Über das Ungelöste im Herzen

 

Und ich möchte dich,
so gut ich kann bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste
in deinem Herzen,
und zu verstehen.
Die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer fremden Sprache
geschrieben sind.
Forsche jetzt nicht nach Antworten,
die dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich darum,
alles zu leben.
Vielleicht lebst du dann
allmählich – ohne es zu merken –
eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria RILKE
(Briefe an einen jungen Dichter)

 

Foto: Franz-Josef Kohstall

Winter, Weihnachten und Wassergraben

Impressionen vom Ersten Advent auf Gut Böckel

Wenn weiße Nebelfelder auf warmes Kerzenlicht treffen, sich karge Bäume im Wassergraben spiegeln und zwischen alten Gemäuern Dudelsack-Melodien erklingen, dann wird auf Gut Böckel der Advent eingeläutet.

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Zum 17. Mal richtete das Kunst und Kultur Gut am letzten Novemberwochenende „Weihnachten im Stall“ – den etwas anderen Weihnachtsmarkt – aus. Anders ist allein die imposante Barockanlage aus dem 17. Jahrhundert. Umgeben von einem denkmalgeschützten Gutspark, großzügigen Stallungen und Scheunen sowie weitläufigen Feldern, bietet es die perfekte Kulisse für die vielen Verkaufsstände im Inneren der Gebäude und das abwechslungsreiche Rahmenprogramm. Höhepunkt hierbei: das große Feuerwerk mit Musik am ersten Markt-Abend.

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Noch stehen die Festtage nicht direkt vor der Tür und vom alljährlichen Geschenke-Shopping-Stress sind wir ein paar Wochen entfernt. Somit herrschte am Samstagnachmittag eine entspannte, vorweihnachtliche Stimmung zwischen Glühweinständen und Verkaufsflächen. Egal ob Kulinarisches, Kunst, Karten, Mode, Schmuck oder Blumengestecke – nur schauen oder auch kaufen: es dürfte für jeden Geschmack etwas dabei gewesen sein. Und wenn nicht, so schmeckte zumindest der erste Glühwein des Jahres in der gemütlichen Atmosphäre an diesem Ort besonders lecker. Vor allem bei dem Gedanken, dass es sich auch Rainer-Maria Rilke auf Gut Böckel schon hat gut gehen lassen.

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Das Gut befindet sich in Rödinghausen im Kreis Herford. Die Eintrittspreise  (http://www.gutboeckel.de/event/eventkalender/news/article/1-advent-2016/) für den Adventsmarkt sind nicht günstig, doch ein Besuch lohnt sich. Auch im nächsten Jahr wird die in romantisches Licht getauchte, malerische Kulisse sicherlich wieder viele Aussteller und Besucher aus ganz Deutschland anlocken und in den Bann ziehen.

www.gutboeckel.de

http://www.gutboeckel.de/entdecken/foto-impressionen/weihnachtsmarkt/

Text und Fotos: Jana Kremer

Sonntags in Olderdissen

Tiere gucken beruhigt den Geist. Was liegt da näher, als ein Besuch im Tierpark Olderdissen, auch Ollerdissen oder Olderdisney (dieser Name kam von meinen Kindern) genannt? Hier merkt man auch deutlich, dass Deutschland nicht ausstirbt, die Anzahl der Buggys und Bollerwagen mit niedlichem Inhalt übersteigt gefühlt die Anzahl der Bewohner des Tierparks. Und die waren recht gut drauf. Man meinte, ihre Gedanken lesen zu können:

SONY DSC „Es ist die Länge der Gesänge zu lang für meiner Ohren Länge.“ (W. Busch)

SONY DSC „Ja leckts mi doch…“

SONY DSC „Zehn Gänse saßen im Haferstroh, die warn so lustig, die warn so froh….“

SONY DSC „Grautier mit vier Buchstaben“

SONY DSC„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.“ (R. M. Rilke)

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„In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.“ (K. Tucholsky)

 

Tierpark Olderdissen
Hoberger Straße 149 a
33619 Bielefeld
24 Stunden geöffnet

Rilke über Einsamkeit

Darum liebe Deine Einsamkeit,
und trage den Schmerz,
den sie Dir verursacht,
mit schön klingender Klage.
Denn die Dir nahe sind,
sind fern, sagst Du,
und das zeigt,
dass es anfängt,
weit um Dich zu werden.
Und wenn Deine Nähe fern ist,
dann ist Deine Weite schon unter den Sternen und sehr groß;
freue Dich Deines Wachstums,
in das Du ja niemanden mitnehmen kannst,
und sei gut gegen die, welche zurückbleiben,
und sei sicher und ruhig vor ihnen
und quäle sie nicht mit Deinen Zweifeln
und erschrecke sie nicht mit Deiner Zuversicht oder Freude,
die sie nicht begreifen könnten.

Rainer Maria Rilke 1903 (Briefe)

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
(verbrachte 1917 ein paar Wochen auf Gut Böckel bei Rödinghausen)

 

Blaue Hortensie

Blaue Hortensie Living in OWL

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke