptsache einmal raus, das Alltagseinerlei, den Stress, die täglichen Anforderungen ausblenden, ausschalten und einfach alles vor der eigenen Haustür stehen lassen – die Beine und auch mal die Seele baumeln lassen.

Verspannung und Erschöpfung haben sich unschön eingerichtet und sind in Muskeln, Kopf, Gelenken oder Organsystemen präsent. Der Körper braucht eine Pause, das ist offensichtlich, aber die Seele? Warum braucht denn die Seele eine Auszeit? Kann sich die Seele überhaupt entspannen?

Auf Sendung
Wir sind „on“ – also angeschaltet – auf Sendung, in der „Anzeit“ unterwegs. Wir kämpfen uns durch den viel zu vollen Terminkalender, reihen Aktivität an Aktivität, gönnen uns, obwohl wir es uns fest vorgenommen haben, doch keine Pause zwischendurch. Work-Life-Balance, das Wort schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, doch wir wissen nicht, wie wir die Balance sinnhaft in unser durchgetaktetes Leben einbinden sollen. Aber bald ist es soweit, der Urlaub steht vor der Tür und erstrahlt wie ein Sternenschweif das dunkle Alltagsfirmament. Allein schon der Gedanke an die unbeschwerten Tage stimmt uns hoffnungsfroh. Wir projizieren all unsere Entspannungsabsichten in die bevorstehende Zeit hinein. Sehnlichst wünschen wir uns herunterzukommen, aufzutanken und endlich einmal richtig auszuspannen. Doch noch sind wir „on“ und rechtfertigen unser ständiges Beschäftigtsein damit, dass jeder einzelne Termin für sich genommen, schön und auch gar nicht anstrengend ist. Wir übersehen möglicherweise dabei, dass es die Summe der Dinge ist, das übereinander schichten von Vorhaben und Pflichten, die letztlich den Knoten in unserem Inneren festzurren und zu Verspannung und Ruhelosigkeit führen. Das ständige „angeschaltet sein“ schadet nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele, aber das ist vermutlich keine Neuigkeit für Sie. Wer unter Druck steht, kann nur schwer entspannen und wer schwer entspannen kann, der ist nicht nur körperlich verkrampft.

 

Abgetrennt vom Kern
Die andauernde Aktivität versperrt uns den Zugang zu uns selbst, zu dem, was sich in unserem Kern regt, was uns traurig, wütend, ängstlich und angespannt macht. Wir spüren zwar, dass wir angestrengt und erschöpft sind, finden es womöglich störend und möchten es gerne so schnell wie möglich wieder loswerden. Doch wir nehmen uns nicht die Zeit, nachzufühlen und verlieren so das Augenmerk für das, was unsere Seele bedrückt, was sie braucht und was sie wünscht. Es ist, als säßen wir in einer Schüssel voller Salat – unserem eigenen „Salat“. Wir sehen zwar eine Vielzahl von Zutaten, haben aber den Blick für das Ganze verloren. Wir versuchen den einzelnen Anforderungen gerecht zu werden, dem zu entsprechen, was von uns erwartet wird, doch können wir nicht mehr differenzieren, ob die Tomaten oder die Gurken Vorrang haben. Alles scheint gleich wichtig geworden zu sein und muss bestenfalls sofort erledigt werden. Wir verlieren uns im Tun und trennen unsere Empfindungen von uns ab, um störungsfrei funktionieren zu können.

Die Seele leidet darunter, denn sie mag den Zustand des Abgetrenntseins gar nicht. Leise jammert sie, fühlt sich nicht gesehen, möchte sich mitteilen, sagen, dass es ihr zu viel ist, dass sie Zeit und Ruhe braucht, um all die Empfindungen und Stimmungen, die Tag für Tag auf sie einprasseln, zu verarbeiten. Sie möchte auf ihren Missstand aufmerksam machen und zeigt uns ihr Unbehagen über die Dysbalance unseres Körpers. Aber wir sind zu beschäftigt, um unsere Symptome mit dem Unwohlsein unserer Seele in Verbindung zu bringen, sind zu abgelenkt, um hinzuhören – uns selbst wahrzunehmen. Das Gefühl, etwas nachholen oder auffüllen zu müssen, schiebt sich stattdessen in unsere Wahrnehmung hinein und drängt uns zur Aktivität. Wir suchen nach Abwechslung, neuen Reizen oder dem ultimativen Urlaubskick – bleiben in der „Anzeit“ und verlagern das „auf Sendung sein“ nur an einen anderen Ort. Wir chatten, surfen, appen, kaufen, konsumieren munter weiter – doch eins tun wir nicht, wir machen keine Pause. Dabei wünscht sich die Seele so sehr, dass wir auf die Pausentaste drücken und uns einmal auf den Rand der Salatschüssel setzten, von dort hinabschauen und innehalten, um herauszufinden, was den „Salat“ unseres Lebens eigentlich ausmacht. 

„SEINzeit“
DieSeele braucht nicht nur eine „AUSzeit“, eine Pause, sie braucht eine „SEINzeit“- eine Zeit, in der wir uns selbst begegnen. Eine Zeit, in der wir uns erlauben, nachzuspüren, wo wir im Augenblick stehen, was uns bedrückt, beengt, wütend, ärgerlich oder auch traurig macht. Eine Zeit, in der wir nicht mehr vor uns selbst davonlaufen, uns ständig ablenken und uns mit Müssen und Wollen beschäftigt halten. Es bedarf einer reizarmen Zeit, in der das Außen in den Hintergrund rückt, in der Stille und Abgeschiedenheit herrscht. Eine Zeit des Alleinseins mit uns selbst – eine „Mit-sich-SEIN-ZEIT“. In einer solchen Zeit hüpft die Seele vor Freude, denn sie darf sich von der Last befreien, die sie trägt, kann die Empfindungen einordnen und neutralisieren. Erleichtert kann sie auftanken und ihr Wohlgefühl in den Körper hineintragen, ihn stärken, um kommenden Anforderungen gewachsen zu sein.

Mehr von der Autorin, Moderatorin und Persönlichkeitsentwicklerin Alexa Förster auf der Seite  ZEIG-WAS.

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