Gefesselt! Wer oder was fesselt dich?

Ein Text von Alexa Förster

Foto: Thomas Kinto – Unsplash

 

Einst forderte Sokrates seinen Schüler Glaukon zu einem Gedankenexperiment auf, indem er ihn bat, sich Menschen vorzustellen, die zeitlebens in einer unterirdischen Höhle wohnen, von der aus ein breiter Gang zur Erdoberfläche führt. Die Menschen, die sich in der Höhle befinden, sind alle mit Ketten an Nacken und Beinen gefesselt, sodass sie weder ihren Kopf zur Seite bewegen, geschweige denn sich umdrehen können. Das Einzige, was sie erblicken, ist die Felswand vor ihnen. Sie können ihren Blick weder dem Ausgang zuwenden, noch dem Feuer, das weit hinter ihnen flackert. Das Einzige, das sie wahrnehmen können, ist die Felswand vor ihnen. Dort sehen sie lediglich die Schatten von Gegenständen, die hinter ihnen vorübergetragen und vom Schein eines Feuers als Schattenbilder an die Wand geworfen werden. Sie ahnen weder etwas von den Trägern, von dem Feuer noch von den Gegenständen. Stattdessen halten sie die Schattenbilder für die einzig wahre Wirklichkeit.

Das Höhlengleichnis vom griechischen Philosophen Platon scheint aktueller denn je. Schauen wir nicht derzeit auch auf eine Leinwand, auf der der immer gleiche Film abgespielt wird? Sind es nicht die immer gleichen bedrohlichen Bilder, die uns gezeigt werden? Sind es nicht die steigende Zahlen, die Toten, die gestapelten Särge, die Blicke in Intensivstationen, die heilbringenden Spritzen und Ampullen, die uns immer wieder vor Augen geführt werden? Wird unsere Aufmerksamkeit durch Dramatik und Bedrohung nicht in die immer gleiche Richtung gelenkt? Sind es nicht die allgegenwärtigen Informationen, von denen wir uns fesseln lassen? Oder ist es etwas anderes das uns fesselt?

Sind nicht letztlich wir selbst es, die sich fesseln lassen? Sind nicht wir es, die die eigene Wirklichkeit dadurch erschaffen, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das ewig Gleiche richten? Sind nicht wir es, die es erlauben, dass sich ein Film in einer Endlosschleife wiederholen darf und nicht wir es, die fraglos folgen, wenn dieser Film gegen einen anderen ausgetauscht wird?

Foto: Timo Volz – Unsplash

 

Doch was wäre, wenn wir unsere Fesseln lösen und aufstehen und uns um 90 Grad drehen würden? Was könnten wir erblicken, wenn wir die Leinwand hinter uns ließen? Wenn wir dem, was andere sagen oder uns zeigen, keine Aufmerksamkeit mehr schenken, sondern stattdessen darauf hören würden, was wir selbst wahrnehmen? Wie sähe dann unsere Wirklichkeit aus? Was wäre dann unsere Wahrheit?

Was wäre, wenn wir uns erlauben würden eine Welt ohne Bedrohung selbst zu gestalten? Ein Miteinander, das nicht auf Angst basiert? Was wäre dann?

Was wäre, wenn wir anfingen, selbst zu schauen, selbst zu fühlen und nicht blind darauf zu vertrauen, dass andere es schon gut mit uns meinen und alles für uns richten werden? Wenn wir stattdessen herausfinden würden, wer wir sind und wie wir miteinander sein möchten? Was wäre, wenn wir unsere Ketten sprengen und die Starre abschütteln würden, in der wir uns halten lassen?

Was wäre, wenn wir unser Leben in die eigenen Hände nehmen würden, anstatt darauf zu hoffen, dass wir an einer langen, vermeintlich sicheren Leine durchs Leben geführt werden?

Was wäre, wenn wir statt in einer Höhle der Isolation zu versauern endlich lebendig würden? Wenn wir nicht erst im Moment des Todes verstehen würden, dass wir einem Irrglauben aufgesessen sind und unser Leben verschenkt haben?

Was wäre, wenn wir jetzt erkennen, dass wir uns durch unser Aussitzen und beschäftigt halten selbst lebendig begraben haben? Das wir uns durch unser passives Ausharren um unsere Lebensfreude und unseren Lebenssinn bringen lassen?

Aber was wäre, wenn wir jetzt aufstehen, uns die Hände reichen und gemeinsam die Höhle verlassen würden? Wenn wir unsere Blickrichtung ändern und auf uns selbst vertrauen würden? Wenn wir einfach aufstehen und die Fesseln unserer eigenen Begrenztheit in diesem Augenblick lösen würden? Wenn wir nicht nach der äußeren Freiheit, sondern nach der inneren Freiheit streben würden und uns im Gedanken der unantastbaren Freiheit mit anderen verbinden würden? Was wäre dann?

Was wäre, wenn anstelle der Angst, die Liebe unser Leben erfüllen würde?

Nun, vermutlich ist dies kein Beitrag, der viele Menschen ansprechen wird und doch würde ich mich freuen, wenn ihr ihn teilt. Denn was wäre, wenn er vielleicht den einen oder anderen Menschen motivieren könnte, den Blick einmal über die eigene Schulter zu richten und eine neue Perspektive einzunehmen …

Man stelle sich einmal vor, was dann alles möglich wäre!

Mehr von Alexa Förster findet ihr auf ihrem Blog: Herzschreiben

 

 

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